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Schrebergärten und Kassenwarte - warum Vereine jetzt wieder in sind

Schrebergärten, Kassenwarte, Pokale? Au ja! Die gute alte Vereinsmeierei ist wieder da. Aber bei der entspießten Variante will man sofort mitmachen.

Der organisierte Blödsinn ist zurück. Und er hat eine Vereinssatzung. In den vergangenen Jahren gab es einen Paradigmenwechsel in der Freizeitgestaltung. Ist man früher allein losgezogen, um in der Joggingbux seine Runden im Park zu laufen, trifft man sich heute lieber gleich mit dem Freundeskreis und pinnt sich für den Fun-Faktor noch einen wehenden Fuchsschwanz an die Hose. Die neuen Vereine haben nichts mehr mit den biederen Gruppenveranstaltungen aus den Siebzigern zu tun, als Uschi, Hans und ihre Freunde sich zum Mittwochskegeln trafen und dabei aus dem Radio sang.

Bei den Hipstervereinen kann man zwei Arten unterscheiden: Die einen gehen traditionellen Tätigkeiten wie Kartenspielen oder Imkern nach, nur eben mit Gleichaltrigen – und sie haben vielleicht einen cooleren Namen. Bei Juventus Urin wird das Fußballspielen ja auch nicht neu erfunden, aber es klingt natürlich gleich viel witziger. Die anderen sind eine moderne Weiterentwicklung von Hobbys, die es schon lange gibt. Wer Badminton mag, kann ja mal Blackminton probieren. Wer als Kind im Kirchenchor war, singt vielleicht auch gerne in einem Kneipenchor. Bei der Recherche zu dieser Geschichte stellte sich heraus: Es gibt unendlich viele lustige Vereine, die ihr Hobby im Rudel betreiben – Stummfilmvertoner in der Schweiz (Institut für incohärente Cinematographie), Roboterbastler in Leipzig (Sublab), Polospieler auf Fahrrädern in Wendelstein (Polonauten), Klappradfahrer mit Schnauzbärten (World-Klapp) und Beer-Pong-Athleten in Regensburg (Kings of Beerpong). Und wenn es das Lieblingshobby noch nicht in der eigenen Stadt gibt, kann man ja selbst ein paar Freunde zusammentrommeln und den eigenen Club für Rollerderby, Urban Knitting oder Graphic Novels gründen. NEON hat ein paar der neuen Vereine interviewt. Ein Hoch auf das Versammlungsrecht und die Vereinigungsfreiheit. Prost!

Rasende Hasen

Streetbunnycrew e.V. 

Aktuelle Mitgliederzahl: 380

Darum geht’s: In rosa Hasenkostümen auf Motorrädern durch cruisen.

Darum geht’s wirklich: Bei Events Spenden für soziale Zwecke sammeln.

Gründungsmythos: Ein bayerischer verlor eine Wette und musste zur Strafe im Hasenkostüm herumfahren. Es gefiel ihm. Und dann schlossen sich immer mehr an.

Vereinsleben: Die Streetbunnys gibt es in mehreren deutschen Städten, zum Beispiel in Hamburg, und Nürnberg.

Aus der Vereinsordnung: „Jeder Teilnehmer von Streetbunnycrew MUSS wenigstens an 2 offiziellen Veranstaltungen pro Jahr aktiv teilnehmen, davon wenigstens an 1 Spendenfahrt.“

Unnützes Wissen: Die Streetbunnys haben über 16 700 Euro an Spendengeldern verteilt.

Das will ich auch! Dann brauchst du ein Motorrad und ein Hasenkostüm. Das gibt es etwa auf kostüme.de. Wichtig ist, dass die Kostüme schön weit sind, damit die Motorradkleidung auch darunterpasst.

Hocken und Zocken

Bridgeclub Gegenspiel Neukölln

Aktuelle Mitgliederzahl: 23

Darum geht’s: In lockerer Atmosphäre jeweils zu viert Karten spielen und dabei Bier trinken.

Darum geht’s wirklich: Das klassische Spiel Bridge vom Oma-Image befreien und von den Tennis-Terrassen in Studentenkneipen bringen.

Gründungsmythos: Mieke Plath und Micha Frühling beschlossen an einem Abend aus einer Bierlaune heraus, Bridgekurse zu geben, um gleichaltrige Mitspieler zu finden.

Vereinsleben: Es wird immer montags ab 19 Uhr im Neuköllner Kulturverein „Gelegenheiten“ in der Weserstraße in Berlin gespielt.

An diesem Satz erkennst du den Experten: „Ihr wisst ja, nach dem Ausspiel der vierthöchsten Karte kann man durch das Anwenden der Elfer-Regel die Anzahl der höheren Karten in der verdeckten Hand auszählen.“

Unnützes Wissen: Beim Bridge braucht man zum Schneiden eine Gabel.

Größter Erfolg: Wir sind Europameister! Na ja, fast. Lauritz Streck aus unserem Club hat vor Kurzem Bronze bei einer Europameisterschaft gewonnen.

Das will ich auch! Bridge lernt man am besten von Leuten, die es können. Wer keinen kennt, kann einen Kurs besuchen oder es mit einem Buch probieren. Dann braucht man ein Kartenspiel und einen netten Ort. Wir tragen jeden Montag ab 20 Uhr ein Turnier aus.

Grün und blau schlagen

Füchse Berlin Reinickendorf e.V., Abteilung Crossminton

Aktuelle Mitgliederzahl: 38

Darum geht’s: Blackminton ist sozusagen die Partyversion von Badminton. Man spielt es im Dunkeln mit fluoreszierenden Federbällen ohne Netz, dafür mit leuchtend bemalter Haut und Musik.

Darum geht's wirklich: Feiern! Trinken! Torte essen!

Gründungsmythos: Der erste Berliner Verein für unseren Sport wurde uns zu groß, und wir haben uns abgespalten. Wir mögen die anderen noch (sehen aber besser aus).

Vereinsleben: Wir treffen uns montags und freitags um 20 Uhr, mittwochs um 19 Uhr. Meist spielen wir Crossminton, die schnelle Variante von Badminton. Blackminton spielen wir meist am Freitag.

An diesem Satz erkennst du den Experten: „Also ich hab den Ball drin gehört!“

Unnützes Wissen: Die Federbälle beim Blackminton erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 290 Stundenkilometer, weil sie kleiner und schwerer sind als gewöhnliche Federbälle.

Nächstes Ziel: Spätestens 2020 bei Olympia mit dabei sein!

Das will ich auch! Entweder man kauft sich das leuchtende Equipment wie die speziellen „Night Speeder“-Bälle bei der Firma Speedminton. Oder man besprüht Bälle und Schläger mit Leuchtspray aus dem Baumarkt selbst. Fürs Gesicht gibt es UV-Licht-Schminke im Internet oder in Kostümläden. Und dann brauchst du natürlich noch ein Schwarzlicht. Die Scheinwerfer gehen so bei 60 Euro los.

Singen, heben, senken

Hamburger Kneipenchor 


Aktuelle Mitgliederzahl: 39 + 1, Sänger und Chorleiter

Darum geht’s: In Kneipen die Lieblingssongs singen.

Darum geht’s wirklich: Mal wieder ausrasten.

Gründungsmythos: Hilke Cordes wollte gerne zusammen mit anderen singen, aber lockerer und weniger bierernst als in normalen Chorgruppen.

Vereinsleben: Der Kneipenchor trifft sich dienstags in der alten Viktoria Kaserne, die jetzt Heimat für Künstler und Kreative ist.

An diesem Satz erkennst du den Experten: „Ein Bass hinten links singt eine halbe Oktave zu tief und geht zu früh ins Crescendo.“

Unnützes Wissen: Die Gänsehaut, die man beim Musikhören manchmal hat, kommt von den Dopaminen, die das Gehirn freisetzt, wenn es den Höhepunkt eines Lieds erwartet.

Größter Erfolg: Bei unserer Version von „Verdammt ich lieb’ dich“ bei einem Sommerfestival in der Lüneburger Heide, wo wir der heimliche Headliner waren, gab es kein Halten mehr.

Das will ich auch! Der Chorleiter sollte ein gutes Stück Erfahrung mitbringen. Nur ein paar Lieder auf dem Klavier klimpern können, reicht da nicht. Um einen Proberaum zu finden, fragt man am besten in Bürgerhäusern und Schulen nach. Oder schau mal bei: proberaum-auskunft.de

Streicheinheiten

Aufstrichzirkel Wilhelmsburg 


Aktuelle Mitgliederzahl: Zehn Wohngemeinschaften

Darum geht’s: Hamburger WGs kreieren füreinander gesunde vegetarische Brotaufstriche in schön verzierten Einweckgläsern.

Darum geht’s wirklich: Solidarität. Es ist schön, mit Freunden und Bekannten durch konkrete kleine Tätigkeiten zu erleben, dass wir solidarisch mehr schaffen als allein.

Der Gründungsmythos: Als es im Laden um die Ecke noch kaum vegetarische Angebote gab, beschloss ein kleiner Freundeskreis, selbst aktiv zu werden und exotischere Aufstriche wie Hummus mit Roter Bete oder Süßkartoffelaufstrich mit Kräutern herzustellen.

Vereinsleben: Jede WG ist alle fünf Wochen dran und kocht Aufstriche. Die fährt sie mit dem Rad für die anderen WGs im Stadtviertel Wilhelmsburg aus. So erhält jede WG zweimal in der Woche ein Glas frischen Aufstrich.

An diesem Satz erkennst du den Experten: „Wenn man den Aufstrich noch mal aufkocht, ihn heiß in ein Glas füllt und es umdreht, bildet sich im Glas beim Abkühlen ein Vakuum. So kann man ganz viele Lebensmittel auf einfache Art lang haltbar machen.“

Unnützes Wissen: Mehr als neunzig Prozent der Menschen in Deutschland essen täglich Brot und Backwaren. Das sind im Schnitt etwa 62 Kilo pro Haushalt im Jahr.

Nächstes Ziel: Ein regelmäßiger Brunch. Es macht nicht nur Spaß, für viele Leute zu kochen, sondern auch, gemeinsam zu essen.

Das will ich auch! Nichts leichter als das. Marmeladengläser sammeln und auswaschen. Und das Wichtigste: Leute finden, die mitmachen wollen.


Dieser Text ist in der Ausgabe 11/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine im iTunes StorePlay Store und bei Amazon. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen

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Von:

und sowie Nabila Abdel Aziz