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Wie viele Freunde braucht man wirklich?

Am Anfang sind wir regelrecht umzingelt von Mitschülern, Kommilitonen oder Vereinskollegen. Überall Freundschaft. Ab unseren 20ern reduziert sich die Zahl der Freunde meist. Aber ist das wirklich was Schlechtes?

Von David Weinard

Es lebe die Freundschaft!

Man braucht nicht unbedingt viele Freunde, aber auf jeden Fall gute! Freundschaft macht glücklich.

Ich fühlte große Erleichterung nach dem Abi. Nicht nur der Schulstress fiel wie eine Kette von mir ab, sondern mindestens genauso befreiend, der soziale Stress war weg. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mir wirklich frei aussuchen, mit wem ich wie viel Zeit verbringen würde - eins dieser Privilegien, die dir erst bewusst werden, sobald du in ihren Genuss kommst. Ich zog in die nächstgrößere Stadt, zu einem guten Freund in die WG.

Im letzten Jahr vor dem Abi feierten wir ständig Partys, 20 bis 30 Leute waren immer Programm. Im Jahr nach dem Abi hat sich diese Zahl schon mehr als halbiert. Mein Freundeskreis wurde innerhalb weniger Wochen auf fünf bis sechs Leute reduziert. Ich hatte vom einen auf den anderen Moment die meisten meiner "Freunde" verloren, und das war der Startschuss für die wohl beste Zeit meines (bisherigen) Lebens.

Statt ständig hier und da ein wenig Zeit mit viel zu vielen Menschen zu verbringen, konnte ich fortan endlich viel Zeit mit wenigen Menschen verbringen; diese aber dadurch wesentlich besser kennenlernen. Quality time. Die Bande, die damals geknüpft wurden sind viel stärker - so stark, dass sie bis heute gehalten haben. Klar, ich sehe meine guten Freunde nicht mehr ganz so regelmäßig, wie ich gerne möchte, manche von ihnen sogar nur ein bis zwei Mal im Jahr. Aber wenn ich sie sehe, dann knüpfen wir nahtlos an, als wäre ich erst gestern zur Tür raus.

Entschlossen, aber nicht zu wählerisch

Grundsätzlich ist es wichtig, in der Kindheit und Jugend viele soziale Kontakte zu knüpfen - die Schule hatte also doch einen Sinn. Nur durch die Erfahrungswerte im Umgang mit anderen können wir lernen, zu welchem Typ Mensch wir kompatibel sind und welcher Typ uns eher abstößt. Das gilt nicht nur für Freundschaften, sondern genauso für Beziehungen. Je mehr Erfahrungen wir sammeln, desto präziser werden unsere Vorstellungen.

Allerdings sollte man nicht zu lange suchen und probieren, denn irgendwann kippt das Wasser und man droht an seinen eigenen, über die Jahre unerfüllbar gewordenen, Ansprüchen zu ersticken. Es ist wichtig, sich eine gewisse Flexibilität im Bezug auf seine Mitmenschen zu bewahren. Immer wieder oder Beziehungen wegen Kleinigkeiten hinzuwerfen, nur weil im Hinterkopf die Angst mitschwingt, den besseren, oder gar perfekten, Freund oder Partner zu verpassen, kann schnell nach hinten losgehen.

FOMO - die Angst vorm Verpassen

Ein Phänomen unserer Zeit, ist die ständige Angst, irgendwas zu verpassen. Oder auf Englisch: "Fear Of Missing Out". Die Flut an Informationen und Eindrücken, der unser Gehirn heutzutage ausgesetzt ist, vermittelt unserem Unterbewusstsein: "Da passiert gerade was, und du solltest besser dabei sein!" Social Media und ein großer Freundeskreis können diese Angst noch verstärken, da irgendwann das Gefühl "auf dem Laufenden" bleiben zu müssen, regelrecht in Stress ausarten kann. Und wenn Freundschaften eines nicht sein sollten, dann Stress.

Gute Freunde sollten uns eher den Stress nehmen, uns in Drucksituationen entlasten. Eine solch tiefe Freundschaft aber erst mal aufzubauen, bedarf einer gewissen Pflege. Und die wiederum, braucht Zeit.

Zeit für Freundschaft

Der Vorteil eines überschaubaren Freundeskreises liegt auf der Hand: Weniger Zeit für unwichtige Freundschaften, bedeutet automatisch mehr Zeit für die richtigen und wichtigen Freunde. Gerade beim Erwachsenwerden können wir unserer Freizeit regelrecht beim Schmelzen zuschauen. Umso wichtiger ist es, sich die Zeit für Freunde einfach öfter mal zu nehmen und sie vor allem nicht auf unwichtige Freunde zu verschwenden.

Und wenn es mal eine Zeit lang partout nicht klappen will mit einem Treffen, auch durch Abstand können wir viel über unsere Freunde erfahren. Gute Freunde werden verstehen, warum es gerade mal nicht passt. Die Freunde, die aber wochenlang auf beleidigt schalten, sobald man mal eine Party verpasst hat, kannst du eigentlich bedenkenlos aus dem Telefonbuch streichen.


Weniger ist mehr

Letztendlich muss jeder selbst wissen, wie viel Zeit man in Freundschaften investieren will oder kann. Ich persönlich fahre seit einem Jahr mit "Qualität vor Quantität" ganz gut. Die Dynamik in kleineren Gruppen finde ich einfach wesentlich entspannter. Konflikte lassen sich viel schneller und direkter klären, keiner redet hinter dem Rücken des anderen, und wenn doch, bekäme man es sowieso mit.

Parallel dazu habe ich auch meine Social-Media-Aktivitäten deutlich reduziert und fand es noch nie so spannend, Dinge zu verpassen. Mit meinen Freunden führe ich mittlerweile richtige Gespräche, denn ich habe plötzlich ein neues, aufrichtiges Interesse an ihrem Leben. Als ihr ganzes Leben noch täglich als Datenstrom vor mir ausgebreitet wurde, inklusive Urlaub, Kind, Musik oder Mittagessen, musste ich in Konversationen oft Interesse vortäuschen. Jetzt sind solche Informationen tatsächlich neue Impulse für mein Hirn und ich manövriere mich sogar durch die Irrungen des Smalltalks, ohne mir während der Antwort schon krampfhaft Folgefragen überlegen zu müssen.  

Natürlich habe ich durch diese bewusste Reduktion auch den Kontakt zu vielen "Freunden" aus der Vergangenheit verloren. Die Quantität hole ich mir aber letztendlich sowieso noch zurück, wenn auch eher über die Zeitachse. Denn die guten Freunde, die ich jetzt noch habe, die habe ich ein Leben lang.





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