HOME
Interview

"Dieses Feierngehen in Berlin ist ein absoluter Mythos"

Die Schriftstellerin Helene Hegemann hat ihren Roman "Axolotl Roadkill" verfilmt. Die Hauptrolle spielt Jasna Fritzi Bauer. Beide sagen: Feierngehen in Berlin ist anstrengend - und es gibt Wichtigeres.

Helene Hegemann Jasna Fritzi Bauer

Jasna Fritzi Bauer (l.) und Helene Hegemann bei der Premiere von "Axolotl Roadkill"

Helene, du hast Deinen Debütroman "Axolotl Roadkill" verfilmt. Als das Buch 2010 erschien, galt es als Einblick in die Berliner Partyszene.

Helene: Ein riesiges Missverständnis!

Inwiefern? Darin geht es doch immer wieder um Exzess.

Helene: Ich denke nicht, dass "Axolotl Roadkill" eine Suche nach dem Exzess ist, sondern nach einer Person. Mifti, meine Protagonistin, muss jemanden finden, der ihr Trauma, ihre Verzweiflung und ihren Liebeskummer auffängt; der verlässlich und berechenbar ist. Dadurch lässt sie sich überall mit hineinziehen. Sie ist dabei aber relativ passiv.

Jasna: Letztens stand irgendwo, "Axolotl Overkill" könnte der nächste Berliner Partyfilm sein. Nur weil man zweimal in einem Club dreht, ist es doch noch lange kein Partyfilm! Das denken vielleicht 500-jährige Feuilletonisten. Dieses Feierngehen in ist eh ein absoluter Mythos: Wer hat denn Bock, drei Stunden in einer Schlange zu stehen, um dann zu hören: "Du kommst nicht rein"?

Ziemlich viele, oder?
Jasna: Aber das sind vor allem Touristen. Hier auf eine Party zu gehen, ist einfach nur anstrengend.

Auch für euch?

Jasna: Für uns ist es das nicht, zugegebenermaßen. Wenn ich in einen Club gehen will, rufe ich vorher Leute an und frage, ob ich auf die Gästeliste komme. Manchmal klappt’s, manchmal nicht.

Was kann man vom Leben lernen, wenn man morgens um sechs aus dem Club tritt?

Helene: Nichts.

Jasna: Es gibt keinen Mehrwert.

In "Axolotl Roadkill" kommen die Protagonisten Mifti und ihre Freundin Ophelia bei Tagesanbruch aus dem Club. Sie laufen mit Alpakas an Bahngleisen entlang. Es ist unklar, woher die Tiere stammen. Was macht die blaue Stunde, diese unklare Tageszeit, so besonders?

Helene: Das ist vielleicht eine bestimmte Kulturtechnik: Leute treffen in einem Rahmen aufeinander, der verboten scheint und in dem es dazugehört, dass man sich in einen Zustand begibt, der anders ist als sonst. Menschen brauchen das, sie müssen sich in verschiedenen Sphären im Leben begegnen, sonst stagniert es. Das hängt nicht nur mit dem Sich-selbst-Betäuben zusammen. Man muss nicht unbedingt ins Berghain. Man kann auch auf einen Pferdehof fahren oder einen Survival-Trip in die unternehmen.

Jasna: Man will, dass die Nacht weitergeht, vor allem im Sommer, wenn es warm ist und wahnsinnig früh hell wird. Man braucht ja immer etwas, das rechtfertigt, warum man ausgegangen ist.

Ist das der Grund für die Afterhour?

Jasna: Afterhours sind sinnlos, man hängt nur irgendwo rum und zögert das Schlafengehen hinaus.

Helene: Es klingt irgendwie glamourös, wenn man sagt: "Ich war zwei Tage wach und habe dann noch stundenlang bei irgendjemandem auf dem Gästeklo abgehangen." Aber eigentlich ist dieses Wachbleiben ein Verzweiflungsakt, weil man sich nicht damit konfrontieren will, was man in den letzten zwei Tagen für verbrannte Erde hinterlassen hat. Das macht es aber zu einem interessanten Moment.

Jasna: Wir sind zwei Omis. Wir gehen nicht mehr viel aus.

Echt nicht?

Jasna: Manchmal habe ich noch Bock auszugehen, aber nicht so wie vor zehn Jahren. Ich bin mit 18 nach Berlin gezogen, da haben wir uns so ziemlich jedes die Kante gegeben. Die Lust hängt mit dem Alter zusammen. Welcher 18- bis 25-Jährige außer Helene geht denn nicht aus?

Helene: Ich bin eine Zeit lang viel, aber nicht wirklich regelmäßig ausgegangen. Wenn man kein Drogenproblem entwickelt, hat man aus meiner Sicht auch keinen Grund, das bis an sein Lebensende weiterzumachen.

Das passt gut zu dem Bild, das unsere Leser von sich selbst zeichnen: In unserer aktuellen NEON-Umfrage geben 42 Prozent an, dass ihr perfekter Samstagabend darin besteht, zu Hause zu bleiben und zum Beispiel mit ihrem Partner fernzusehen.

Helene: Das ist doch toll! Das sind Leute, die es sich endlich mal erlauben können, sich selber genug zu sein. Jeder, der vor ein paar Jahren mit der Schule fertig war, hatte doch das Gefühl, es geht im Leben nur darum, möglichst schnell möglichst viel Erfolg zu haben, vor allem finanziell. Ich habe mich letztens mit der Chefin einer Anwaltskanzlei unterhalten, die sich beschwert hat, dass junge Frauen und Männer nur noch halbtags arbeiten wollen, um sich ihren Familien zu widmen. Ich dachte: Leute! Wofür ist denn diese ganze Maschinisierung da gewesen, wenn nicht dafür, dass man nicht die ganze Zeit arbeiten muss. Dass man auch mal über was anderes als Selbstverwirklichung nachdenken und ein bisschen rumhängen und von sich selber befreien kann? Irgendwann wollte man doch auch mal abschaffen, dass Menschen über Leichen gehen, nur damit sie sich einen größeren Fernseher leisten können.


Dieser Erfolgsdruck hat sich vielleicht in den virtuellen Raum verlagert: Es ist nicht mehr das Geld, der größere Fernseher, sondern die Inneneinrichtung auf .

Helene: Diese Fotos werden als neue Realität ausgegeben. Wenn sich das einschleicht und allmählich zum Normalitätsultimatum wird, ist das natürlich krass. Aber ich glaube, dass das in einem Jahr wieder vorbei ist. Gewagte These. Zumindest hoffe ich es. Jasna, du guckst dir doch auch Instagram-Accounts von Leuten an, oder?

Jasna: Jeden Tag. Und denke dann: "Alter, was ist mit euch kaputt?"

Und insgeheim: So einen Küchentisch will ich auch?

Helene: Auf gar keinen Fall. Das habe ich vielleicht für eine Sekunde mit 14 auf Myspace gedacht.

Warum schaut man trotzdem so gern hin?

Helene: Es ist, als würde man ein Magazin durchblättern. Du schaust dir das doch auch nicht wegen der Einrichtungstipps an, oder?

Jasna: Nee! Ich finde es spannend, wie Leute sich dort darstellen. Und natürlich, was die Kollegen gerade so machen.

Helene Hegemann: Routine? Das ist irre angenehm

Helene, überall wurde betont, wie jung du bist. Jasna, du siehst jünger aus, als du bist. Gibt es irgendeinen Vorteil, unterschätzt zu werden?

Jasna: Ich weiß keinen Vorteil. Mich nehmen manchmal Leute tatsächlich nicht für voll. Weil ich aussehe wie fünf.

Helene: Spätkaufverkäufer?

Jasna: Das sowieso, aber das ist mir egal. Eher von Kollegen, bei denen ich scheinbar ein Bemutterungsgefühl auslöse. Das ist zwar nett gemeint, aber fehl am Platz. Ich bin nicht fünf. Und auch nicht dumm.

Helene: Es ist vollkommen egal, ob man unterschätzt wird. In der Arbeit umgibt man sich doch sowieso sehr schnell nur noch mit den Leuten, von denen man verstanden wird. Mit den anderen hat man nichts zu tun.

Wo habt ihr euch kennengelernt?

Helene: Wir haben uns kurz auf einer Party gesprochen.

Jasna: Jahre später hat Helene mir das Drehbuch von "Axolotl Overkill" geschickt. Ich schrieb: "Ich habe Vorstellung, ich weiß nicht, ob ich es heute durchlesen kann." Aber ich konnte nicht aufhören zu lesen. Nachts habe ich ihr geantwortet: "Wenn du mich dabeihaben willst, mache ich es."

Wo habt ihr die Feierszenen gedreht?

Jasna: Wir haben die eine Barszene abends in der Kingsize Bar gedreht, die nur zum Dreh noch mal geöffnet wurde. Die Statisten waren unsere Freunde und Bekannten. Die haben sich über dieses kurzfristige Re-Opening gefreut.

Helene: Und so kamen wir auch nicht in die Bredouille, dass Leute möglichst gut bei der Szene wegkommen wollten. Partyszenen sind ja komplexe Angelegenheiten: Die Statisten bekommen meist einen Beat vorgespielt und müssen dann zu diesem Beat im Kopf tanzen, damit man die Dialoge aufzeichnen kann. Es ist schwierig, dass das nicht aussieht wie ein Helene-Fischer-Video.

Kennt ihr diesen Sonntagabend-"Tatort"-Moment, dieses Gefühl des immer wiederkehrenden Alltagsrads, in dem man festhängt?
Helene: Routine? Total. Ich gehe jeden Morgen und jeden Abend mit meinen zwei Hunden spazieren. Ein Déjà-vu nach dem anderen. Meine ganze Woche ist so routiniert, dass ich manchmal einen Schreck kriege, und das ist irre angenehm.

Jasna: "Tatort" gucken ist wie feiern gehen. Man weiß genau, was einen erwartet, aber inszeniert es als Ausbruch aus dem Alltag.

Das führt zu einem Klassiker unter den Vorwürfen: "Die jungen Leute von heute sind so langweilig!"

Jasna: Ich finde den Vorwurf gemein. Man muss ja mal sehen, dass wir in den 2000ern leben. In allen Jahrzehnten zuvor gab's irgendein Extrem: der Exzess in den Zwanzigern, der Krieg, die Nachkriegszeit, dann dieses Woodstock-Hippie-Zeug, die Punks, der New Wave. Es gab alles schon. Was sollen wir dann noch machen? Es gibt weiterhin Punks, Hippies, nur eben nicht in einem solchen Extrem. Wir bedienen uns daran. Das heißt ja nicht, dass wir spießig sind.

Wenn Schauspieler feiern oder auf der Bühne ausrasten, wird das mit künstlerischer Energie gleichgesetzt. Wenn aber Lkw-Fahrer sich beim Junggesellenabschied auf der Reeperbahn besaufen ...

Helene: ... gilt das als asozial.

Wo liegt der Unterschied?

Helene: Darin, dass es gerade in der Kunst eine völlig gerechtfertigte Beweihräucherung rund um Grenzüberschreitungen gibt. Manche Theaterregisseure haben sich von Hospitanten eine Flasche Wodka und einen Eimer mit ein bisschen Wasser als Aschenbecher an ihren Regietisch stellen lassen, das wurde ganz bürokratisch immer in den Tagesplan geschrieben. Wo es wirklich darum geht, menschliche Abgründe zu zeigen, will man keine glatt gebügelten Charaktere. Mir ist auf jeden Fall ein verzweifelter, suchtkranker, anstrengender Regisseur sehr viel lieber als ein Geschäftsmann, der seine ganze Karriere gradlinig verfolgt hat. Ist ja auch ganz angenehm, dass es noch einen Bereich gibt, wo bestimmte Regularien ausgeschaltet sind.

Eine Weisheit meiner Oma lautete: "Je schlimmer die Zeit, desto rauschender die Feste." Stimmt das?

Helene: Wenn jetzt die Pest zurückkäme oder irgendetwas Ähnliches, das sich auf unvermeidbare Art ausbreitet ...

Jasna: … dann hätte man bestimmt noch mal schnell die beste Zeit seines Lebens.

Neon-Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools

  • Fiona Weber-Steinhaus