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Muss man für eine Beziehung arbeiten? Und was heißt das überhaupt?

Unser Autor hat sich verlobt. Und hört seither immer wieder: Für eine funktionierende Beziehung muss man arbeiten. Also will er herausfinden, was das eigentlich bedeuten soll.

Die Hochzeit ist ein wichtiger Schritt im Leben vieler Paare. Doch kann man sich auf eine lange Beziehung vorbereiten?

Die Hochzeit ist ein wichtiger Schritt im Leben vieler Paare. Doch kann man sich auf eine lange Beziehung vorbereiten?

Mein Leben, so wie ich es kenne, wird in drei Wochen vorbei sein.

Ich werde in Obokwu Obizi, einem kleinen Dorf im östlichen , auf einem bunt geschmückten Thron sitzen, in der einen Hand ein Büffelhorn voller Palmwein, in der anderen die Hand meiner Freundin. Vor mir die Dorfältesten, um uns herum unsere Familien, unsere engsten Freunde und 500 andere Menschen, die ich nicht kenne. Ich werde einen Isi Agu tragen, einen traditionellen Anzug, tiefschwarz mit goldenen Löwenköpfen darauf. Ich werde beim traditionellen Tanz tapsen wie ein Bär während man mich mit Geldscheinen bewirft. Und dann werde ich, man hat mir das schon verraten, zum Ehrenchef des Dorfes ernannt, als Zeichen der Völkerfreundschaft zwischen Deutschland und den Igbo, jenem Stamm, dem die Familie meiner Freundin angehört.

Das alles ist für sich genommen schon recht erstaunlich. Doch selbst wenn dazu noch der Weltfrieden ausbrechen, den amerikanischen Grünen beitreten oder Marsianer landen würden das Verrückteste bei all dem bliebe eine simple Tatsache: Ich werde heiraten.

Ich!

Heiraten?

Es ist genau zwei Jahre her, dass ich meine Freundin auf einer Reise durch Westafrika kennengelernt habe. Kurze Zeit danach bin ich zu ihr nach gezogen, wo sie seit zwölf Jahren lebt. Und nun werden wir also an den Geburtsort ihres Vaters reisen, um uns nach der Tradition der Igbo das Jawort zu geben.

Bin ich gut genug vorbereitet? 

Seitdem ich das weiß, werde ich immer mal wieder kurz hektisch. Es ist ein Gefühl wie auf dem Weg zum Flughafen, wenn man sich plötzlich nicht mehr sicher ist, ob man seinen Reisepass dabeihat. Das Gefühl fragt: Bin ich gut genug vorbereitet? Denn so sicher ich mir mit meiner Freundin auch bin, ist da trotzdem diese Unsicherheit gegenüber Langzeitbindungen im Allgemeinen. Ich habe plötzlich das Bedürfnis, in Liebesangelegenheiten schlauer zu werden, ein Superman der Beziehungstauglichkeit. Ich will für uns die Frage beantworten, wie das funktioniert mit dem glücklichen Zusammensein für immer. Denn das ist ja der Plan. Aber geht das überhaupt?

Meine Erfahrung sagt Nein. Ich bin in einer Familie groß geworden, in der Beziehungen etwas Flüchtiges waren. Meine Eltern sind nie verheiratet gewesen. Mein Vater war Punk, Ehen gehörten sich da nicht. Und in der kurzen Zeit, in der meine Mutter und er ein Paar waren, wäre das eh knapp geworden. Mein Stiefvater blieb, bis ich in die 11. Klasse kam. Mein Großvater hat sechs von fünf Frauen, das ist zumindest die offizielle Zählung. Meine eine Oma war dreimal verheiratet, die andere wechselte mit Mitte 50 zuletzt ihren Partner. Mein Onkel ist ebenfalls geschieden. Ich könnte die Aufzählung noch weiterführen, aber fassen wir es so zusammen: Der goldene Schlüssel zur gelingenden Liebe wurde mir nicht in die Wiege gelegt.

Also muss ich recherchieren. Die gute Nachricht: An Material mangelt es nicht. Über kaum ein Thema gibt es so viele Bücher, Blogs, Websites und Foren wie zu der Frage, wie Beziehungen gelingen (außer vielleicht zu: "Wie gelingen Chiasamenmuffins?"). Zusätzlich handeln bestimmt 90 Prozent aller Filme, Songs und Theaterstücke vom Streben nach der perfekten Liebe. Ein Wunder ist das nicht, gibt es doch genügend Studien, die belegen, dass Menschen in stabilen, glücklichen Beziehungen deutlich länger leben, psychisch und physisch gesünder sind, wohlhabender werden und sogar Kinder haben, die in den meisten Lebensbereichen besser abschneiden. Lohnt sich also, das Glücklichsein.

Wie hält die Liebe über Jahre?

Nur wie fängt man an? Am besten mit ein paar Fakten: Unser Körper ist extrem großzügig, wenn es um das erste Mal Knutschen, Kuscheln und Sex geht. Ein bisschen Amphetamin hier, ein paar Glücksbotenstoffe da, frei nach dem Motto: Der Verliebte legt nach. Die US-Forscherin Helen Fisher hat Menschen in eine MRT-Röhre geschoben und so bewiesen, dass im Lustzentrum unserer Hirne sogar dann alle Lampen angehen, wenn man uns nur ein Foto der Person zeigt, in die wir gerade verknallt sind. Schön, oder? Noch schöner: Es wurde lange behauptet, dass diese erste Verliebtheitsphase nicht viel länger als 18 Monate dauern könnte tatsächlich aber ging das Hirn-Feuerwerk bei Fishers Probanden zum Teil selbst dann los, wenn sie bereits Jahrzehnte mit ihren Partnern zusammen waren.

Die Frage ist nun, wie man das mit den Jahrzehnten schafft. Die körpereigenen Drogen alleine reichen dafür nicht aus. Es bedarf weiterer Zutaten. Eine davon: gegenseitiges Vertrauen. Klingt simpel, ist für viele Menschen aber kompliziert. Für mich waren Beziehungen lange etwas, das schön ist, aber wackelig und für absehbare Zeit gebaut wie ein Kartenhaus. Menschen, die sich die ewige Treue versprachen, waren für mich wie Helene-Fischer-Hörer oder Sammler von Kraftsteinen: fremd. Nicht nur, weil ich dieses symbolische Einander-an-den-Ring-Legen seltsam fand. Auch weil es mir bizarr erschien, sich selbst und seine Gäste einen bunten Tag lang darüber hinwegzublenden, dass die ewige Liebe nicht viel mehr ist als ein gesellschaftlich akzeptierter Schwindel. Und dass ihre angebliche Haltbarkeit in Form eines staatlich anerkannten Schwurs zwar als beschwipster Liebesreigen beginnt, Hunderte Missverständnisse, kleine Traumata und große Unaufmerksamkeiten später dann aber doch wieder revidiert wird wie jede andere Beziehung auch. Ich hatte das ja selbst oft genug erlebt.

Doch dann gab es diesen sonnigen Morgen in New York, an dem meine Freundin und ich aufwachten, sie mich anschaute und sagte: "Weißt du was? Lass uns heiraten!" Und ich dachte eben nicht: Spinnst du? Heiraten ist doch einfach nur beknackt, weil … siehe oben. Ich dachte und fühlte und sagte nur: Ja! Danach weinte ich ein wenig und lachte noch mehr und war sehr glücklich. Aber auch überrascht. Was, um Himmels willen, passiert denn hier gerade? Wo war noch mal meine Coolness? Die Abgebrühtheit? Das Heiraten-Banane-Finden?

Die Ehe als verstärkender Rahmen

Eigentlich ist es ganz einfach: Chinyere ist die klügste, bezauberndste und lustigste Frau, die ich je getroffen habe. Ich liebe es sogar, mit ihr abzuwaschen, den Müll runterzubringen oder in einen dieser bescheuerten Spinning-Kurse zu gehen. Es ist schrecklich kitschig, aber wahr: Ich bin glücklich über jede Minute mit ihr. Und dieses Ja zum Heiraten war plötzlich ganz einfach ein Ja zu all diesen Momenten. Alles dafür zu tun, dass es möglichst lange so weitergeht. Auch dann, wenn es später mal weniger rosig läuft und man reden und ringen und notfalls Rat suchen muss.

Bitte nicht falsch verstehen: Man muss dafür nicht heiraten. Man kann sich das auch in jeder anderen Beziehung vornehmen und versprechen und sollte das vielleicht sogar. Uns gibt das gegenseitige Versprechen zusätzlich einen verstärkenden Rahmen. Einen Resonanzraum, in dem diese Team-Idee zum Schwingen kommt. Und dass man diesen Spirit vor Zeugen bekundet, bleibt vermutlich auch nicht ohne Effekt. Ist schließlich ein alter psychologischer Kniff, den auch andere Institutionen nutzen, um den menschlichen Durchhaltewillen zu stärken die Anonymen Alkoholiker, Weight Watchers, Sport-Apps. Die Idee ist immer dieselbe: Fasst man mit und vor anderen einen Plan, bleibt man eher dran, als wenn man ihn im Stillen für sich beschließt.

Das ist also die zweite Zutat für eine gelingende Beziehung: Verpflichtung, Einsatz. Die Amerikaner sagen "commitment" dazu. Es ist das "All in" . Doch eine entscheidende Sache fehlt immer noch. Denn selbst der Skifahrer mit dem größten Einsatz fährt gegen den nächsten Baum, wenn er nicht steuert und keine Ahnung von seinem Handwerk hat. Das Schöne an jedem Handwerk ist nun: Man kann es lernen. Man muss nur einen Meister finden. Einen wie Psychologie-Professor John Gottman.

Gottman erforscht seit den 70er-Jahren das Verhalten von Paaren und sammelt und analysiert Daten. In seiner Zeit an der Universität Washington baute er ein "Love Lab", eine mit Kameras und Mikrofonen präparierte Wohnung, in die er Tausende Paare einlud. Dann filmte er sie 24 Stunden lang, beim Lesen der Zeitung, Fernsehen, Essen, Aufräumen. Er wiederholte das mehrfach über die gesamte Beziehung der Probanden hinweg. Dazu maß er ihren Schweißausstoß, die Geschwindigkeit ihres Blutstroms, ihre Immunwerte, die Zusammensetzung ihres Urins und viele weitere Körperwerte. Er transkribierte und codierte jedes einzelne Wort, das sie miteinander wechselten, jede ihrer Bewegungen.

Gottmans Ziel: Er wollte herausfinden, warum Beziehungen funktionieren und wann Paare sich trennen. Und man kann sagen: Seine Versuchsanordnung hat sich ausgezahlt. Gottman kann heute nach wenigen Sitzungen voraussagen, ob ein Paar zusammenbleibt, die Partner glücklich sein werden oder sich scheiden lassen. Seine Trefferquote liegt bei 90 Prozent. Das renommierte Magazin "Psychology Today" hat ihn den "Einstein der Beziehungen" genannt, er hat 200 wissenschaftliche Artikel und 40 Bücher geschrieben und bietet Workshops an. An einem Wochenende verspricht er, Paaren alles beizubringen, was die "Masters of Relationship" von den "Disasters of Relationship" unterscheidet.

Wie man innerhalb der Beziehung bessere Freunde wird

Wir reisen also nach Seattle und finden uns in der riesigen Halle eines Convention Centers wieder, die aus nichts als rohen Wänden und Stühlen besteht. Wer wie Chinyere dachte, dass es ein intimer Workshop wird, oder wer wie ich befürchtete, dass es sich um eine Art Guru-Beschwörung mit Klangschalen handelt, lag falsch. Keine Deko, keine Räucherstäbchen, nicht mal Zeremonienmeisterinnen in Wallekleidern sind zu sehen. Stattdessen: ein Stand, an dem man Gottman-Bücher, Gottman-CDs, -DVDs und -Gesellschaftsspiele kaufen kann. Dazu hammerstarker Kaffee aus Plastikcontainern und unzählige Stuhlreihen, die sich mit Hunderten von Paaren füllen, die wie wir vorhaben, zusammen glücklich zu werden. Von alt bis jung, von homobis heterosexuell sie alle haben sich hier versammelt, in the name of love. Ein rührender Anblick. Auf der Bühne: John Gottman, der erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Schauspieler und Comedian Larry David hat, und seine Frau, ebenfalls Psychologin. Die beiden gehen so miteinander um, wie man das von einem zusammenarbeitenden Paar erwartet: professionell. Aber trotzdem auch liebevoll. Wenn der eine redet, nickt der andere immer mal wieder beipflichtend. Zwischen den Sätzen lächeln sie sich manchmal an. Nicht nervös verliebt, aber warm und mit festem Blick. Die beiden wirken wie erfahrene Beziehungskämpfer vom Glück gestählt. Das macht Mut.

Zwei Tage lang wollen uns die Gottmans, unterstützt von einem Dutzend Helfern, in Übungen, Vorlesungen und Rollenspielen beibringen, wie man innerhalb der Beziehung bessere Freunde wird, der Zweisamkeit eine Bedeutung gibt und mit Konflikten umgeht, wenn es doch mal dazu kommt (und das kommt es auf ein Leben hochgerechnet natürlich oft). Also los!

Laut Gottmans Forschung gibt es vier Arten von Problemen, die erwiesenermaßen jede Beziehung scheitern lassen. Er nennt sie die "vier apokalyptischen Reiter" und stellt sie im ersten Teil des Seminars vor. Das Gute sei, dass man lernen könne, die Reiter vom Pferd zu schubsen. Dazu fordern die Gottmans uns im Laufe des Workshops immer wieder auf, das Arbeitsbuch in die Hand zu nehmen, das in den 800 Dollar Teilnahmegebühr freundlicherweise enthalten ist. Wir Paare sollen uns dann in der Halle verteilen oder woandershin zurückziehen. Manchmal sieht man weinende Männer und Frauen, häufiger aber lachen, diskutieren und verhandeln sie. Es herrscht eine konzentrierte Stimmung, fast wie bei einer Uniklausur. Chinyere und ich setzen uns draußen auf eine Bank.

In einer der ersten Übungen sollen wir sogenannte Love Maps bauen. Diese Karten zeigen laut Gottman die innere psychologische Welt des Partners. Sie zu erstellen klang für mich im ersten Moment gruselig, tatsächlich aber geht es nur darum, seinen Partner wirklich gut kennenzulernen denn wie echte Freundschaften leben auch Beziehungen davon, dass man verdammt viel übereinander weiß. Also sollte man sich gegenseitig viele, viele, viele Fragen stellen. Nicht nur in der ersten Nacht. Sondern auch noch in der tausendsten. Um das zu üben, fordert uns John Gottman auf, einige zunächst simpel klingende Fragen zu beantworten, die dann aber doch gar nicht so schlicht sind.

Ich soll aufschreiben, wer Chinyeres beste Freunde sind. Okay, das ist einfach. Aber wer sind ihre Rivalen? Leute, mit denen sie immer wieder Kämpfe austrägt? Hm. Gibt es die überhaupt?

Chinyeres Blick wird ernst, sie beginnt auszuholen. Bestimmt eine Viertelstunde lang höre ich ihr nur zu und erfahre etwas wirklich Neues über meine Freundin.

Die nächsten Frage: Welche Ängste und Sorgen hat dein Partner bezüglich der Zukunft?

Ich komme immer mehr ins Grübeln. Ich merke, dass ich zwar viel über Chinyere weiß, aber ganz erstaunliche Dinge eben auch nicht. Und andersherum.

Den Alltag scannen

Am Nachmittag geht es mit einem Vortrag weiter. Gottman spricht darüber, dass viele Paare, die er hat scheitern sehen, in einer Negativspirale gefangen waren, aus der heraus sie das Schöne an ihrer Beziehung und das Tolle an ihrem Partner nicht mehr sehen konnten. Seine Empfehlung: den gemeinsamen Alltag bewusst nach Dingen zu scannen, die man an seinem Partner toll findet, und diese Zuneigung und Anerkennung dann natürlich auch zeigen verbal, nonverbal, ganz egal. Also zum Beispiel so: "Mir ist aufgefallen, dass du dies oder jenes gemacht hast, das ist wirklich toll."

Um das zu üben, sollen wir uns bewusst an Momente erinnern, in denen wir begeistert waren von unserem Partner. Ich sage Chinyere, dass ich dankbar dafür bin, wie geduldig sie immer mit mir ist, wenn ich wieder komplett am Rad drehe, weil ich einen langen Text schreiben muss. Sie findet es gut, wie ich mich um sie kümmere, wenn es ihr mal schlecht geht. Im Laufe einer halben Stunde sagen wir uns viele schöne Dinge, die wir beide längst mal hätten aussprechen können. Doch selbst wenn man frisch verliebt ist, vergisst man im Alltag diese kleinen Komplimente oft. Wie wäre das erst mit den Jahren geworden?

Eine andere Lehre aus Gottmans Forschung bleibt mir ebenfalls im Gedächtnis: Wenn Menschen miteinander Zeit verbringen, hängen sie nie einfach nur ab. Sie drücken dabei ihre Bedürfnisse aus, verbal und nonverbal. Sie machen sich gegenseitig Angebote zur emotionalen Verbindung oft sogar, ohne sich selbst darüber bewusst zu sein. Eine Sensibilität, eine Art Sensor für diese kleinen Gesten ist wichtig. Paare, die lange glücklich miteinander sind, ignorieren die gegenseitigen Angebote nicht. Sie wenden sich einander zu, lenken ihre Aufmerksamkeit auf den anderen und füllen das, was Gottman das "emotionale Bankkonto" nennt. Wer da zu oft mit Sätzen wie "Siehst du nicht, dass ich gerade lese?" in den Dispo rutscht, hat ein Problem.

Dann das unvermeidbare Thema: Streit. Kommt man nicht drum herum. Soll ja auch angeblich so wichtig, weil reinigend sein für Beziehungen. Wer schon mehr als ein oder zwei hatte, ist aber natürlich auch vertraut mit dem Gefühl: Werden die Auseinandersetzungen zu groß, ist man von der Trennung oft nur einen Tassenwurf entfernt. Wie also kann man im Streiten besser werden, ohne dabei emotional abzukühlen?

Lösbare und unlösbare Konflikte

Wir lernen, dass es lösbare Konflikte gibt, aber auch solche, die sich schlicht nicht endgültig aufheben lassen, weil sie auf fundamentalen Persönlichkeitsunterschieden basieren. Zum Beispiel: Der eine liebt es ordentlich, der andere eher "entspannt". Der eine ist gerne in Gruppen, der andere nicht. Oder wie in unserem Fall: Ich bin extrovertiert und rede wie ein Wasserfall, wenn mich irgendetwas bewegt. Chinyere ist eher introvertiert und kommt manchmal erst Monate später mit Dingen um die Ecke, die sie gestört haben. Das wird sich nicht grundsätzlich ändern, sagt Gottman. Aber es helfe, sich die Unterschiede bewusst zu machen vor dem anderen, aber auch vor sich selbst. So bin ich, so bist du, so ist es also. Umso humorvoller und entspannter kann man irgendwann mit den Eigenheiten des anderen umgehen: "Ach, sieh an, jetzt sind wir wieder bei dem Problem. Schön, dich wiederzusehen!" In diesem Moment reflektiert man sofort die Lage und das eigene Verhalten darin. Ich werde versuchen, besser zuzuhören, verspreche ich Chinyere. "Und ich versuche, öfter mal direkt zu sagen, was bei mir gerade los ist", sagt sie.

Und dann, ganz am Ende des Seminars, erfahre ich noch eine für mich revolutionäre Erkenntnis: Gottmans Studien zeigen, dass nichts so schädlich und erfolglos beim Lösen von Problemen ist wie das Problemelösen. Bitte was? Ja, sagt Gottman, tatsächlich sei es extrem kontraproduktiv, einem traurigen oder wütenden Partner damit zu begegnen, dass man jetzt mal rasch gemeinsam "einen Plan" aufstellt oder "eine Lösung findet". Was natürlich genau die Dinge sind, die ich immer als Erstes vorschlage. Ein zu frühes aktives Lösen von Problemen führt aber eben eher zu Distanz und damit zu noch mehr Problemen.

Was stattdessen funktioniert: Erst mal. Nur. Zuhören. Empathie und damit Verständnis zeigen: "Ich verstehe, dass du dich so fühlst." Das bringe deutlich mehr als jeder gut gemeinte Masterplan. Ich unterstreiche mir also fünfmal in meinem Block: "Keine Probleme lösen!"

Auf dem Heimflug schweigen Chinyere und ich viel. Wir müssen beide sacken lassen, was wir da alles gelernt haben. Das Interessante: Die Tipps des Beziehungsmeisters zeigen, dass das, was man braucht, um miteinander glücklich zu sein, im Kern gar nicht so komplex ist. Gottmans Forschung verdeutlicht, dass das Gelingen der Liebe nicht so sehr von großen Gesten abhängt, sondern vielmehr von ganz vielen kleinen: Neugier, Respekt, Anerkennung und von der Angewohnheit, sich einander zuzuwenden. Von Dingen also, die wir selbst beeinflussen können. Wir müssen es uns nur immer wieder klarmachen. Wahrscheinlich ist das schon der ganze, zumindest aber der wichtigste Arbeitsaspekt an der Sache.

Bei meinem letzten Besuch in Nigeria hatte mich Chinyeres Vater beiseitegenommen. Es war ein Moment, wie man ihn aus Filmen kennt, die entweder sehr lustig oder sehr düster sind, und so fühlte ich mich auch: irgendwo zwischen kichern und Schweißausbruch. Er legte mir eine Hand auf die Schulter, schaute mir in die Augen und sagte mit tiefer Stimme einen Satz, der keine Neuigkeit enthielt und trotzdem auf einmal ganz neu klang: "Die Hochzeit, Lars, ist ein Bund fürs Leben. "

Damals war mir kurz das Herz in die Hose gerutscht. Heute: nicht mehr so sehr.

Es beginnt eher zu springen.

Dieser Text ist in der Ausgabe 10/17 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.

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