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Der Pfad der Verliebten

Vor fünf Jahren tötete Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen. Sverre überlebte. Und fand die Liebe dort, wo er den Tod erwartet hatte.

Fotos: Sigrid Bjorbekkmo (von Sverre und Camilla) und Jurek Skrobala (von Utøya)

Sverre traut keinem Fremden. Jeder, der Kontakt zu ihm sucht, durchläuft eine Sicherheitskontrolle: Stimmt das, was der Typ mir erzählt hat, mit dem überein, was ich bei Google über ihn finde? Sverre wagt sich kaum raus, an öffentlichen Orten sind zu viele Fremde. Sverre hat das Vertrauen in die Welt verloren. Aber er ist dabei, es sich zurückzuholen. Und er beginnt dort, wo er es verloren hat.

Utøya ist ein Paradies. Hier klingt der Sommer nach Stille. Er klingt auch mal nach Gitarren, vielen Gitarren, deren Akkorde sich auf dem Zeltplatz mischen und über die Insel hallen, durch Birken und Kiefern. Auf Utøya riecht der Sommer nach tjern, norwegisches Wort ohne genaue deutsche Entsprechung, man kann sagen: See am Wald. Auf Utøya weht die Frische vom Tyrifjord, ruhender See, tiefer See, 330 Meter am tiefsten Punkt, Wasser wie Öl, das Utøya umschließt. Tjern und Gitarren, das ist Utøya. Sagt Sverre.

Wenn ein Ort zum Erinnerungsort wird, dann schrumpft er. Seit dem 22. Juli 2011 klingen die drei Silben Utøya für viele nach Schüssen und riechen nach Blut. Im kollektiven Gedächtnis ist Utøya vor allem mit dem Namen eines Mannes verbunden: Anders Behring Breivik, selbst ernannter „Kommandant der norwegischen antikommunistischen Widerstandsbewegung“, der an dem Tag, bewaffnet mit einer Pistole, einem Gewehr und über 3000 Kugeln, vollgepumpt mit Koffein, Ephedrin und Aspirin, 67 Menschen auf der Insel erschoss, zwei weitere starben auf der Flucht vor ihm. Ein politischer Akt, sagt er, ein Massaker, sagt jeder vernünftige Mensch.

Dies ist eine Geschichte darüber, was Orte mit Menschen und Menschen mit Orten machen können.

Für Sverre ist Utøya heute so viel mehr als Breivik. Utøya ist für ihn auch mehr als tjern und Gitarren. Für ihn ist Utøya vor allem: ­Camilla. Camilla, mein Gold, so nennt er sie oft. Sverre vertraut ­Camilla. Dank ihr verknüpft er die Insel nicht mehr nur mit dem Grauen, das er dort erlebte. Sverre und Camilla haben Utøya zu ihrem Ort gemacht.

Kein Böller, das war ein Schuss

Am 22. Juli 2011 sitzt Sverre, damals siebzehn, allein auf einem Stein unweit des Sees, wie jeden Morgen, seit er auf Utøya ist. Es ist sein Ritual. Sein Stein. Sverres Zeltnachbarn schlafen noch, er wollte Fußball spielen, wie er es an den ersten zwei Tagen des Sommercamps getan hat, einmal hat er sogar eine Ecke in ein Tor verwandelt, aber heute vermasselt ihm der Regen das Spiel, das Feld ist Matsch. Ihm geht es hier vor allem um Fußball, dafür ist er gekommen. Die meisten anderen engagieren sich in der AUF, einer norwegischen Version der Jusos. Wie jedes Jahr treffen sie sich auf der Insel, um darüber zu diskutieren, wie man die Welt verändern kann. Eine Freundin hat Sverre gefragt, ob er mitkommen wolle, es seien noch Plätze frei. Kickt ihr da auch, fragte Sverre zurück, die Freundin nickte. „Utøya, here I come“, postete Sverre auf Facebook.

Von seinem Stein aus blickt er auf den Tyrifjord, Richtung Südwesten, und sinniert über Gott und die Welt, zu der Camilla für ihn noch nicht gehört. Camilla, die südwestlich von Utøya lebt, ohne dass Sverre es weiß.

Die nächsten Stunden verbringt er rund um die Cafeteria, etwa 200 Meter von seinem Stein entfernt, jemand hat ein neues iPad, sie zocken „Fruit Ninja“ im Multiplayermodus, dann, plötzlich, werden alle in den Hauptsaal der Cafeteria gerufen. In Oslo ist eine Bombe explodiert. Was noch keiner auf Utøya wissen kann: Breivik hat die Bombe gezündet und ist auf dem Weg zur Insel.

Sverre sitzt an der Wand der Cafeteria und hat auf einmal Bilder im Kopf: Gras, bedeckt von Frost, die Insel Utøya im Winter, ein Kriegsgebiet, in dem geschossen wird, er mittendrin, Flucht: unmöglich. Sverre erzählt seinem Sitznachbarn von dem Tagtraum. Der lacht, also lacht auch Sverre.

Utøya ist heute nicht nur der Name eines Tatorts, sondern auch ein Sinnbild dafür, nicht aufzugeben: Seit vergangenem Jahr findet auf der kleinen Insel im ­Südosten Norwegens wieder das Sommercamp des jungen Flügels der Arbeiterpartei statt, 2015 mit rund tausend Teilnehmern. In diesem Jahr treffen sich die Jugendlichen vom 3. bis 7. August – um zu gedenken, aber auch um zu feiern.

Er sieht rüber zu Bendik, der am Handy hängt. Bendik jobbt im Sommer eigentlich in der Lobby des Høyblokka, des Hauptregierungsgebäudes, an dem Breivik den Wagen mit 950 Kilo Sprengstoff geparkt hatte. Wäre Bendik in Oslo geblieben, hätte er dort gesessen, wo die Bombe explodierte. Bendik hat Urlaub bekommen für das Sommercamp auf Utøya, wo er später sterben wird.

Es sind diese Geschichten, die Sverre heute, fünf Jahre später, einen Satz wiederholen lassen: God works in mysterious ways.

Ein Knall, Riesenecho. Ein Böller? Die anderen schauen durch die Fenster der Cafeteria, Sverre lehnt weiter an der Wand und denkt: Wenn das ein Typ mit einer Knarre ist, dann kann er problemlos durch das Fensterglas schießen. Noch ein Knall, näher, Schreie und Panik: Kein Böller, das war ein Schuss.

Sverre hockt sich hinter einen Mülleimer, der ihn kaum verdeckt, spürt Hände auf seiner Schulter, zwei andere haben sich hinter ihn gesetzt. Er begreift jetzt, dass dieses Versteck nichts taugt: Ich muss runter von Utøya, durch den Tyri­fjord ans Festland, erst um mein Leben rennen, dann schwimmen.

Er rennt los, hört einen Schuss, direkt hinter sich, dreht sich um, ein Junge fällt zu Boden. Sverre weiß nicht, wohin, da ist nichts mehr, nur noch die Toiletten in der Ecke des Gebäudes, fünf insgesamt, vier schon voller Menschen, in der letzten ist noch Platz, los, komm rein, Tür zu.

Die Toilette ist vielleicht 1,80 mal 1,50 Meter klein, Sverre ist der Sechste, der sich hier versteckt. Drei stehen wie er, einer sitzt auf dem Boden, eine auf dem Klo. Sverre kennt niemanden. Die Toilette hat kein Fenster, nur einen Schlitz unter der Tür, die Luft wird knapper und wärmer. Das Mädchen auf dem Klo sagt, sie würde am liebsten alles ausziehen. Geht klar, scherzt Sverre. Alle lachen ruckartig, für eine Sekunde sind sie wieder die Jugendlichen beim Sommercamp auf Utøya. Dann hören sie erneut Schüsse.

Es herrscht Stille bis auf das Trr, trr der Handys

Schreie, draußen, vor Schmerz, nach Hilfe. Weiße Sternchen­ tauchen vor Sverres Augen auf. Ich darf hier nicht ohnmächtig werden,­ denkt er. Einatmen. Ausatmen. Tiefe Züge. Langsam. Die Sternchen verschwinden. Irgendwoher ruft ein Junge immer wieder: Hilfe, Hilfe, Hilfe; ein schmerzverzerrter Ruf. Wie kann ich ihm helfen, fragt sich Sverre. Gar nicht, antwortet er sich selbst.

Schwere, langsame Schritte. Sie kommen näher. Der Junge ruft noch einmal um Hilfe. Zwei Schüsse, der Junge ruft nicht mehr. Wieder schwere, langsame Schritte, jetzt fünf Meter von der Toilette entfernt, schätzt Sverre. In seinem Kopf rattern die Szenarien wie Filme im Zeitraffer durch: Sich fallen lassen und hoffen, dass die anderen sich auf ihn legen, damit er Schutz hat? Die Tür aufreißen und losrennen? Wird alles nicht klappen, denkt er. Gleich bin ich tot.

Doch die Schritte entfernen sich. Es herrscht Stille bis auf das Trr, trr der Handys, trr, trr überall, niemand geht ran. Sverre hat sein Telefon auf lautlos gestellt, immer wieder vibriert es, Nachrichten von seinem Vater, von seinem Cousin, und Sverre antwortet: Es wird gut ausgehen. Er kommt in dieser Situation nicht auf die Idee, 112 zu wählen, den Notruf.

Die Schüsse kommen inzwischen von weit her, trotzdem traut sich keiner aus der Toilette. Einer liest auf Twitter, der Schütze habe sich als Polizist verkleidet. Ein Tweet, der Sverre prägen wird – wenn der Täter aussieht wie ein Helfer, wem kann er dann überhaupt noch trauen? Jetzt wieder Schüsse, viele Schüsse, schnell hintereinander, nah. Ein Schusswechsel mit der Polizei, hofft Sverre. Dabei verschießt die Polizei an dem Tag keine einzige Kugel. Ab jetzt nur noch: Totenstille, trr, trr.

Hier ist die Polizei, ihr könnt rauskommen! Was, wenn das eine Falle ist, fragt sich Sverre. Die sechs Jugendlichen in der Toilette sind unschlüssig. Sie entscheiden sich schließlich, die Tür zu öffnen. Sverre geht raus, um die Ecke, da erstarrt er. Sverre sieht einem Jungen ins Gesicht, es ist derjenige, der hinter ihm lief und fiel. Es muss der Junge sein, der um Hilfe rief. Sein Körper lehnt reglos an der Wand, Sverre denkt: Jetzt mach bitte die Augen auf. Sverre geht weiter, er muss, seine weißen Socken färben sich rot, eine Pfütze aus Blut, die Augen des Jungen bleiben zu, dieses Bild brennt sich ein in sein Gedächtnis. Im Hauptsaal steht die Polizei, es ist wirklich die Polizei, sie hat Breivik festgenommen. Sverre und die anderen verlassen Utøya, sie müssen rund drei Stunden in der Toilette festgesteckt haben, aber das weiß Sverre nicht genau. Er hat die Zeit vergessen.

Camilla und Sverre, heute 21 und 22, sie westlich des Oslofjords aufgewachsen, er östlich, treffen sich zum ersten Mal auf Instagram.

Camilla war nicht auf der Insel am Tag, als Breivik kam. Trotzdem muss sie verarbeiten, was geschehen ist, wie so viele junge Norweger. Auf Instagram tippt sie #utøya ein. Camilla sucht nach Eindrücken aus den Tagen vor Breivik; lebensfrohen Eindrücken. Über den Hashtag stößt sie zufällig auf Sverres Account und ­liket Fotos, die er hochgeladen hat. Sverre fragt sich, wer diese Camilla ist, die seine Fotos mag. Er klickt ihr Profilbild an, hübsch, denkt er, folgt ihr und liket zurück. Ein digitaler Flirt, zaghaft.

Am 22. Juli 2012 begegnen sie sich wieder, genau ein Jahr nach dem Massenmord. Beide kommen zur Gedenkfeier auf Utøya, unabhängig voneinander, als Mitglieder der AUF, auch Sverre ist inzwischen beigetreten. Er ist dort als Überlebender, sie, um ihren Respekt zu bekunden. Sie möchte die Insel, die sie so beschäftigt und über die seit einem Jahr das ganze Land spricht, nicht bloß auf dem Bildschirm erleben, sondern auch in Wirklichkeit.

Soll ich dir die Insel zeigen?

Sverre nimmt vor der Bühne Platz, Camilla auch, sie sitzt vier Reihen hinter ihm, das hübsche Mädchen von Instagram, er erkennt sie sofort. Sverre ruft: Camilla, sie erkennt ihn auch, weiß aber nicht, wie sie reagieren soll, und bleibt sitzen. Er dreht sich immer wieder zu ihr um, das Blau ihrer Augen hat es ihm angetan, sie lächelt ihn an, verlegen, sie findet, er sieht gut aus.

Da passiert etwas mit Sverre. Nachdem die Reden vorbei sind, nähert er sich Camilla, einer Fremden. Sverre, der kaum einem Menschen traut, fragt Camilla: Soll ich dir die Insel zeigen?

Er führt sie über den Zeltplatz, vor ihnen liegt der Pfad der Verliebten. So heißt ein schmaler Weg, der am westlichen und nördlichen Rand Utøyas verläuft, verborgen hinter Bäumen, darunter tätschelt der See die Felsen, wie gemacht zum: Schmusen, Knutschen, Händchenhalten. Sverre und Camilla setzen sich auf einen Stein. Es ist der Stein, auf dem Sverre jeden Morgen gesessen hatte, bevor Breiviks Schüsse die Stille der Insel zerstörten. Weil Camilla bei ihm ist, verändert sich der Stein. Er ist nun nicht mehr sein Stein, er wird ihr Stein, Sverres und Camillas. God works in mysterious ways.

Sie schreiten den Pfad der Verliebten ab, den ein Jahr zuvor auch Breivik abschritt, aber es ist der 22. Juli 2012 auf Utøya, nicht Breiviks Tag. Dann bleiben sie stehen, sehen sich lange in die Augen, sie kichert nervös, er nimmt all seinen Mut zusammen und lehnt sich vor. Plötzlich ist da wieder Vertrauen, ein Gefühl, das Sverre verloren hatte. Er küsst sie zum ersten Mal und macht den 22. Juli auf Utøya zu Camillas und Sverres Tag und Ort.

Je mehr Camilla über Sverre erfährt, desto besser gefällt er ihr. Sie merken, dass sie dasselbe Lieblingslied haben, „I Don’t Want to Be“ von Gavin DeGraw, in dem es heißt: „Part of where I’m going is knowing where I’m coming from“. Sie mögen beide „The Hunger Games“, eine Filmreihe, in der es gleichermaßen um Leben und Tod wie um die Liebe geht. Sie werden ein Paar.

Seither kommen sie jedes Jahr im Juli zurück zum Pfad der Verliebten. Es ist ihr Ritual an ihrem Jahrestag. Ihr Pfad. Manchmal nehmen sie Vertraute mit, Sverres Familie, Camillas Familie. Sie lassen andere daran teilhaben, posten Fotos auf Facebook. Die Welt soll wissen, dass der Pfad der Verliebten jetzt auch Camillas und Sverres Pfad ist.

Nachdem am 22. Juli 2011 die Schüsse verstummt sind, wird Sverre noch lange nicht ruhiger. Erst als er am Abend zu Hause ankommt, lässt die Angst ein wenig nach. Er will mit niemandem sprechen, setzt sich an der Seite seiner Mutter vor den Fernseher, der Nachrichtensprecher korrigiert im Minutentakt die Zahl der Opfer auf Utøya. Den Schritten und Schüssen kann Sverre nun ein Gesicht zuordnen, Breiviks Gesicht, eine Miene wie in Stein gemeißelt. Später, vor Gericht, wird Breivik nur dann lächeln oder weinen, wenn es um ihn selbst geht. Dann graut der Morgen, Sverres Mutter ist eingeschlafen, er zieht seine Socken aus, die mal weiß waren, packt sie in eine Tüte, schiebt sie im Mülleimer ganz nach unten, damit seine Mutter das Blut nicht sieht, und legt sich ins Bett.

Am 31. Juli 2011 aktualisiert Sverre ein Facebook-Fotoalbum, in dem sich bislang nur ein Bild seines Großvaters befand. Er lädt sechs neue Fotos hoch, Porträts von Freunden, alle lächeln. Das Album heißt „Rest in Peace <3“. Am 5. August 2011 ändert Sverre sein Profilbild. Ein Selfie, so dunkel, dass man sein Gesicht kaum sieht: „Light up, light up / As if you have a choice“.

Sverre, der als Kind Fußballer werden wollte, spielt nicht mehr so gern Fußball, in der Schule bekommt er schlechte Noten. Utøya hat seine Kindheit beendet, sagt Sverre. Er geht zum Therapeuten, zum ersten von vieren, heute behandelt ihn ein Spezialist für Kriegsveteranen. Bei ihm wird eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.

Politik ist ihm jetzt wichtig, er engagiert sich für die AUF in Østfold, in Leitungspositionen. Er gestaltet mit, wie sein Heimatort sich verändert. Manchmal jobbt er als Security, meist bei Kulturevents in und um Oslo, er passt dann auf die Menschen auf. Wenn er zu Hause ist, spielt er auch mal Ego-Shooter. Er begibt sich dann in die Rolle desjenigen, der schießt, immer wieder. Das Gefühl, die Dinge selbst bestimmen zu können, ist ihm wichtig. Er versucht, Kontrolle zurückzubekommen. Am besten gelingt ihm das mit Camilla, seinem Gold.

Einmal im Monat träumt Sverre, dass er stirbt

Am 26. November 2012 postet Camilla ein Foto von Sverre und sich, Schnappschuss kurz vor einem Kuss: „I can’t wait to wake up tomorrow and find out this promise is true / I will never have to go back to the day before you“.

Seit fast zwei Jahren leben Camilla und Sverre zusammen. Sie, die bald ihren Bachelor in Gender Studies macht und für die Arbeiterpartei im Bezirksrat von Vestfold sitzt, und er, dessen Engagement in der AUF und Studium zum Hochschullehrer gerade auf Pause sind. Eine gemeinsame Wohnung in Oslo, für beide ein Höhepunkt ihrer Beziehung – obwohl Sverre fast niemanden in die Wohnung lässt, außer Camilla nur Familie und ein paar Freunde.

Manchmal, wenn Camilla jemanden einladen möchte, sagt Sverre Nein. Und Camilla respektiert das. Die beiden gehen selten aus, zu groß ist Sverres Angst noch heute. Wagen sie sich doch mal ins Kino, hat er doppelt Angst, um sich selbst und um Camilla.

An Orten außerhalb der Wohnung hat Sverre schnell den Schrecken vor Augen und spielt Szenarien durch, die schlimmsten Szenarien: Was wäre, wenn einer schießt, hier und jetzt? Er scannt die Umgebung auf Notausgänge und Unterschlüpfe. Sei es im Kino, in dem Sverre nicht so sitzen kann, dass er andere im Rücken hat; sei es am Hauptbahnhof in Oslo, für ihn der schlimmste Ort überhaupt, zu viele Fremde, zu viel Chaos. Gut sind Orte, die Sverre kennt. Auf Utøya fühlt er sich heute sicherer als in Oslo, ausgerechnet. Am sichersten jedoch ist für ihn die Wohnung. Den Großteil ihrer gemeinsamen Zeit verbringen Sverre und Camilla hier, sie holen sich das, was sie brauchen, ins Haus. So wie Emil, einen zehn Wochen alten Jack Russell Terrier, dem Sverre mehr traut als den meisten Menschen.

Camilla wird nie verstehen können, wie es sich anfühlt, am 22. Juli 2011 auf Utøya gewesen zu sein, aber sie versteht Sverre. Sie will so leben, wie sie leben, weil sie ihn liebt. Was sie haben, ist besonders, sagt sie, im Guten wie im Schlechten. Verständnisvoll und geduldig, das sind die Adjektive, die Sverre wählt, um sein Gold zu beschreiben. Er will sich nicht ausmalen, wie das Leben nach Utøya ohne Camilla aussähe.

Einer der wenigen Orte, an denen Sverre sein kann: ein Park in Oslo. Seit er und Camilla den Terrier Emil haben, kommen sie oft hierher.

Mindestens einmal im Monat träumt Sverre, dass er stirbt. Oder dass Breivik die Kette zwischen seinen Handschellen zerreißt, als wäre sie eine Kette aus Pappmaché, ein wiederkehrender Albtraum. Er muss inzwischen mehr als sechzig Tode im Traum gestorben sein. Wenn Sverre aus so einem Albtraum erwacht, schweißgebadet, streichelt Camilla ihm mit der Hand über den Rücken oder durchs Haar.

Sverre fällt es schwer, sich zu öffnen. Aber es wird besser, nach und nach, sagt Camilla. Wenn er über den 22. Juli 2011 reden will, hört sie zu. Wenn er alleine sein will, lässt sie ihn in Ruhe. Camillas Strategie ist es, einfach da zu sein, sagt Sverre. Das hilft ihm. Camilla nimmt für ihre Liebe zu Sverre in Kauf, dass sie sich oft nach ihm richten muss. Wenn sie sich mal hilflos fühlt, ruft sie seine Mutter an, die meist Rat weiß. Sverres Mutter, die an den Tagen nach dem 22. Juli 2011 sein Lieblingsessen, Hühnchen mit Reis in „Bretagne Kyllingsaus“, kochte, immer wieder, bis Sverre irgendwann aß.

Ich bin nicht einfach, sagt Sverre. Du brauchst Zeit, sagt Camilla. Ich weiß, du würdest dasselbe für mich tun. Wir sind füreinander bestimmt.
Kann man mit Liebe jede Tragödie überwinden? Ja, sagen beide.

Mit Camilla holt sich Sverre nicht nur den 22. Juli und Utøya zurück. Sie sind noch kein Jahr ein Paar, da trudelt Sverre mit Camilla im Auto durch seinen Heimatort, versucht zu verbergen, dass er etwas plant. Sein Handy klingelt, es ist die Mutter: Alles ist vorbereitet, ihr könnt kommen. Sverre drückt aufs Gas. Im Haus seiner Eltern fragt er Camilla: Willst du meine Frau werden? Camilla wundert sich nicht darüber, welcher Raum mit all den Rosen und Luftballons dekoriert ist. Sie sagt Ja.

Der Raum, in dem sie stehen, ist die Toilette.


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