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Warum halten wir an Beziehungen fest, die uns nicht glücklich machen?

Irgendwann kommen die Fragen, in fast jeder Beziehung: Was hält mich eigentlich? Reicht das, was wir miteinander haben? Oder bin ich nur zu feige zu gehen? Unser Autor ist einer, der bleibt. Jetzt will er verstehen, warum.

In einer Folge der Fernsehserie "Louie" sitzt der Held, gespielt von dem Komiker Louis C.K., mit seiner Freundin im Restaurant. Louie hat sich einen Teller bestellt, als Hauptspeise. "Irgendwas hast du", sagt seine Freundin. "Nein", sagt Louie. "Doch." "Ich bin nur müde." Die Freundin überlegt. Plötzlich ruft sie, mehr erstaunt als erschreckt: "Du willst dich trennen!" "Ich will mich nicht trennen." Louie schiebt den Löffel in sein Eis. "Bitte iss jetzt nicht das Eis." Louie lässt den Löffel sinken. "Warum kannst du nicht einfach sagen, dass du dich trennen willst?" "Aber ich will mich doch gar nicht trennen." "Du kannst es einfach nicht sagen. Ich habe eine Idee. Ich sage jetzt: 'Wir sollten uns trennen.' Und dann sagst du einfach nichts, für 17 Sekunden." "Aber ich will doch gar nicht … " "Wir sollten uns trennen." Stille. Louie presst den Eislöffel zwischen seinen Fingern zusammen. "Okay. Gut gemacht. Wir sind fertig." "Ich ..." Die Freundin, die jetzt die Exfreundin ist, steht auf und geht. Louie isst sein Eis.

Als ich die Szene zum ersten Mal sah, war ich erleichtert. Da draußen sind also noch andere wie ich. Menschen, die zu feige, zu doof, zu schüchtern, zu höflich, zu langsam, zu irgendwas sind, um sich zu trennen. Trennungsmuffel. Wir lassen lieber das Schicksal seinen Lauf nehmen. Wir sind Blätter im Wind und müssen darauf vertrauen, dass der Wind uns auf der Straße schon gegen irgendeine Windschutzscheibe knallt, die passt. Und wenn’s mal nicht so passt, dann geht es auch irgendwie. Alles ist uns lieber, als diese Wörter sagen zu müssen: "Es geht nicht weiter. Ich liebe dich nicht mehr. Wir müssen uns trennen." Bleiben ist uns Trennungsscheuen lieber als gehen.

Die große Frage: Gehen oder bleiben?

Gehen oder bleiben? Das ist die große Frage, die wir uns in den meisten Beziehungen irgendwann einmal stellen. Ist das die Liebe unseres Lebens, und wir stehen alles durch? Oder reicht es jetzt wirklich mit diesem anderen Menschen da in unserer Wohnung und in unserem Leben, der uns schon zu lange auf die Nerven gegangen ist?

Wir müssen uns dann entscheiden. Und wer sich um die Entscheidung drückt, der entscheidet sich trotzdem. Er bleibt. So ging es mir immer.

Warum hatte ich immer so eine Panik? Als sei eine Trennung heute noch ein Weltuntergang. Dabei ist sie längst alltägliche Katastrophe wie Weisheitszahn-OP oder Kündigung. Tut alles richtig weh, und manchmal kann es einen sogar aus der Bahn werfen. Aber es gehört zur Routine, ist alles vorgesehen im Durchschnittsleben. Keine Panik. Haben (fast) alle überlebt. Mit 30 haben wir durchschnittlich schon 3,6 Trennungen hinter uns, sagt eine Studie. 3,6 Weltuntergänge, die dann doch keine waren. Die wir dann doch überlebt haben. Wir sind reicher als andere Generationen, wenigstens was die Erfahrung angeht: Wer Anfang der Achtzigerjahre 30 war, hatte durchschnittlich nicht einmal zwei Trennungen hinter sich.

Heute leben wir seriell monogam. Wir sind Trennungsserientäter. Und Trennungsserienopfer. Die meisten kennen jedenfalls beides. Ich kenne bisher nur eine Seite. Ich habe mich noch nie getrennt. Ich bin verlassen worden, versetzt, habe Geschichten auslaufen lassen; aber ich habe noch nie gesagt: "Das war es jetzt." Zumindest noch nie mit Erfolg, aber dazu gleich.

Über das Buch "Trennt euch!"

Gehen oder bleiben? Solange wir nicht in einer Extremsituation leben, die uns psychisch oder sogar körperlich gefährlich werden könnte, kann uns keiner die Antwort auf die Frage abnehmen. Mir auch nicht. Aber vielleicht kann ich lernen, endlich beide Antworten in Betracht zu ziehen. Bleiben. Und gehen. Und beim nächsten Mal kann ich dann eine echte Entscheidung fällen.

Ein Anruf in der Schweiz, im schönen Zürich, bei dem Schriftsteller . Meyer, Jahrgang 74, hat gerade ein Buch geschrieben. Ein echtes Pamphlet. "Trennt euch!" lautet der Titel. Die Botschaft: Vier von fünf Beziehungen müssen sofort aufgelöst werden. Sagt Meyer. Und Widerspruch scheint er nicht zu dulden. Aber ich liebe sie doch? Kein Argument für ihn. "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun", schreibt er in seinem Buch. "Liebe lässt sich von Problemen nicht aufhalten, vermag diese aber auch nicht zu lösen. Sie ist zu vergleichen mit der Sonne, die über Stalingrad aufging und das Gemetzel immer wieder in wärmendes Licht tauchte, ohne es aber in irgendeiner Weise zu mindern." Uff. Waren die Beziehungen, die ich geführt habe, also Stalingrad? Eingekesselt, ohne Nachschub? Vier von fünf, die Wetten stehen schlecht. Eigentlich hätte ich mich immer trennen müssen, oder, Herr Meyer? "Ja, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie und Ihre Ex schlicht nicht zusammengepasst haben. Und es wäre dann richtig gewesen, wenn Sie sich entschlossen hätten, die Frau zu verlassen. Denn an Ihrer Inkompatibilität hätte sich nie etwas geändert." Hätte er nicht diesen lieben Schweizer Akzent, man wäre ihm jetzt böse.

Meyer sieht das so: Für eine Beziehung, die funktioniert, müssen gleich zwei Dinge aufeinandertreffen. Und Liebe gehört nicht notwendigerweise dazu. Sondern, erstens: Man muss zusammenpassen. Und zweitens: Man muss die Sache realistisch handhaben. "Wenn zwei Menschen zueinanderpassen, können sie es immer noch verbocken, indem sie übertriebene Ansprüche stellen." Meyer hat sich in jüngerer Vergangenheit mehrmals getrennt: "Ich habe immer wieder erlebt, dass meine Partnerin die Erwartung hatte, dass ich in jedem Moment voll auf sie eingehe, zur Verfügung stehe und genau so reagiere, wie es sich für sie gut anfühlt." Irgendwann fühlte er sich in diesen Beziehungen nicht mehr wertgeschätzt. Nicht mehr geborgen. Nicht mehr respektiert.

Den Gegenüber respektieren

Mir fällt eine alte Geschichte ein. Die mit dem Teller. Eine Exfreundin fand, beim Essen würde ich den Teller immer zu weit von mir weg stellen. In Restaurants, Kantinen, Bistros schob sie Teller näher zu mir. Es hat mich wahnsinnig gemacht. Irgendwann war ich mit den Nerven so am Ende, dass ich, wenn sie wieder den Teller zu mir schob, einfach vom Tisch aufstand und ging. Aber ich bin immer zurückgekommen. Hätte ich mich trennen sollen?

"Das ist ein gutes Beispiel für die Respektfrage. Wenn man dem Partner erklärt, warum so ein Verhalten respektlos ist, und er macht es weiter, dann heißt das: Er würdigt meine Gefühle nicht." Und dann soll ich mich trennen? Nur wegen Tellerschieberei? Das kann doch kein Trennungsgrund sein! "Aber doch. Nicht wegen des Tellers, sondern wegen des Respekts." Zumindest, sagt Meyer, hätte ich ein Ultimatum setzen sollen. Ein letztes Mal klipp und klar sagen: "Das stört mich. Das verletzt mich. Bitte hör auf damit. Sonst müssen wir es beenden." Ein Ultimatum. Das funktioniert nur, wenn man bereit ist, seine Drohung in die Tat umzusetzen. Was ich nie war. Herr Meyer, ich gebe Ihnen ja recht: Ich hätte mich öfter trennen sollen. Aber wie bloß?

Ich habe es ja immer wieder versucht. Nur: Dieses komische Gefühl, wenn man es ausspricht, und die Stille danach oder das Reden danach, das muss man ja alles aushalten. Es fühlt sich an, als sei man irgendwo im All und habe gerade den einzigen anderen Astronauten ins schwarze Nichts geschubst. Sich zu trennen, das war für mich wie Hochleistungssport: Wie lange kann man die Spannung halten? Ich konnte es nie lange genug und rettete mich in die Versöhnung.

Das seien alles Ausreden, sagt Meyer. "Neulich hat mir jemand gesagt: 'Ich habe jetzt keine Kraft, mich zu trennen.' Natürlich haben Sie keine Kraft, Sie verschleudern die ja gerade für solche Ausreden! Man ist bloß zu feige." Fiel es Ihnen schwer, sich zu trennen, Herr Meyer? "So schwer wie jedem. Es ist brüskierend, rabiat, es hat etwas von einem Mord. Die Beziehung lebt, und nachher ist sie tot. Es ist ein Vernichtungsschritt." Zweiter Anruf, in der Lutherstadt Wittenberg, bei der evangelischen Pastorin Kathrin Oxen, 45. Als Seelsorgerin kümmerte sie sich viele Jahre um die Sorgen der Gemeindemitglieder. Ein großes Themen in den Gesprächen: Beziehungen. Ehen. Gehen oder bleiben? Kathrin Oxen brachte eine besondere Expertise mit: Sie ist selbst geschieden.

Beziehungsprobleme sind bei allen ähnlich

Die Pastorin kommt viel herum in deutschen Familien. Sie ist auf goldenen Hochzeiten, die Mut machen, weil das Paar sagt: "Auch wir hatten schwere Zeiten. Aber wir sind durchgekommen. Jetzt sind wir froh, dass wir uns noch haben." Und sie ist auf goldenen Hochzeiten, die nicht Mut machen, weil sie weiß: Die hassen sich. Der eine wohnt oben im Haus, der andere unten.

"Man kennt mit der Zeit die Knackpunkte", sagt Oxen. "In der superindividualisierten Gesellschaft denken alle immer, sie seien was ganz Besonderes. Dabei sind sie sich viel ähnlicher, als sie glauben. Auch was ihre Beziehungsprobleme angeht." Man ist dann zwar nichts Besonderes mehr, aber wenigstens nicht alleine mit seinen Problemen.

Was sagt Oxen, wenn sie bei Menschen zu Hause sitzt, die sich so anstellen wie ich bisher? Die an Trennung denken, aber im Kopf geht alles durcheinander, ein Hin und Her, keine finalen Entscheidungen in Sicht? "Sie dürfen mir dann gerne die Ohren volljammern", sagt Oxen. "Aber irgendwann, beim zweiten oder dritten Gespräch, muss ich fragen: Sind Sie jetzt wunschlos unglücklich? Oder wunschvoll unglücklich?" Das ist eine gute Frage. Noch eine gute Frage von Frau Oxen: Wie haben Sie es eigentlich so lange ausgehalten?

"Da kommt man an die Ressourcen der Leute. An das, was sie noch haben. 'Meine Frau hat viele Eigenschaften, die mich nerven, aber sie ist eine wirklich gute Gesprächspartnerin.' Oder: 'Er ist ein guter Vater, und dafür liebe ich ihn.' Und dann muss man zusammen herausfinden: Reicht das, was noch da ist?" Wie habe ich das so lange ausgehalten? Was mir als Antwort immer einfiel, ist auch das, was den Menschen einfällt, mit denen Oxen spricht: Erinnerungen. Der Urlaub. Die eine Nacht. "Gute Ressource. Wenn ein Paar eine gute Anfangsgeschichte hatte und da mal so richtig die Hütte brannte, hilft das in den dürftigen Zeiten." Gibt es eine Lektion, die Oxen aus ihrer eigenen Trennung gelernt hat, nach neun Jahren Ehe? "Stellen Sie sich die Frage: Können Sie sich vorstellen, mit diesem Menschen alt zu werden? Oder sehen Sie dem eher mit Sorge entgegen?" In einem Punkt sind sich Oxen und Meyer ziemlich einig: Man darf die Sache nicht zu lange vor sich herschieben. Ich aber warte immer lange ab. Ich entscheide nicht gerne, sondern grüble lieber: Was ist die richtige Entscheidung für meine Beziehung? Was ist überhaupt eine Beziehung? Warum muss ich mich eigentlich entscheiden?
Vielleicht hilft es ja, wenn ich meine Grübelei wenigstens ernst nehme. Ich schreibe eine Mail an Patricia Marino, Professorin für Philosophie an der kanadischen University of Waterloo und eine der Autoren des "Oxford Handbook of Philosophy of Love", des Standardwerks für alle philosophischen Fragen zur Liebe.

Frau Marino, warum fällt es mir so schwer, mich zu trennen?

Das habe, erklärt sie mir, mit der großen Paradoxie zu tun, die Liebe und Trennung verknüpft. "Die meisten Menschen gehen davon aus, dass wir in der Liebe anders wertschätzen sollten als in anderen Lebensbereichen" , schreibt sie. "Wenn Sie einen Fernseher haben, und er funktioniert nicht mehr so gut, dann kaufen Sie sich einen neuen, besseren. Aber wenn Sie so über den Menschen denken, den Sie lieben, dann ist das ein Widerspruch." Jede Trennung scheint wie ein Tausch: die alte Liebe gegen die Hoffnung auf eine neue, eine, die besser funktioniert. "Aber Liebe so zu betrachten, als Ware, die getauscht und bewertet werden kann, passt nicht in unser Bild." Wer sich trennt, muss jedes Mal für einen kurzen Moment aushalten, dass an seinem Ideal der Liebe gerüttelt wird.

Und es gibt einen zweiten Grund, warum es so schwer ist, sich zu trennen: Wir machen es uns selbst schwer, um uns zu schützen. "Warum versprechen wir einander, dass wir uns für immer lieben werden?", fragt Marino. "Wir wissen doch, dass wir Liebe gar nicht kontrollieren können. Statt uns zu versprechen, dass wir zusammenbleiben, bis der Tod uns scheidet, müssten wir wahrheitsgemäß sagen: Na ja ich verspreche, mein Bestes dafür zu tun." Sein Bestes tun. Das ist ein gutes Versprechen.

Als Louie und seine Exfreundin sich in der Episode noch einmal treffen, fragt er sie aus Verlegenheit, ob sie es noch einmal versuchen sollen. Man könne doch über die Feiertage zu ihrer Mutter fahren, wie sie es sich gewünscht hatte. "Weißt du" , sagt sie, "dass du vier Jahre unser beider Leben verschwenden konntest, nur weil du nicht sagen kannst: Tschüss, auf Wiedersehen? Weil sich das gerade in dieser Sekunde irgendwie komisch anfühlt? Bitte, ich bettel dich an, um Zukunfts-Ich und Zukunfts-Du willen! Du kannst dir eine Scheidung sparen und mehrere Jahre falsches Leben. Du kannst einfach ein Mann sein, jetzt in diesem Moment, und sagen: Bis bald." Louie verzieht den Mund, als versuche er, etwas zu sagen, sagt aber nichts. Dann geht sie.


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