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"Den Mann fürs Leben triffst du auf dem Edeka-Parkplatz"

Das NEON-Experiment: Was passiert, wenn unsere Autorin Lena auf den Rat ihres Vaters hört - und einen Samstagnachmittag auf dem Supermarkt-Parkplatz verbringt.

Ich weiß nicht, wann genau mein Vater diesen Satz zum ersten Mal sagte: „Den Mann fürs Leben lernst du nicht in der Disco, sondern samstags auf dem Edeka-Parkplatz kennen.“ Wahrscheinlich hatte ich gerade am Frühstückstisch von den Irrungen einer weiteren gescheiterten Partynacht erzählt, in denen die Christians, Olivers und Felixe am Ende doch wieder mit den falschen, also anderen Mädchen geknutscht hatten, und er wollte mich trösten.

Er sagte diesen Satz von da an immer wieder, zu verschiedenen Anlässen, und obwohl mich die Eindeutigkeit seiner Theorie beeindruckte (Wieso nicht montags? Wieso nicht Aldi? Wieso nicht Käsetheke?), war ich sicher: Er irrte. Der Mann meines Lebens fuhr in meiner Vorstellung nämlich überhaupt nie zum Einkaufen. Nicht, weil ich mir einen superreichen Typen mit Personal erhoffte, auch sehnte ich mich nicht nach einem Anorektiker, aber meine Lebensliebe irgendwo zwischen Golf II und 125-Gramm-Büffelmozzarella zu treffen – das war mir schlicht zu bodenständig. Alltag, dachte ich, hat man später eh noch genug miteinander, damit könne es doch nicht schon losgehen.

Spätherbst 2016. Ich würde mich nicht als verzweifelt bezeichnen...

... ratlos trifft es eher. Nach gut 18 Jahren Dating ist meine Beziehungsbilanz ernüchternd. Mir fällt langsam auch nicht mehr ein, wie dieser Zustand zu ändern wäre, nur eben immer wieder dieser Satz meines Vaters. Meine Eltern sind keine von denen, die ständig von Schwiegersohn- und Enkelkinderwünschen sprechen, freuen würden sie sich aber doch, wenn ich dieses Jahr mal nicht alleine unter unserem Weihnachtsbaum sitzen würde.

Deshalb also, ganz im Ernst: Samstagvormittag, Edeka-Parkplatz. Es läuft richtig schlecht. Seit zehn Minuten krame ich nach einer Euro-Münze für den Einkaufswagen. Ich krame dabei nicht wirklich, sondern schiebe nur Gegenstände auf dem Boden meiner Tasche hin und her, denn irgendetwas muss ich ja tun, und den Kofferraum auf- und wieder zugeschlagen habe ich schon die letzte Viertelstunde. Seither schleiche ich vor dem Supermarkt auf und ab, meinen Unterarm in der Handtasche vergraben. Na, wo ist er denn?!

Ich weiß nicht, welchen Typus Mann mein Vater an diesem Ort vermutet 

Ich aber sah bisher nur einen einzigen Alleineinkaufenden, und der säuselte, als er an mir vorbeihastete, in sein Handy, er besorge jetzt noch „rasch einen guten Tropfen“, und dann könne es ein ganz „herrlicher Abend“ werden. Segelschuh-Perlenohrring-Fantasien, bei denen sich mir der Magen umdreht.

Überhaupt ist so ein Samstagvormittag vor dem Edeka weniger Dating-Plattform als eher eine Sozialstudie. Niemand hier hat sich groß zurechtgemacht, die meisten tragen Mützen und matte Gesichtszüge, eine Unangestrengtheit in Auftreten und Gestik, die mir gefällt. Der Supermarkt ist keine Bühne wie die Bar oder Diskothek, er ist bloß ein Sprungbrett ins Wochenende. Es könnte also zu schönen Beiläufigkeitsbegegnungen kommen, da hat mein Vater recht. Kommt’s nur nicht. Ich tigere mittlerweile seit eineinhalb Stunden vor dem Laden herum und sehe vermutlich aus wie jemand, der zu Geschäftsjubiläen Ballons und Kugelschreiber verteilt, nur halt ohne Ballons und Kugelschreiber, und solche Menschen mag nun wirklich niemand.

Vielleicht liegt es am Versuchsaufbau? Ich habe den nächsten Edeka-Markt gewählt, den ich kenne; er liegt im Rotherbaum-Viertel, hohe Villendichte, Hamburger Schick. Ich kaufe hier nur in Ausnahmefällen ein. Offenbar habe ich nichts verpasst: Bis auf den Segelschuhschnösel sehe ich wenig Männer. Und falls doch, kommen sie in Begleitung von Frauen mit Weidenkörben, aus denen Porreestangen ragen. Sie wirken auf mich eher wie Einkaufsdarsteller. 

  Konzentriertes Kramen als Zeitvertreib, ehe es mit dem Lebensglück so richtig losgeht. 

Konzentriertes Kramen als Zeitvertreib, ehe es mit dem Lebensglück so richtig losgeht. 


Das Münzkramen wird langsam lächerlich 

Ich setze mich mit einem Croissant auf die Bank neben der Supermarkttür und werde immer trauriger. Eine Taube pickt Krumen auf. Ich verfüttere den Rest des Croissants, immer mehr Tauben kommen und mit ihnen ein Stück Markusplatz-Romantik, und das zwingt vorbeilaufende Menschen zu kopfschüttelndem „Das muss doch nicht sein“-Sagen, und leider muss es aber sein, denn sonst passiert hier ja überhaupt nichts, nicht mal ein bisschen, nicht einmal einen längeren Blick hat es gegeben, keinen Möglichkeitsmoment, gar nichts. In Discos wird man wenigstens irgendwann von den Vollbreiten angelallt.

Eine weitere Stunde lungere ich noch auf dem Parkplatz herum, ehe ich beschließe aufzubrechen. Ein letzter genervter Blick aufs Handy – eine neue Nachricht. Sie kommt von einem Mann aus Berlin, den ich im Sommer kennengelernt hatte, bei so etwas wie einer Party, mit dem ich später noch in einem Club war und von dem ich annehme, dass er niemals samstags in den Supermarkt, sondern immer nur zum Späti um die Ecke geht, um rote Gauloises und Orangensaft zu kaufen. Und dieser Gedanke macht mich an einem Samstagnachmittag auf einem Edeka-Parkplatz so dermaßen froh, dass ich mir vornehme, ihn zu fragen, ob er uns an einem der Weihnachtsfeiertage besuchen möchte. Den wirst du mögen, Papa. Trotz allem.

 

 

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