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Erklär mir die Liebe

Es gibt Fremde, die kennen uns ziemlich gut. Sie wissen, wie wir flirten und fremdgehen: die heimlichen Experten der Liebe. Ein Barmann, ein Taxifahrer, eine Hochzeitsplanerin und eine Hebamme erzählen. Zum Beispiel von der Sache mit dem Tiger-Tanga.

David Moon Barkeeper und Experte der Liebe

"Eine Bar ist für mich ein romantischer Ort, so wie er in den Songs von Tom Waits besungen wird." David Moon

Der Barkeeper

David Moon, 39, arbeitet seit zwölf Jahren als Barmann. Er ist Halb-Amerikaner und steht momentan in der angesagten Walrus Bar im Hamburger Stadtteil St. Pauli hinterm Tresen. Er wundert sich darüber, wie die Deutschen flirten. 

Wenn ein Pärchen in deine Bar kommt, siehst du dann sofort, ob die Sache frisch ist? 

Ja!

Kannst du auch erkennen, ob es sich um ein Tinder-Date handelt? 

Ob die beiden sich im Internet oder in der Hochschule kennengelernt haben – da sind die Sachen ähnlicher, als sie unterschiedlich sind. Dass es frisch ist, merkt man ganz einfach daran, dass die beiden ihr Vokabular noch nicht gefunden haben. Meistens monologisiert dann einer. Aber manche sind auch echt süß und kriegen es hin, aufeinander einzugehen.

Beobachtest du viele miese Dates in der Bar?

Was ist denn schon ein mieses Date? Einen schlechten Abend hat man doch nur, wenn man etwas ganz Konkretes erwartet. Wer die Frau oder den Mann fürs Leben sucht, macht den Date-Partner im Grunde zum Erfüllungsgehilfen seiner eigenen Träume – und wenn der sich nicht dazu machen lässt, ist man enttäuscht. Aber heutzutage ist wirklich nicht jedes Date dazu da, Familienplanung zu betreiben und zu sagen: „I’m looking for the one!“

Da hast du Recht.

Wenn das Date jetzt nicht so doll läuft, dann haben die vielleicht trotzdem später noch tollen Sex oder ein schönes Frühstück. Das kann ich ja gar nicht beurteilen. Ich kann mir nur denken: Na ja, das würde ich jetzt vielleicht anders machen.

Und was würdest du anders machen?

Wenn man Zeuge von einem Date wird, hat man bisweilen den Eindruck, viele sind gar nicht richtig da. Die sind mit ihrem Kopf entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Entweder denken sie daran, dass sie möglichst in einer Stunde rumfummeln möchten. Oder sie driften in die Vergangenheit ab und denken darüber nach, was in den letzten vier Beziehungen alles schieflief. Stattdessen sollten sie mal ganz in dem Augenblick sein und ihrem Gegenüber sagen: „Hey, I’m enjoying looking at you. You want another drink? I like it when you’re tipsy!“ Das wäre viel besser.

In „How to be german in 50 easy steps“ schreibt der Brite Adam Fletcher, wir Deutschen könnten nicht Flirten. Vor seinem Umzug habe er sich gefragt, wieso die Geburtenrate so niedrig sei. Inzwischen frage er sich, wie es hier überhaupt Kinder geben könne. Flirtet der Deutsche wirklich so unbeholfen? 

Da ist schon was dran. Der Flirt ist ja immer das Ansprechen von etwas, ohne es zu versprechen. Dass man in einer Begegnung eine gewisse Leichtigkeit braucht, muss man begreifen und verinnerlichen. Das ist vielen hier tatsächlich nicht so gegeben. Und das macht das Flirten schwierig. Denn die Liebe will, dass du tanzt. Die Liebe will nicht, dass du marschierst. Und der Deutsche marschiert halt gerne.


"Ein Mann, der besoffen aus der Rolle fällt, wird lustig gefunden. Eine Frau nicht."


So gemein! Aber es wird ja auch mal gute Dates geben, oder? Woran erkennt man, dass es bei zwei Menschen richtig gut läuft? 

Das spürt man sofort. Bei guten Dates geht die Kommunikation voran, die beiden bringen sich gegenseitig zum Lachen und, ganz wichtig, sie unterhalten sich nicht die ganze Zeit über ihre Lohnarbeit. Sie nehmen beiläufig Körperkontakt auf und fangen an, Bewegungen des Gegenübers nachzumachen. Wenn der Mann sich plötzlich auch an die Nase fasst, nachdem die Frau das bei sich gemacht hat, ist das ein sehr gutes Zeichen.

Ich dachte immer, das wäre ein Klischee!

Doch, das gibt’s wirklich. Genauso übrigens wie Mädchen, die sich im Haar rumspielen. Da weißt du auch gleich, wo der Hase langläuft!

Worüber jammern die Männer an deinem Tresen denn so?

Die Männer beschweren sich darüber, dass die Frauen es beim Flirten naturgegeben so viel einfacher haben – aber das ist falsch, finde ich. So einfach ist das ja alles nicht. Für das Make-up allein haben die Frauen ja zehn, zwölf Jahre geübt. Du wirst ja nicht mit dem Wissen geboren, wie du einen ordentlichen Lidstrich ziehst. Sie haben mit ihren Freundinnen geschnackt, sich Zeitschriften geholt und akribische Recherche betrieben. Und wenn der Typ mal duscht, die festliche Jeans anzieht und die Oberlippe rasiert – und denkt, das muss fürs Date reichen, dann braucht er sich nicht zu wundern, wenn es nicht so läuft.

Und die Frauen?

Die haben es besser drauf, sich auch im größten Rausch noch zusammenzureißen. Die trinken zwar heute genauso viel wie die Männer, aber sie lassen sich nicht so gehen und sind weniger larmoyant. Ein Mann, der besoffen aus der Rolle fällt, wird lustig gefunden. Eine Frau nicht. Männer können sich nicht benehmen – aus dem einfachen Grund, dass sie es nicht müssen, sondern auch so durchkommen.

Wie wichtig ist das Kennenlernen für die Beziehung?

Sehr wichtig. Liebe ist Arbeit im physikalischen Sinn, von Anfang an: Man steckt Energie in einen Körper und motiviert ihn so zu einer Bewegung. Du musst schon in den anderen investieren, damit das mit der Liebe was wird.

Experten der Liebe: Der Taxifahrer

"Alles, was ich über Frauen weiß, habe ich im Taxi gelernt." Raza Safari


Der Taxifahrer

Reza Safari, 47, ist seit 16 Jahren Taxifahrer in Hamburg. Er liebt seinen Beruf und hält immer Wasser für seine Gäste bereit. Für renitente Beifahrer hat er einen Fake-Anschnaller ohne Gurt, damit das Gebimmel aufhört. Aber psst!

Was würdest du sagen: sind deine Fahrgäste im Großen und Ganzen mit ihrem Liebesleben zufrieden?
Die Paare streiten im Taxi ehrlich gesagt schon ziemlich oft. Bis ich sage: „Leute, nicht böse sein, aber wollen wir vielleicht bisschen Musik hören?“ Und die Singles wirken auch nicht so zufrieden. Aber selbst schuld – so oberflächlich! 80 Prozent der Fitnessstudio-Jungs wollen zum Beispiel unbedingt eine Frau mit Sixpack. Wenn ich die dann frage, ob sie das wirklich erotisch finden, sagen sie Nein. „Aber wenn ich einen trainierten Bauch habe, dann muss meine Freundin auch einen haben!“ Dieses sinnlose Anspruchsdenken fällt mir oft auf.

"Viele Frauen knacken den Code vom Handy ihres Freundes und besprechen seine Nachrichten bei mir im Taxi"


Wird viel im Taxi geweint? 

Ich hatte mal einen Fahrgast, der war ein richtiger Bär, tätowiert bis zum Hals. Ich fragte ihn, ob er weint – er sagte Nein. Ich sagte: „Doch, du weinst doch!“ Dann brach es aus ihm raus, und der hat geheult wie ein kleines Kind. Paar Minuten vorher geschieden. Er hat montags bis freitags als Handwerker gearbeitet und am Wochenende zusätzlich schwarz, damit seine Kinder die neuesten iPhones kriegen. Und was macht die Frau? Geht fremd. Er musste in eine Einzimmerwohnung ziehen, die Frau blieb mit den Kindern im Haus wohnen. Bald nannten die Kinder den neuen Partner der Frau schon Papa. Das hat ihn natürlich belastet. Heulende Männer hab ich hier viel gesehen! Meistens bei Wochenendtouren, klar, im Suff ist man softer, aber auch sonst habe ich den Eindruck, dass viele verzweifelt sind.

Als du im Jahr 2000 angefangen hast, gab es kaum Handys. Verändern Smartphones die Liebe?

Klar, die Liebesspionage nimmt ganz andere Dimensionen an. Ich belausche manchmal solche Telefonate, bei denen die Frau aus meinem Wagen ihre Freundin anruft. Da schlackert man mit den Ohren, wie gut informiert die Frauen sind. Viele knacken den Code vom Handy ihres Freundes und besprechen seine Nachrichten bei mir im Auto: „Aber ich kann ihm ja nicht sagen, dass die Schlampe ihm ein Küsschen und ein Herzchen geschickt hat, weil er dann weiß, dass ich seinen Code kenne!“ Meiner Meinung nach ist die Beziehung schon im Arsch, wenn man dem Partner so wenig vertraut, dass man die Messages ausspioniert.

Sorry, Woher haben die denn die Pin?

Die eine hat sie an seinen fettigen Fingern erkannt: Die Wischbewegung für den Code beim Smartphone war in Form einer Sieben. Die Frau hat das zweimal ausprobiert und wusste Bescheid.

Wird insgesamt viel belogen und betrogen?

Leider ja. Ein Ehepaar, Stammkunden aus einem noblen Stadtviertel, hab ich mal vom gemeinsamen Abendessen abgeholt und heimgefahren. Zu Hause angekommen, sagte er auf einmal, er wollte doch noch schnell bei einem Bekannten vorbeischauen, und blieb im Taxi sitzen. Da hab ich gleich gespürt, der wird nicht zu seinem Freund fahren. Und so war es dann auch: Ich hab ihn zu einer Frau gefahren, zu seinem Techtelmechtel, und er hat mich um meine Taxifahrer-Schweigepflicht gebeten. Eine halbe Stunde später ruft mich die Frau an.

Und, hat die Frau den Seitensprung gewittert?

Am liebsten wäre ich gar nicht drangegangen, ich bin ganz schön ins Schwitzen geraten. Und dann? Die wollte nicht mal wissen, wo ich ihren Mann hingefahren habe! Die fragte mich nur: „Hast du ihn schon abgesetzt? Kannst du mich zu Hause abholen?“ Dann habe ich sie zu ihrem Lover gefahren. Und sie hat genau den gleichen Text abgespult wie ihr Mann: „Na ja, bei uns ist die Luft ein bisschen raus. Kannst du das für dich behalten?“ Da erlebt man zwei Menschen, die zusammen wohnen, verheiratet sind, ein Haus und sogar einen Hof auf dem Land haben – also eigentlich alles, was das Herz begehrt. Und doch reicht es nicht.

Flirt-Tipps für Männer: Neun Regeln fürs erste Date
  1. Seien Sie pünktlich. Die Frau darf sich verspäten - Sie nicht
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1. Seien Sie pünktlich. Die Frau darf sich verspäten - Sie nicht

In welchem Milieu wird am meisten betrogen?

„Je reicher, desto dreckiger“, an der Redewendung ist meiner Meinung nach schon was dran.

Verliert man da den Glauben an Treue?

Manchmal könnte man schon verzweifeln. Und das war noch nicht mal das Highlight. Einmal bestellte mich eine Frau. Ihr Nachbar hatte aus dem Keller um Hilfe gerufen, wollte sie aber partout nicht zu sich lassen, obwohl sie einen Zweitschlüssel hatte. Er gab vor, dass er schwer verletzt sei und der Nachbarin das nicht zumuten wollte.

Hattest du da keine Angst, alleine in den Keller zu gehen?

Natürlich war mir da mulmig zumute, klang alles seltsam. Ich bin also vorsichtig in den Keller hinabgestiegen … und da war er! Mir war dann auch klar, wieso er vermeiden wollte, dass die Nachbarin ihn so sieht. Ein schmaler, hässlicher Mann, 45 Jahre alt, nackt, nur mit einer Bundeswehrwolldecke über der Schulter. Da kann man als Taxifahrer auch ein Trauma kriegen. Der Mann sagte: „Sie bekommen 100 Euro, wenn Sie mir helfen.“

Wie solltest du ihm denn helfen?

Ihm rutschte die Decke von der Schulter, und er stand nackt in einer Tiger-Unterhose da! Und seine Hand war am Treppengeländer angekettet. „Bevor ich Ihnen helfe, möchte ich die Geschichte hören“, hab ich gesagt. Das war gemein von mir, denn es geht mich ja eigentlich nichts an.

Aber seine Verhandlungsposition war auch nicht so gut.

Genau. Der Mann hatte also länger eine Affäre, die ihm nun nahegelegt hatte, sich langsam mal zwischen ihr und der Ehefrau zu entscheiden. Der Mann entschied sich für seine Frau. Die Affäre meinte, okay, gut, dann lass uns heute mal was Neues ausprobieren. Und dann hat sie ihn angekettet und den Schlüssel oben in der Küche auf den Herd gelegt. Damit ihn die Frau findet, vermutlich.

Auch naiv, erst der Affäre den Laufpass zu geben und dann zu glauben, alles sei wie immer.

Das hat er dann auch gemerkt. Er hat mir 50 Euro extra geboten, wenn ich es schaffe, die Nachbarin abzuwimmeln. Die wartete ja immer noch darauf, dass ich ihren braven, verletzten Nachbarn rette. Ich hab also den Schlüssel geholt und ihn befreit. Oben in der Wohnung habe ich ein Foto von der Ehefrau gesehen. Die tat mir leid. Sie arbeitete im Außendienst und schaffte das Geld ran, und ihr Mann hatte nichts Besseres zu tun, als im Tiger-Tanga fremdzugehen. Der Nachbarin habe ich erzählt, dass er jetzt vielleicht zehn Minuten Ruhe bräuchte, bevor sie nach ihm sehen kann. Immerhin habe ich an dem Tag 150 Euro verdient, da kenn ich keine Verwandten.

Gibt es heute noch viele Machos?

Sehr viele. Die jungen Männer sind außer Kontrolle. Die machen auf cool, sitzen hinten, kratzen sich am Rücken und sagen: „Stört dich das, wenn ich die hier hinlege, auf mein Knie?“ Und ich schaue nach hinten und sehe eine Schusswaffe. Da hab ich natürlich Schiss, aber das darf man nicht zeigen. Die wollen nur protzen. Nur, wenn man immer eine Waffe dabeihat, dann benutzt man die auch irgendwann. Ist ja heute leicht zu besorgen, Internetkauf, ganz einfach. Früher, da gab’s höchstens mal ’ne Flasche von ’nem besoffenen Fahrgast über den Kopf.

Bitte sag, dass auch noch geknutscht wird!

Permanent! Die meisten denken, sie sind alleine. Als Taxifahrer ist man für viele unsichtbar.

Experten der Liebe: Die Weddingplanerin

"Eine Bridezilla haben wir hier erst ein Mal erlebt. Die Braut hat uns für den Regen verantwortlich gemacht." Elisa Modler


Die Hochzeitsplanerin
Elisa Modler, 23, arbeitet als Wedding Assistant bei der Marry Me Hochzeitsagentur in Hamburg. Sie erlebt glückliche Paare und solche, die in letzter Minute abhauen – und hat den Vorteil von längerfristigem Denken erkannt.

Machen inzwischen auch mal die Frauen den Heiratsantrag?

Wir haben mit den Paaren ja meist über ein Jahr lang zu tun, da bekommen wir die Geschichten schon mit. Ich würde sagen, in 95 Prozent der Fälle macht immer noch der Mann den Antrag. Wobei ich mich ehrlich gesagt nicht an fünf Prozent Frauen erinnern könnte, die den Mann gefragt haben … Ich kann mich gerade sogar an keinen einzigen Fall in den vergangenen 13 Jahren erinnern. Tja. Für den Mann ist mit dem Antrag die Arbeit jedenfalls erst mal getan. Er denkt sich „Check!“, bei der Frau dagegen fängt es an zu rattern. Erst später steigen die Männer wieder ein, etwa wenn sie merken, dass die Locations knapp werden. Da fühlen sie sich herausgefordert.

Stimmt es, dass meistens gleich attraktive Menschen ein Paar werden? Oder siehst du auch viele Hochzeitspaare mit einem gewissen, ähm, Attraktivitätsgefälle?

Äußerlich passen die Paare, die heiraten, wirklich gut zusammen. Sie sind so gut wie immer gleich attraktiv. Ich denke oft, wenn die reinkommen: Ja, das mit euch, das ergibt Sinn. Ganz selten denkt man: Hui, wie hat er die denn rumgekriegt? Das ist echt die Ausnahme. Man muss aber auch eines bedenken: Oft sind die Paare, die heiraten, ja auch schon länger zusammen und haben sich über die Jahre optisch einander angenähert.

"Äußerlich passen die Paare, die heiraten, wirklich gut zusammen. Sie haben sich optisch einander angenähert."

Einen guten Tipp für die Partnerwahl, bitte.

Am besten sucht man im Freundeskreis oder unter Kollegen, weil man die Person oft sieht und auch wirklich im Alltag erlebt. Beim Online-Dating ist man ja in so einer künstlichen Situation. Man gibt vielleicht vor, anders zu sein, als man ist. Und man kriegt auch gar keine Zeit, sich zu zeigen – nach dem dritten Treffen heißt es ja meistens hopp oder top. Viele denken sehr kurzfristig, aber ich glaube, es wäre praktischer, wenn man längerfristig denkt und jemanden sucht, der wirklich zu einem passt. Erst wenn du dich selber gut kennst, kannst du den anderen auch gut einschätzen und lieben lernen. Die, bei denen es 40 Jahre halten soll, denken weiter.

Beobachtest du auch, dass es heutzutage weniger Arzt-Krankenschwester-Ehen gibt? und dafür mehr Arzt-Ärztin-Ehen?

Wenn wir die Berufe erfahren, ist das Paar meistens auf Augenhöhe. Das klassische Modell von früher mit einem Bildungs- und Gehaltsunterschied beobachten wir tatsächlich kaum noch. Wir hatten sogar den umgekehrten Fall: dass die Chefärztin den Assistenzarzt heiraten wollte. Deren Hochzeit ist aber leider geplatzt. Die Braut ist wohl aus allen Wolken gefallen, weil er sie betrogen hat. Die Rechnung für die angefallenen Leistungen haben beide zu gleichen Teilen beglichen.

Oh! Kommt das häufiger vor, dass Hochzeiten abgeblasen werden?

Ein- bis zweimal im Jahr. Es ist auch schon passiert, dass der Mann per Mail die Hochzeit absagte und das am Tag darauf zurücknahm.

Habt ihr auch Stammkunden?

Ja. Für einen Mann haben wir zwei Hochzeiten ausgerichtet. Aber das war überhaupt nicht lustig. Eine Tragödie. Ich erzähle sie, obwohl es ein Tabu ist, weil sie auch viel über Stärke, Liebe und Hoffnung aussagt. Als wir die Hochzeitsfeier für das Paar geplant haben, ist die Frau an Krebs erkrankt, mit nur Ende 30. Die beiden hatten ein kleines Kind. Zwischenzeitlich war ihr Zustand stabil, und wir haben weitergeplant. Bis der Krebs gestreut hat und wir schnell eine standesamtliche Hochzeit für das Paar organisieren mussten. Neun Monate nach der Diagnose war die Frau nicht mehr unter uns. Die Taufe ihres Kindes musste ohne sie stattfinden. Der Mann hatte seine Ehefrau ohne Ende geliebt. Und dann hat er sich irgendwann wieder bei uns gemeldet. Er hatte eine neue Frau kennengelernt und sich neu verliebt. Noch im selben Jahr. Das klingt vielleicht furchtbar, aber das war es nicht. Er fand die Ehe immer toll und war gerne verheiratet. Und er hat eben auch erkannt, dass man nach vorne gucken muss. Wir haben für ihn auch diese zweite Hochzeit ausgerichtet. Und etwas später noch zwei schöne Taufen.

Experten der Liebe: Die Hebamme

"Wenn die Beziehung in der Krise ist, versuchen ja manche, sie mit einem Kind zu retten. Die Chancen, dass das klappt, stehen meiner Erfahrung nach exakt fifty-fifty." Wibke Bohny

 
Die Hebamme

Wibke Bohny, 31, gibt in Hamburg Schwangerschaftskurse und betreut Paare nach der Geburt. Sie weiß: Liebe ist, wenn er seiner Frau beim Kotzen die Haare hält.

Du hast Hunderte Geburten begleitet. Die Frau hat Schmerzen, der Mann ist überfordert. Was machen gute Paare in dieser Extremsituation besser als andere?

Die Atmosphäre ist bei den guten Liebespaaren immer ganz ruhig. Der Mann weiß, was die Frau in dem Moment braucht – denn die Frauen können sich ja während der Wehen nicht äußern. Bei der Geburt sagt die Frau ja nicht: „Oh Schatz, vielen Dank, dass du mir den Rücken massierst, das ist total lieb, aber das ist mir gerade unangenehm.“ Die schreit nur noch: „Finger weg!“ Wenn der Partner das in dem Moment einfach runterschluckt und nicht Kontra gibt, dann weiß ich, das passt. Bei harmonischen Paaren kann sich die Frau hundertprozentig fallen lassen. Sie muss dann nicht denken: „Hoffentlich pupse ich jetzt nicht“, es spielt keine Rolle, ob ihr nackter Hintern aus dem offenen Hemd rausschaut oder das Fruchtwasser läuft, und sie muss sich nicht schämen, wenn sie in den Mülleimer kotzt. Der Mann ist für sie da und liebt sie, egal wie sie gerade aussieht. Eine schöne Geste ist, finde ich, wenn er ihr die Brechschale und die Haare hält. Am besten ist es für mich, wenn der Mann dann nicht auch noch bricht und ich beides wegputzen muss. Das ist auch mal passiert.

"Einmal rief ein Mann verzweifelt an und fragte flüsternd, wieso seine Frau so gemein zu ihm sei, ob das die Hormone seien"

Nicht jedes Paar, das sich liebt, bekommt Kinder, und nicht alle, die Kinder kriegen, sind fest zusammen. Erahnst du als Hebamme die Dramen, die sich vor oder nach der Geburt abspielen? 

Man bekommt schon eine Ahnung, dass bis zu dem Punkt nicht immer alles so einfach war. Eine 17-Jährige bekam bei mir Zwillinge, das waren Baby zwei und drei. Manchmal beobachtet man Altersunterschiede zwischen den Partnern von 38 Jahren. Manchmal sind die Beziehungen schon vor der Geburt gescheitert, oder es gab nie eine Beziehung, nur einen One-Night-Stand. Meine Kollegin betreute mal eine Geburt im Kreißsaal. Drei Wochen später kam derselbe Mann mit einer anderen Schwangeren in den Kreißsaal. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass alles offener wird, weniger konservativ. Das perfekte Paar gibt es im echten Leben nicht. 

Bringt es was, den Kinderwunsch gegen den Willen des Partners durchzusetzen? 

Wenn die Beziehung in der Krise ist, versuchen ja manche, sie mit einem Kind zu retten. Die Chancen, dass das klappt, stehen meiner Erfahrung nach exakt fifty-fifty. In guten Beziehungen ist erst recht alles möglich: Ich habe auch schon erlebt, dass der Mann erst nicht wollte und sich dann doch total in das Baby verliebt hat. Manche Männer wollen gar nicht wissen, dass sie gerade ein Kind zeugen könnten. Bei einem Paar hatte er gesagt, sie solle die Pille absetzen, ihm aber nicht sagen, wann. Sie konnte es nicht für sich behalten – und der Mann wollte keinen Sex mehr! Sie fing wieder mit der Pille an und setzte sie beim zweiten Anlauf heimlich ab. Und er war happy mit seinem Sohn.

Wie lange sollte man zusammen sein, bevor man schwanger wird?

Ich bin überzeugt: Egal wie lange man zusammen ist, wenn die Basis stimmt, dann kriegt man das schon hin. Auch wenn es ungeplant ist. Wichtig ist nur, wie groß die Liebe der Eltern zueinander ist. 


Dieser Text ist in der Ausgabe 12/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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