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Das Glück der Mutigen

Deutschland ist reich und stabil. Trotzdem sind alle am Jammern. Auf einer Reise durch das Land haben wir verstanden, warum. Und was wir ändern müssen.

Fotos: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

Bonaparte O’Coonassa war im Hotel geblieben, um zu rauchen. Brüggemann und ich hatten den Aufstieg ohne ihn gemacht. Vor uns nun die Donau im lieblichen Tale. Glitzernd schlängelte sich der Fluss durch ausdünstende Felder. Hinter uns ragte die Walhalla. So hieß das Ding, auf dessen Terrasse wir standen, ein griechisch anmutender Tempelbau zu Ehren bedeutender »Persönlichkeiten teutscher Zunge«, vom bayerischen König Ludwig I. 1842 eröffnet: »Möchte Walhalla förderlich sein der Erstarkung und Vermehrung teutschen Sinnes!«

Ein riesiges Gebäude. Schwer wie ein Eisbein thronte es über der Landschaft des Bayerischen Jura. Horden von Touristen wurden in Bussen hinaufgekarrt, sie wandelten unter den heiligen Säulen, um sich an der Südseite dann vom monumentalen Ausblick erschlagen zu lassen. Sie saßen in der Sonne und brüteten ergriffen. Ein Rentner legte sich auf den Stein, als wollte er den Tempel in die Arme nehmen, hatte aber vielleicht auch nur einen Hitzschlag.

Brüggemann und ich gingen hinein. In der Walhalla standen 130 Büsten der »Persönlichkeiten teutscher Zunge« aufgereiht. Adenauer hatte es geschafft, Sophie Scholl war da, Friedrich der Staufer. Wir gingen von Visage zu Visage. Irgendwann fiel mir auf, dass den großen Persönlichkeiten teutscher Zunge eines gemein war: Sie hatten nix zu lachen. Selbst der heitere Mozart stierte mit gefurchter Braue. Und ich dachte: Das ist es halt. Teutsch sein heißt den Ernst des Lebens bedenken. Glücklich sein hält der Teutsche für überschätzt: Wer lacht, kriegt keine Walhalla.

GROSSE LEERE: Weizenfelder in der Uckermark. Über die Hälfte der Fläche Deutschlands wird für Landwirtschaft genutzt, ein weiteres Drittel ist von Wald bedeckt.

Also hauten wir ab. Holten O’Coonassa in Regensburg im Hotel ab und fuhren weiter in den Schwarzwald. Es war der vierte Tag unserer Reise durch Deutschland. Wir waren auf der Suche nach dem Glück.

Der Fotograf Jörg Brüggemann, unser irischer Genosse O’Coonassa und ich wollten gemeinsam herausfinden, ob die Leute in Deutschland eigentlich wirklich unglücklich sind. Und wenn ja, warum. Wir reisten eine Woche im Auto durch das Land, um zu verstehen, warum den Deutschen im In- und Ausland regelmäßig so miese Laune attestiert wird. »Obwohl die meisten Jugendlichen in Deutschland im Wohlstand leben, fühlen sie sich unwohl und unglücklich«, verkündete unlängst die Deutsche Welle. Und im britischen »Guardian« las man von »Germany: the country of weltschmerz and angst«. Die Deutschen sind demnach ein Volk von Jammernden und Klagenden, denen das Leben erscheint wie die härteste und deutscheste aller Backwaren: Schwarzbrot. Der Kolumnist Harald Martenstein hat dieses Phänomen so zusammengefasst: Flüchtlinge aus Syrien oder Somalia, die in diesem wohlhabenden Land ankommen, müssten zum näheren Verständnis der deutschen Gesellschaft zunächst einmal kapieren, dass bei uns »alles scheiße« ist.

Was makaber ist. Denn natürlich kommen die Flüchtlinge aus Syrien und Somalia nach Deutschland, weil hier, zumindest im internationalen Vergleich, alles sehr gut ist und gut funktioniert. Deutschland ist ein krisenresistenter, ökonomisch gesunder Wunderpumpernickel mit hervorragendem ÖPNV und tendenziell sauberem politischem Betrieb. Manche meinen, dass dieses Funktionieren gerade daran liegt, dass die Deutschen alles immer so beschissen finden, also alles immer verbessern wollen. Zum Beispiel das berühmte Interview mit Per Mertesacker bei der Fußball-WM vergangenes Jahr: »Glückwunsch zum Einzug in die nächste Runde ins Viertelfinale: Was hat das deutsche Spiel so schwerfällig und so anfällig gemacht?« Knallharte Fehleranalyse des Erfolgs.

IKONEN EINER STADT: Was gelbe Taxis für New York sind, sind für Berlin wahrscheinlich Spätis mit rauchenden Jugendlichen davor. Die Hauptstadt sieht wirklich oft aus wie ihr Klischee.

Aber hilft diese Problemfixiertheit wirklich? Und wenn ja: Wiegen die positiven Auswirkungen der Störung wirklich die negativen Gefühle auf, die sie halt auch verursacht? Vor unserer Abreise hatte ich über ein interessantes Lernexperiment an der amerikanischen Universität Cornell gelesen. Wissenschaftler hatten ihren Probanden Reißnägel, eine Kerze und Streichhölzer gegeben, mit diesen Werkzeugen sollten sie die angezündete Kerze irgendwie an einer Wand fixieren. Einer Hälfte der Probanden wurden vor dem Test Matheunterrichtfilmchen gezeigt, die übrigen sahen Sketche, über die sie lachten. Die Lachenden schnitten bei dem Experiment deutlich besser ab. Sie pinnten die Streichholzschachtel an der Wand fest und stellten die brennende Kerze drauf. Fertig.

Das Experiment suggeriert, dass glückliche Menschen eine höhere Problemlösungskompetenz besitzen. Die bedeutenden Teutschen in der Walhalla wären dementsprechend vielleicht noch viel bedeutender geworden, wenn sie nicht so bitter gewesen wären. Aber vielleicht waren sie das in Wirklichkeit ja auch gar nicht. Vielleicht waren nur die Bildhauer der Meinung, dass man diese Genies furchtbar ernst zeigen musste, weil glückliche Gesichter irgendwie frivol und dumm wirken könnten.

Als ich an einem der ersten Tage unserer Reise Stefan Klein traf, Autor des Buchs »Die Glücksformel«, bestätigte er mir das sozusagen. In Deutschland, meinte Klein, werde »Glück« viel zu kritisch beäugt werde gleichgesetzt mit einer rosaroten Brille, mit fahrlässiger Naivität, happy Schafen, die alles super finden und nichts mehr ändern wollen. Klein ärgerte das. »Es geht immer darum, die Welt und das eigene Leben zu ändern«, sagte er, »aber dafür braucht man Stärke, die schwermütige Menschen selten aufbringen. Glück bedeutet Freiheit! Glück gibt einem den Mut, sich nicht mit allem abzufinden.« Während unseres Gesprächs war das für mich nur einer von vielen guten Sätzen, die er zu sagen hatte. Erst Tage später begriff ich, wie eng das alles zusammenhängt: das Glück und der Mut, die Dinge und die Zukunft anzupacken. Und dass hier vielleicht unser wahres Problem liegt.

ROT SEHEN: Ein Paar im Leipziger Club Distillery. Zwei Uhr morgens.

Umgeben von verirrten Touristen und hemdsärmeligen Beamten saßen wir in einem Café im Berliner Regierungsviertel, diesem merkwürdig toten Niemandsland im Herzen der Republik. Die Sonne knallte auf das Trottoir, Klein trug ein schwarzes T-Shirt und wirkte halb aufgeräumt, halb angespannt. Er hatte nicht viel Zeit, er wollte nach dem Gespräch mit seiner Familie zum Wochenende ins Brandenburgische fahren, seit einer Weile machen das erfolgreiche Berliner offenbar so, er sorgte sich jedenfalls wegen des Verkehrs. Wir redeten also bald über das Thema, wegen dem ich ihn hatte treffen wollen: die Neurologie des Glücks. In seinem Buch behauptet Klein, dass Glück etwas sehr Konkretes sei, und zwar ein Zustand unseres Gehirns. »Das ist dann zwar ein sehr komplexer Zustand«, erklärte er, »der das ganze System einbezieht. Aber wenn man sich ein glückliches Gehirn im Kernspintomografen ansieht, sieht es immer ziemlich gleich aus. Und zwar unabhängig davon, was das Gehirn glücklich macht: Sex, gutes Essen, der Sommerwind.«

Ich dachte an den Vorabend. Brüggemann, O’Coonassa und ich waren in der Uckermark unterwegs gewesen. Wir waren durch elektrogelben Raps und silbergrüne Weizenfelder gefahren, als die Sonne in üppigster Schönheit dem hügeligen Horizont entgegensank. Die Welt war so prächtig, dass Brüggemann sagte: »Das hält man nicht aus.« Im Auto lief »Das Lied von der Erde« von Gustav Mahler, dem toten österreichischen Komponisten. Das Musikstück ist eine Meditation über die Frage, ob man in diesem Leben glücklich sein kann. Es geht um die schönen Dinge: das Fest, die Liebe, die Jugend, die Freundschaft; aber Mahler konnte nie vergessen, dass am Ende doch nur der Tod wartet, den er als Feind des Glücks erlebte. Er versuchte sein Leben lang, mit diesem Gedankenschatten zurande zu kommen, und in dieser Musik hat er es geschafft sie endet in Seligkeit. O’Coonassa neben mir auf dem Beifahrersitz rauchte feuchten Auges in den Sonnenuntergang. Ich fuhr und fand das ganze Leben gut, das Licht und die Musik und die Felder und Alleen, die Freunde im Auto, die Vorfreude auf das Abendessen, ein Bad im See.

WEISS AUSHALTEN: Die Hoteldeko im Schwarzwald demonstriert Praxis und Theorie von »Gemütlichkeit«.

Ich erzählte Klein von diesem Erlebnis und meinte, dass das wohl Glück gewesen sei. Und er sagte, das sei gut möglich, und dass in diesem Zustand Hormone ausgeschüttet würden, die man Neuromodulatoren nenne, und die dazu führen, dass man ganz anders sieht, denkt, fühlt. Und wir sagen ja auch wirklich, ich bin von Glück erfüllt, als hätten wir in solchen Momenten Blut aus Gold.

Trotzdem fehlte mir etwas in dieser Definition. Ich fragte Klein, wovon die Philosophen reden, wenn sie nach dem guten Leben fragen. Seit den Vorsokratikern, seit wir in Europa Philosophie kennen, ist das ein zentrales Thema. Ich meinte, dass ein gutes Abendessen einen Menschen schon glücklich machen könne, aber eben nur für den Moment. Dass vermutlich niemand sagen würde, sein Leben sei geglückt, bloß weil er stets einen guten Koch hatte. Stefan Klein nickte. »Das ist ein Problem der Sprache«, sagte er. »Wir verwechseln ›Glück haben‹ mit ›glücklich sein‹. Dabei sind das zwei unterschiedliche Phänomene! Worauf Sie hinauswollen, ist ein drittes. Was Sie meinen, würde ich als Zufriedenheit bezeichnen. Das ist aber kein Gefühl.«

Aber was dann? Eine Haltung? Ich dachte an einen Bekannten, der depressiv ist, und wie der sich über einen Witz kaputtlachen kann und danach strahlt. Ich dachte an Menschen, die sagen, sie seien mit ihrem Leben eigentlich sehr zufrieden, aber manchmal tieftraurig sind. Die Gefühlstemperatur, die wir in jedem beliebigen Moment erleben, hat wohl nur wenig damit zu tun, ob wir der Meinung sind, im Leben insgesamt auf dem rechten Weg zu sein. Trotzdem, dachte ich, sind Glück und Zufriedenheit sicher nicht zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Könnte man zufrieden sein ohne Glücksmomente? Und gibt es nicht vielleicht Lebensumstände, die einem weder kurze Glücksmomente erlauben noch eine allgemeine Zufriedenheit?

NUR WIR ZWEI: Zoe und ihre Katze leben in einem bayerischen Hippie-Camp.

Wir waren auf unserer Reise auch in Tröglitz, Sachsen-Anhalt. In Tröglitz ist vor einer Weile ein Asylantenheim angezündet worden. Es war noch niemand eingezogen, zum Glück. Der ehemalige Bürgermeister von Tröglitz hatte aber bereits vor dem Vorfall gewarnt, dass es bei der hohen Arbeitslosigkeit und Hartz-IV-Quote in Tröglitz schwer werden würde, dort Flüchtlinge zu integrieren. Ich persönlich fand Tröglitz immens deprimierend. Diese graubraunen Häuschen und Plattenbauten, die sich unter einen tiefgehängten Himmel duckten. Es war da so tot, nur zwei Jungs fuhren auf Mountainbikes die ganze Zeit schweigend im Kreis. Wie kann, fragte ich mich, ein Mensch in Tröglitz glücklich werden? Wie sollen Flüchtlinge dort ein gutes Leben führen?

Es heißt ja immer, dass Geld nicht glücklich macht. Aber Armut, das wissen wir aus der Forschung, macht unglücklich. Laut dem Kölner Institut der deutschen Wirtschaft sind die Hamburger die zufriedensten Menschen in Deutschland. In Sachsen-Anhalt sind die Menschen dagegen eher unglücklich. Das liegt doch vermutlich daran, dass die Hamburger eher reich, die Sachsen-Anhalter eher arm sind. Deutschland ist, was die Verteilung der Glückschancen angeht, ein ungerechtes Land.

In der Präambel zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wird als eines der Grundrechte des Menschen der »pursuit of Happiness« genannt das Streben nach Glück. Die Gründerväter wussten wahrscheinlich, dass nicht jeder Mensch ein glückliches Leben führen würde, fanden aber, dass der Staat zumindest jedem Menschen die Möglichkeit geben müsse, sein Glück zu suchen. Die Präambel der deutschen Verfassung ist, wen wundert es, ein wenig brüterischer als die amerikanische: »Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …« Und im Grundgesetz findet sich auch kein verbrieftes Recht jedes Menschens auf das Streben nach Glück. Und doch ist auch dieser Staat dafür verantwortlich, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass möglichst viele Menschen ihr Glück versuchen können.

GELD UND GLÜCK
»Wenn jemand von Ihnen sagen würde: ›Dieser Mensch ist sehr glücklich‹, hätte er damit recht oder nicht?« Diese Frage stellte das Allensbach-Institut den Deutschen über mehrere Jahrzehnte. An diesem Graphen sieht man, dass das Glücksbefinden der Leute ab Mitte der 60er mehr oder weniger stabil blieb, obwohl das Bruttoinlandsprodukt weiter stieg. Diese Abkoppelung nennen Ökonomen »Easterlin-Paradox«.

Als NEON 2014 die jungen Deutschen in einer Studie fragte, was die dringendste Aufgabe der Politik sei, antworteten die meisten: soziale Gerechtigkeit. Diese Haltung ist nicht nur dadurch zu erklären, dass sich die Befragten um ihre eigene Zukunft sorgen, sondern auch, dass sie wissen, dass extreme Ungleichheit den sozialen Frieden gefährdet und dass der eine kollektive Voraussetzung zum individuellen Glück darstellt.

Einmal saßen wir an der Outdoorbar eines Clubs in Leipzig, in dem gerade ein dreitägiger Rave begann. O’Coonassa rauchte und berichtete aus seiner irischen Heimat, wo die Wirtschaftskrise die Zukunft der Jugend bedroht. Alle zögen fort, sagte er, alles sei enger und beängstigender als vor dem Crash 2008. Haben dann, dachte ich, die vielen Millionen Deutschen, deren Glück rein äußerlich nichts im Wege steht, keine Krise, kein Krieg, kein Klimawandel, nicht fast die Pflicht, so glücklich zu sein wie möglich? Ist das nicht eine Frage des Anstands?

VATER DES GLÜCKS
»Wenn du einen Menschen glücklich machen willst, dann füge nichts seinem Reichtum hinzu, sondern nimm ihm einige von seinen Wünschen.«
Epikur (341-270 v. Chr.), Begründer der Glücksphilosophie

Kant hat bemerkt, dass Glück etwas so Persönliches sei, dass kaum objektive Gesetze darüber abgeleitet werden könnten, wie es herzustellen sei. Je länger wir auf unserer Reise unterwegs waren, desto deutlicher erkannte ich die Wahrheit dieses Gedankens. Alle Menschen, die wir auf unserer Reise trafen, wollten glücklich sein aber jeder auf eine andere Weise. Die Leute wohnten in Bauwagen oder Hightechhäusern. Sie waren Naturburschen oder Großstadtindianer, waren heimatverbunden oder endlich davongekommen. Als wir in Leipzig waren, hatten gerade Tausende von Gruftis die Stadt eingenommen für ihr jährliches Festival. Einmal lief da vor uns so eine Gestalt daher, das war ein Mensch in einem unfassbaren Lackkostüm mit Pferdekopf und Hufschuhen und einem Korsett, SMmäßig auch noch an einer Leine von jemandem spazieren geführt, und vermutlich war das für diesen Menschen unter der Maske auch Glück, auf diesen unmöglichen Schuhen schwitzend durch eine Menge von Gaffern zu staksen und sich bei diesem Martyrium fotografieren zu lassen. Oder Kreuzberg, nachts. All die Schatten, die da durch die Dunkelheit flatterten und etwas suchten im Glitzern der Lichter der Bars und Spätis und Clubs. Alle schienen sie jung und schön und irre lebendig, aber auch so immens hungrig, als fehlte ihnen etwas, ein Mensch zum Küssen vielleicht oder eine Pille oder ein DJ, der sie um den Verstand bringen würde.

WAS WIRKLICH ZÄHLT
Glückliche Menschen leben im Durchschnitt 14 Prozent länger als Menschen, die sich als unglücklich bezeichnen. Für die allgemeine Zufriedenheit ist den Deutschen ihre Wohnung, ihr Familienleben und ihre Freizeit am wichtigsten. Im europäischen Vergleich brauchen die Deutschen auch nur wenig Geld, um glücklich zu sein.

Vor einer Berliner Bar trafen wir auch meinen Freund Jakob, der uns sofort sagte, er sei gerade wirklich zufrieden. Ungefragt sagte er das. Weil man, fand er, andere an diesem Gefühl teilhaben lassen müsse, auch um das selbst noch besser zu spüren.

Ich musste an etwas denken, das der Neuroexperte Stefan Klein gesagt hatte, und zwar dass wir Menschen nicht nur die Deutschen eine Tendenz dazu haben, uns auf die Probleme zu konzentrieren. »Wenn Sie eine negative und eine positive Emotion haben«, hatte er gesagt, »und beide gleich stark sind, halten Sie die negative trotzdem für wichtiger. Das kann man jammerschade finden, ist aber die menschliche Natur.« Diese Tendenz hat uns die Evolution mitgegeben. Vor lauter Freude darüber, dass er gerade einen Biber über dem Feuer röstete, durfte der Steinzeitmensch nie den Säbelzahntiger vergessen, der vielleicht im Gebüsch saß. Deshalb war unser Urahn beim Kochen eher besorgt statt glücklich. Und aus dem gleichen Grund liegen wir im Arm unserer neuen Liebe und denken an die Steuererklärung oder an die Prüfung oder an das geklaute Fahrrad und nicht an den Augenblick.

Man muss sich sein Glück deswegen bewusst machen. Jakob schien das kapiert zu haben. Übrigens hatte er sein Leben erst vor ein paar Monaten ziemlich umgeschmissen. Zunächst hatte er in München gelebt und dort Medizin studiert. »Aber bei der Vorstellung, Arzt zu werden, wurde ich unglücklich«, sagte er. Damals hätte er oft das Gefühl gehabt, an sich selbst vorbeizuleben. Er wusste sogar, was er wirklich wollte: Musik machen. »Aber dann hab ich mir immer gesagt: Medizin ist doch solide, Musik ist vielleicht Quatsch.« Irgendwann aber wurde Jakob klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Er bewarb sich für ein Kompositionsstudium in Berlin und bekam das auch. Er brach sein Studium in München ab, zog in die Hauptstadt und fand sofort eine großartige Wohnung. Er fing an, aufzulegen, und konnte davon bald schon seinen Lebensunterhalt bestreiten. Es war, als hätte das Schicksal seine Arme ausgebreitet. Ich musste an die Neuromodulatoren denken: dass man, wenn man glücklich ist, das ganze Leben anders erlebt. Vielleicht hat man dann auch das Gefühl, dass einem alles glückt.

50 SHADES OF MAUSGRAU: Das Panorama am Kummerower See zeigt, dass Deutschland schon ein farbenprächtiges Land ist. Es hängt nur davon ab, wie man »Farbe« definiert.

Einen Tag vor dem Ende der Reise fuhren wir am Rhein entlang. Manchmal brach die Sonne durch die Wolken. Überall standen Burgen herum, Lastkähne fuhren unter uns auf dem Fluss, Weinstöcke platzten grün auf den Hängen. Brüggemann war am Steuer, O’Coonassa rauchte. Ich machte mir Notizen: »Glück = individuell / Mut zum Glück / man muss springen / nicht gegen sich leben.« In Deutschland, dachte ich, sind die Bedingungen, den Sprung zu wagen, doch gegeben. Selbst wenn man sich bei einem Plan auf die Schnauze legt, muss man in den seltensten Fällen um seine Existenz fürchten. Ich fragte mich, ob das ein Segen ist oder nicht vielleicht sogar ein Problem.

Bei Koblenz verließen wir die B9 und folgten den Schildern zum Kloster Arenberg. Wir hatten uns gedacht, dass man nicht nur mit Menschen reden sollte, die an das Glück glauben, sondern auch mit Leuten, die daran zweifeln. Wir wollten mit jemandem reden, der sich aus der bösen Welt zurückgezogen hatte, um auf das Glück im Jenseits zu hoffen. Mit einer katholischen Nonne.

Schwester Ursula holte uns am Empfang des Klosters ab. Sie hatte einen ordentlichen Händedruck. Wir setzten uns mit ihr an einen kleinen Tisch im Besuchercafé des Klosters, ihr weißes Habit umhüllte sie wie ein riesiges Sahnebaiser. Sie hatte einen leichten saarländischen Singsang und lachte viel. Das Gespräch war toll, lief aber völlig anders als geplant, denn Schwester Ursula war vor der Welt nie weggerannt, im Gegenteil, sie suchte und fand ihr Glück sehr wohl im Diesseits.

Schwester Ursula wirkte irre fidel. Genauso glücklich wie Jakob. Genau wie er hatte sie den Mut gefunden, nicht mehr gegen sich selbst zu leben. Sie war Pharmazeutin gewesen und hatte sich lange gegen die Idee gewehrt, ins Kloster zu gehen. Zugleich rotierten ihre Gedanken ständig um Gott. Irgendwann gab sie diesem Impuls nach und besuchte die Dominikanerinnen in Arenberg. Und blieb. Für immer, eine unglaubliche Entscheidung. »Es kann wirklich ätzend sein, eine funktionierende Lebensstruktur zu verlassen«, sagte sie. »Ich hab so lange gebraucht, um mir das zu erlauben. Aber es lohnt sich.« Das mit dem Springen schien also wahr zu sein.

GESCHICHTE SPÜREN: Der Ausblick von der Walhalla, einem Denkmal für berühmte Deutsche über der Donau. Ein älterer Herr fühlt sich dem Tempelbau offenbar enger verbunden als andere Besucher.

Ich fragte sie, was sie Menschen raten würde, die glücklich sein wollen. »Der eigenen Intuition zu trauen«, sagte sie. Ich dachte: Jaja, #Phrase. Schwester Ursula redete weiter. »Wir werden oft durch äußere Impulse, denen wir mehr gehorchen als dem, was sich uns im Herzen zeigt, ferngesteuert. Wir finden tausend Entschuldigungen dafür, dass wir nicht tun, was wir uns wünschen.« Sie sprach von der französischen Mystikerin Madeleine Delbrêl und von »Wirklichkeitsgehorsam«. Es sei bedeutsam, gut auf die eigene Wirklichkeit zu hören, sich selbst gerecht zu werden in dem, was man braucht und schenken kann.

Warum, fragte ich, tun das denn so viele Leute nicht? Warum leben sie gegen sich? »Gute Frage!«, rief Schwester Ursula. »Gerade in Deutschland! Ich glaube, das liegt daran, dass Normalität hier als oberstes Ideal gilt. Das verstehe ich nicht. Es ist doch nicht wichtig, normal zu sein.«

Auf der ganzen Deutschlandreise, merkte ich auf einmal, hatten uns Sätze begleitet wie: »Die spinnt«, »das ist nicht normal, was der macht«, »that’s just sick«. In den harten Urteilen über andere äußert sich die eigene Furcht davor, alleine zu sein, wenn wir das uns zugedachte, schon angebrochene Leben ablegen. Bloß nicht aus dem Rahmen fallen. Die merkwürdigen Blüten, die dieses Konsensbedürfnis treibt, hatten wir oft erlebt. Im Freiburger Stadtteil Vauban zum Beispiel hatten sich lauter Menschen zusammengetan, um gemeinsam ein perfektes, nachhaltiges Leben in energieeffizienten Zukunftshäusern zu führen. Es war ein absolut unnormaler, eigenständiger und progressiv gemeinter Ort, an dem sich aber gleichzeitig eine merkwürdig enge Alternativnormalität gebildet zu haben schien. Alle Menschen dort sahen gleich aus, mit Kinderanhängern an den Fahrrädern und Funktionskleidung. Ob unter ihnen heimliche Rebellen waren, die still vom Fahren dicker, rußender SUVs träumten?

TAG 1: Unsere Tour beginnt mit einer Kanufahrt auf dem Fluss Peene. Der norden MecklenburgVorpommerns ist nur noch sehr dünn besiedelt.

»Die Menschen, die hier in Deutschland so unglücklich sind, leiden darunter, dass sie äußerlich die maximale Freiheit haben und die innerlich überhaupt nicht nutzen«, sagte uns Schwester Ursula. Gerade weil wir so viele Möglichkeiten haben, uns auszuleben, tut es uns so weh, wenn wir unseren tatsächlichen Wünschen nicht nachgehen. Ich musste an ein Buch denken, das ich vor Jahren gelesen hatte, »Das erschöpfte Selbst« von Alain Ehrenberg. Der schrieb, dass die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen, auch einen furchtbaren Druck erzeugen kann. Dass die Sorge, trotz aller Möglichkeiten nicht energisch genug nach dem Glück zu streben, manche Menschen tatsächlich in die Depression treibt. Ich erinnerte mich daran, wie ich Menschen, die ich liebe, davor gewarnt hatte, radikale Entscheidungen zu treffen. Und hatte ein schlechtes Gewissen. »Sie haben sich ja um die Leute gesorgt«, tröstete mich Schwester Ursula. »Es ist natürlich anstrengend, zu provozieren. Aber wer unbequem und radikal lebt, erlebt vielleicht ein tieferes Glück.«

Wir verabschiedeten uns zufrieden von Schwester Ursula. O’Coonassa, Brüggemann und ich stiegen ins Auto. Es ging nach Hause, die Reise war zu Ende. Wir schwiegen. Alle waren ziemlich in Gedanken. Brüggemann fuhr, O’Coonassa rauchte still. Ich dachte darüber nach, dass alles wie immer? so einfach ist und zugleich so kompliziert. Dass man Glück nicht ohne gesellschaftlichen Kontext denken kann und es trotzdem eine individuelle Angelegenheit ist. Und dass das deutsche Normalitätsdiktat eben diese Individualität verhindert. Ich dachte, dass wir hier doch alle angeblich so wahnsinnig emanzipiert sind und so customized, und wie viele Menschen ihre eigenen Wünsche merkwürdig duckmäuserisch an sich vorbeiziehen lassen, bloß um abends ihre Freunde damit vollzuschwallen, wie beschissen alles ist. Und ich dachte, dass diesem Land, das scheinbar fast alles hat, wohl doch eine sehr wichtige Ressource fehlt zum Glück: Mut.

Dieser Text ist in der Ausgabe 08/15von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte der NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

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