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Mit gebrochenem Herzen am Arbeitsplatz

Jeder Dritte war schon mal in einen Kollegen verknallt. Problematisch? Ja klar. Aber ändert ja nichts. Wie also kann die Liebe im Büro funktionieren? Was macht man mit penetranten Verehrern? Teil 4 der neuen NEON-Reihe.

Von Charlott Friederich

Geht eine Beziehung im Büro in die Brüche, wird es kompliziert (Symbolbild)

Geht eine Beziehung im Büro in die Brüche, wird es kompliziert (Symbolbild)

Montagskonferenz. Die Sonntagslaune haben die meisten Kollegen zusammen mit dem "Tatort" ausgeschaltet, müde Gesichter, leicht genervte "Alles auf Los"-Stimmung. Und dann geht die Tür auf. Er kommt rein. Schaut irre gut aus. Schaut, das gibt’s doch gar nicht, noch besser aus als am Freitag. Nicken, lächeln. Der Chef beginnt mit der Aufgabenverteilung für den Tag, einzelne Kollegen schließen die Augen, atmen schwer. Man selbst auch, allerdings aus ein bisschen anderen Gründen. Hat es je einen besseren Tag gegeben als den Montag, diesen Startschuss zu fünf Tagen flauem Magen und Hitzewallungen? Wahrscheinlich nicht.
Klingt irgendwie vertraut? Statistisch gesehen gibt es jedenfalls bloß zwei Gelegenheiten, bei denen wir uns öfter verlieben: Nicht etwa beim Onlinedaten, sondern einzig im Freundeskreis und beim Ausgehen funkt es häufiger als im Büro. Ist ja auch kein Wunder. Mit niemandem verbringen wir so viel Zeit wie mit unseren Kollegen, mindestens 40 Stunden. Dazu der ganze Stress und die geteilten Höhen und Tiefen des Büroalltags. Wissenschaftler sagen: Je größer die Identifikation mit dem Job, desto emotionaler geht es auch unter den Kollegen zu. Und Emotionen, das weiß man ja, lassen sich nur bis zu einem bestimmten Grad bewusst kanalisieren.
Trotzdem sind Büroflirts bis heute nicht überall gerne gesehen. In den USA können Beziehungen unter Mitarbeitern sogar vertraglich verboten werden. Klingt hart, hat aber gute Gründe. Wie der Fall von Frieda (Name von der Redaktion geändert), 28, aus Bremen zeigt:

Fall 4: Mit gebrochenem Herzen am Arbeitsplatz

Ich habe mich vor einigen Jahren in einen Arbeitskollegen verliebt. Vom ersten Moment an war ich mir sicher, dass ich ihn will. Er ließ sich etwas länger bitten, aber irgendwann waren wir ein Paar. Über ein halbes Jahr hielten wir unsere Beziehung geheim. Es war prickelnd, heimlich an der Straßenecke aus seinem Auto zu steigen, sich auf dem Flur verliebte Blicke zuzuwerfen und ab und zu im Büro zu knutschen. Eines Tages haben wir uns dann "geoutet", und es war für niemanden ein Problem. Trotzdem haben wir unsere Beziehung während der Arbeit nie offen ausgelebt. Nach fünf Jahren trennte er sich dann abrupt von mir. Er hatte sich in eine andere verliebt: meine Freundin und Kollegin! Ich kam mir vor wie in einer schlechten Soap. Mittlerweile sind die beiden seit ein paar Monaten ein Paar. "Geoutet" haben sie sich zweieinhalb Wochen nach ihrem ersten Date. Seitdem verhalten sie sich sehr rücksichtslos, knutschen leidenschaftlich miteinander, auch wenn ich in der Nähe bin. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, den Job zu wechseln. Andererseits will ich nicht "das Feld räumen". Mit der Zeit werde ich bestimmt lernen, damit klarzukommen. Bis dahin muss ich es einfach irgendwie aushalten.

Vielen von Meike Müllers Klienten ging es ähnlich. Um den Schmerz über unerwiderte Zuneigung oder das Beziehungs-Aus mit einem Kollegen zu verarbeiten, haben einige von ihnen sogar ein Sabbatical genommen. "Das ist richtig" , sagt Müller, denn in so einer verfahrenen Gefühlslage gilt: "Abstand gewinnen und sich wieder in den Griff bekommen." Außerdem solle man sich Gesprächspartner suchen, die nichts mit dem Büro zu tun haben, Freunde oder einen Coach, auf keinen Fall aber Kollegen in die Sache involvieren.


Doch manchmal hilft aller Abstand nichts. Wenn auch nach ein paar Wochen Auszeit die Arbeitsqualität weiter unter dem seelischen Kummer leidet, fängt es an, kritisch zu werden. "Wer merkt, dass er sich nicht mehr konzentrieren kann, flapsig zu den Kollegen wird oder immer wieder Flüchtigkeitsfehler macht, muss handeln" , sagt Müller. In diesen Fällen rät sie sogar dazu, den Vorgesetzten miteinzubeziehen. Zusammen könne man dann überlegen, was die beste Lösung ist: eine Weile Homeoffice machen oder sogar das Projekt oder die Stelle wechseln. Klar, so ein Schritt bedarf Überwindung. Doch lieber einmal die emotionalen Karten auf den Tisch legen als still vor sich hinzuleiden und der eigenen Karriere durch Herzschmerz-bedingten Leistungsabfall zu schaden.


Klingt alles ganz schön anstrengend und düster. Aber es gibt auch gute Nachrichten von der Love-Work-Front: Ehen, die am Arbeitsplatz entstanden sind, halten laut Statistik länger als die jener, die sich außerhalb der Berufswelt gefunden haben. Wie also funktioniert das mit der Liebe am Arbeitsplatz und wann ist der richtige Zeitpunkt, um sich zu ihr zu bekennen? Genau das fragt sich gerade auch Hannah, 25, aus Frankfurt - ihren Fall lest ihr demnächst bei uns. 

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