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Keine Geschichte

Der 21-jährige Josh leidet an einer extremen Form der Amnesie und vergisst alles, was über eine Woche her ist. Was ist das für ein Leben?

Fotos: Sean Fennessy

Josh hatte sich erhängen wollen. Vorher mit den Eltern reinen Tisch machen. Die letzten Dollars vom Konto abheben, damit ein Wochenende in irgendeinem Hotel verbringen. Am Ende des Wochenendes auf einen Stuhl steigen, springen, baumeln, sterben. Er hatte lange nachgedacht: Das schien die sau­berste Lösung zu sein. Er wollte der Nachwelt mit seinem Ende keine unnötigen Scherereien machen.

Mom, Dad, wir müssen reden. Er war nicht aufgeregt. Er ist ja nie aufgeregt. Er erklärte den beiden, dass es ihm viel, viel schlechter geht, als er ­bislang zugegeben hatte. Dass er deswegen von der Uni geflogen und pleite sei. Die Eltern haben ihn dann gar nicht vor die Tür gesetzt, womit Josh fest gerechnet hatte. Die Eltern waren sehr erschrocken. Sie sagten: Wir helfen dir. Wir versuchen, eine ­Lösung zu finden. Wieso hast du das verschwiegen? Die Mutter weinte, fragte: Wie konntest du denken, dass wir dich fallen lassen? Haben wir dir je etwas Schlechtes getan? Wir lieben dich doch. Josh hat gelächelt. Er hat gesagt: Das weiß ich ja nicht.

Josh ist 21 Jahre alt und leidet unter schwerem Gedächtnisverlust. Retrograde und anterograde ­Amnesie heißt das in der Fachsprache. Er erinnert sich an nichts, was länger als eine Woche her ist, nicht an seine Kindheit und nicht an seinen 18. Geburtstag: retrograd. Und er kann Erlebnisse nicht zu neuen Erinnerungen verarbeiten: anterograd. Josh ist ein losgemachtes Boot, das durch die Zeit treibt. Wenn er zurückblickt, woher er kommt, beginnt der Ho­ri­zont zu flackern, alles wird unscharf, verschwindet. Josh weiß nicht, ob seine Eltern ihn schlecht behandelt haben. All die Liebe, die sie in ihn hi­nein­gegossen haben, ist unten wieder aus ihm herausgelaufen, wie aus einem Eimer ohne ­Boden.

Aus seinen Notizbüchern weiß Josh, dass er ­etwa­ vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war, als er begann, sich erste Erinnerungshilfen anzulegen. Er weiß aus diesen Notizen auch, dass er damals sehr verwirrt war, dass das Leben plötzlich so undurchsichtig, ­abgründig, widerspenstig erschien. Aber er kann sonst nicht viel aus dieser Zeit berichten. Wie sich das angefühlt hat, als ihm das Existieren aus den Händen glitt, als er feststellte: Ich weiß das alles nicht mehr. Ich weiß nicht, wovon die anderen ­sprechen. Was soll gewesen sein? Ich habe was ­gesagt? Als sich die Geschichten auflösten – und ­damit auch er. Vielleicht ist das ein Segen, dass er selbst das Vergessen vergessen hat.

Es ist unklar, warum Josh kein Gedächtnis besitzt. Seine Eltern wissen von keinem besonderen Vorfall zu berichten, da war keine Krankheit, kein Unfall. Er hatte halt seit frühester Kindheit niedrigen Blutdruck. Aber sonst? Mehr war da nicht. Joshs Eltern können sich erinnern, wie sie mit ihm für die Schule lernten, als er vierzehn war, weil seine Noten auf einmal so abfielen und es ihm unmöglich wurde, den Lernstoff im Kopf zu behalten. Die Eltern waren damals etwas frustriert über den Sohn, sagten sich: Das ist die Pubertät. Josh war schließlich bis dahin sehr gut gewesen in der Schule. Und sind nicht viele Leute ver­gesslich? Es ist normal, die Daten aus dem Geschichtsunterricht zu vergessen. Das haben die Eltern gedacht.

Josh hat protestiert: Ich vergesse einfach alles, mit mir stimmt etwas nicht. Sie waren dann mit ihm einmal beim Neurologen, der hat einen Scan von Joshs Kopf gemacht. Alles normal, hat der Arzt ­gesagt. Josh, dachten fortan alle, ist einfach ein Schussel. Die Klassenkameraden begannen Josh »Goldfisch« zu nennen, weil diese Tiere angeblich kein Kurzzeitgedächtnis haben (was nicht stimmt). Josh konnte sich nie etwas merken, an alles musste man ihn erinnern.

Josh lebt im Süden von Adelaide, Australien. Bun­galow an Bungalow, endlose Vorstadtwelt, wahllos hineingewürfelt die Häuser seiner getrennten Eltern. Die Mutter, sie stammt aus Malaysia, ist Altenpflegerin, bei ihr wohnt der kleine Bruder. Der Vater ist gerade arbeitslos. Mein Vater, sagt Josh, ist ein guter Mann. Glaube ich. Ich darf ja bei ihm ­wohnen. Wenn Josh an seinen Vater denkt, beginnt es in seinem Kopf zu rumpeln und zu rennen, dann sucht er panisch alles zusammen, was er über den Vater finden kann: Worüber haben wir zuletzt ­gesprochen? Wann hat er sich von meiner Mutter getrennt? Was hat er beruflich gemacht?

So sieht Joshs Leben aus: panisches Wieder­holen.­ Er versucht, die wichtigsten Informationen und Geschichten zu behalten, indem er sie sich wie Mantras aufsagt. Josh nennt das seinen Puffer – ein Zwischenspeicher wie beim Internet-Streaming, in dem die wichtigsten Fakten in Endlosschlaufe ­laufen: wo er zur Schule gegangen ist, wie alt er ist, solche Dinge. Aber es hilft nichts, sagt Josh. Irgendwann fällt ihm eine alte Information nicht mehr ein, weil eine neue Information hinzukommt. Dann ist das, was war, weg. Sich erinnern ist für Josh, wie Wasser in den Armen behalten zu wollen.

Derzeit im Puffer: Die Geschichte, die sein Freund Richard ihm neulich erzählt hat, über den Streit ­damals, in der Schulkantine. Als Darryl einen Apfelbutzen nach Josh geworfen hat. Das Teil flog quer durch die Kantine und explodierte an Joshs Kopf. Alle haben sehr gelacht. Von dieser Geschichte ist Josh gerade regelrecht besessen. Ich habe von Darryl einen Butzen an den Kopf geworfen bekommen. Es war sehr lustig. »Ich«: eine Geschichte über den Menschen Josh für den Menschen Josh. Ein Er­innerungssplitter, glänzendes Glas, das an den Strand der Gegenwart gespült wird. Eine Weile wird er den Splitter mit sich tragen. Dann wird er ihn verlieren.

Josh sagt von sich selbst,er sei ein Trottel. Das stimmt nicht. Josh ist unglaublich smart und hochbegabt. Mit drei konnte er lesen. Die ersten zwei Schuljahre hat er übersprungen. Manchmal macht ihn das wütend: dass er früher so schlau war und jetzt, findet er, so dumm ist. Er hält nicht viel von sich. Die Kombination aus geringem Selbst­bewusstsein und hoher Intelligenz ist für ihn wahrscheinlich ein Fluch. Denn nach dem Besuch beim Neurologen hat er sich lange Zeit nicht getraut, über seine schreckliche ­Vergesslichkeit zu reden und zu ­klagen. Ich will die anderen Menschen nicht nerven, sagt Josh. Zugleich war seine Intelligenz so groß, dass sie als Tarn­kappe funktionierte. Er hat Tricks, die ein Erinnerungs­vermögen simulieren. Dass er nicht schlampig ist, sondern krank, begriff lange Zeit niemand.

Festspeicher: Joshs Vater hat seine Söhne im Portemonnaie immer dabei; links: Josh mit fünfzehn, als die Vergesslichkeit begann.

Josh hat es bis in die elfte Klasse geschafft. Er hat seinen Sinn für Logik genutzt. Hat vor Prü­fungen seinen Puffer vollgestopft mit dem, was wichtig schien. Irgendwann fiel er trotzdem durch. Über einen Sonderweg schaffte er es aber doch noch an die Uni. Einen Bachelor in IT wollte er machen. ­Anfang 2014 erhielt er ein Schreiben von der Uni: Wegen konstant schlechter Prüfungsergebnisse ­verlieren Sie Ihren Studienplatz. Fortan erhalten Sie keine Studienhilfe mehr. Kein Geld. Josh ­verbrach­te­ nun noch mehr Zeit in seinem Zimmer vor dem Computer. Wenn sein Vater fragte, was passiert sei, behauptete Josh, er besuche die Seminare nun online.

Das Zimmer von Josh ist leer. Es riecht zwar ein wenig nach Mensch, Bettwäsche, Deo. Aber die Wände sind gelb und leer. Ausdruckslos, als würde niemand in dem Zimmer leben. Es ist ein kleines, trauriges Zimmer. In einer Ecke der Computer, in der anderen ein schmales Bett. Ein paar Bücher über Japan. Was ist ein Samurai, Josh? Die Be­deu­tungen von Wörtern kennt er. Er kann damit zwar keine ­Erinnerungen verknüpfen, aber Definitionen: Mann, Schwert. Was ist ein Delfin? Ein Fisch mit einer langen Nase. Genauer kann er den Delfin nicht beschreiben. Er weiß nicht, ob er je einen ­gesehen hat. Kann man ohne Erinnerungen wissen, was ein Delfin ist? Ohne die TV-Serie »Flipper«, den Besuch im Zoo, die Doku von »Na­tional Geographic«? Irgendwie schon. Manchmal staunt Josh über sich selbst. Dann sagt er: Es ist faszi­nierend, oder? Dass manches funktioniert und manches nicht.

Josh kann sich zum Beispiel an manche Wege ­erinnern. Er hat die wichtigsten Strecken aus­wendig gelernt. Er geht in der Uni mit seinem Freund ­Richard spazieren und sagt: An dieser Stelle müssen wir links abbiegen. Rechts können wir nicht ­gehen. Dort endet meine Erinnerung. Josh bewegt sich vorsichtig durch die Welt, langsam, sorgfältig. Ist er auf unbekanntem Terrain unterwegs, folgt er stur Google Maps. Jede Besorgung im un­bekannten Teil der Welt ist ein Tauchgang in eine Dunkelheit, in der man sich schnell verlieren kann. Alles, was vertraut erscheint, ist ein Lichtblick in dieser Schwärze und ein großer Schatz.

Noch ein Trick: das motorische Gedächtnis. Er kann zum Beispiel seine Taekwondo-Bewegungen immer noch, obwohl er schon lange nicht mehr zum Training geht. Wie lautet deine Telefonnummer, Josh? Er macht eine Bewegung mit seinen Fingern, als würde er eine Tastatur bedienen. Aus der Bewegung rekonstruiert er seine Nummer. Motorisches Gedächtnis. Seine Tricks, seine Tarnkappe. Eine Technik, die er oft verwendet, aber nicht gut er­klären kann, nennt Josh »Chaining«. Verkettung. Ein Begriff löst den nächsten aus. Über Chaining versucht er sich Prozesse zu merken. Programmieren zum Beispiel. Auch seine Mantras funktionieren nach dem Chaining-Prinzip: Schule, Richard, Freund, Apfelbutzen. Lachen. Wer hat dir das ­Chaining beigebracht, Josh? Das weiß ich nicht.

Es heißt, man solle für den Moment leben: nicht so viel über der Vergangenheit, über verpassten ­Gelegenheiten brüten, sich nicht so viele Sorgen ­machen um die Zukunft. Einfach den Augenblick ­genießen. Josh ist eine Art Genie des Im-Moment-Lebens. Ohne es zu wollen. Immer, wenn er gerade glücklich ist, denkt Josh: Ich werde das alles ­wieder vergessen. Ein Moment, findet Josh, ist nur etwas wert, wenn er einem im Gedächtnis bleibt und man seine Farbe mit den Farben anderer Momente vergleichen kann. Josh ist deswegen alles ein bisschen egal. Er sucht gar keine Momente, ist viel alleine, zu Hause, im gelben Zimmer.
Seine Mutter erzählt, Josh sei schon als Kind introvertiert gewesen und still. Sie ­erzählt, wie er sich am ersten Schultag unter seinem Tisch versteckt hat vor den anderen Kindern. Josh sitzt ihr gegenüber und schaut sie an. Die Mutter erzählt Geschichten. Irgendwann fängt Josh an zu lachen. Es ist ein ungläubiges Lachen. Wie lange ist das alles her, fragt Josh. Zwanzig Jahre? Wie machst du das? Wie erinnerst du dich? Die Mutter schüttelt den Kopf.

Wie funktioniert unser Gedächtnis? Kann man das wissen? Wir erinnern uns halt; kramen Informationen hervor, stolpern über einen Geruch, einen Song, ein Stück Vergangenheit, driften durch einen Mix aus Fan­tasie und wirklich Erlebtem. Es gibt keine Gebrauchs­anweisung für das Erinnern, kein Schulfach Gedächtnismanagement. Wir reden ­selten darüber, wie das Erinnern geht. Wir reden ja auch selten über das Atmen. Sich erinnern gehört zum Menschsein ­dazu, Basisausstattung. Die »Behinderung«, wie Josh ­seinen Zustand nennt, führt dazu, dass er der Welt und ihren Bewohnern fremd bleibt: Das Leben der meisten Menschen beginnt mit ihrer ersten Erinnerung. Das Leben von Josh aber beginnt immer wieder neu »vor ein paar Tagen«. Deswegen treibt er alleine in dem losgelösten Boot, deswegen weiß er nichts von der Liebe seiner Mutter.

Josh geht in ein chinesisches Restaurant. Der Kellner bringt eine Karte, sie ist sehr lang. Josh ­studiert die Karte ein bisschen, dann sagt er: Knusprige Ente, das ist gut …? Er sagt nicht: Ich verstehe diese Karte nicht, ich kann mir unter all dem nichts vorstellen. Seine Hilferufe sind klein, leise, subtil. Weil die Leute solche Hilferufe aber nicht hören, bestellt Josh: knusprige Ente. Der Kell­ner­ bringt ein braunes Dings, ein formloses, verrücktes Dings. Das ist Ente? An dem Blick, mit dem er auf den Teller starrt, einer Mischung aus Erstaunen­­ und Entsetzen, bemerkt man, wie verzweifelt Josh wirklich ist.

Wichtigstes Werkzeug: An der Hightech-Gaming-Maus erkennt man, dass Josh den Computer nicht für den MS-Office nutzt.

Josh kennt zwei Gefühle: Verzweiflung und Sehn­sucht. Er ist verzweifelt, weil sein Leben so eine Zumutung ist, eine entstellte Unordnung, in der alle Versuche, irgendeine Geschichte herzustellen, ins Leere laufen. Manchmal hat er Angst, dass alles um ihn herum nur erfunden ist, dass er im falschen Film sitzt. Verzweiflung. Manchmal betrachtet er alte Fotos, wie er zum Beispiel vor ein paar Jahren mit seinen Eltern nach Neuseeland reiste und dort mit dem Gleitschirm flog. Wieso habe ich das gemacht, fragt sich Josh dann. Ich bin doch sonst so vorsichtig. Bin ich das? Wer bin ich eigentlich? Nichts wünsche ich mir mehr als Erinnerungen, sagt Josh. Sehnsucht.

Sein Vater und sein Onkel renovieren das Haus, reden über Kindergeschichten, lachen sich schlapp. Sehnsucht. Seine Mutter sitzt traurig in der ­Küche und sagt: Unsere Erinnerungen sind so wertvoll. ­Irgendwann sind wir alt und faltig und müde. Aber dann können wir uns immerhin an die schönen­ ­Tage, an unser Leben erinnern. Was aber wird Josh von Josh bleiben? Verzweiflung und Sehnsucht.

Josh wirkt oft wie ein Roboter. Auf seinem ­Gesicht spielt sich keine Regung ab. Weil er kaum Erfahrungen gespeichert hat, fällt es ihm schwer, sich vorzustellen, was wohl als Nächstes passiert. Das macht es für ihn fast unmöglich, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Probleme und Gefühle zu verstehen. Wie konntest du nur denken, dass wir dich wegen deines gescheiterten Studiums auf die Straße werfen würden, fragt seine Mutter. Es schien mir die logische Reaktion zu sein, antwortet Josh. Aber würdest du etwa deinen kleinen Bruder rauswerfen, fragt die Mutter. Josh ist kurz still, sagt: Nein, aber ich weiß nicht genau, warum ich das nicht tun würde. Da ist er sich selbst ein ­Rätsel. Was ist Empathie? Was ist Familie? Was ist Fürsorge? Josh hat keine Erinnerung daran, wie er seinen Bruder früher auf der Schaukel angeschubst hat. Wenn sein Bruder sterben würde, sagt Josh, ­hätte er ihn in einer Woche vergessen, und er ­würde ihn nicht vermissen. Der Bruder würde sich auflösen wie ein Blatt Papier im Wasser.

Wenn man mit Josh Zeit verbringt, werden das menschliche Gedächtnis und Erinnerungsvermögen zu Rätseln, über die nachgedacht werden muss; ­geheime Wege unseres Denkens. Der einzige Moment, in dem uns bewusst wird, wie wertvoll diese Fähigkeiten sind, ist, wenn wir uns vor ihrem ­Verlust fürchten: vor Alzheimer und Altersdemenz, davor, dass die Seiten unseres Lebensbuchs langsam verblassen. Das ist der Albtraum des Alters.

Joshs Albtraum aber sieht anders aus: Er schreibt gar nicht an einem dicken Lebensbuch, er hat nur ein sehr dünnes Heft, und der Text beginnt ohne ­jede Einleitung, mittendrin. Josh ist jung, körperlich gesund, er wird lange leben. Ihm fehlt nichts. Außer dem Gedächtnis. Deswegen fehlt ihm vielleicht aber doch eigentlich alles.

Ohne Erinnerungen sind wir verloren. Wenn wir uns keine Geschichte über uns selbst erzählen ­können, wissen wir nicht, wer wir sind. Wie heißt du? Wo bist du geboren? Wie heißt deine Mutter? Josh kann diese Fragen beantworten. Aber die Fakten kommen nur aus dem Puffer und sind nicht mit Gefühlen, Bildern und Gedanken verknüpft. Josh kennt sich selbst nur als Wikipedia-Eintrag. Ohne Erinnerung nehmen wir nicht an der geteilten Geschichte der Menschheit teil. Was ist 9/11? Wer war Osama bin Laden? Nichts. Ich nehme an, das war wichtig, fragt Josh. Ja, wichtig. Er nickt. Aber es ist so egal. Es wird bald wieder weg sein, Osama, 9/11 und auch dieser Moment, in dem ihn sein Gegenüber anstaunt.

Was wünschst du dir, Josh? Die Frage ist müßig, sagt er. Ich kann mir keine Zukunft vorstellen. Ich kann keine Menschen kennenlernen. Ich kann keinen Beruf erlernen. Aber wenn ich es mir aussuchen dürfte, würde ich gerne Programmierer werden. Ich mag Computer. Zugleich wird eine so harmlos gemeinte Frage für Josh schnell unheimlich. Denn vielleicht, denkt er, würde ich ja etwas anderes viel lieber machen. Vielleicht habe ich mal Dinge ­gemacht,­ die mir viel mehr Spaß machten als Computer, habe sie aber vergessen. Normale Menschen fragen sich, was ihnen zum Glück fehlt. Josh fragt sich, ob er das Glück schon einmal gekannt hat.

Josh wacht morgens auf und macht seinen Computer an. Routine. Feste Abläufe. Er macht den Computer an und liest die Nachrichten, stundenlang. Er will wissen, wie seine Gegenwart aussieht. Er hat Meinungen, verachtet zum Beispiel den australischen Premierminister Tony Abbott, weil der die Unterstützung für Studenten und Arbeitslose kürzt. Politik, Abbott, Kürzungen, Arschloch – noch so eine von Joshs Ketten. Nach den Nachrichten sucht Josh nach Jobs. Zermürbend. Wer nimmt mich mit meiner Behinderung, fragt er. Wie lange könnte ich die Fassade aufrechterhalten? Mit meinen Tricks?

Dann: Düstere Anime-Serien, die er immer wieder guckt. Computerspiele. Fast alle seine Freunde sind Menschen, mit denen er online spielt. Richard, Darryl. Wenn er alleine ist, sagt Josh, ist es oft nicht auszuhalten. Woran denkst du, Josh? Das Gaspedal durchdrücken und ins Meer reinballern. Ein Ende.

Manchmal fragt sich Josh, ob er sich das alles nur einbildet. Kann es so ein Leben wirklich geben? Das ergibt doch keinen Sinn. Seine Eltern drängen ihn, einen Neuropsychologen aufzusuchen, der in Echtzeit untersuchen kann, wie sein Gehirn arbeitet. Vielleicht findest du dort Hilfe, sagt die Mutter. Josh ist still und abweisend, hat Angst vor einer ­Diagnose. Es wäre gut, zu wissen, was die Behinderung auslöst, gibt er zu. Ob sein Gehirn defekt ist oder ob er sich alles nur einbildet. Was wäre besser? Hirndefekt, sagt Josh. In meinem Kopf bin ich ein Mensch ohne Erinnerung, verrückt bin ich da nicht.

WIE WEIß MAN, WAS MAN WEIß?

Boris Suchan ist Professor für Neuropsychologie an der Uni Bochum und erforscht das Erinnerungsvermögen. Hier erklärt er, warum Josh weiß, was ein Delfin ist, und wie unser Gedächtnis funktioniert.

Professor Suchan, sind Ihnen Fälle wie der von Josh aus Adelaide bekannt?
Ich weiß von einigen Menschen, die wie Josh mantraartig wiederholen, was sie wissen, wie ihr Vater heißt, wer sie überhaupt sind. Dieser Zustand kann sogar noch drastischer ausgeprägt sein als bei Josh. Es gibt Fälle, in denen das Gedächtnis weniger als dreißig Sekunden zu speichern scheint. Es kommt natürlich auf die Erkrankung an.
Welche Erkrankung kann diesen Zustand auslösen?
Ein Herzinfarkt zum Beispiel. Dabei kommt es zu einer Unterversorgung des Hirns mit frischem Blut, wodurch der Hippocampus innerhalb kürzester Zeit beschädigt wird. Ein derartiger Schaden ist leider auch nachhaltig.
Wissen wir eigentlich, wie das menschliche Gedächtnis genau funktioniert?
Man weiß zumindest, welche Hirn­strukturen wichtig sind. Das für die Erinnerungsfähigkeit wichtigste Areal ist der Hippocampus, in dem Erfahrungsinhalte prozessiert werden.
Und wo wird eine bestimmte Information im Hirn abgelegt?
Eine Erinnerung ist, wenn man genauer darüber nachdenkt, eine sehr vielfältige Informationsmenge. Den­ke ich an den Urlaub, dann geht es ja nicht nur um Bilder, sondern auch um Gerüche, Geräusche, Gefühle oder taktile Empfindungen wie die angenehme Temperatur an einem Sommerabend. Deshalb hat man es immer mit Netzwerken zu tun.
Was passiert in uns, wenn wir bewusst versuchen, uns an etwas zu erinnern? An einen Namen, Songtext, den Weg zur alten Schule?
In diesem Fall arbeitet der ­frontale­ Kortex, der für den gesteuerten Abruf von Informationen zuständig ist. ­Anders ist es, wenn wir vor uns hinträumen. Es gibt ein sogenanntes Standardnetzwerk in unserem Gehirn, das immer dann aktiv wird, wenn wir »nichts« tun. Wir ­tanzen dann innerlich durch Asso­ziations­netzwerke. Damit hängt in­tere­ssanterweise auch die Vorstellungskraft zusammen. Wenn man sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, kann man sich auch die Zukunft nur schwer vorstellen.

Dieser Text ist in der Ausgabe 11/14 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

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