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Wir und die anderen

Die Liebe, heißt es, kennt keinen Neid. Trifft man mit
dem Partner auf andere Paare, vergleicht man sich ­jedoch schnell – Nähe, Coolness, Kochkunst. Gut so! Der Paarwettkampf macht uns zu besseren Liebhabern.

Und auf einmal steht der Origami-Esel zwischen uns. Eine graue Papierskulptur, nur fünf Zentimeter hoch – und doch eine unüberwindbare Hürde. Mein Freund und ich sind bei einem befreundeten Paar eingeladen. Ein Abend in Ham­­burg-Eimsbüttel: ein Esstisch aus dunklem Holz,­ Spinat­salat mit Datteln aus einem Ottolenghi-­Kochbuch, Rotwein aus Frankreich. Während alle das Essen loben, drücken Sara und Peter sich immer wieder Küsse auf die Köpfe, ihre ­Füße berühren sich unterm Tisch. Für einen Single wäre so ein Hardcore-­Pärchenabend­ ­unerträglich. Aber wir sind ja zu zweit da. ­Alles gut, oder?

Bis ich den Origami-Esel aus dem Regal nehme und frage: »Oh, was ist das denn?« Peter sagt: »Den habe ich Sara zum Geburtstag geschenkt.«­ Er wird rot. Kaum etwas, das wissen­ wir alle, ist ein so großer Liebesbeweis wie ein Origami-Kunstwerk oder etwas ähnlich aufwendig Selbstgemachtes. Statt einfach eine Designerbrotbox oder einen Strickpullover­ aus Norwegen in einem Onlineshop zu bestellen, hat sich Peter in die japanische Kunst des Papierfaltens eingelesen und in 67 Schritten einen Esel gefaltet. Das dauert mindestens zwei Tage. Wie romantisch, denke ich. Irgendwann nach Mitternacht sind die Gläser leer, mein Freund und ich schlendern nach Hause und dann sind sie da, diese bösen, giftigen Gedanken: Ich habe noch nie einen Origami-Esel von ihm bekommen. Nicht einmal einen Kranich. Obwohl ich mit meinem Freund glücklich bin, macht mich dieses gefaltete Ding irgendwie ziemlich neidisch. Es geht dabei gar nicht um den Esel. Ich mag keine Esel. Der Esel könnte auch ein Fotoalbum, ein selbst gebauter Tisch oder ein gesticktes Kissen sein. Ein Geschenk eben, das Zeit und Energie kostet – statt ein bisschen Geld. Und schon ist es passiert: Ich vergleiche »uns« mit »denen«. Ein Pärchenabend, das wird mir in diesem Moment klar, ist immer auch ein Liebesduell.

Kaum etwas, das wissen wir alle, ist ein so großer Liebesbeweis wie ein selbst gefalteter Origami-Esel

In einer neuen Beziehung hat man zunächst eine positive Haltung gegenüber dem Partner. Man findet den Menschen, neben dem man morgens nun so oft aufwachen darf, uneingeschränkt toll. Das führt dazu, dass die zwei Ichs, die sich zu einem Wir aufaddiert haben, das Glück, sich unter all diesen anderen Menschen gefunden zu haben, schamlos feiern: Sie knipsen Selfies, auf denen sie sich küssen, und laden sie unter dem Hashtag #instalove auf­ Instagram hoch, sie posten Songs wie »Our Love« von Caribou auf das Facebook-Profil des jeweils anderen, und sie knutschen wild auf Partys rum. Manchmal hat man fast den Eindruck, dass das Paar durch das betont verliebte Verhalten die eigene Beziehung vermarktet.

Wir gegen den Rest der Welt: Wenn befreundete Paare zusammenziehen, fragt man sich: »Ist es bei uns nicht auch langsam Zeit?«

Der Soziologe Niklas Luhmann schreibt in­ seinem Aufsatz »Liebe. Eine Übung« darüber, dass die Faszination der Liebe auch in der Übertreibung der romantischen Gesten liege. Wenn aber alle Paare ihre Liebesgesten übertrieben gestalten, wird dann das Too-much nicht bald normaler Durchschnitt? Und müssen sich andere Paare dann nicht wieder etwas Neues ausdenken, um die Größe ihrer Liebe zu dokumentieren? Noch romantischer, noch herzlicher, noch heftiger? Moderne Paare­ befinden sich sozusagen in einem permanenten romantischen Wettstreit. Denn: All you need is love.

Nach dem Eselsvorfall fange ich an, unser und das Verhalten anderer Paare minutiös zu beobachten – Feldforschung im eigenen Alltag. Auf einer Ausstellungseröffnung konzentriert sich ein Paar nicht auf die Kunst, sondern auf sich selbst. Mit einem Bier in der Hand sitzen sie da und blicken sich in die Augen und lachen – als wären sie die einzigen Menschen im Raum. Und wir? Ich bin allein gekommen, mein Freund arbeitet zu Hause. Eine Kollegin erzählt, dass sie gerade mit ihrem Freund zusammengezogen ist. Und wir? Trauen uns nicht so ganz. Ein anderes befreundetes Paar redet von Verlobung und Hochzeit. Wir freuen uns, dass wir bald schon ein Jahr zusammen sind. Das ist ein guter Anfang. Trotzdem denke ich immer öfter darüber nach, ob andere Paare nicht vielleicht verliebter und glücklicher sind als wir. Das sind keine schönen Gedanken, ich fühle mich wie eine Verräterin.

Moderne Paare befinden sich in einem romantischen Wettkampf

Warum ist es uns nur so wichtig, eine größere, echtere Liebe zu haben als andere­ Menschen? Und muss dieser Paarwettkampf notwendigerweise eine kleinmütige, neidzerfressene Veranstaltung sein? Oder kann man von befreundeten Paaren nicht auch etwas fürs eigene Liebesleben lernen?

Der Vergleich mit dem Umfeld liegt nun einmal in der menschlichen Natur: Eine­ Studie der Universität Bonn belegt etwa, dass Arbeitnehmer nicht unbedingt ein gerechtes Gehalt wollen, das ihrer Arbeitszeit und Qualifikation entspricht, sondern dass sie vor allem­ mehr verdienen möchten als ihre Kollegen. Warum sollte dieser unbedingte Siegeswille ausgerechnet in dem Bereich nicht wirksam sein, der uns mehr bedeutet als alles andere auf der Welt? Wollen wir gar nicht die wahre­ ­Liebe finden, sondern nur verliebter sein als unsere Freunde?

Für knapp siebzig Prozent der Männer­ und Frauen in Deutschland, das belegt die aktu­elle Studie einer Partnervermittlung, ist »eine glückliche Partnerschaft« besonders erstrebenswert.

Die romantische Liebe, meint die israelische Soziologin Eva Illouz, die den Bestseller­ »Warum Liebe weh tut« geschrieben hat, dient­ in der heutigen »konsumorientierten Gesellschaft« zu einer »Aufwertung des Ichs« und bestimmt den »sozialen Wert einer Person«. In der kapitalistischen Gegenwart, so Eva Illouz, sind die Anforderungen an eine gute Beziehung bis ins Unermessliche gestiegen – Partner­ sollen nicht mehr nur zueinander auf­schau­en, weil sie gute Jobs haben, viel Geld verdienen oder gut kochen, die Beziehung muss auch nach außen so harmonisch, glücklich und zufrieden wirken, dass andere Paare diese Liebe bestaunen. Kein Wunder, dass sich manche Paare unter Druck gesetzt fühlen.

In den 90er Jahren erfand man den Begriff »Power-Couple« für besonders schöne und erfolgreiche Paare

Auch ich spüre diesen Druck. Wenn ich Fotos von meinem Freund und mir vor dem Eiffelturm in Paris bei Instagram teile und danach auf die Likes warte – auf Bestätigung. Oder wenn ich meiner besten Freundin einen schlimmen Streit verschweige, weil ich un­seren Ruf als bestes und tollstes Paar nicht­ gefährden will. In den 90er Jahren wurde das Wort »Power-­Couple« für besonders schöne, erfolgreiche und einflussreiche Paare ein­ge­führt, die ihre Liebe in der Öffentlichkeit­ zelebrieren: Kanye West und Kim Kardashian, Brad Pitt und Angelina Jolie oder – eine Nummer kleiner – die Berliner Autorinnen Andrea Hanna Hünniger und Helene Hegemann.

Wir haben mittlerweile verstanden, dass die rosa Images, die uns aus Hollywoodromanzen wie »Tatsächlich … Liebe« oder Liebesliedern wie Lana Del Reys »Us Against The World« entgegenwehen, nur wenig mit der Realität der Romantik zu tun haben. Wenn wir uns mit den Figuren aus den Filmen und Liebeshymnen vergleichen – oder mit den kaum weniger fiktiven Hochglanz-Power-Couples –, wissen wir, dass wir den Kürzeren ziehen.

Anders gestaltet sich die Situation, wenn wir auf unsere Freunde und ihre Partner oder dieses eine, hemmungslos verknallte Paar auf der letzten Party blicken: Sie sind uns näher und üben deshalb sogar noch mehr Druck auf uns aus – und beeinflussen so den Rhythmus unserer eigenen Beziehung. Über eine gemeinsame Wohnung oder Hochzeit oder Kinder­ denken wir nicht nur nach, wenn die Eltern nörgeln, dass noch immer keine Enkel auf dem­ Weg sind, sondern auch, wenn die Freunde es uns vormachen. Wenn meine beste Freundin heiratet, dann sollte ich vielleicht auch mei­nen Freund heiraten. Wenn meine Freundin schwanger wird, ist das vielleicht auch für mich, pardon, für uns, ein guter Zeitpunkt.­ Der permanente Paarvergleich kann nerven,­ hilft uns aber auch manchmal, alte Rollen ab­zulegen und die eigene Entwicklung voranzu­treiben.

Wir verstehen uns, oder? Paare entwickeln geheime Codes, um sich von der Außenwelt abzugrenzen.

Bevor mein Freund und ich gemeinsam auf Pärchenabende oder Partys gingen, besprachen wir, was für ein Paar wir eigentlich sein wollen – und wie wir auf keinen Fall enden wollen. »Ich möchte bitte nie einen Pärchensonntag«,­ sagte ich. Er meinte: »Nur noch ›wir‹­ sagen. Das geht gar nicht.« Indem sich Paare von anderen Paaren abgrenzen, erklären Psychologen,­ stärken sie die gemeinsame Bindung. Unser Wie-wollen-wir-sein-Gespräch fühlte sich an wie ein geheimes Abkommen – solche Vereinbarungen erzeugen sicher besonders viel Nähe.
Die Abgrenzung nach außen ist keine feindselige Geste – im Gegenteil. Eine Studie der Universität Colorado belegt, wie wichtig es für Paare ist, Freundschaften mit anderen Paaren zu schließen. Denn wenn Paare auf andere Menschen treffen, wollen sie sich gemeinsam gut präsentieren und geben sich in der Situation mehr Mühe. Der Versuch, anderen Menschen zu gefallen, stärkt auch die Bindung in der eigenen Beziehung.

Ein Paarvergleich muss deshalb nicht in einem gnadenlosen Wettkampf enden. Als ich meine Freundin ­Paula in einer Berliner Bar treffe, um Bier zu trinken und zu rauchen und über die Arbeit zu sprechen, erzählt sie mir auch von einem Wochenende, das sie gemeinsam mit ihrem langjährigen Freund in Wien verbrachte, wo die beiden einen Hotelgutschein­ einlösten. Sie erzählt, dass sie am Abend ein Konzert der Band Destroyer besuchte. Alleine. »Die sind meinem Freund zu ruhig, die mag er nicht und hat dann lieber in einer Kneipe Fußball geschaut«, erzählt Paula. Nach dem Konzert holte er sie ab – und keiner der beiden war böse, weil der andere die Interessen des Partners nicht teilte.

Das war wieder so ein Moment, in dem ich Bauchschmerzen hätte bekommen können – weil Paula und ihr Freund so toll mitei­nander umgehen (Höchstpunktzahl in der Liebes­du­elldisziplin »Freiheit in einer Beziehung«). Aber­ ich habe ihr einfach gern zugehört. Die Autonomie, die sich die beiden in ihrer Beziehung gegenseitig zugestehen, beeindruckt mich immer wieder. Wäre dieses Paar eine Band, ich würde sofort einen Fanclub gründen.

Der Vergleich mit anderen Paaren, merke ich, muss nicht unbedingt dazu führen, dass man anderen Menschen ihren Origami-Esel missgönnt oder die eigene Liebe durch Neid infrage stellt. Man kann andere Paare auch­­­ be­obachten und sich an ihrer Liebe freuen – und etwas von ihnen lernen. Ein paar Tage nach dem­ Eselsvorfall rede ich mit meinem Freund da­rüber. Er lacht und sagt: »Du bist doch sonst nicht so?« Einen Monat später schenkt er mir ein selbst gebasteltes Kochbuch: zwölf Re­zep­te, für jeden Monat eins. Dazu gab es die passenden Gewürze, denn mein Freund weiß: Ich esse gern gut, aber kochen, das lerne ich noch. Da würde ich mich nie mit anderen vergleichen. Das können die einfach besser.


Dieser Text ist in der Ausgabe 10/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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