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Mein Schatz

Kinotickets, Bierdeckel und Kaugummipapier können das sein, was sie sind. Oder sie stehen für die ersten flirrenden Momente einer neuen Liebe. Für uns haben sechs Nostalgiemessies ihre Schuhkartons geöffnet.

Fotos: Oliver Schwarzwald

Neulich hätte ich um ein Haar eine Freundin geschlagen. Den Dialog zur Vernehmung auf der Polizeiwache stelle ich mir so vor:

„Ich konnte nicht anders, sie wollte sich eine Haarnadel leihen!“

„Ja Herrschaftszeiten, wieso sagen Sie das nicht gleich?“

Die Freundin hatte sich, nachdem sie sich in meinem Flur sehr umständlich aus ihrer Schal-Strickjacken-Mantel-Kombination gewunden hatte, ihren Pony aus dem verschwitzten Gesicht klemmen wollen, griff also in die So-allerhand-Schale auf meinem Schuhschrank, „Ich nehme mir mal die Haarklammer hier, ja?“ und da wurde es dann laut. Um Himmels Willen, doch nicht DIE Klammer! Leg sofort die Klammer wieder weg! Ich zähle bis … Drei Tassen Ingwertee und viel Erklärung brauchte es, bis die Stimmung danach wieder einigermaßen im Lot war.

Man kann es den anderen, den emotional ausgeglichenen Menschen ja auch so schwer erklären. Diese Haarklammer ist nicht bloß eine handelsübliche Haarklammer, sie ist die Haarklammer, die ich auf seinem Nachttisch liegen ließ und von der er mir am nächsten Tag ein Foto schickte, schau, du hast eine Haarklammer vergessen, musst du wohl noch mal wiederkommen, ja, unbedingt, die brauche ich dringend, das ist eine von den guten. Nach dem Besuch der Freundin legte ich sie in eine Schachtel, dazu die Kinokarte, das Theaterticket. Mehrmals lief ich in den folgenden Tagen ins Schlafzimmer, Schachtel auf, Dinge beschauen, Schachtel wieder zu. Eindeutig: Ich war verliebt.

Der Publizist Roger Willemsen hat mal gesagt, wenn die Liebe ein Musikgenre wäre, dann Schlager. Sie mache die Dinge schlicht. Was sie aber auch tut: Sie gibt den Dingen eine neue Dimension. Befüllt Kinokarten oder Bustickets mit Gefühlen, lässt Taxiquittungen, Bierdeckel oder Streichholzschachteln zu Geschichten metamorphosieren. Für den Verliebten sind alltägliche Gegenstände ja sogar Müll nicht länger Dinge, sondern werden DAS Objekt zum Objekt der Begierde. Aufgeladen mit all dem Schwindel und der Hoffnung und der Panikattacken, die jede beginnende Liebe einem als Gefühlsziehharmonika im Stundentakt vor den Latz knallt. Und egal was aus ihr wird, Ehe, Affäre, eine Heiratsschwindlergeschichte bei „Aktenzeichen XY“, gar nichts der Nostalgiemessie kann jederzeit zurück zu den flirrenden Stunden des Anfangs. Er muss nur einen Kartondeckel anheben.


Für die Geschichte „Mein Schatz“ schickten uns NEON-Leser ihre Erinnerungskisten


  Teresa

Teresa

 „Zu unserem ersten Date brachte ich ihm einen Muffin mit. Mit der Bäckereitüte in der Hand wartete ich vor dem Kino und war mir plötzlich unsicher, ob das nicht total lächerlich aussehen würde. „Hier, Gebäck!“ – Wieso nochmal? Zum Wegwerfen war es aber zu spät, er kam schon auf mich zugelaufen. Und freute sich. Der Film, „Die geliebten Schwestern“, war dann auch ganz gut. Bei einer Sexszene sagt Friedrich Schiller zu Caroline von Lengefeld: „Das ist sehr erfreulich!“ Dieser Satz wurde zu einem Running Gag in unserer Beziehung. Genau wie die M&Ms, die wir zusammen vor seinem Büro aßen, nachdem ich ihn dort zum ersten Mal abgeholt hatte. Ich war sehr nervös gewesen, seine Kollegen kennenzulernen, hatte mich vorher tausendmal umgezogen. Und dann war alles doch sehr entspannt. Bei einem Hütten-Urlaub am Spitzingsee bekamen wir in der ersten Nacht den Ofen nicht richtig ans Laufen, froren also fürchterlich und spielten zur Ablenkung Kniffel. Zu seinem Geburtstag wenig später nahm ich mir einen Tag frei, um ihm eine Torte in Form seines Plattenspielers zu backen. Ein irrer Aufwand. Aber er freute sich sehr und formte mir aus der Folie ein kleines Herz als Dankeschön. Das letzte Andenken an unsere Beziehung ist der Fahrschein zum See, an dem wir einen perfekten Sommertag verbrachten. Keine vier Wochen später trennten wir uns –aus rationalen Gründen. Uns fehlte einfach die Zeit füreinander. Und eine gemeinsame Perspektive. Die Überbleibsel unserer Beziehung bewahre ich trotzdem weiterhin auf, in einer Emaille-Tasse hinten im Bücherregal.“


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  Jonas

Jonas

 „Es begann mit einem Schock. Wir hatten uns beim Onlinedating kennengelernt und wollten zusammen zu einem Berliner Musikfestival gehen. Gutes erstes Date, fanden wir. Aber dann stand er mir – einen Tag vor unserer eigentlichen Verabredung – plötzlich in einem Secondhandladen gegenüber. In meiner Überforderung warf ich mich auf den Boden und robbte auf allen Vieren in Richtung Ausgang. Komischerweise bekam er davon nichts mit. Das Date am nächsten Tag lief dafür umso besser. Musik wurde zum Schlüsselelement unserer Beziehung. Gegenseitig nahmen wir uns Playlists auf und tauschten Ipods. Als er im Zuge seines Modedesignstudiums für zwei Monate nach Paris zog, begleitete ich ihn. Alles war aufregend und romantisch. Schnöde Metro-Irrfahrten genauso wie das alte kinderbuch, das er zu unserer Geschichte umschrieb. Wir bereicherten uns gegenseitig. Er designte ein Shirt für mich. Ich kaufte ihm Karten für einen Pina-Bausch-Abend. Dann übertrieben wir es. Wir waren so verliebt, dass wir alle Gefühle des anderen adaptierten – und am Ende zu unseren Spiegelbildern wurden. Anfang des Jahres trennten wir uns deshalb. Nah stehen wir uns immer noch.“


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  Celine

Celine

 „Er hatte mich vor einem Club angesprochen und nach meiner Handynummer gefragt. Geht romantischer, klar. Aber irgendwie war ich bei unserem ersten Date dann trotzdem wahnsinnig aufgeregt. Wir spazierten durch Bern, unterhielten uns, irgendwann bückte er sich nach einer Kastanie und schenkte sie mir. Ich kann mir heute nicht mehr erklären, wieso ich das tat, aus purer Überforderung vielleicht, aber: Ich warf sie einfach weg. Er war aufrichtig enttäuscht: „Das ist ein Geschenk gewesen.“ Sofort tat es mir leid, ich lief zu dem Gebüsch, in dem ich sie vermutete, und fand sie schließlich. In den zweieinhalb Jahren unserer Beziehung war die Kastanie ein wichtiges Symbol. Besonders in den Phasen, wenn es nicht so gut lief zwischen uns, fragte er nach ihr. Wenn ich sie dann aus meiner roten Schatzkiste hervorholte, wirkte er jedes Mal erleichtert. Irgendwann machte ich trotzdem mit ihm Schluss. Ich fühlte mich zu jung für eine so feste Bindung, wollte noch mehr erleben. Wie dumm, denke ich heute oft. Mittlerweile hat er eine neue Freundin und keinen Kontakt mehr zu mir. Die Kastanie bewahre ich trotzdem auf. Weil sie mich an meine erste große Liebe erinnert. Und daran, dass ich vorsichtiger mit den Gefühlen der anderen umgehen sollte.“


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  Selina

Selina

 „Offiziell waren wir nie ein Paar. Er sollte nach dem Auslandsstudium in Wisconsin nach Peru zurückkehren, ich nach Deutschland. Bei der Party zu seinem 21. Geburtstag verlor er das hellblaue Birthday-Badge im Laufe der Nacht. Am nächsten Morgen gingen wir spazieren und fanden es am Straßenrand wieder. Wenn ich es sehe, weiß ich, wie verliebt ich eigentlich war.“


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  Laila

Laila

 „Nick war mein zweiter Freund, ein Jahr älter als ich und der tollste Typ, den ich kannte. Nach seinem Abi 2013 brach er für ein Auslandsjahr nach Neuseeland auf. Ich vermisste ihn wahnsinnig. Also rechnete ich: In den Herbstferien jeden Tag im Freizeitpark arbeiten, abends kellnern, dazu vier Nachhilfeschüler … Fast 2000 Euro brauchte ich für das Flugticket. Im Dezember hatte ich sie zusammen. Ich ließ mir von der Schule eine Beurlaubung ausstellen. Mitten in meinem Abi. Aber ich war derart liebeskrank, dass meine Eltern den Trip schließlich erlaubten. Als ich nach 44 Stunden Reise bei ihm ankam, heulte ich vor Glück. Er nicht. ,Na, dann gehen wir mal ins Hostel, was?‘, war sein Begrüßungssatz. Ich blieb optimistisch. Vielleicht fremdelten wir nur. Einen Monat blieb ich bei ihm. Oft ging ich alleine am Strand spazieren, sammelte Dinge wie die zerfledderte Feder. Als ich zurück in Deutschland war, schrieb er mir, er würde gern eine offene Beziehung führen, um – Achtung – MICH nicht einzuschränken! Erst Wochen später erfuhr ich zufällig über einen Facebook-Kommentar, dass er seit Monaten eine neue Freundin hatte, mit der er nun in Kanada lebt.“


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  Charlotte & Felix

Charlotte & Felix

 „Wir waren erst zwei Wochen zusammen, als wir mit meiner neunjährigen Schwester Emma am Niendorfer Strand spazieren gingen. Auf halbem Weg hielt sie uns plötzlich zwei Herz-Saugnäpfe hin: ,Die müsst ihr euch auf die Stirn kleben und dann küssen!‘ Als das Emma-Ritual vollzogen war, schenkte sie jedem von uns einen Stein. Genau so verrückt war der Besuch einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, bei dem uns eine Aufseherin rauswerfen wollte, weil wir so heftig rumknutschten. Von unserem ersten gemeinsamen Urlaub in Portugal habe ich sogar die Flugtickets aufbewahrt. Vor ein paar Tagen hat Felix um meine Hand angehalten. Emma weiß noch nichts davon. Aber meine Antwort wird sie freuen.“


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Dieser Text ist in der Ausgabe 09/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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