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Island: Ein Land sucht seinen Mörder

An kaum einem Ort auf der Welt ist es so unwahrscheinlich, ermordet zu werden, wie auf Island. Doch Birna Brjánsdóttir verschwand. Eine Rekonstruktion.

Birna sei lustig und schlagfertig gewesen, sagen ihre Freunde. Bald wollte sie nach Amerika reisen.

Am Sonntag, den 5. Februar 2017, drei Wochen nachdem Birna Brjánsdóttir verschwand und nicht wie­derkam, scheint die Wintersonne gleißend vom Himmel. Auf der Halbinsel Reykjanes ist es vier Grad kalt. Der Kriminaldirektor Ásgeir Thor Ásgeirsson, 48 Jahre alt, ein gedrungener Mann mit Glatze und Kaffee-Atem, untersucht den Mordfall. Er steht vor dem Einsatzwagen des Suchteams und blickt Richtung Küste. In den Tagen zuvor kam der Wind von Südwest, der Wasserspiegel war zu hoch für die Suche, sagt Asgeirsson. „Aber jetzt ist das Wetter perfekt.“

In der Ferne sieht man den gelben Leuchtturm Selvogsvite und die Freiwilligen, die inmitten der Felder und Lavabrocken nach Hinweisen suchen: Die schwarze Fleecejacke, der hellgraue Pullover, Jeans, das iPhone – alles, was Birna Brjánsdóttir zuletzt bei sich hatte, könnte helfen, den Fall zu klären. Seit 19 Jah­ren arbeitet Asgeir Thor Asgeirsson bei der Polizei in Hauptstadt Reykjavík. Doch kein Fall in seiner gesamten Amtszeit hat Island so sehr verstört wie der um die junge Verkäuferin.
Es gibt kaum Orte, an denen es unwahrscheinlicher ist, umgebracht zu werden, als auf Island. Durchschnittlich werden 1,8 Morde pro Jahr begangen. In manchen Jahren wurde kein einziger Mensch getötet. Der letzte mysteriöse Mordfall ist über 40 Jahre her. 1974 verschwanden zwei Männer. Gefunden wurden sie nie. Noch immer ist unklar, ob die Richtigen verurteilt wurden. Jeder Isländer kennt diesen Fall. Nun kennt jeder den Fall Birna. Überall in Reykjavík hing die Vermisstenanzeige. „Alter: 20, Gewicht: 70 kg, ­Größe: 170 cm. Haare: rötlich-braun mit Pony.“


Die Polizei veröffentlichte die Bilder der Überwachsungskameras. Tausende Isländer analysieren sie seitdem. Sie wollen wissen, was in jener Nacht geschah

Am Abend des 13. Januar, ein Freitag, trifft sich Birna Brjánsdóttir mit ihrer Freundin Matthildur. Die beiden kennen sich seit den Sommerferien vor drei Jahren. Seit Kurzem seien sie auch zusammen trinken und tanzen gegangen, erzählt Matthildur später der isländischen Zeitung „Visir“. Birna sei lustig und schlagfertig. So wirkt sie auch auf Youtube-Videos, die sie hochgeladen hat. In einem singt sie und isst dabei Nudeln.

Island: Ein Land sucht seinen Mörder

In der Innenstadt spielen die Freundinnen Karten. Dann ziehen sie weiter in die Húrra-Bar. In dem Indie-Laden im Zentrum Reykjavíks treten die Gewinner eines Bandcontests auf. Das kostenlose Dosenbier ist schnell leer. Mädchen in engen Hosen und bärtige Jungs in Karohemden tanzen. Birna Brjánsdóttir bleibt, auch als Matthildur um zwei Uhr nach Hause geht. Es ist das letzte Mal, dass sich die Freundinnen sehen. Um kurz nach fünf verlässt Birna die Bar.

Zwei Minuten zu Fuß von der Húrra-­Bar entfernt liegt der English Pub. Nachmittags laufen dort Fußballspiele auf Großleinwand, Singer-Songwriter spielen die ewig gleichen Mitgröllieder, Männer feiern in Tierkostümen Junggesellenabschiede. Um kurz vor Mitternacht setzt sich der Fischer Nikolaj O. aus Grönland an die Theke. Die Barfrau kennt ihn, wie sie später der isländischen Zeitung „Stundin“ erzählt. Beim Glücksrad, das die Barkeeper immer wieder drehen, gewinnt er acht Bier. Sein Kollege kommt in die Bar. Er trinkt ein Bier und einen Shot. Er wirkt nüchtern. Als die Barfrau später sein Foto in der Lokalzeitung sieht, erkennt sie ihn, obwohl sie ihm an dem Abend zum ersten Mal begegnet ist. Nikolaj O. ist bald so betrunken, dass er am Tisch einschläft. Er wird gebeten, den Pub zu verlassen. Von der Straße aus ruft er die Barfrau an. Es ist 3.56 Uhr.

Thomas M. ist regelmäßig in Reykjavík. Seine Crew fischt im Atlantik. Birgitta kennt ihn flüchtig. Sie ist 23, ihre weizenblonden Haare reichen bis zum Bauchnabel, die stark getuschten Wimpern bis zu den Augenbrauen. Den „schönen Grönländer“ nennt sie Thomas M., 25 Jahre alt, braune Haare, durchtrainiert. Birgitta fährt ihn regelmäßig von der Autovermietung, wo sie arbeitet, zurück an den Hafen. Dort liegt der Fischtrawler. Mit ihrer Kollegin scherzte Birgitta, wie nett und süß Thomas M. sei. Heute sagt sie: „Dabei habe ich normalerweise eine gute Menschenkenntnis.“

Island gilt als friedfertiges Land. Es ist das einzige Nato-Mitglied ohne Armee. Die ist unbewaffnet. Seit letztem Jahr gibt es zwar Waffen in den Dienstfahrzeugen, vergangenes Jahr wurde aber nur eine einzige dieser Waffen benutzt. Selbst 2008, als nach der Finanzkrise die Wirtschaft zusam­menbrach und Politiker verurteilt wurden, gab es keine Gewalt. Die Menschen gingen aus Protest mit Pfannen und Töpfen auf die Straße. Es war laut, aber friedlich. Die seltenen Morde passieren meist nach familieninternen Streitereien, oft in Verbindung mit Alkoholmissbrauch, schreibt der Soziologe und Krimi­nologe Helgi Gunlaugsson von der Universität Island.
Warum das Land so friedlich ist, erklärt die Juraprofessorin Svala Ólafsdóttir so: Die isländische Gesellschaft ist sehr egalitär, nur etwa vier Prozent der Einwohner sind arbeitslos, es gibt keine großen Einkommensunterschiede und ein gutes Sozialsystem. Darüber hinaus, so Gunlaugsson, mussten früher, um den langen und kalten Wintern zu trotzen, alle zusammenarbeiten. Daraus ist ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstanden.

Von der Húrra-Bar aus läuft Birna zu dem Imbiss Ali Baba. In den folgenden Minuten wird sie von mehreren Überwachungskameras gefilmt. Die Bilder wurden veröffentlicht und über Social Media verbreitet. Tausende Isländer interpretieren, analysieren und teilen sie seitdem, um herauszufinden, was an jenem Abend passiert ist. Ein Land sucht einen Mörder.

Um 5.12 Uhr geht Birna die Straße entlang, an der auch der En­glish Pub liegt. Drei Minuten später rempelt sie im Vorbeigehen einen Mann an, sie schlingert, beißt von ihrer Pita ab. Um 5.19 Uhr verliert sie Münzen. Sie bückt sich und fällt dabei fast um. Birna biegt ab auf die beleuchtete Hauptstraße Lauga­vegur. Souvenirläden, Cafés, Bars ­reihen sich aneinander. Ihr Kopf ist gesenkt. Es scheint, als fiele es ihr schwer, den Kopf oben zu halten, die Fleecejacke ist offen. Ist sie müde? Betrunken?
Vor dem Laden der Natio­nalkirche, in dem man Tonengel und Bibeln kaufen kann, Hausnummer 31, biegt Birna erneut ab.
5.25 Uhr. Es ist das bislang letzte Bild, auf dem Birna lebend zu sehen ist. Ein Mann rennt in dieselbe Richtung. Kurz danach rennt ein anderer Mann in die andere Richtung. Ein roter Pkw folgt. Die Aufzeichnung ist verpixelt, das Nummernschild kann man nicht erkennen. Der Fischer Thomas M. hatte sich am Tag zuvor einen roten Kia gemietet. Der Fischereihafen Hafnar­fjörður liegt 20 Kilometer westlich von Reykjavík. Die „Polar Nanoq“, der Fischtrawler aus Grönland, 65 Me­ter lang, Baujahr 2001, liegt am Kai. Es ist das Schiff, zu dem Birgitta mehrmals Thomas M. gefahren hat. Um 5.50 Uhr nimmt der Sendemast in Hafnarfjörður das letzte Signal von Birnas Handy auf. Dann wird es manuell ausgeschaltet, sagt die Polizei. Der Fischer Nikolaj O. ruft die Kellnerin aus dem English Pub weiter an. Um 06.03 Uhr, 06.04 Uhr, 06.44 Uhr, 11.55 Uhr. Sie geht nicht ran. Erst nach 11 Uhr parkt er wieder am Hafen, wie man auf Videos der Überwachungskameras sieht. Der Tacho zeigt allerdings viel mehr Kilometer an. Thomas M. muss noch irgendwo anders hingefahren sein.

Samstag, der 14. Januar. Birna ist mit María, einer anderen Freundin, verabredet. Beide arbeiten zusammen im Supermarkt in einem Einkaufszentrum. Sie kennen sich, seitdem sie drei Jahre alt waren. Doch Birna kommt nicht. Ihr Smartphone ist ausgeschaltet. Gegen Abend melden Birnas Eltern ihre Tochter als vermisst. Birna ist immer online, sagt die Mutter der Polizei. Sie hat immer ein Ladegerät dabei, sagen die Freundinnen. Birnas jüngerer Bruder geht abends in die Húrra-Bar und zeigt den Mitarbeitern Fotos. Er ist außer sich vor Sorge.

Unter den Schuhsohlen klebt Schnee. Am Hafen aber liegt kein Schnee. Die Polizei schließt nicht aus, dass die Stiefel dort platziert wurden

Am Sonntag postet die Polizei die Vermisstenmeldung bei Facebook. „Wenn Sie Informationen haben, rufen Sie die Polizei an unter 444 1000.“ Birnas Mutter sagt im staatlichen Fernsehen: „Birna würde nicht einfach so alleine verschwinden. Sie rennt nicht vor irgendwas weg, sie nimmt keine Drogen. Für mich ist ziemlich klar, dass sie in ­Gefahr ist. Wenn Sie Birna gefangen halten – bitte lassen Sie sie frei.“ Die „Polar Nanoq“ hat zu dem Zeitpunkt bereits den Hafen von Hafnarfjörður verlassen, mit Kurs auf Grönland. An Bord sind Nikolaj O. und Thomas M. Später findet die Polizei dort auch Birnas Ausweis und 20 Kilogramm Haschisch. 18 000 Isländer sind Mitglied in der Such- und Rettungsgesellschaft Slysavarnafélagið Landsbjörg aktiv. Die Mitglieder gelten beinahe als Schutzheilige des Landes. Meist helfen sie Touristen, die mit Turnschuhen in Gletscherspalten stecken bleiben, und Demenzkranken oder Wanderern, die verloren gehen. Jetzt assistieren die Landsbjörg-Teams der Polizei, sie suchen mit Hunden im 300-Meter-Radius um die Straße Laugavegur, in der Birna zuletzt gesehen wurde. Am Montag, 16. Januar, gibt die Polizei eine Pressekonferenz. Der Kriminaldirektor Ásgeir Thor Ás­geirsson steht vor dem Gebäude, Schnee fällt auf seine Polizeimütze, als er die Öffentlichkeit bittet, bei der Suche zu helfen. Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht die Polizei die Videoaufzeichnungen der Überwachungskameras. Mehr als 74 Prozent aller Isländer sind auf Facebook angemeldet. Etliche Menschen teilen den Aufruf, bei der Polizei treffen massenhaft Hinweise ein.

Am Dienstag, den 17. Januar schreibt die Kellnerin aus dem En­glish Pub dem Fischer Nikolaj O.: „Sorry I didn’t answer the phone the other night … did you get back to your boat ok?“ Nikolai O. antwortet darauf nicht.
In dem roten Kia findet die Polizei Blutspuren. Das Material wird nach Schweden verschickt, mit oberster Priorität. Island hat kein eigenes Zentrum, in dem DNA forensisch ausgewertet wird. Ein Bürger findet Birnas schwarze Doc Martens am Hafen, etwa 300 Meter vom Liegeplatz der „Polar Nanoq“ entfernt. Unter den Sohlen ist Schnee. Am Hafen aber liegt kein Schnee. Die Polizei schließt nicht aus, dass die Schuhe dort absichtlich hingelegt wurden.

Einige Bürger beginnen selbst, Ermittlungen aufzunehmen: Eine Frau bittet Crewmitglieder des Schiffes „Polar Nanoq“ um Stellungnahmen. Ein Mann schneidet die Überwachungsaufnahmen zusammen und kommentiert sie bei Youtube. Auf der Onlineplattform „Reddit“ wird der Thread „A Girl Is Missing“ eröffnet. Einige behaupten fälschlicherweise, Birnas Leiche sei gefunden worden. Birnas Mutter schreibt auf Facebook: „Um Himmels willen. Birna wurde noch nicht für verstorben erklärt. Bitte behaltet eure Mutmaßungen für euch.“
Das isländische Einsatzkommando Viking Squad Team fliegt mit dem Helikopter aus, um die „Polar Nanoq“ mit den beiden Tatverdächtigen an Bord zurückzulotsen. Am Mittwoch, den 18. Januar, erreicht das Schiff den Hafen von Hafnar­fjörður bei Reykjavík. Nikolaj O. und Thomas M. kommen in Einzelhaft. Nikolaj O.s Anwalt ­vertritt den vierten ­Mordangeklagten in drei Jahren. Kein isländischer ­Jurist habe sich ausschließlich auf Strafrecht spezialisiert, sagt der Anwalt. Dafür gebe es zu wenige Fälle.

Die DNA-Analyse aus Skandinavien ergibt: Das Blut in dem Auto, das Thomas M. geliehen hatte, ist von Birna.
Am Sonntagmittag, 22. Januar, fliegt die Küstenwache mit dem Helikopter über die Halbinsel Reykjanes. Sie entdecken eine Leiche am Strand, in der Nähe des gelben Leuchtturms Selvogsvite. Birna ist nackt. An ihrem Hals finden die Ermittler blaue Flecken, möglicherweise Würgespuren, berichten isländische Zeitungen. Die wahrscheinliche Todesursache: Ertrinken. Es ist unklar, ob Birna bei Bewusstsein war, als sie ins Wasser fiel oder geworfen wurde. Ob sie missbraucht wurde, beantwortet die Polizei nicht. Thomas M. soll in Grönland eine andere Frau vergewaltigt haben und ist wegen Drogenbesitzes vorbestraft.


Ganz Island steht unter Schock. Das sagt der Pressesprecher der Polizei. Das titeln die Medien. „Ich hätte nie gedacht, dass ich meine beste Freundin verlieren würde“, schreibt Matthildur bei . Am 28. Januar ziehen etwa 10 000 Menschen in einem Trauermarsch durch Reykjavík. Sie zünden Kerzen vor Laugavegur 31 an, legen Blumen nieder. Viele Isländer stellen Kerzen ans Fenster. Auch in Grönland versammeln sich Menschen, um Birna zu gedenken. Die Crew der „Polar Nanoq“ kondoliert der Familie.

Der Tod Birna Brjánsdóttirs hat Island verändert: Spricht man im Restaurant, an der Uni, auf der Straße junge Frauen an, bekommt man den Eindruck, dass sie sich nicht mehr sicher fühlen. Birta, 17, hat vor einem Monat ihre Führerscheinprüfung bestanden. Ihr Auto parkt etwa hundert Meter vom Eingang des Restaurants entfernt, in dem sie als Kellnerin arbeitet. Ihre Mutter besteht darauf, dass sie anruft, sobald sie im Auto sitzt. Gudrun, 27, Ingenieursstudentin, hat ihr Pfefferspray herausgekramt. „Ich will nicht paranoid klingen, aber ich werde nie wieder alleine nach Hause laufen“, sagt sie. Viele melden sich in Reykjavík zu Selbstverteidigungskursen an. Die Überwachungskameras in der Hauptstraße Laugavegur sollen ausgetauscht werden, die Polizei soll präsenter werden. Ein Land hat seine Unschuld verloren, so scheint es.
Am Donnerstag, 2. Februar, wird Nikolaj O. aus der Untersuchungshaft entlassen. Er sagt, er könne sich an nichts erinnern. Er sei unschuldig. Doch er gilt weiterhin als tatverdächtig. Thomas M. sitzt weiter in Untersuchungshaft. Er schweigt. Vielleicht klärt der Gerichtsprozess bald, was genau am 14. Januar geschehen ist.

Am Freitag, den 3. Februar, weht vor der Hallgrímskirche in Reykjavík die isländische Flagge, das weiß-rote Kreuz auf blauem Hintergrund, auf Halbmast. Zwei Touristinnen fotografieren sich davor. Um 13 Uhr fährt ein Leichenwagen vor den Eingang. Birnas Vater trägt Pappkartons mit Trauerkarten in die Kirche. Der isländische Präsident ist anwesend. Eine Frau singt: „If you must die, sweetheart/Die knowing your life was my life’s best part.“ Ein Mitglied des Männerchors klammert sich an die Balustrade, wischt sich über die Augen. Birnas Freunde, vorne links Matthildur, tragen den weißen Sarg mit rosafarbenen Rosen darauf aus der ­Kirche. Dem Kameramann des staatlichen Fernsehsenders RUV laufen Tränen über die Wangen, während er die Freunde filmt.
Nach der Beerdigung, um 22 Uhr abends, stehen Birnas Freunde vor einer Kneipe und rauchen. Schräg gegenüber liegt die Húrra-Bar.


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