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Wenn der Kopf über das Herz siegt

Gehen oder bleiben? Wann weiß man, ob man für eine Beziehung kämpfen soll oder es lassen soll? Das fragte unsere NEON-Titelgeschichte. Esra hat sich entschieden und schrieb einen Brief an Christian.

Lieber Christian,

eine Beziehung zu beenden schmerzt, genau wie verlassen zu werden. Weißt du noch, wie du mir ungefragt Körnerkissen gebracht hast, wenn ich Bauchweh hatte? Mich durch die schwere Zeit nach dem meiner Großeltern getragen hast, wie wir stundenlang planlos mit dem Auto herumgefahren sind, singend, lachend?

Es war Liebe. Aber mir hat es nicht gereicht. Wochenlang stellte ich mir diese eine Frage: gehen oder bleiben? Da waren meine Gefühle auf der einen Seite. Der Schmerz des Loslassens. Die Angst vor dem Alleinsein. Auf der anderen Seite wusste ich: Wir sind zu unterschiedlich. Ich wollte etwas unternehmen, du lieber zu Hause bleiben. Der Haushalt blieb an mir hängen. Ich musste dich um jede Hilfe bitten, dich anflehen. Rechnungen hast du einfach ignoriert und mich damit wahnsinnig gemacht. Und dann war da der Moment, als dir meine Tränen egal waren. Vermutlich siegte in dem Moment mein Kopf über das Herz.

"Wir können uns immer noch aufeinander verlassen"

Ab und an fühle ich mich noch immer wie ein Monster, weil ich unsere gemeinsamen Jahre weggeschmissen habe. Als ich dir sagte, dass ich keine Zukunft mehr für uns sehe, hast du so geweint, so hatte ich dich noch nie gesehen. Dass ich dich dazu gebracht habe, werde ich mir nie verzeihen. Wegen der Kündigungsfrist haben wir noch drei Monate zusammengewohnt. Ich musste mir abgewöhnen, dich Schatz zu nennen. Du hast wieder angefangen zu rauchen. Mit viel Galgenhumor haben wir die Zeit gemeistert: Beim Eisessen besprachen wir, wer welches Möbelstück bekommt. Keiner versteht, wie wir das geschafft haben. Wir selbst am wenigsten.

Wir können uns immer noch aufeinander verlassen. Wenn ich nachts nach Hause laufe, rufe ich zuerst dich an. Aus einem wieder zwei zu machen geht meist nur mit einem klaren Bruch. Den hatten wir nicht. Manchmal sehne ich mich danach, von dir in den Arm genommen zu werden. Aber wenn du betrunken anrufst und lallend sagst, dass ich dein Einhorn war, dass du nie gedacht hättest, mich zu finden, und mich nun doch verloren hast, dann bleibe ich hart, obwohl ich weich werden möchte. Ich sage dann: Es ist gut so, wie es ist.

Deine Esra


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