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Wie es sich anfühlt, jemanden zu lieben, der dich niemals zurücklieben wird

Marcel ist verliebt, aber seine Gefühle werden nicht erwidert. So weit, so gewöhnlich. Das Problem: Sein Schwarm heißt Carlos und ist heterosexuell. Es gibt also keinerlei Hoffnung für Marcel. Was macht das mit ihm?

Liebe unerwidert

Gute Freunde - mehr wird es zwischen Marcel und Carlos niemals sein (Symbolbild)

Okay, die Sache ist die: Ich liebe einen Mann, aber dieser Mann liebt mich nicht. Und es fühlt sich verdammt beschissen an.

Ich weiß, was ihr jetzt sagt. Klingt nach dem ältesten Problem der Welt. Musste jeder von uns schon mal mit klarkommen. Ja, stimmt, gebe ich euch Recht. Der Unterschied ist: Ich heiße Marcel. Ich bin schwul. Und der Mann, den ich liebe – nennen wir ihn hier mal Carlos –, ist hetero. Ich kann es also drehen und wenden, wie ich will. Daraus wird nix. Und zwar niemals.

Ich weiß nicht, ob ihr das verstehen könnt. Aber es hat eine andere Qualität, wenn du ganz genau weißt, dass du den Mann, den du liebst, nicht haben kannst, nie haben wirst. Normalerweise ist da ja ein Funken Hoffnung, dass er sich irgendwann doch noch für dich entscheiden könnte – ganz egal, wie unrealistisch es tatsächlich sein mag. Wir leben doch alle von diesen Luftschlössern, die wir uns bauen. Sobald wir unglücklich verliebt sind, setzen wir alles auf die Hoffnung. Sonst hätten wir doch irgendwann den Totalschaden im Kopf.

"Ich war schockverknallt, keine Frage"

Bei Carlos kann ich mir die Hoffnung sparen. Ich weiß noch genau, wie ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. Es war ein bisschen wie in , als wir in der kleinen Universitätsbuchhandlung auf dem Campus in Düsseldorf nach dem selben Buch griffen: "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez", ich sag mal so: Hallo Klischee! Wir mussten beide lachen, da fielen mir zum ersten Mal seine großen weißen Zähne auf. Dazu der breite Mund, die Stupsnase und die nackenlangen schwarzen Haare, die er sich etwas aufgeregt immer wieder hinter das Ohr klemmte. Ich war schockverknallt, keine Frage.

Carlos und ich wurden gute Freunde, gingen zusammen in die Mensa oder abends in die Altstadt. Ich mochte seine Art sofort: Er lässt gerne mal den Macho raushängen, ist aber gleichzeitig total feinfühlig für andere Leute, für die Schwingungen um ihn herum – eine seltene Kombination. Carlos ist Kolumbianer, der vor Jahren mit seiner Familie aus Medellín ins Rheinland gezogen ist. Er kommt aus gutem, reichem Haus, ist aber trotzdem total lässig. Außerdem hat er diese leicht aufmüpfige Ausstrahlung, für die ich eine Schwäche habe. Ich bin in einer Hochhaussiedlung im Düsseldorfer Süden aufgewachsen, komme aus einer ganz anderen Welt. Das ergänzt sich ganz gut. Wir haben uns jedenfalls immer viel zu erzählen.

Die Momente, in denen ich mich zusammenreißen muss, werden aber nicht seltener. Manchmal möchte ich am liebsten auf der Stelle über ihn herfallen. Ich bin seit zwei Jahren als Single unterwegs und lerne viele Männer kennen, aber ich habe selten so eine Anziehungskraft verspürt wie bei Carlos. Ich mache es natürlich nicht zum Thema, dafür ist mir unsere Freundschaft zu wichtig. Außerdem weiß ich, dass er super-straight ist und keinerlei Interesse an homosexuellen Experimenten hätte – da könnte ich ihn noch so sehr abfüllen. Stattdessen erzählt er mir von seinen Frauengeschichten, ich ihm aus meinem schwulen Single-Leben.

Ich habe schwule Freunde, die sich einen Spaß daraus machen, heterosexuelle Bekannte anzubaggern. Sie wollen dann ausloten, wie weit sie gehen können. Ihr würdet euch wundern, wie oft da was geht, besonders wenn die richtigen Drogen im Spiel sind. Ich habe das auch schon mal gemacht. Aber das ist alles bloß ein Spiel, nicht ernst gemeint. Mit Carlos ist das in jeder Hinsicht anders. Erstens sind wir Freunde. Zweitens liebe ich ihn wirklich.

"Wir sind hier nicht in Hollywood, Marcel", sagt mein Kumpel Ingo immer, wenn ich mal wieder von Carlos schwärme. Dabei war doch schon unser Kennenlernen in der Uni-Buchhandlung wie im Film! Ingo glaubt, ich steigere mich bloß rein in die ganze Geschichte. Weil ich weiß, dass ich Carlos niemals haben kann, werde ich immer schärfer auf ihn. Totaler bullshit, wenn ihr mich fragt, aber Ingo sagt das ständig, und dann lacht er und singt ein paar Zeilen aus dem Song "Side" von Travis: "The grass is always greener on the other side / The neighbour’s got a new car that you wanna drive / And when time is running out you wanna stay alive". Die gute, alte Geschichte, und ein tolles Lied, gebe ich zu, aber Ingo ist nicht mehr als ein Küchenpsychologe. Der kann mich mal!

Carlos könnte die Liebe meines Lebens sein

Dass es nicht so ist, merke ich daran, wie schlecht es mir immer mal wieder geht, nachdem ich mit Carlos unterwegs war: wie aufgekratzt ich dann bin, wie einsam ich mich fühle, wie unfair ich die ganze Situation finde. Irgendwie ironisch, dass auch die kleine Uni-Buchhandlung auf dem Campus im letzten Jahr für immer dicht gemacht hat. Von wegen Hollywood.

Es klingt vielleicht ein bisschen zu religiös oder so, aber es ist schon verdammt hart, dass es für mich in dieser Sache keine "Erlösung" geben wird. Vielleicht ist das sogar in anderer Hinsicht die Wurzel des Problems: Vielleicht würde mich schon ein schlechter Kuss von Carlos heilen. Vielleicht würde sich unsere Chemie verändern, wenn wir was miteinander hätten. Vielleicht könnte ich dann endlich wieder klar denken – und wäre nicht gleich so hysterisch und rasend und völlig irrational, sobald ich bloß an ihn denke.

Ich werde es nie erfahren. Weshalb Carlos gut und gerne die Liebe meines Lebens werden könnte. Auch ohne dass wir uns jemals küssen. Inzwischen verknalle ich mich hin und wieder auch schon mal in einen anderen, und irgendwann bin ich sicher auch wieder bereit für was Festes. Da mache ich mir keinen Kopf, da mache ich mich nicht verrückt. Ich habe mich damit abgefunden, und so weh es manchmal tut, finde ich es irgendwie auch romantisch: Meine Liebe zu Carlos wird unerfüllt bleiben, und ausgerechnet diese Aussicht gibt mir die Gewissheit, dass sie niemals wirklich enden wird. Das ist dann irgendwie doch ein bisschen wie in Hollywood.

tim

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