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"Junge, wir gehen zum Friseur"

Was passiert, wenn wir einmal auf unsere Eltern hören und die Dinge tun, die sie uns schon immer geraten haben? NEON-Autor Jurek probiert es aus - und wagt sich mit seiner Mutter zum Friseur.

Skeptischer Blick: Jurek gehrt mit seiner Mutter zum Friseur

Skeptischer Blick: Jurek gehrt mit seiner Mutter zum Friseur

Als ich mich im Friseursalon auf den Stuhl setze und sich der Umhang wie eine Schlinge um meinen Hals schnürt, nutzt Mama sofort die Gelegenheit: Sie fasst mir in die Haare. Ich zucke zusammen. „Heute darf ich das!“, sagt Mama. „Heute bestimme ich deine . Du hast es versprochen.“ Ja, das habe ich. Seit meiner Pubertät quält mich meine Mama mit dem Wunsch, auf meinem Kopf Ordnung zu schaffen. Gegen diesen Wunsch habe ich mich stets so beständig wie erfolgreich gesträubt - bislang. Jetzt will ich ihn ihr erfüllen. Dazu bin ich nach Hause gefahren, südostlicher Rand des Ruhrgebiets.

Seit einem halben Jahr war ich nicht beim . Ich sehe meine Haare schon lange als letzte wild wuchernde Bastion meiner selbst, das kleine bisschen Punk, das zwar jeder sehen, mir aber keiner nehmen kann; in das mir keiner reinreden oder reingreifen darf. Ein früherer Chef hat für diesen Zustand meiner Haare mal die richtigen Worte gefunden: „Ah, der junge Beethoven!“ Das gefiel mir.

Einen Jungen ohne Mütze und mit ordentlichen Haaren wünscht sich die Mutter - seit 15 Jahren vergebens

Einen Jungen ohne Mütze und mit ordentlichen Haaren wünscht sich die Mutter - seit 15 Jahren vergebens


Meine Mutter hat sich vorbereitet

Mama würde nie von Beethoven sprechen, sie bevorzugt das Wort „Katastrophe“, alternativ auch den Ausruf „O Jesus Maria!“. Beethoven taugt ihr überhaupt nicht als Frisurenblaupause für den Jungen (mich), zu wild, zu lang. Seit 15 Jahren versucht sie vergebens, das zu ändern. Und nun, da sie die Chance hat, zeigt sie sich gut vorbereitet. Sie holt ihr Smartphone raus und sagt: „.“ Max wer? „Giesinger! So ein sympathischer Junge. Guck!“ Sie wischt durch Fotos auf Google.

Mama hat den Popsänger in einer Talkshow sitzen sehen, klickt jetzt ein Foto an: stufig-strubbeliger Mittelhaarschnitt, ich glaube, das nennt man keck, Typ: lässt keine Gelegenheit aus, Schwiegermütter zu verzücken. „Der hat auch nicht mehr so viele Haare“, sagt Mama. „Wie du.“ In dem Augenblick frage ich mich, ob ich das echt ertrage: eine Frisur von Mama diktiert? Wie alt bin ich, fünf?

Am Abend vor meinem, besser: unserem Friseurtermin telefonieren Mama und ich mit meiner Oma in Polen. Oma fragt Mama nach dem jetzigen Stand meiner Haare. „Die sind jetzt eher“, dramatische Pause, „feminin.“ „Aber so männlich, das steht Jurek nicht!“ „Nein, nicht so kurz geschoren. Aber kürzer!“ Ich ahne Schlimmes. Am Ende sagt Oma: „Opfere dich nicht zu sehr, Jurek!“ Ich versuch’s, Oma.

Anekdoten und Heimattrance - ein Hinterhalt

Im Friseursalon kommt Maria Correnti, die Chefin, an meinen Stuhl. Maria kenne ich seit meiner Kindheit. Als ich acht war, schnitt sie mir zum ersten Mal die Haare. Schnell schlossen wir uns zu einem Geheimbund zusammen, der Mamas Vorgaben frei interpretierte (Maria) beziehungsweise ignorierte (ich). Insgeheim hege ich also die Hoffnung, dass Maria zu mir halten wird. Sie versteht mich.

Die Mutter hat genaue Vorstellungen: Eine Frisur à la Max Giesinger soll es bitte werden

Die Mutter hat genaue Vorstellungen: Eine Frisur à la Max Giesinger soll es bitte werden

„Maria, meine Liebe“, sagt Mama jetzt, „ich habe eine genaue Vorstellung. Ich weiß nicht, ob Sie Max Giesinger kennen?“ Mama zückt wieder ihr Smartphone, Maria nickt. „Okay, wir machen das so wie bei Max Sowieso, Frau Skrobala.“ „Aber nicht so wie immer, Maria! Nicht, dass der Junge nachher so aussieht wie vorher.“ Mama und Maria lachen laut, ich eher verhalten, sie steigern sich in einen Anekdotenstrudel, bis auch ich nicht mehr anders kann und laut mitlachen muss. Als sie sich über die Farbe des Pullis streiten, den ich trug, als ich das erste Mal zu Maria kam („Knallrot!“ „Nee, bunt!“ „Ganz knallrot!“ „Rot, aber mit Weiß und Grün, ne, Jurek?“), merke ich, dass ich, in einer Trance aus Heimeligkeit und fast pausenlosem Lachen, ganz vergessen habe, wie mir geschieht. Ich schaue mich um.

Auf dem Boden ein Haufen Haare - da liegt Beethoven.
Im Spiegel ein glatt frisierter Typ - da sitzt Max Giesinger.
Ganz schön kurz, denke ich, kürzer wäre unangenehm, da spricht Maria die eine Silbe aus, die ich sehnlichst erwarte: „So!“ Durchatmen. Aber nichts da, Frau Skrobala ist ja auch noch da: „Maria, der Pony ist noch ein bisschen zu lang! Der ist nicht so Max Giesinger.“ „Der Jurek braucht da vorne noch ein bisschen was, Frau Skrobala, sonst wird der unglücklich!“ Ja, Maria versteht mich.

Ja, wo sind sie denn? Ein Griff in die Haare und Jurek spürt: Vorbei ist es mit der wilden Beethoven-Frisur

Ja, wo sind sie denn? Ein Griff in die Haare und Jurek spürt: Vorbei ist es mit der wilden Beethoven-Frisur


Alle sechs Wochen zum Friseur? Eher nicht

So schnell gibt Mama aber nicht auf: „Kann man hier vorne wirklich nicht noch ein bisschen kürzer schneiden?!“ „Na gut“, lenkt Maria schließlich ein, „vielleicht ein Millimeterchen.“ Mama grinst und greift mir nach dem Föhnen sofort in die Haare: „Ich genieße das richtig!“ Und ich? Habe mich ergeben. Zucke nicht mehr zusammen. Nur: So schlimm, stelle ich fest, so schlimm ist es gar nicht. Ich wuschle mir zigmal durchs Haar, verwüste die Frisur, um den Max Giesinger da rauszuschütteln, und denke: Kann man machen.

Zum Schluss stellt Mama Maria noch eine pädagogisch wertvolle Frage: „Wie oft sollte der Junge zum Friseur gehen, Maria?“ „So alle sechs Wochen.“ „Hörst du, Jurek?“ Ja, Mama, ich höre und weiß jetzt schon, dass der nächste Friseurbesuch frühestens in einem halben Jahr kommt.

Dieser Text ist in der Ausgabe 01/17 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-AppAuf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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