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"Kony und seine Schlächter-Sekte LRA sind nicht mehr das größte Problem Afrikas"

Kaum einer beschäftigt sich so intensiv mit Ugandas Kindersoldaten wie Regisseur Jonathan Littell. NEON hat mit ihm über den richtigen Umgang mit Kriegsverbrechern und die Faszination für Menschen, die Täter und Opfer sind, gesprochen.

Kindersoldat der LRA

Oktober 1985: Ein Junge der LRA mit Kalaschnikow in der Nähe von Kampala.

Sein 1400-Seiten-Roman "Die Wohlgesinnten" über einen SS-Offizier machte Jonathan Littell über Nacht berühmt. Nun hat er den Film "Wrong Elements" über die Lord's Resistance Army in Uganda gedreht. Die brutale Miliz um wurde vor allem durch die aufsehenerregende Social-Media-Kampagne "Kony 2012" bekannt.

Herr Littell, zwischen Ihren ersten Artikeln über die LRA und Ihrem aktuellen Film gab es eine riesige Social-Media-Aktion: "Kony 2012" war ein viraler Erfolg, 3,7 Millionen Leute verlangten in einer Petition, dass Kony verhaftet wird. Hat der Wirbel am Ende viel gebracht?
Ich bin sehr skeptisch, was solche Aktionen betrifft. Die Gruppe dahinter, Invisible Children, das waren ein paar Typen aus Kalifornien, die sich nicht viele Gedanken gemacht haben, was ihre Aktion bewirkt, und die noch heute in schwer dafür kritisiert werden. Dieses Video, das damals in sechs Tagen 100 Millionen Mal im Internet angesehen wurde, enthält viele Unwahrheiten und ist sehr manipulativ.
Inwiefern?


Manche der Aufnahmen stammen zum Beispiel gar nicht aus dem Sudan und von der LRA, sondern aus Sierra Leone. Der Film machte es sich außerdem sehr einfach mit einer Aufteilung in Gut und Böse. Dabei haben die anderen Bürgerkriegsparteien ebenfalls sehr viele Gräueltaten verübt, die der Film aber unterschlägt. Außerdem tut er so, als sei mit einer Ergreifung Konys das gesamte Problem gelöst. Das alles sind unverantwortliche Vereinfachungen.
Immerhin hat die Aufmerksamkeit dafür gesorgt, dass die USA Truppen in die Region entsandten. Ist das nicht positiv?
Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn das US-Militär versucht, Kony festzunehmen. Er ist ein sehr fieser Typ, keine Frage. Aber es wäre sinnvoller, sich um wichtigere Dinge zu kümmern als um die LRA, die sowieso gerade am Zerfallen ist.
Zum Beispiel?
Boko Haram in Nigeria ist ein viel akuteres und gefährlicheres Problem. Oder die Dschandschawid in Darfur. Oder die Dschihadisten in Mali. Mit denen lassen die USA die französischen Truppen völlig alleine und die sind komplett unterlegen. Stattdessen so zu tun, als seien Kony und die LRA das größte Problem Afrikas, ist absolut lächerlich. Wir sprechen von 100 Typen, die Elefanten jagen. Das ist traurig, klar. Aber kein akutes Problem, das Menschenleben kostet.
Sie haben selbst jahrelang für Hilfsorganisationen gearbeitet. Bekommt man Spendengelder nicht nur dann, wenn man es schafft, Aufmerksamkeit zu erregen?
Schon, aber diese Aufmerksamkeit kann man auf verantwortungslose Art erzielen, wie es bei "Kony 2012" der Fall war. Oder man kann vorsichtig und verantwortungsbewusst vorgehen. Ärzte ohne Grenzen sind ein positives Beispiel: Sie gehen sehr besonnen vor und hinterfragen ständig, welche Auswirkungen ihr Tun hat.

Jonathan Littell

Jonathan Littell wurde 1967 in New York geboren, arbeitete nach seinem Studium in Yale für eine Hilfsorganisation in Bosnien, Afghanistan, dem Kongo und Tschetschenien. Er ist Autor des Romans "Die Wohlgesinnten". Darin beschreibt er den Holocaust aus Sicht eines SS-Offiziers.


Der Internetaktivismus, also "Clicktivism", wird immer wieder kritisiert: dass viele Menschen lediglich einen Aufruf teilen oder ein paar Likes für die gute Sache vergeben. Graben die Social Media "echtem" Engagement das Wasser ab?
Ich benutze keine sozialen Medien, deshalb kann ich dazu wenig sagen. Ich bin nicht mal auf Facebook. Aber grundsätzlich sehe ich Sachen wie Twitter als neutrale Kanäle. Man kann damit gute Sachen bewirken oder schlechte. Je nachdem, wofür man sich einsetzt.
Auch Sie haben schon vor über fünf Jahren eine Reihe von Zeitungsartikeln über Kony und seine Kindersoldaten geschrieben. War die Situation da eine andere?
Damals war die LRA noch viel größer und aktiver. Sie entführte Kinder und machte sie zu brutalen Soldaten. Heute beschränkt sie sich fast komplett auf das Wildern von Elefanten, um sich über den Verkauf des Elfenbeins zu finanzieren. Kony versteckt sich in einer Enklave zwischen Nord- und Südsudan und schickt seine Leute in den Kongo, um dort Elefanten zu töten. Es gibt mehrere Routen, über die sie das Elfenbein dann zu Kony bringen, und die Armee versucht, ihnen diese Routen abzuschneiden und die LRA so langsam, aber sicher von ihren Erlösquellen abzuschneiden.
Und warum ist es so schwierig, Kony direkt in seiner Enklave festzunehmen?
Die Amerikaner haben es mindestens ein halbes Dutzend Mal versucht. Sie haben eine Basis ganz in der Nähe, aber bisher konnte er jedes Mal über die Grenze in den Nordsudan flüchten. Dorthin können sie ihn nicht verfolgen. Irgendjemand scheint ihn rechtzeitig zu warnen. Aber er ist inzwischen auch sehr krank. Es kann also gut sein, dass er ohnehin bald stirbt.
Wenn die LRA gar keine echte Bedrohung mehr darstellt: Warum haben Sie nicht einfach eine Doku über Boko Haram gedreht?
Ich wollte keine aktuellen Geschehnisse dokumentieren. Mir ging es darum, Erinnerungen einzufangen. Und dazu müssen die Ereignisse abgeschlossen sein. Über Boko Haram hätte ich nur eine Reportage drehen können, eine Momentaufnahme. Außerdem hatte ich Erfahrungen bezüglich der LRA. Sie nimmt eine Sonderrolle ein, und die hat mich schon immer besonders fasziniert.
Was für eine Sonderrolle?
Im Grunde ist sie eine puritanische, religiöse Sekte. Alkohol und Drogen etwa sind verboten. Das unterscheidet sie von fast allen anderen Milizen, die Kindersoldaten einsetzen, sei es im Kongo oder in den Neunzigern in Liberia oder Sierra Leone. Normalerweise werden die Kinder mit Heroin, Kokain und Alkohol vollgepumpt. Und dadurch wird es schwieriger, sich später mit den Überlebenden zu unterhalten, weil sie sich an nichts erinnern. Es ist auch nicht wirklich interessant, weil sie in dieser Zeit komplett unzurechnungsfähig sind.

Sie haben einmal gesagt, dass die Geschichte der Täter Sie immer viel stärker interessiert als die der Opfer … 

Das stimmt. Sie ist meistens komplexer.

Sehen Sie die früheren Kindersoldaten von Konys LRA eher als Täter oder als Opfer?
Da kann und will ich kein finales Urteil sprechen. Sie sind sicherlich beides, und ich versuche das so zu zeigen, ohne eine Wertung vorzunehmen.
Selbst als Ihre drei Protagonisten zu den Orten früherer Gräueltaten zurückkehren, bleiben sie sehr fröhlich und unbekümmert, albern herum. Hat Sie das überrascht?
Nein, ich war nicht überrascht. Für sie war das Leben mit der LRA im Busch einfach ihre Kindheit. Einer sagt im Film: "Es war ein blödes Leben, aber es war lustig." Uns erscheint es grausam, aber für sie gibt es gute Erinnerungen und schlechte Erinnerungen an diese Zeit. Aber es ist in der Tat hochinteressant zu sehen, dass sie an Orten, an denen so viele Menschen gestorben sind, vollkommen natürlich und unbekümmert sind.
Dominic Ongwen, die rechte Hand von Kony, steht jetzt vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Zu Recht?
Wer angeklagt wird und wer nicht, scheint mir ein sehr zufälliges System zu sein. Aber was ist im Leben schon gerecht? Ich finde es zum Beispiel nicht gerecht, dass jemand wie Kenneth Banya als freier Mann in seinem Häuschen in Gulu, Uganda, sitzt. Banya war einer der Gründer der LRA. Von ihm stammt die Praxis, Kinder zu entführen und zu Soldaten zu machen. Dieser Mann hat Tausende von Kinder gekidnappt, hat Dutzende von Mädchen vergewaltigt. Dass so jemand Amnestie erhält, zeigt, wie beliebig und zufällig das System ist.

Sie haben von Syrien über Afghanistan bis zum Balkan viel Zeit in nahezu jedem Kriegsgebiet der letzten zehn bis 20 Jahre verbracht. Können Sie all diese Schrecken vergessen und sich sagen: Heute mache ich mir einen schönen Tag und gehe ein Eis essen?
Ja, das geht. Ich führe inzwischen ein sehr ruhiges Leben. Ich gehe mit meinen Kindern ins Schwimmbad, ich gehe ins Kino. Das kann ich ohne Probleme genießen.
Häufig hört man, das Leben in Kriegsgebieten sei so "herrlich intensiv", man lebe immer in dem Wissen, dass es jeden Moment vorbei sein kann. Vermissen Sie diese Intensität?
Ich finde solche Klischees grauenvoll und mag es nicht, wenn Menschen das derartig romantisieren. Es hängt ja auch von sehr vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Es gibt angenehme Kriegsgebiete und nicht so angenehme Kriegsgebiete. Und natürlich findet man es mit 26 spannender als mit 50. Heute finde ich es sehr viel intensiver, Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, als in Kriegsgebieten herumzurennen.
Glaubt jemand wie Sie, der so viele Gräueltaten gesehen hat, an Gott?
Ich nicht. Aber viele Menschen, die mitten im grausamsten Schrecken leben, glauben sehr wohl an Gott. Krieg hat die Tendenz, viele Menschen religiös zu machen.
Der Film "Wrong Elements" zeigt das heutige Leben von vier ehemaligen Kindersoldaten. Im Bürgerkrieg von Uganda wurden ab 1989 über 60.000 Kinder verschleppt und zu brutalen Soldaten gemacht.

Interview: Christoph Koch

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