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TV-Kritik

Drei Pullis hat der Klaas - ja und?

Die klügste Frage von Klaas Heufer-Umlauf war fast schon philosophisch: "Wie soll Deutschland in zehn Jahren aussehen?" Aber so ganz zu Ende gedacht war die Sendung nicht, findet unsere Autorin.

Von Andrea Zschocher

Kein Halligalli: Klaas Heufer-Umlauf macht im TV mit "Ein Mann, eine Wahl" Politik

Kein Joko, nur Klaas - gleich in drei Rollen gleichzeitig: Klaas Heufer-Umlauf präsentiert seine neue Show "Ein Mann, eine Wahl" (ProSieben)

"Man weiß ja inzwischen, dass Bundestagswahl ist, und, dass das wichtig ist", erklärte seine Unlust das Interview mit Martin Schulz mit großen Worten anzukündigen.
Ja, die Bundestagswahl steht kurz bevor. Natürlich ist sie wichtig. Und genau deswegen versucht sich ProSieben alle vier Jahre wieder an einem Konzept, um (Erst-)Wähler zu motivieren zur Wahl zu gehen. Da Stefan Raab vor Jahren seine Karriere beendete und "Circus Halligalli" abgesetzt wurde, ist der Weg frei für Klaas Heufer-Umlauf und seine Politiksendung "Ein Mann, eine Wahl". Dass er beim Gedanken an "echten Journalismus" lachen muss und sich gleich selbst korrigierte, es sei eben "ProSieben-Journalismus" - geschenkt. Man kann das natürlich alles augenzwinkernd betrachten, aber irgendwie ist diese Entscheidung für eine Partei dann ja doch zu wichtig, um sie eine Stunde lang ins Lächerliche zu ziehen. Dachte sich wohl auch der Moderator und wartete mit vielen Fragen auf, die, und das ist nicht seine Schuld, zeigten: Bei den Wahlprogrammen von Grünen, SPD und FDP sind es Nuancen, die den Unterschied machen. Die mal eben so im Vorbeigehen herauszufiltern, das geht nicht. Deswegen war die Ambition Heufer-Umlaufs, sich ernsthaft mit Politik zu beschäftigen, gut.

Schwarz, rot, grau – Klaas Heufer-Umlauf und die Pullis

Allerdings gelang die Umsetzung nur in Teilen, das Konzept wirkte stellenweise einfach zu fahrig, zu bemüht. Die drei Varianten von Klaas, die sich durch verschiedenfarbige voneinander abgrenzen sollten, nervten. Der Kunstgriff, Klaas im roten Pulli stand für eine eher linke Anschauung, Klaas im schwarzen Pulli für eine Konservative und Klaas im grauen Pulli für eine liberale Weltsicht, missglückte. Es war schön zu sehen, dass es mit Kameratechnik heute möglich ist. Man hatte tatsächlich das Gefühl, ein Mann könnte sich in einer schizophrenen Phantasie dreiteilen, ohne dass die Dynamik des Gesprächs an einen Film der 80er-Jahre erinnerte. Aber so richtig kapiert hatte diese Dreierteilung nicht mal Martin Schulz, an dem das Ganze erprobt wurde. Dem Kanzlerkandidat fiel nicht auf, dass Pullifarbe und Fragenstil sich änderten.

Die Dreiteilung war, laut Heufer-Umlauf nötig, um der Sendung die gebührende Objektivität angedeihen zu lassen. Dabei klappte das auch so erstaunlich gut - hätte Klaas sich da doch einfach nur mehr zugetraut. 

Im Gespräch mit Christian Lindner () war klar erkennbar, dass Heufer-Umlauf in der Lage ist, andere politische Ideen neutral und klug zu hinterfragen. Da kann man über bedingungsloses Grundeinkommen unterschiedliche Meinungen haben, es ist ja quasi gelebte Demokratie, wenn beide Gesprächspartner das miteinander aushalten. Die anstrengende Sache mit den Pullis, dem kettenrauchenden Konservativen und dem daueressenden Sozi, und diesen aufgesetzt-affektierten Gesprächen zu Dritt, dieser versinnbildlichte Meinungsaustausch, all das hätte "Ein Mann, eine Wahl" einfach nicht gebraucht. Aber da offenbarte sich dann vielleicht auch wieder das grundsätzliche Problem der TV-Sender: Den Zuschauern wird viel zu wenig zugetraut. Stattdessen soll immer alles auf den kleinstmöglichen Nenner heruntergebrochen werden. Und wenn das ein Wechselspiel mit V-Neck-Pullis beinhaltet, dann ist dem wohl so. Schade.

Wie soll Deutschland in zehn Jahren aussehen?

Die wohl wichtigste Frage dieser Sendung stellte Heufer-Umlauf allen Interviewpartnern: "Wie soll Deutschland in zehn Jahren aussehen?" Zehn Jahre sind eine lange Zeit, die aber Raum lässt um Ideen voranzutreiben. Hätte der Moderator nur die Veränderungen bis zur nächsten Bundestagswahl abgefragt, die Sendung hätte ihr Ziel verfehlt. Denn vier Jahre sind, gesamtpolitisch betrachtet ein viel zu kurzer Abschnitt um Veränderungen wirklich voranzutreiben. Das Gedankenexperiment sollte jeder Wähler einmal durchspielen. Wünscht man sich, wie Martin Schulz, die Vollbeschäftigung mit hohen Löhnen, sollte das Kreuz vielleicht bei der SPD gesetzt werden. Wer in Europa die "Leuchtfigur für Frieden" sieht, der fühlt sich bei den Grünen gut aufgehoben, warb Cem Özdemir. Grüne und SPD eint der Wunsch nach einer Gesellschaft, die die kommenden Generationen mitdenkt. Wem dieser Gedanke auch am Herzen liegt, der hatte durch "Ein Mann, eine Wahl" schon mal einen Anstoß bekommen in welche Wahlprogramme ein zweiter Blick sich lohnen könnte.

Guter Indikator für die eigene Wahlentscheidung

In Straßeninterviews wünschten sich die Menschen für 2027 eine "sozialere Gesellschaft", eine hoffnungsvolle Zukunft in der die politischen Meinungen nicht mehr so gespalten sind. "Weniger Ellenbogengesellschaft" und mehr Gemeinschaftssinn.

Wie soll also das Deutschland, in dem jeder Einzelne von uns in zehn Jahren leben will, aussehen? Diese fast schon philosophische Frage ist die, die den ganzen Rest der Sendung durchstehen ließ. Nächste Woche, im zweiten Teil, kommen weitere Politiker zu Wort. Auch ihnen wird diese Frage gestellt werden. Das Ergebnis kann ein guter Indikator für den eigenen Parteienwunsch sein. Denn das Problem ist ja: Wahlversprechen machen irgendwie alle. Und oft klingt alles so verdammt gleich, dass die Nuancen entscheiden. Politiker da mal nicht nur nach ihrem Konzept zu befragen, sondern sie eher aus selbigem zu bringen, ist da doch ein guter Ansatz. Nur das nächste Mal dann eben im bunten Ringelpulli, lieber Klaas Heufer-Umlauf. Dann finden sich gleich alle Parteien wider und dieser Eiertanz hört auf. 

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