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Warum unsere Autorin nicht mehr über ihr "Jüdischsein" schreiben möchte

Die Jüdin Linda Sabiers lebt in Deutschland und hat häufig über Antisemitismus geschrieben. Jetzt hat sie es satt. Verrät sie sich und ihre Herkunft, wenn sie ab jetzt zum Thema schweigt?

Tel Aviv: Für Linda Rachel Sabiers nicht bloß eine aufregende Stadt, sondern ein Versprechen, nicht ständig als Jüdin auftreten zu müssen

Tel Aviv: Für Linda Rachel Sabiers nicht bloß eine aufregende Stadt, sondern ein Versprechen, nicht ständig als Jüdin auftreten zu müssen

Der Holocaust ist unbequem für die deutsche Gesellschaft. Aber nur halb so unbequem wie für Leute wie mich

Tel Aviv riecht unbeschreiblich. In der Kopfnote Oleander, die Herznote Katzenpisse, eine Basisnote aus Meersalz. Dieser Geruch ist, für mich, unmittelbar mit einem Gefühl verbunden, das ich empfand und jedes Mal empfinde, während ich die Frishman-Straße von Osten nach Westen laufe. Tel Aviv ist Eskapismus und Heimat, Anker und Heliumballon zu gleichen Teilen. Am Horizont sehe ich das Mittelmeer, im Hinterkopf sitzt das Schreiben, das mich in jenen Maitagen dieses Jahres nach führte.

Vorab: Dieser Text sollte in seiner Ursprungsidee ein anderer werden als jener, der hier abgedruckt ist. Ich sollte über die Instrumentalisierung von Juden in der deutschen Politik schreiben. Darüber, was eine in geborene, aufgewachsene und lebende Jüdin empfindet, wenn jemand wie Frauke Petry die AfD einen "politischen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland" bezeichnet oder ein Sigmar Gabriel Sätze sagt wie: "Sozialdemokraten waren wie Juden die ersten Opfer des Holocaustes". In aller, aller Kürze: Natürlich will ich bei solchen Sätzen schreien.

Antisemitismus kommt nie aus der Mode

Die Anfrage kam Anfang Mai, die jüdische Gemeinde debattierte über den umstrittenen Besuch von Außenminister Gabriel in Israel, der mit einem abgesagten Treffen seitens Netanyahu endete. Und ich wusste, dass ich schnell schreiben müsste. Denn ist zwar wie das kleine Braune, das nie aus der Mode kommt. Aber die Aktualität kann trotzdem schon bei Textabgabe überschritten sein.

Es ist etwas, das ich schon etliche Male und für viele Medien getan habe. Als Autorin, als zufällig jüdische Autorin in Deutschland, gehört es zum guten und essenziellen Ton, Antisemitismus zu benennen, zu brandmarken und zu bebildern. Deshalb kommt dieser in mir brodelnde Zustand für mich einer Identitätskrise gleich.

Ich sage es ganz offen: Ich bin gescheitert. Erstmals fiel es mir schwer, etwas in geschriebene Worte zu fassen, das einen derart großen Teil meiner Realität als Jüdin ausmacht. Wieso? Weil ich den Überdruss mit diesem "-Thema" kenne. Ein Überdruss, der aus dem Unbehagen resultiert, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen. Nicht zu wollen.

Ich will nun selbst eine Schlussstrich ziehen

Das beginnt bereits bei Mittelschülern und ändert sich, so meine Erfahrung, auch nicht bei Rentnern. Der Holocaust ist unbequem für die deutsche Gesellschaft. Aber nur halb so unbequem wie für Leute wie mich. Für Juden in Deutschland.

Der Schlussstrich ist es, der oft von der nicht betroffenen, der nichtjüdischen Gesellschaft gefordert wird. Schlussstrich, Themenwechsel, nächster Punkt auf der Tagesordnung. Und plötzlich war ich an dem Punkt, dass ich den Schlussstrich erstmals selbst heraufbeschwor und ihn hiermit in einer für mich noch zu definierenden Form ziehe. Ausgerechnet in dem Moment, wo der Antisemitismus in Deutschland wieder erstarkt.

Was sagt der Freund aus Kindheitstagen?

Diese plötzliche Erkenntnis hätte in keinem unpassenderen Moment über mich hereinbrechen können. Denn ich saß, mittlerweile schwitzend vor Zerrissenheit, im Café Mersand und wartete auf meinen Freund Jonathan, der vor einigen Jahren aus Frankfurt nach Israel zog und heute als Rechtsanwalt und Völkerrechtler arbeitet. Jonathan Heuberger und ich, wir kennen uns seit 21 Jahren. Und während er gerade, zielstrebig, wach auf mich zuläuft, lächle ich. Die frühe Abendsonne kriecht nun unter der Markise hervor und legt dieses Traditionshaus, das in den 50er-Jahren von deutschen Einwanderern als eine Art Wirtschaftswunderbastion im noch jungen Israel gegründet wurde, in warmes, mittelöstliches Licht.

So saßen wir dort, zwei deutsche Juden, umgeben von jungen Israelis. Der eine mit einer inhaltlichen Mission, die andere in ihrer inhaltlichen Krise. Im Vorfeld hatte ich Jonathan gebeten, sich auf das Thema "Politische Instrumentalisierung der deutschen Juden" vorzubereiten. Jetzt war ich dabei, ihn mit einem radikalen Themenwechsel zu überrumpeln. Was würde mein engagierter Freund aus Kindheitstagen von mir halten, wenn ich ihm sage, dass ich einen Schlussstrich unter Antisemitismustexte ziehe?

"Möchtest du vom Couscoussalat probieren?"

"Nein", sagt er und bestellt Espresso.

"Gut. Vergiss erst mal all das, was du sagen wolltest. Ich muss einige Dinge loswerden", beginne ich pathetisch. Nun nötige ich ihn, einfach zuzuhören. Dabei ist er einer der besten Debattierer, die ich kenne. Und dennoch nickt er immer wieder empathisch, während ich den Wunsch nach meinem Schlussstrich laut ausspreche.

Sex, Dating, Auschwitz - manche Themen werden mir gar nicht erst angeboten 

Ich habe keine Lust mehr auf dieses Label, lasse ich ihn wissen. Als schreibende, zufällig auch jüdische Frau erlebe ich zu oft, dass mir gewisse Themen erst gar nicht angeboten werden oder man mich fragt, ob ich denn nicht auch Sex, Dating und Auschwitz könne? Wobei diese Schlussfolgerung oftmals aus einem eigens konzipierten Einmaleins erfolgt, nicht weil ich tatsächlich Sexkolumnen schreibe, in denen jemand am Ende um seine Vorhaut weint.

Grundsätzlich sollte ich mich darüber freuen, dass Verlage jüdische Stimmen einholen. Diese Stimmen sind wichtig, essenziell und ein unverzichtbarer Bestandteil für die deutsche und europäische Meinungslandschaft. Was jedoch damit einhergeht, ist, dass Antisemitismus zum eigenen Alltag wird. Denn wer sich professionell damit auseinandersetzt, wie latent Judenhass und der Glaube an die zionistische Weltverschwörung in der deutschen Gesellschaft verankert sind, der blickt mit anderen Augen auf unser Miteinander. Gute Freunde von mir arbeiten heute für Institutionen, jüdische Verlage und Interessenverbände sie alle leisten für Juden in Deutschland wichtige und respektierte Arbeit. Die öffentliche jüdische Stimme neigt jedoch schnell zur Heiserkeit. Manchmal, so scheint es mir, überzeugt man eher Evolutionsskeptiker vom Gegenteil als waschechte Antisemiten. Will ich mich dafür weiter aufreiben?

Verantwortung gegenüber unseren Eltern?

Jonathans Vater, Georg Heuberger, setzte sich bis zu seinem zu frühen Tod im Jahr 2010 auf noble Art für die jüdische Sache ein. Als Sohn polnischer Holocaustüberlebender war er Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main. Nach seinem Ruhestand wurde er deutscher „Repräsentant“ der Jewish Claims Conference (JCC). Als solcher verhandelte der Jurist und Sozialwissenschaftler mit der Bundesregierung über die Entschädigung von Holocaustopfern.

"Siehst du in deiner Arbeit als Jurist und Völkerrechtler eine Verantwortung deinem Vater gegenüber, wenn es um jüdische Belange in Deutschland geht?"

"Nein, ich glaube, dass mein Vater in einer anderen Zeit aufgewachsen ist. Als Direktor eines städtischen Museums war er Beamter, Leiter in einer deutschen Behörde, der den Interessenkonflikt zwischen der jüdischen Gemeinde sowie der deutschen Öffentlichkeit auf seine Art behob. Er hat loyal der Stadt Frankfurt gedient, spürte jedoch sicher die Verantwortung seinen Eltern gegenüber. Deswegen ging er zur Claims Conference. Ich erinnere mich daran, dass er mich ermutigte, einen Brief an den Präsidenten der Eintracht zu schreiben, als Antisemitismus im Frankfurter Fußball die Runde machte. Ich solle es nicht auf sich beruhen lassen, sagte er mir. Dass es an mir liege, etwas zu schreiben."

Jüdische Autoren: Antisemitismus ist eine dankbare Nische

Liegt es auch an mir, etwas zu schreiben? Ist es faul oder feige, es nicht zu tun? Andererseits: Jüdische Autoren haben mit dem Antisemitismusthema eine Nische, die sie dankbar annehmen. Auf die würde ich mit dem hier großmäulig angekündigten Schlussstrich verzichten.

Momentan fühlt sich dieser Gedanke gut und richtig an. Ich weiß, wie anstrengend der Kampf für die Sache sein kann. Das können Feministinnen bestätigen, das können Migranten und Umweltschützer bestätigen. Darf ich meine jüdische Stimme bewusst ersticken, um ein freieres, vielleicht sogar glücklicheres Leben zu führen? Mich zum Thema Antisemitismus einzubringen macht mich zu einer verantwortungsbewussten Jüdin. Aber macht es mich zu einem glücklicheren Menschen? Natürlich macht es das nicht.

"Halt's Maul, Jude" - Ich denk' darüber nach

Dem Redakteur einer Berliner Zeitung schickte ich vor einigen Wochen eine lange Liste mit Textideen, die ich gerne als freie Autorin behandeln würde. Darunter Politik, Popkultur und Feuilleton. Als Antwort erhielt ich: "Oder ein Israelthema?"

Mein "Nein" steht noch aus.

Vor Jahren wurde ich mit einer aus Israel importierten Orange beworfen, die ich im Rahmen einer Friedensaktion des jüdischen Studentenverbands auf einem öffentlichen Kölner Platz verteilte. "Halt’s Maul, Jude", rief man mir zu. Heute, zwölf Jahre später, ziehe ich tatsächlich in Erwägung, das Maul zu halten. Haben die Antisemiten damit gewonnen?

Wie viel Jüdin soll's sein?

Es gibt kein Handbuch für Juden in Deutschland. Es gilt, sich wie Cher und Madonna selbst definieren zu lernen. Bin ich Mensch, Frau und dann Jüdin? Wie viel Jüdin möchte ich in meine Arbeit integrieren? Vor allem jedoch: Welche Jüdin möchte ich sein? Die unbedarfte? Die nach vorne schauende? Die besorgte? "Zentralsratsfutzi", "Meckerjude", "ewiges Opfer" obgleich schon fast eine Obsession in Deutschland mit Juden besteht, die ihr Gesicht besorgt in die Kamera halten, wird ein nicht unerheblicher Anteil der Öffentlichkeit nicht müde, die laut ausgesprochene Sorge zu bespotten. Ich möchte im Rahmen meiner Arbeit nicht auf einen Teil meiner Identität reduziert werden. Daher muss ich sie jetzt definieren, bevor ich definiert werde.

Wenn Religion Opium fürs Volk ist, dann ist Jüdischsein wie ein Trip auf MDMA. Immer wach, große Pupillen, maximales Gehör, unbeabsichtigte Wachsamkeit. Böse Zungen würden es paranoid nennen, jedem vierten Deutschen latenten Antisemitismus zu unterstellen. Ehrliche Zungen wissen, dass die Statistiken recht haben. Der "Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus" des deutschen Innenministeriums hat dem Bundestag im April einen neuen Bericht vorgelegt. "Antisemitische Auffassungen finden sich in allen gesellschaftlichen Gruppen", heißt es dort. Für 2016 sind 1468 Fälle von antisemitischer Hasskriminalität verzeichnet, 7,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Für 2017 werde ich nicht mehr nachschauen.

Wenn eine Antisemitismus-Doku einem den Tag versaut

Vor ein paar Wochen saß ich übellaunig mit einer Freundin beim Frühstück. Ich erhielt innerhalb einer Stunde die dritte Whatsapp-Nachricht mit einem Passwort für den damals noch geheimen Link zur berüchtigten für Arte produzierten Antisemitismusdokumentation, die nicht wie geplant ausgestrahlt wurde. Sie sei, so Kritiker, zu einseitig, zu projüdisch. Sei nicht das, was bestellt wurde. Wenige Tage nachdem die jüdische Gemeinde sich den Link zum Film heimlich zusendete, leakte ihn die "Bild"-Zeitung, woraufhin ihn die ARD, begleitet von einem wahnwitzigen Faktencheck, sendete.

Das Passwort lautete übrigens "Auserwählt2017". Ein polemischer Code, der mir den Tag versauen würde und dem jüdischen Volk, dem vermeintlich auserwählten Volk, seit über 5500 Jahren das Leben schwer macht. Anstatt darüber zu schreiben, habe ich sie bis heute nicht gesehen.

"Was ’n los?"

"Ach, diese neue Doku über Antisemitismus beschäftigt mich."

"Welche Doku?"

"Wieso fühlt sich Schweigen so falsch an?"

Welche Doku. Ich beneidete sie in diesem Fall um ihr Unwissen und die Algorithmen in ihren sozialen Netzwerken, die sie jungfräulich mit Katzenbabys und Jan Böhmermann versorgen. Welche verdammte Doku eigentlich? Darf ich mir, kann ich mir eine neue Realität stricken und einfach so tun, als hätte ich als jüdische Autorin kein persönliches Anliegen? Vor meinem inneren Auge sitzt Adolf Hitler: "Unterschreiben Sie bitte dort, neben dem Hakenkreuz."

"Wieso tue ich mich so schwer mit dieser Entscheidung?", frage ich Jonathan. "Wieso fühlt sich Schweigen so falsch an?"

"Das ist das Gefühl der inneren Zerrissenheit, das auch heute noch ein Teil der Juden in Deutschland empfindet. Nicht selten wirft man unseren Großeltern, unseren Eltern und auch uns vor, im sogenannten Täterland zu leben. Jedoch, Linda, du musst dir selber treu bleiben und überlegen, wie du dich langfristig etablieren möchtest."

Schlussstrich: Werde ich so eine zufriedenere Jüdin?

Jonathan und ich sind exemplarisch für zwei Umgangsarten mit unserer Rolle als Juden in Deutschland. Bleiben und sich auf seine Art arrangieren. Oder gehen und sich auf seine Art arrangieren. Als Jude in Israel ist man viel mehr Individuum. "In Deutschland" , sagt er, "bist du eher Teil einer Gruppe. Hier nicht. Hier kann ich mich für eine Lösung des Nahostkonflikts engagieren, ohne mein Privatleben mit reinzuziehen. In Israel bin ich ein zufriedenerer Jude, deswegen lebe ich hier."

Wir lachen viel, obwohl Worte wie Antisemitismus und Holocaust fallen. Wieder fühlt es sich gut an, für mich, in Israel, den Wunsch nach meinem Schlussstrich ausgesprochen zu haben. Doch kann ich mit diesem Schritt eine zufriedenere Jüdin in Deutschland werden?

Ich weiß es noch nicht. Aber falls nicht, bleibt mir immer noch eine Zukunft aus Oleander, Katzenpisse und Meersalz.

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