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"Politische Korrektheit misst sich an Haltung, nicht an Begriffen"

NEON trifft bis zur Wahl junge Politiker dort, wo sie offen reden: in der Kneipe. In Berlin lernen wir von Luise Amtsberg, wozu es die Grünen noch braucht.

Von Katharina Meyer zu Eppendorf

Katharina Meyer zu Eppendorf legte beim Trinken vor. Nachdem sie ihre Parteiidee erklärt hatte, zog Luise Amtsberg nach.

Katharina Meyer zu Eppendorf legte beim Trinken vor. Nachdem sie ihre Parteiidee erklärt hatte, zog Luise Amtsberg nach.

Es fällt leicht, zu mögen, und das irritiert mich. Schon vor unserem ersten Treffen ist sie mir sympathisch, dank Instagram habe ich das Gefühl, sie zu kennen: Luise Amtsberg fährt gerne Ski in den Alpen. Sie hat ein Segelboot-Tattoo und liebt Norddeutschland, ihren Sohn nennt sie "Lütten". Sie bastelt gerne, zuletzt einen Zeitungsständer, und geht auf Clueso-Konzerte. Dazu wirkt sie auch noch wie eine Frau, die für ihre Überzeugungen eintritt, mit aller Konsequenz.

eulich hat Amtsberg ihr Google-Konto gelöscht. Ein Zeichen gegen die Datensammelmaschine, ein drastischer Akt: 58.625 E-Mails gingen verloren, 2558 Kontakte. "Es war überfällig", schrieb sie auf . Sie nutzt seitdem einen verschlüsselten E-Mail-Dienst, der Teile seines Gewinns an Umweltorganisationen spendet.

Was ich über Luise Amtsberg erfahre, erzeugt das Bild einer Bilderbuch-Grünen: teils etwas drastisch in ihren Entscheidungen und vieles wirkt irgendwie richtig. Eine Weltverbesserin in einer Weltverbessererpartei eben. Die jedoch ein Problem hat, denn eines hat sich in den vergangenen Monaten nicht verbessert: der Umfragewert der Grünen. Die letzten Monate bedeuteten eine Zäsur für die Partei. Nach Jahren, in denen die Grünen bis zur Volkspartei hochgeschrieben wurden, liegen sie jetzt knapp über der Fünfprozenthürde, jetzt häufen sich die Essays über ihren Niedergang. Es scheint, als bräuchte der Wähler die Grünen nicht mehr. Kann das sein?

Luise Amtsberg: "Wir sind das Original"

Um eine Antwort zu bekommen, habe ich mich mit Luise Amtsberg in verabredet. Weil ihr Sohn kränkelt und sie ihn noch selbst ins Bett bringen wollte, treffen wir uns erst um 21 Uhr in Neukölln. Amtsberg hat ins Hugo Ball eingeladen, ein hippes Lokal wie aus der Instagram-Timeline. Weiß gestrichene Backsteinwände, Vintage-Sofas, Kerzen in leeren Flaschen. Ein Laden, in den sich die 32-Jährige mit den wasserstoffblonden Haaren, Nasenpiercing und Nike-Schuhen einpasst, als wäre sie Teil des Inventars.

Und tatsächlich sind wir nicht ohne Grund hier. Freunde von Amtsberg arbeiteten früher mal in einem anderen Bezirk, bis es Stress mit dem Vermieter gab und sie ins Hugo Ball umzogen. "Es ist für mich ein Akt der Solidarität herzukommen", erklärt Amtsberg. Schon wieder so ein Moment, der so richtig wirkt. Wie macht sie das? Und strengt das nicht manchmal auch irre an?

Amtsberg bestellt das erste . Ein großes Augustiner, hell. Wir starten mit unverfänglichem Geplänkel über ihren Weg in die Politik, ich will nicht gleich mit dem Schwächeln der Grünen beginnen. Als ich dann doch zu den aktuellen Umfragen ansetze, lacht Amtsberg einfach. Und sagt: "So schlimm ist es auch nicht. In manchen Umfragen kommen wir ja immer noch auf acht Prozent." Sie sagt das so beschwichtigend und selbsttherapierend, wie man es von Politikern gewohnt ist. Da will ich noch nicht lockerlassen. Auch wenn es nervt, Luise, erklär doch bitte noch mal kurz: Wozu genau braucht es euch noch? Fast jede Partei hat Umweltschutz in ihr Wahlprogramm aufgenommen; den Grünen fehlt ein Alleinstellungsmerkmal. Amtsberg antwortet wie für den Wahlwerbespot getextet: "Wir sind das Original, was Klima-, Umwelt- und Bürgerrechtspolitik angeht. Wir haben die klare Haltung." Die anderen nicht?

"Die nehmen unsere Themen nur halbherzig auf oder ideologisch aufgeladen." Mit Letzterem meint Amtsberg vor allem die Linken. Als Ostkind, wie sie sich selbst nennt, verzeiht sie denen bis heute nicht die mangelhafte Aufarbeitung der SED-Vergangenheit. Amtsbergs Vater saß in der DDR im Gefängnis, weil er sich für Bürgerrechte eingesetzt hatte. Es war die Bürgerrechtsbewegung Bündnis 90, die ihr imponierte und sie in die Partei brachte.

Luise Amtsberg ist flüchtlingspolitische Sprecherin

Im Bundestag sitzt Amtsberg seit 2013. Sie ist flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen, setzt sich für den Abschiebestopp nach Afghanistan und den Familiennachzug für Flüchtlinge ein. Um den zu erreichen, kämpft sie mit vielen Kleinen Anfragen an die Regierung. Oft erfolgreich. Im Januar deckte sie auf, dass das Bamf unzählige unqualifizierte Mitarbeiter beschäftigte. Im April zwang sie der Bundesregierung das Eingeständnis ab, dass jeder Abschiebeflug nach Afghanistan 320.000 Euro kostet.

Wenn Amtsberg etwas erklärt, holt sie weit aus. Während ich in der ersten Stunde einen halben Liter Bier trinke, nippt sie dreimal an ihrem Glas: "Ich kann mich irgendwie nicht mehr kurzfassen, vielleicht eine Politikerkrankheit." Eine Schwäche gerade von grünen Politikern, die sich oft auf strukturelle Probleme stürzen. Da kommt es aufs Kleingedruckte an, auf die vielen Einzelentscheidungen, mit denen man das große Ganze verbocken kann. Weil ja immer alles ganzheitlich sein soll, auch der eigene Lebenswandel. Natürlich bezieht Amtsberg Ökostrom, natürlich fährt sie viel Rad. Nur die Pizza mit Schinken, in die sie jetzt beißt, stört das Bild. "Ja, ich esse Fleisch", beichtet sie. "Aber nicht so oft, außerdem hat jeder doch seine Schwachstellen. Meine ist Serranoschinken." Schwachstelle oder nicht doch eher berechnend schlau? Wo den Grünen doch immer wieder vorgeworfen wird, andere zu bevormunden? Mein Stichwort jedenfalls, um sie mit dem Veggie-Day zu konfrontieren, mit dem die Grünen sich das Label eines Dogmatiker-Vereins eingehandelt haben. Haben sie es übertrieben? "Ich glaube, jede Partei ist irgendwie eine Klugscheißerpartei. Wenn Politiker Entscheidungen treffen, dann mit der festen Überzeugung zu wissen, was das Beste für andere ist", entwaffnet Amtsberg mich gleich mit reflektierter Rotzigkeit. Und verweist dann geschickt auf die CDU, die ebenfalls gerne Regeln aufstellt, wie es besser gehen würde. Schimmert da etwa schon schwarz-grüne Romantik durch, frage ich. "Denkbar, wenn die CSU nicht wäre", sagt Amtsberg. Lieber wäre ihr Rot-Grün.

"Politische Korrektheit misst sich an Haltung, nicht an Begriffen"

Inzwischen konnte Amtsberg aufholen, jeder von uns hat fünf Bier auf dem Deckel, es ist zwei Uhr nachts. Aber Amtsberg reflektiert und analysiert auch jetzt noch munter weiter. Mich regt das beinahe auf. Gibt sie sich denn nie eine Blöße?
In zwei Geschichten, die sie jetzt erzählt, musste auch Amtsberg noch an sich arbeiten die könnte man aber auch als "Humblebrag" abtun, schließlich steht sie am Ende noch besser, weil selbstkritisch da. Eine handelt von ihrer Magisterarbeit "Feminismus im Islam". Auf viele Vorurteile sei sie dabei gestoßen, doch habe sie gelernt, dass auch das Kopftuch ein Zeichen von Emanzipation sein kann. "Das vergessen wir manchmal." Dann war da die Begegnung in Kiel. Eine Flüchtlingshelferin sprach die ganze Zeit von "Asylanten", die sich toll verhalten würden. "Mein Impuls war zu sagen: 'Das heißt Asylbewerber.' Im selben Moment dachte ich aber: Wer bin ich denn, dieser Frau, die so viel leistet, zu sagen, wie sie sich ausdrücken soll! Politische Korrektheit misst sich an Haltung, nicht an Begriffen. Das müssen auch wir Grüne verstehen." Jaja, stimmt schon. Kontrolle und Reflexion machen im Zweifel den besseren Menschen aus einem.

Als wir das Hugo Ball verlassen, sind wir die Letzten. Vor der Türe schaut Amtsberg auf die Uhr: "Oh, ganz schön spät! Das war jetzt aber nicht so geplant." Sie lächelt, ich auch. Habe ich sie doch einmal vom rechten Weg abgebracht.


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