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»Das größte Risiko sind private Partys«

Im Iran dürfen sich Frauen nicht ohne den Hidschab, den Schleier, in der Öffentlichkeit zeigen. In der letzten Woche hat die Iranerin Masih Alinejad mit ihrem Projekt »Stealthy Freedom« Aufsehen erregt, für das sie iranische Frauen aufgefordert hat, Fotos von sich ohne Schleier auf ihrer Facebookseite zu zeigen. Dasselbe haben acht Frauen vor einigen Ausgaben in der NEON getan und dazu aus ihrer Heimat erzählt, in der sie bisher vergeblich auf den Wandel hoffen.

Text: Jina Khayyer | Fotos: Hossein Fatemi / Panos Pictures

Im Iran bewegt sich etwas: Das ist der Tenor vieler vorsichtig optimistischer Analysen, seit im vergangenen Sommer der Fundamentalist ­Mahmud Ahmadinedschad abgewählt wurde. Unter ihm war jeder ­Widerstand im Land erstickt worden, außenpolitisch hatten seine Amtshandlungen und Äußerungen in die Isolation geführt. Ahmadinedschad war das Gegenteil von Hoffnung.

Seit August regiert nun ein neuer Mann: Hassan Rohani. Er gehört ebenfalls zur Kaste der Kleriker, die das Land seit 1979 in ihrem ­eisernen Griff hält (echte Reformer waren zur Präsidentenwahl gar nicht erst ­zugelassen). Rohani wird aber ein zumindest pragmatischer Wille zur Öffnung des Landes nachgesagt.

Tatsächlich schien sich wenigstens der Ton etwas zu verändern, als Rohani im September – über seinen Twitter-Account – überraschend allen Juden zum Neujahrsfest gratulierte (sein Vorgänger hatte sich noch dadurch hervorgetan, dass er den Holocaust leugnete). Zur gleichen Zeit wurden einige politische Gefangene vorzeitig entlassen. Und seit ­Januar ist ein vorläufiges internationales Abkommen in Kraft, das die Lockerung der Sanktionen vorsieht, falls der Iran – wie vereinbart – im Gegenzug Teile seines Atomprogramms einfriert.

So weit, so interessant. Die spannende Frage ist: Was verändert sich tatsächlich im Land – für die Bevölkerung? Gibt es im Iran eine Entwicklung, die die Bezeichnung Wandel wirklich verdient?

Die ökonomische Lage bleibt katastrophal. Die Wirtschaft schrumpft. Die Inflationsrate liegt offiziell bei 45, die Arbeitslosenrate bei 35 Prozent. Drei Viertel dieser Arbeitslosen sind jung: zwischen 15 und 29 Jahre alt. Das ist erschütternd, denn das Land ist nicht nur voller ­junger Menschen (siebzig Prozent der rund 77 Millionen Iraner sind unter 35). Die jungen Menschen sind zudem gut ausgebildet. Jeder Junge, auch jedes Mädchen, kann im Iran zur Schule gehen, eine Ausbildung ­machen, die Universität besuchen. Aber dann gibt es so gut wie keine Stellen. Und damit kaum Chancen. Daran hat sich bisher gar nichts geändert.

Von einer Rede- oder Pressefreiheit kann unter Rohani ebenfalls ­keine Rede sein. Kritische Intellektuelle werden verhaftet oder haben das Land verlassen. Künstler, Kreative, Journalisten, die dort frei und unzensiert arbeiten können, gibt es nicht, Facebook wird gefiltert, selbst Satellitenschüsseln für Fernseher sind offiziell verboten. So etwas wie Alkohol, Partys, Tanzen in der Öffentlichkeit – sowieso.

Die Oberschicht kann es sich leisten, das woanders zu machen, ein- und auszureisen, wie es ihr beliebt. Wem Teheran zu beklemmend wird, der fliegt, wenn er es sich leisten kann, nach Paris oder London zum Shoppen, nach St. Moritz zum Skifahren und auf die Malediven zum Tauchen. Ferien in der Freiheit. Für den Rest der Iraner aber bleiben solche Freiheiten unerreichbar.

Am meisten gilt das für die Frauen. Sie werden systematisch benachteiligt. Mädchen gelten ab neun Jahren als strafmündig, Jungen erst ab fünfzehn. Frauen erhalten weniger Erbe als ihre Brüder und so gut wie nie das Sorgerecht für ihre Kinder. Wenn sie arbeiten oder ins Ausland reisen wollen, müssen sie die Erlaubnis ihres Mannes ein­holen. Und sie müssen den Hidschab tragen, den Schleier.

Seit der islamischen Revolution 1979, bei der der Schah gestürzt wurde und statt seiner die Geistlichen an die Macht kamen, ist der ­Hi­dschab im Iran Pflicht. Eine Frau, die nach der Auffassung der ­Sittenwächter ihr Haar, ihre Schultern und ihre Silhouette nicht ausreichend mit dem Hidschab verhüllt hat, muss damit rechnen, verhaftet und bestraft zu werden.

Für diese Fotos haben sich Iranerinnen durch ihren Schleier hindurch fotografieren lassen. Einige haben ihn dafür abgelegt. Exklusiv für NEON erzählen diese Frauen hier von ihrem alltäglichen Leben in Teheran. Und davon, was sie sich für die Zukunft wünschen.


Negar, 17, Abiturientin

»Ich habe gerade Abitur gemacht und bereite mich auf die Universität vor. Bisher dreht sich mein ganzes Leben ums Lernen. Außer an Feiertagen. Seit ich einen Freund habe, treffe ich mich dann mit ihm im Coffeeshop.
Meine Mutter ist da sehr aufgeschlossen, mein Vater weiß nichts von meinem Freund. Meine schönsten Momente sind die, wenn ich an meine Zukunft denke: daran, was ich werden kann, wenn ich erwachsen bin. Mein Traum ist, als Fotografin für Magazine zu arbeiten.
In Europa war ich noch nie, aber in der Türkei, in Malaysia und in Thailand. Von unserem neuen Präsidenten halte ich nicht viel. Ich denke nicht, dass sich etwas ändern wird. Das Beste am Iran sind die Menschen, die Wärme, die Liebe. Das Schlimmste am Leben hier sind die Regeln, die uns auferlegt werden: der Hidschab, das zen­sierte Fernsehen, das zensierte Internet – nicht mal Youtube geht. Das ist so lächerlich!«


Sara, 32, Elektroingenieurin

»Ich bin alleinstehend und wohne bei meinen Eltern. In meinem Alter ist das schwierig, ­aber ich habe keine Wahl. Teheran ist teuer. Dazu kommt, dass ich in einer altmodischen Familie groß geworden bin. Für eine tradi­tionelle Familie ist es unvorstellbar, dass eine alleinstehende Frau auch allein wohnt. Wer nicht verheiratet ist, bleibt bei den Eltern. Das gilt auch für die Jungs, aber alleinstehende Männer über dreißig gibt es kaum.
Was den Iran angeht: Ich habe keine großen Hoffnungen. Ich glaube, in den nächsten fünfzig, sechzig Jahren wird sich nicht viel ändern. Hier ist alles so dunkel geworden – man denkt nicht mal mehr über seine Wünsche oder Hoffnungen nach. Wozu auch? Man kann ja doch keine Pläne machen, schon allein aufgrund der Inflation: Ich kann mir nicht vornehmen, ah, Ende des Jahres fahre ich da und da hin, und darauf spare ich. Plötzlich steigt der Euro wieder um das Dreifache, und dein Geld ist nichts wert. Man muss hier im Jetzt leben. Und im Jetzt gibt es nicht viele Möglichkeiten.«


Golnar, 22, Studentin

»Das Leben hier ist sehr schwer. Ständig wird man ­wegen seines Äußeren geärgert. Wenn du dich ein bisschen zu sehr schminkst, lästern die Leute sofort über dich. An der Uni ärgern dich die Aufpasser, der Mantel sei zu kurz, die Nägel zu lang, zu rot, zu was weiß ich. Erst letztens bin ich wieder verhaftet worden. Der Grund: mein beigefarbener Mantel. Damit würde ich um die Aufmerksamkeit der Männer buhlen, weil Beige schneller ins Auge steche als Schwarz. Lächerlich. Vier Stunden saß ich in einem Van – die Sittenpolizei darf nämlich erst aufs Revier, wenn der Van voll ist.
Wahllos fischen sie dann die Frauen von der Straße, unter dem Vorwand,der Hidschab sei nicht standesgemäß. Irgendwann war der Van voll, und wir fuhren aufs Revier. Das Handy wird einem abgenommen, ich durfte nicht mal meine Eltern anrufen. Auf dem Revier wurde ich wie eine Ver­brecherin behandelt, ich kannte das bisher nur aus amerikanischen Filmen. Mit Plakette und Namen vor der Brust bin ­ich fotografiert worden. Und das alles wegen eines beige­farbenen Mantels! Ich habe nur einen Wunsch, einen Traum, ein Ziel: Ich möchte den Iran verlassen. Ich würde dann gerne nach Kansas City, dort lebt eine Tante ­von mir.«


Sara, 20, Studentin

»Bei uns zu Hause ist meine Mutter die Strenge. Mein Vater ist beruflich viel unterwegs, und so führt eben ­meine Mutter das Zepter. Sie ist gläubig und für den islamischen Staat. Sie findet, die Revolution war eine gute Sache, und dass wir im Idealstaat leben. Sie kapiert überhaupt nicht, was vor sich geht. Das ist ein großer ­Konflikt zwischen uns. Ich darf nichts – außer lernen, zu Hause mithelfen und Sport machen. Alles, was ich machen will, muss ich heimlich tun. Teheran liebe ich trotzdem. Die Erde hat einen nostalgischen Geruch. Als wäre sie voller süßer Erinnerungen. Wenn ich glücklich bin, gehe ich spazieren, höre Musik und denke an alles, was ich mir wünsche. Am liebsten gehe ich die Khiaban-e Enghelab (Straße der Revolution) entlang. Die hat eine gute ­Energie. Außerdem sind da immer so viele Menschen, man wird nicht wahrgenommen. Im letzten Juni habe ich zum ersten Mal gewählt. Ich habe Rohani gewählt und mich gefreut, dass wir gehört wurden.
Wenn ich drei Dinge ändern könnte, wären das diese: ­Erstens würde ich die Frauen vom Hidschab befreien. ­Zweitens: Der Islam ist gut, aber jeder sollte das Recht und die Freiheit haben, an das zu glauben, woran er glauben möchte. Und drittens: Wir brauchen mehr Arbeits­plätze. Es bringt doch nichts, eine topausgebildete ­Gesellschaft zu haben, wenn es nach dem Studium keine Jobs gibt.«


Gelareh, 22, Studentin

»Eigentlich würde ich gerne Innenarchitektin werden, aber da es das als Studiengang in dem Sinne nicht ­gibt, wurde mir Grafikdesign empfohlen. Das studiere ich jetzt. Aber das Studium ist mir nicht so wichtig, ich will Spaß haben. Nur haben wir hier leider nicht so viele Freuden. Vor allem nicht als junge Mädchen. Uns wer­den so viele Regeln auferlegt, es gibt sogar eine offizielle Ausgangssperre: Nach Mitternacht dürfen sich Mädchen nicht mehr auf der Straße aufhalten. Wir umgehen das natürlich, aber es birgt immer ein ­Risiko. Das größte Risiko sind private Partys. Sie sind gleichzeitig unser einziges Vergnügen. Jedes Wochen­ende gibt einer aus dem Freundes- oder Familienkreis eine Party. Alkohol bestellen wir über einen Dealer – Wodka, Whiskey, Tequila. Nicht selbst gebrannten Fusel, sondern echten Absolut Wodka. Doch wehe, die Sittenpolizei sprengt die Party: Dann kommen wir alle über Nacht ins Gefängnis mit dem Urteil Peitschenhiebe oder mit einer Geldstrafe. Warum ich hier trotzdem nicht ­wegziehe? Meinen Eltern zuliebe.«


Asal, 25, Französischlehrerin

»Mir ist sehr wichtig, die Wahrheit zu sagen und nicht belogen zu werden. Doch das ist in diesem Land na­türlich unmöglich. Es vergeht kein Tag, an dem man nicht belogen oder selbst zum Lügen gezwungen wird.
Ich mag es hier nicht besonders. Man steht immer unter Stress. Wenn man auf die Straße geht, muss man auf­passen, dass einem die Tasche nicht geklaut wird. Der Verkehr ist so verrückt und aggressiv, dass man immer fürchten muss, von einem Motorrad oder Auto ange­fahren zu werden. Der Alltag ist sehr anstrengend.
Alle sagen mir immer, du bist doch Iranerin, das ist deine Heimat, es muss dir hier gefallen – aber ich habe bis ­heute nicht herausgefunden, wie sich dieses Iranerinsein anfühlen soll. Ich bin 1989 geboren, zehn Jahre nach ­der Revolution. Ich kenne also nur den Ausnahmezustand. 25 Jahre Ausnahmezustand, das ist ein bisschen lang, finden Sie nicht?
Mein großer Traum ist Paris. Ich habe Französisch ­studiert, und mein größter Wunsch ist, in Frankreich weiterzustudieren. Ich arbeite daran. Seit ein paar Monaten unterrichte ich an einer Sprachenschule und verdiene mir außerdem nebenbei ein bisschen Extrageld, indem ich privat Französisch unterrichte.«

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