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Beinah Bürgermeister

Tobias Kalbitzer trat an, um Bürgermeister der oberbayerischen Kleinstadt Schongau zu werden. Am Anfang nahm weder die CSU, noch die SPD den Mann mit Dreadlocks und den Nikes ernst, doch bei der Stichwahl am vorvergangenen Sonntag erhielt er 49,7 Prozent der Stimmen. Damit fehlten ihm am Ende nur 32 Stimmen, um ins Rathaus zu kommen. Ein Gewinner ist der 27-Jährige trotzdem, weil er es ohne Wahlprogramm und Erfahrungen im Politikbetrieb so weit gebracht hat und weil er den etablierten Parteien gezeigt hat, dass sich etwas ändern muss in Schongau. NEON hat ihn am Tag der Stichwahl begleitet.

Bevor Tobias Kalbitzer sein Kreuz auf dem Stimmzettel im Wahllokal macht, war er erst einmal mit seinen Freunden Fußball spielen. Gegenüber vom Bahnhof haben seine Anhänger den Schriftzug »Kalle for President« angebracht. »Ich wusste davon nichts«, sagt Tobias und lacht. »Die Leute rasten hier völlig aus!« Viele Schongauer halten mit ihren Autos an und machen Fotos. Andere schieben ihre Fahrräder vorbei und grummeln: »Das‘ doch a’ Schmarn hier!«

Im ehemaligen Wahlkreis von Franz Josef Strauß verteilte Tobias Flyer und hängte Wahlplakate auf. Designt hat sie ein Freund. Budget: 500 Euro. »Schongau braucht Veränderung«, sagt Tobias. Für einen Skandal sorgte er allerdings nicht mit seinem Programm, sondern einem Handyvideo: In Boxershorts exte er ein Bier und nominierte im Social-Beer-Game bei Facebook seine Gegenkandidaten von der SPD und der CSU. Für Kalle war es ein Spaß, andere regten sich ziemlich auf.

Den Wahlkampf hat er am Schreibtisch in seiner WG organisiert. Nach Feierabend. Tobias Kalbitzer ist in Schongau geboren und arbeitet als Heilerziehungspfleger mit Alkoholabhängigen. Mit dem Longboard wollte er ins Rathaus fahren und sich mehr um die Begehren der Bürger kümmern. »Am liebsten möchte ich dann einfach ein Fenster im Rathaus aufmachen und allen zurufen: Servus, hier ist der Bürgermeister«, sagt Tobias.

Einige Schongauer wollen sich mit Tobias am Wahllokal fotografieren lassen. Eine ältere Dame sagt ihm: »Mein Sohn aus Amerika hat mich extra angerufen und gesagt: ,Mutti, den musst du wählen!’« Und so ging sie zur Wahlurne und machte ihr Kreuz bei Kalle.

Auf dem Weg zum Wahllokal schaut er noch einmal bei Facebook, was seine Fans gepostet haben. Seine »unorganisierte Wählergruppe Karl-Hein Rumgedisse« hat fast 4 000 Fans. Seine Lederhosen sind über 80 Jahre alt. Ein Freund hat sie ihm geliehen.

»Ich habe es in sechs Jahren nicht geschafft, so bekannt zu werden«, sagt der amtierende Bürgermeister Karl-Heinz Gerbl, bevor die Stimmen der fünfzehn Wahlkreise ausgezählt werden. Im Rathaus sind alle Kameras auf Kalle gerichtet und nicht auf seinen Gegenkandidaten Falk Sluyterman. Der trägt Anzug und steht mit seiner Frau am Rande.

»Jetzt kann ich endlich wieder exen«, ruft Tobias, springt auf die Theke. Er ext ein halbes Bier und schüttet sich den Rest über den Kopf. Seine Freunde haben eine Slideshow mit Fotos aus dem Wahlkampf und Zeitungsartikeln zusammengestellt. Die läuft im Hintergrund und Tobias lässt sich auf die Schultern klopfen. Auf seiner Wahlparty im Lagerhaus feiern CSUler und ein paar SPDler. Die Auflösung der Parteilager ist ein großer Teil von Tobias Sieg. Später legt er auf und sagt auch ein wenig erleichtert: »Mein Leben geht halt normal weiter«. Wer weiß, was in sechs Jahren ist.

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