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Die ganze Wahrheit

Werden wir dauernd von Medien und Politik belogen? Nein. Der Vorwurf der Lüge funktioniert wie eine Miniverschwörungstheorie. Und verhindert Objektivität und überlegtes Handeln.

Der Vorwurf der Lüge findet sich immer häufiger - auch in der Politik

Der Vorwurf der Lüge findet sich immer häufiger - auch in der Politik

Illustration: Frank Höhne

Man liest immer wieder, dass der Durchschnittsmensch gut 200-mal am Tag lügt. Wissenschaftlich belegt sei das. Dabei hat es niemals irgendeine Studie gegeben, die zu diesem Ergebnis gekommen wäre. Der Mensch lügt wahrscheinlich weit weniger oft. Trotzdem begegnet uns der Vorwurf der immer öfter. Es reicht, die Sachbuchtitel in der Bahnhofsbuchhandlung zu studieren, dann hat man zumindest das Wort »Lüge« fast 200-mal an einem Tag gelesen. Es gibt die »ADHS-Lüge«, »Die Burnout-Lüge«, »Die Geschlechterlüge«, »Die Zucker-Lüge«, »Die Mutterglück-Lüge« und sogar »Die Jod-Lüge« (»Das Märchen vom gesunden Jod. Lexikon der Jodkrankheiten«). Womöglich finden sich in den Büchern kluge Gedanken und ausgewogene Argumentationen. Die Titel deuten eher nicht darauf hin.

»Lügen« erobern die Politik

Auch in der politischen Arena ist ­»Lügner!« mittlerweile das beliebteste Argument – ganz gleich ob es um den Klimawandel, das TTIP-Abkommen oder Sportgroßereignisse geht. Als in kürzlich über die Olympiabewerbung abgestimmt wurde, warb eine Plakat­kampagne um Zustimmung für die Spiele. Ein Stadtmagazin nahm daraufhin die Plakat-Claims (»Diese Spiele sind für uns alle ein Gewinn«) unter die Lupe. Ein löbliches Anliegen zwar, die Überschrift »So belügen euch die Olympia-Plakate« hingegen ließ den Beitrag wirken wie ein moralisches Standgericht.

Dass der Pegida-Ruf »Lügenpresse« vor rechtem Ressentiment nur so strotzt, ist hoffentlich inzwischen allen klar, deren kritisches Bewusstsein halbwegs intakt ist. Eigentlich aber ist jede Unterstellung einer »Lüge«, ganz gleich, ob sie von links oder rechts kommt, populistisch. Immerhin ist die Welt 2016 irre kompliziert. Kaum einer blickt so richtig durch, die Lage ist verworren, unsere ­Vorurteile sind uns oft selbst nicht bewusst. Dass jemand lügt, setzt aber voraus, dass er die Wahrheit kennt und bewusst das Gegenteil sagt. Wer permanent wütend mit dem Wort »Lüge« um sich wirft, glaubt auch, dass Männer mit Perser­katze auf dem Schoß von ihrer Superbösewichtburg aus die Welt durchschauen und uns dann genau das Gegenteil von dem verkaufen, was wahr ist. Dass man sich die ­Olympiawerber der Stadt Hamburg so vorstellen muss, scheint mir ebenso unplausibel wie die Idee, dass CIA-Agenten deutschen Journalisten Geldsäcke schenken, damit diese ihre Leser über die Realität belügen. Wer so ein Weltbild hat, unterscheidet sich kaum von Xavier Naidoo, ­Frauke Petry und anderen, die von der Komplexität der Welt verwirrt sind. Der Vorwurf der Lüge funktioniert ganz ähnlich wie eine Verschwörungstheorie – radikale Vereinfachung, um einen Schuldigen zu finden.

Weniger vorwerfen, mehr überprüfen

Auf den Vorwurf der Lüge zu verzichten, heißt natürlich nicht, jeden Quatsch einfach unwidersprochen stehen zu lassen. Der amerikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump behauptet seit geraumer Zeit, er habe am 11. September 2001 im Fernsehen gesehen, wie »Tausende Muslime« jubelnd durch die Straßen eines New Yorker Vororts zogen. Bisher konnte niemand einen Beleg dafür finden. Ist Trump also ein Lügner? Gut möglich. Aber wer weiß schon, was er denkt? Vielleicht wird er von Halluzinationen geplagt oder denkt an Bilder aus der arabischen Welt, wo nach dem 11. September gejubelt wurde. Die Frage, ob Trump lügt, ist unwichtig. Wichtig ist, ob stimmt, was er sagt. Das ist überprüfbar.

In der Wissenschaft gibt es das ­sogenannte Charity-Prinzip, welches von jedem Forscher verlangt, aus der Position seiner Gegner das belastbarste Argument herauszuarbeiten. Wenn also einer sagt: »Olympia ist gut für alle! Und Jod gesund!«, dann sollte man überlegen, welche die überzeugendsten Gründe sind, die er für diese Haltung haben könnte – und diese Gründe zu widerlegen versuchen. Den Jodfan einfach einen Lügner zu schimpfen, ist das Gegenteil von Charity. Man spricht ihm jedes halbwegs plausible Argument ab und sagt: Nur Schmiergeld, charakterliche Verkommenheit oder der Wunsch nach Weltherrschaft können ihn zu dieser Aussage verleitet haben!

Die Alternative zu »Du lügst« lautet keinesfalls »Alles ist irgendwie wahr«. Sondern: »Was du sagst, stimmt nicht«. Statt uns moralisch schwer zu bewaffnen und dauernd gegenseitig der Lüge zu bezichtigen, sollten wir lieber unmoralisch und objektiv diskutieren. Und dann versuchen, das Richtige zu tun.


Dieser Text ist in der Ausgabe 02/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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