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Die Mörder meines Vaters (Teil 1)

Fünf Schüsse trafen Ismail Yasar am 9. Juni 2005 in Kopf und Herz – er war das sechste Opfer der NSU-Mordserie. Dilek Özcan, 32, ist seine Tochter. Sie sitzt Beate Zschäpe im Münchner Gerichtssaal direkt gegenüber. Für NEON schreibt sie ein Prozesstagebuch.

»Kızım, meine Tochter, wie geht es dir?« hat er am Telefon gesagt, als ich ihn das letzte Mal anrief. Wir sprachen sehr selten, doch seine Stimme war immer so lieb. Mein drittes Kind war gerade geboren, da kam der Anruf: Ihr Vater ist tot. Zu mir war mein Vater immer lieb. Mehr konnte ich den Polizisten nicht über ihn erzählen, damals bei der Kripo, als sie mich fragten, wer sein Mörder sein könnte.

Es macht mich traurig, dass ich so wenige Erinnerungen an ihn habe. Meine Eltern haben sich getrennt als ich noch ganz klein war. Meine Mutter ist mit mir von Nürnberg nach Nordrhein-Westfalen gezogen, ich habe meinen Vater nie wieder besucht. Ich war so beschäftigt damit, mein Leben zu organisieren, die Kinder kamen, wir hatten nie viel Geld. Auch heute leben mein Mann und ich von Hartz 4. Ihren lieben Opa werden meine Kinder nie treffen. Er wäre ganz sicher stolz, dass mein Großer in der C-Jugendauswahl Fußball spielt.

»Die Sache«, also der Tod meines Vaters hat mir schon damals Angst gemacht. Jahrelang wussten wir nicht, warum er sterben musste. Mein Mann und ich hatten ja auch einen Dönerstand. Vielleicht würde der Mörder auch zu uns kommen, habe ich manchmal gedacht. Aber es ist kein Vergleich mit der Angst, die mich jetzt überkommt. Neonazis haben meinen Vater erschossen. Weil er Türke war, es gab keinen anderen Grund. Diese Willkür, mit der die Mörder meinen Vater ausgesucht haben, macht mich unruhig. Ich habe Angst um meine Kinder. Auch sie haben türkische Namen und schwarze Haare. Ich habe mich in Deutschland immer wohl gefühlt, doch seitdem ich die Mörder meines Vaters kenne, fühle ich mich als Ausländerin. Die Neonazis haben es geschafft. Ich fühle mich fremd im eigenen Land.

Ich hasse alles an ihr. Ihre Haare. Ihre Hosenanzüge. Ihr Lächeln.

Auch deswegen fahre ich immer wieder nach München zum Prozess. Ich will dieser Frau zeigen, dass ich hier her gehöre. Dieser Frau, die wohl dabei half, meinen Vater zu ermorden. Aber es ist schwer. Jedes Mal, wenn Beate Zschäpe den Gerichtssaal betritt, wird mir richtig schlecht. Im Gerichtssaal sitze ich in der ersten Reihe, es sind nur wenige Meter bis zur Anklagebank. Ich kann jede Regung von dieser Frau sehen, manchmal höre ich sie mit ihren Anwälten flüstern.
Am ersten Tag habe ich gelernt was Hass ist. Ich kannte dieses Gefühl nicht, bis ich sie gesehen habe. Ich dachte erst sie sei eine Anwältin, sie sah so schick aus, hatte einen Laptop dabei. Wir müssen uns leider angucken, wie sie damit rumfummelt. Ich hasse alles an ihr. Ihre Haare. Ihre Hosenanzüge. Ihr Lächeln. Dabei will ich gar nicht hassen.

Die »Bild« hat nach dem ersten Prozesstag im Mai mein Foto direkt neben ein Bild von ihr gestellt. Dilek Özcan neben Beate Zschäpe. Vielleicht hat sie es auch gesehen. Ich kriege Gänsehaut bei dem Gedanken daran.
Die ersten Verhandlungswochen waren so anstrengend. Wir quetschen uns im Saal, die Bänke stehen viel zu eng, sodass immer alle aufstehen müssen, wenn jemand raus will. Das ist unangenehm.

Wenn ich nur lange genug da sitze, denke ich, werden die es verstehen. Dass wir Menschen sind.

Am Anfang wurde die Verhandlung ständig unterbrochen. Wir mussten immer wieder warten. Und jedes Mal, wenn wir frische Luft schnappen wollten, die Polizeikontrolle. Durchleuchten, abtasten. Ich mag das nicht. In den ersten Tagen haben die Verteidiger stundenlang vorgelesen. Ich habe mich echt darüber aufgeregt, wie lange das dauert, bis wir zur Sache kamen. Als dann die Anklageschrift dran war, ging es mir schlecht. Das war mir zu viel. Die ganzen Morde wurden vom Bundesanwalt verlesen. Über meinen Vater sagte er:
Am 9. Juni 2005 schossen sie zwischen 9.50 und 10.15 Uhr auf den 50-jährigen türkischen Staatsangehörigen Ismail Yasar in seinem Döner-Imbiss in der Velburger Straße 3 in Nürnberg und verletzten ihn tödlich. Der erste Schuss aus der Pistole Ceska 83 streifte den hinter dem Tresen Stehenden am rechten Ohrläppchen, worauf Ismail Yasar sich wegduckte und dabei einen Kopfdurchschuss im Bereich der rechten Wange erlitt. Er kam auf der linken Seite liegend hinter dem Tresen zu Fall, wo ihn drei weitere Kugeln in die Brust trafen. Ismail Yasar starb noch am Tatort an den Folgen eines der Rumpfsteckschüsse, der die Unterschlüsselbeinschlagader zerstört hatte.

Bei Carsten S., der angeklagt ist, weil er die Ceska besorgt hat, wurde ich müde von seiner monotonen Stimme. Er hat unglaublich lange über sich selbst gesprochen. Über sein Schwulsein, sein Coming-Out. Über seinen Durchfall und die Krankheiten seiner Mutter. Ich wollte das einfach nicht wissen. Es regt mich auf! Bei den wichtigen Punkten konnte er sich angeblich nicht erinnern: Er hat erzählt, dass er eine Dönerbude umgekippt hat. Aber er konnte nicht sagen, warum er das gemacht hat. Er konnte nicht sagen: Weil wir Ausländer gehasst haben.

Der Einzige, der sich bisher an uns gerichtet hat: Holger G., der mit den Terroristen im Untergrund noch Urlaub gemacht hat und ihnen seine Papiere gab, hat sich bei uns entschuldigt. Bei uns Opfern und Hinterbliebenen. Er sagte, er habe von allem nichts gewusst. Die drei Terroristen waren einfach seine Freunde. Ich habe ihm das nicht geglaubt. Er hat die Entschuldigung abgelesen. Uns hat er nicht einmal dabei angeguckt.

Wenn ich nur lange genug da sitze, denke ich, werden die es verstehen. Dass wir Menschen sind. Aber es ist schwer für mich. Ich bin eine Hausfrau, ich komme aus einer Kleinstadt. Sobald ich aus dem Gerichtssaal trete, werden mir Mikrofone unter die Nase geschoben und Kameras auf mich gerichtet. Das ist komisch. Ich wünschte, mein Mann könnte mitfahren, aber da er kein Nebenkläger ist, wird die Fahrt für ihn nicht bezahlt. Er passt zu Hause auf die Kinder auf und ruft mich an, wenn er mich wieder im Fernsehen gesehen hat.
Mich und Beate Zschäpe.

Protokoll: Lena Kampf
Foto: Franz Bischof

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