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Die Stimmen einer Generation

Geht’s uns noch gut? Die große NEON-Umfrage: Unsere politische Haltung, unser Liebesleben, unsere Erwartungen an den Job: 82 Fragen an die jungen Erwachsenen in Deutschland.

Konzept: Lars Gaede | Text: Alard von Kittlitz, Tobias Moorstedt
Interviews: Jakob Schrenk | Fotos: Sebastian Haslauer und twinset

Hier sind wir also. Deutschland, 2014. Einer der großen Brummkreisel in der Welt. Die Wirtschaft wächst, Philipp Lahm stemmte in Rio den WM-Pokal in den Feuerwerkshimmel. Und in der jährlichen Umfrage der BBC zum beliebtesten Land der Welt landete Deutschland auf dem ersten Platz. Zum zweiten Mal in Folge.

Vielleicht muss man sich das ab und zu in Erinnerung rufen. Wie wahnsinnig gut dieses Land gerade dasteht. Vor zehn Jahren galt Deutschland als »kranker Mann Europas«. Jetzt sitzt es schon wieder da, allen Krisen zum Trotz, in der Mitte des Kontinents, die Hände auf dem runden Bauch lässig zum Merkel-Dreieck geformt. Mächtig und reich. Ein fetter Streber, der sogar gemocht wird. Verrückte Zeiten.

Und wir mittendrin. Die jungen Deutschen haben das große Los gezogen und dürften von fast allen Altersgenossen fast überall auf der Welt beneidet werden. Wir dürfen in diese satte Stabilität hineinleben: Nutznießer, Erben, Königskinder. Aber wie fühlen wir uns damit eigentlich? Macht unser Glück uns glücklich?


Zukunft, Politik, Ängste – Teil 1 der großen NEON-Umfrage


NEON hat ein Interview mit dieser Generation geführt – eine Umfrage. 1000 Menschen im Alter von 18 bis 35 haben mit uns über Politik, Karriere, Liebe und Freizeit gesprochen, haben uns erzählt, wofür sie gerne Geld ausgeben, ob sie schon mal in Therapie waren, was sie tun würden, wenn sie im Kanzleramt säßen.

Deutschland ist mächtig und reich. Ein fetter Streber, der auch noch gemocht wird. Verrückte Zeiten

Die NEON-Studie hat interessante Ergebnisse hervorgebracht. Die »Generation Deutschland 2014« gibt es nicht. Zumindest nicht in dem Sinne, dass alle 18- bis 35-Jährigen das Gleiche denken, wollen, fühlen würden. Es gibt eben keine ­»Stimme dieser Generation«. Es gibt sehr viele Stimmen. Denn wir sind individualistisch, eigenbrötlerisch und widersprüchlich. Man kann das kompliziert finden. Oder man freut sich, weil das Chaos auch bedeutet, dass wir uns unsere Ansichten und Ziele aussuchen dürfen, dass es keinen großen Druck gibt, der uns zusammenpresst.


Wirtschaft, Politik, Religion, Heimat – für Teil 2 geht es hier entlang.


Es ist dennoch möglich, festzustellen, welche Themen, Ereignisse und Ziele die jungen Deutschen bewegen, und diese gefühlten Gemeinsamkeiten meint dieser Text, wenn er das merkwürdige, oft missbrauchte Wort »wir« verwendet. Und man kann analysieren, inwieweit sich die Wünsche und Wirklichkeiten der jungen Deutschen verändert haben. Im Jahr 2005, vor fast zehn Jahren also, hat NEON schon einmal eine derartige Umfrage durchgeführt. Blättert man das Heft aus dem September 2005 durch, fällt einem auf, dass sich vieles verändert hat – damals ­regierten Rot-Grün und Kanzler Schröder, Deutschland war bei der Fußball-EM in der ­Vorrunde ausgeschieden, die Stimmung insgesamt sehr schlecht. Viele Dinge wie Twitter oder Smartphones, die unseren Alltag bestimmen, waren noch gar nicht ­erfunden, stattdessen gab es Werbeanzeigen für Klapphandys und – das war damals offenbar noch erlaubt – Zigaretten. Vergleicht man dann die Studienergebnisse, fällt einem auf, dass »wir« uns ganz schön verändert haben. Vieles ist anders geworden – und manches sogar besser.

Im Jahr 2005 definierten 45 Prozent die Schaffung von Arbeitsplätzen als wichtigstes Ziel der Politik. Heute ist das nur noch 10 Prozent der Befragten wichtig. Wir haben andere politische Ziele: Fast die Hälfte von uns verlangt von der Politik die »Herstellung sozialer Gerechtigkeit«. Der Reichtum soll fair verteilt werden. 24 Prozent finden ganz konkret, dass Friedenssicherung derzeit die erste Priorität der Politik sein sollte. Bei der NEON-Umfrage von 2005 war noch nicht einmal jeder Zehnte dieser Meinung. Die jungen Deutschen sehnen sich nach einem aufregenden, chaotischen, oft brutalen Jahrzehnt nach Frieden – und zwar sowohl im Privatleben als auch in der Politik.


Job, Karriere, Lebensplanung – für die Antworten hier klicken.


Fest steht: Die jungen Deutschen haben einen Selbstbewusstseinsschub verpasst bekommen. Weil wir uns nicht mehr vor dem Absturz in Hartz IV und öffentlicher Ächtung fürchten, verlangen wir auch mehr im Job. Nicht nur von uns selbst, sondern auch von unserem Arbeitgeber. Im Job wollen wir in erster Linie Spaß haben. 82 Prozent nennen das als wichtige Voraussetzung. Und nur 43 Prozent von uns wären für einen interessanten Job bereit, weniger Freizeit in Kauf zu nehmen. Gleichzeitig sagen aber 72 Prozent, dass ihnen ihre Karriere wichtig bis sehr wichtig ist. Wie passen diese Antworten zusammen? Ist das naiv? Werden da uralte Wahrheiten geopfert (»Karriere gibt es im Tausch gegen Freizeit«)? Man könnte sich also wie die FAS über die »Generation Weichei« ereifern, die nicht mehr hart arbeiten will und die Zukunft des Standortes aufs Spiel setzt. Man ­könnte sich über die paradoxen Prinzen und Prinzessinnen lustig machen, die das Sowohl-als-auch zum Lebensprinzip gemacht haben und wie die britischen Royals ­betrunken in Clubs tanzen und trotzdem im fremdfinanzierten Schloss wohnen wollen.

Man könnte aber auch einfach nüchtern analysieren, dass sich durch Wirtschaftswachstum und demografischen Wandel die Rahmendaten geändert haben – worauf wir reagieren müssen. Weil wir wissen, wie groß die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ist, fragen wir gründlich nach, bevor wir uns für eine Stelle entscheiden. Und vielleicht braucht man in einer Arbeitswelt, die Faktenhuberei und Überstundenprotzerei durch Kreativität und Flexibilität ersetzt hat, einfach auch Spaß, Freizeit, soziale Kontakte, um erfolgreich zu sein. Und überhaupt: Warum sollten wir nicht beides haben? Die gute Arbeit und das gute Leben? Das ist doch ein schönes Ziel.


Liebe, Sex, Beziehung – die Umfrageergebnisse findet ihr hier.


Wobei auffällt: Selbst wenn wir träumen, träumen wir in den Grenzen des ­Systems. Es geht uns nicht darum, das große Hamsterrad zu zerstören oder wenigstens die Geschwindigkeit zu drosseln, wir wollen nur ab und zu aussteigen dürfen, kurz Pause machen, bis uns nicht mehr ganz so schwindelig ist. Man muss keine Angst vor uns haben – 69 Prozent geben an, noch nie irgendwelche Drogen ­genommen zu haben, nur vier (!) Prozent haben Steuern hinterzogen. Wir haben außerdem ein irres Bedürfnis nach festen Beziehungen, nach geordneten Verhältnissen. 97 Prozent können sich vorstellen, mit dem derzeitigen Partner alt zu ­werden. 88 Prozent wollen Kinder. Und knapp die Hälfte der Befragten wünscht sich mit vierzig ein Häuschen mit Garten. 2005 wollten noch 20 Prozent in diesem Alter als Globetrotter am Strand abhängen. Man kann diesen Einstellungswandel spießig nennen, vielleicht sind wir aber auch nur ein bisschen realistischer und ehrlicher als Vorgängergenerationen wie die 68er, die vor allem auf Podiumsdiskussionen gegen die Monogamie hetzten und sich dann in ­gelegentlichen Rotweinräuschen und der Doppelhaushälfte doch recht wohl fühlten.


Sport, Konsum, Alltag, Internet – alle Antworten gibt es hier.


Manche unserer Antworten überraschen auch uns selbst. 61 Prozent von uns sind tendenziell dagegen, dass mehr Flüchtlinge bei uns Aufnahme finden. Nur 28 ­Prozent wollen nicht, dass der Zuzug von EU-Bürgern nach Deutschland stärker beschränkt wird. Mal abgesehen davon, dass Deutschland ohne Migranten bald wortwörtlich ziemlich alt aussieht: Was ist da los? Plappern ein paar die ­Sprüche nach, die Thilo Sarrazin, die AfD und andere Stammtischkommentarspaltenbrüder auch mal sagen dürfen müssen? Oder sehnen wir uns nach all den geplatzten ­Blasen und lodernden Krisen nach Sicherheit und Einfachheit – auch wenn wir insgeheim wissen, dass die Welt viel komplexer ist? Auf den folgenden Seiten schauen wir in die Vergangenheit und sehr genau auf die ­Gegenwart. Es kann aber auch nicht schaden, in die Zukunft zu blicken und sich zu überlegen, was sich in Deutschland ändern muss. Gerade weil alles so schön ist gerade. Es ist doch so: Wenn wir keine Angst haben, dann haben wir aber auch erst recht keinen Grund für Ressentiments. Wenn wir nicht schlaflos sind vor Sorgen, dann können wir auch wieder von größeren Dingen träumen als nur von der richtigen Work-Life-­Balance, egal ob es in diesem Traum nun um die freie Liebe oder offene Grenzen geht. Es kann uns nicht schaden, wieder ein bisschen offenherziger und mutiger zu werden. Wir können uns das doch leisten.


Essay: Die Stimme einer Generation
Umfrage – Teil 1: Zukunft, Politik, Ängste
Umfrage – Teil 2: Wirtschaft, Politik, Religion, Heimat
Umfrage – Teil 3: Job, Karriere, Lebensplanung
Umfrage – Teil 4: Liebe, Sex, Beziehung
Umfrage – Teil 5: Sport, Konsum, Alltag, Internet

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