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Flucht vor Erdogan

Die Türkei – ein Land auf dem Weg in die Diktatur? Wir haben uns Anfang des Sommers in Istanbul mit Künstlern und Intellektuellen getroffen und sie nach ihrem Alltag und ihren Hoffnungen gefragt. Fast alle haben nur ein Ziel: Nichts wie weg.

Interview: Marco Maurer, Christoph Piltz, Fiona Weber-Steinhaus | Fotos: Stella Schwendner

Istanbul, Anfang des Sommers

Auf der bekanntesten Straße der Stadt, der Istiklal Caddesi, stehen schwer bewaffnete Polizisten vor panzerartigen Wasserwerfern. Im März sprengte sich hier, ein paar Hundert Meter vom Taksim-Platz entfernt, ein Selbstmordattentäter des IS in die Luft. Fünf Menschen starben. Nun laufen wie jeden Tag wieder Tausende Touristen und Einheimische mit ihren Einkaufstüten in Richtung Gezi-Park. Hippies trommeln für den Frieden, syrische Flüchtlingskinder umarmen Fußgänger, weil sie sich davon ein paar Münzen versprechen. Zum Straßenbild der Istiklal gehören Simit-Verkäufer ebenso wie die Plakate mit dem Konterfei des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Früher hat er selbst Sesamkringel verkauft. Heute irritiert er mit dem Krieg gegen die Kurden, der Verleugnung des Völkermords an den Armeniern und seinem Feldzug gegen Andersdenkende nicht nur viele Türken, sondern ganz Europa.

Von Deutschland aus wirkt es, als sei es in der Türkei schwierig, offen über Politik zu sprechen. Deshalb hat NEON in einer der Seitenstraßen der Istiklal zum Diskutieren eingeladen. Uns interessiert: Wie geht es jungen Intellektuellen, Unternehmern, Therapeuten, Journalisten, Tätowierern und Künstlern? Elf Istanbuler werden in den nächsten 24 Stunden in unserem Apartment und auf der dazugehörigen Dachterrasse über dem Bosporus ein und ausgehen und mit uns darüber offen sprechen, wie es sich anfühlt, hier gerade zu leben. Deswegen erteilen wir Konservativen und AKP-Anhängern Hausverbot.

16 Uhr. Von unten tönen Schiffshörner, Polizeisirenen und Muezzingesänge herauf. Gabriele Kern-Altindis, die Vermieterin des Apartments, erzählt, dass viele ihrer Stammgäste ihre Reisen storniert haben. „Die Politik der türkischen Regierung und die Angst vor weiteren Attentaten schrecken derzeit leider viele ab, in die Türkei zu reisen“, sagt sie, als es klingelt. Der Psychotherapeut Zaza Yurtsever steht vor der Tür. Zaza und Gabriele kennen sich seit Jahren. Er hat ihr geholfen, die Stadt und die Türken zu verstehen. Dabei soll er uns jetzt auch helfen.

»In der Türkei gibt es fast wöchentlich Anschläge, Wirtschaftsskandale und Korruptionsfälle.«


Zaza Yurtsever, 48,
Psychotherapeutund Buchautor, der sich mit der türkischen Gesellschaft auseinandersetzt.

Zaza, können wir mit dir offen über Politik sprechen?
Zaza: Nein.

Traust du dich nicht?
Zaza: Es ist nicht so einfach, offen zu reden. Ich habe nicht nur Angst vor Erdogan und seinen AKP-Anhängern, sondern auch vor der anderen Seite.

Welche andere Seite?
Zaza: Im Moment ist die Türkei total gespalten, 49 gegen 51 Prozent, Regierungsanhänger gegen Oppositionelle. Ich stimme nicht mit der Politik Erdogans überein, aber: In den ersten Jahren war er kein schlechter Ministerpräsident. Er näherte sich den Kurden an, dämmte die Macht des Militärs ein, die Wirtschaft wuchs. Wenn ich jetzt aber Erdogan verteidigen würde, hätte ich 51 Prozent gegen mich. Meine Freunde würden mich aus ihrem Kreis ausschließen, mich psychologisch sanktionieren.

Was würde passieren, wenn du Erdogan öffentlich kritisiert?
Zaza: Es bestünde die Gefahr, aufgrund des Paragrafen 299 verklagt zu werden. Auf Präsidentenbeleidigung stehen bis zu vier Jahre Gefängnis. Normale Leute wie wir müssten vielleicht nicht hinter Gitter, aber uns könnte Stress und ein unangenehmer Prozess drohen. Staatsbeamte, Lehrer oder Hochschulprofessoren müssen mit strengeren Maßnahmen rechnen.

Zaza, wir verstehen Erdogan nicht. Wie würdest du als Experte seine Psyche beurteilen?
Zaza: Ferndiagnosen sind unmöglich. Aber natürlich beobachte ich ihn auch: Sieht sein Verhalten normal aus? Nein! Es wirkt angstgesteuert. Nur: Wovor hat er Angst? Vielleicht vor einem Machtverlust? Ein Arzt und Regisseur diagnostizierte bei ihm öffentlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Dafür musste er vor Gericht.Erdogan wirkt leicht verletzbar und ist schnell beleidigt.

Erdogan saß ja selbst schon einmal im Gefängnis, musste sich den Säkularen beugen. Glaubst du, er hegt Rachegefühle? Gegen das Establishment, das ihn früher unterdrückt hat?
Zaza: Es sieht schon so aus, als fände eine Vergeltung im Namen aller Gläubigen statt. Nach Gründung der türkischen Republik unter Atatürk durften Menschen in religiöser Kleidung wie dem Kopftuch lange keine öffentlichen Gebäude betreten. Sie waren von der Gesellschaft ausgeschlossen. So etwas prägt sich ein.

Behandelst du AKP-Anhänger?
Zaza: Manchmal. Dann stelle ich fest: Sie sind weit weniger dogmatisch als die Linken. Meine religiösen Patienten sind meist gebildet, benehmen sich und zahlen ihre Rechnungen. Bei den Linken ist das oft nicht so.

Wie erklärst du dir das?
Zaza: Religiöse mussten sich immer anpassen. Da haben viele gelernt, fair zu sein.

Wenn dieses Land so gespalten ist, müsste man dann nicht alle therapieren?
Zaza: Tatsächlich. Wir bräuchten Traumazentren in jeder türkischen Stadt. Seit vierzig Jahren gibt es einen Bürgerkrieg in der Osttürkei, das Militär gegen kurdische Kämpfer. Mehr als 40 000 Menschen starben, darunter viele Zivilisten. Wenn jeder dieser Verstorbenen fünf Verwandte hat, sind schon 200 000 Leute betroffen. Erweitert man diese Zahl um Freunde und Bekannte, sind wir schnell bei Millionen.

Wie gehen deine Patienten damit um?
Zaza: Sie reden nicht über diese Sorgen. Im März starben bei einem Anschlag in Ankara über hundert Menschen. An dem Tag hatte ich sechs Sitzungen. Kein Patient hat die Anschläge erwähnt. Das könnte Ignoranz sein – oder eine Verdrängungsstrategie. Ich glaube, Letzteres. In diesem Land gibt es fast wöchentlich Anschläge, Wirtschaftsskandale, Korruptionsfälle und Grubenunglücke. Würde man alles ausdiskutieren und analysieren, die Menschen kämen nie hinterher.

17 Uhr. Zaza verabschiedet sich. Die nächsten Gäste stehen schon im Flur: Die Band The Away Days – vom „Guardian“ als türkische Indiepop-Entdeckung gefeiert. Die drei haben als Vorband für Portishead gespielt. Heute sind sie müde, sie haben die Nacht durchgemacht. Der Sänger Can Ozen, 23, wird die meiste Zeit sprechen. Der Schlagzeuger legt den Kopf auf den Tisch, der Gitarrist trinkt Dosenbier. Die Band war Teil des Gezi-Protests: 2013 demonstrierten Zehntausende erst gegen den Bau einer Shoppingmall im Gezi-Park, später gegen die Regierung Erdogan und staatliche Repression. Der Protest wurde brutal niedergeschlagen.

»Wir sind keine politische Band. Ich fühle mich nicht dafür zuständig, über Gezi zu singen. Aber natürlich reden wir abseits der Musik über Politik.«


Can Ozen (Mitte), 23,
Sänger der türkischen Indiepopband The Away Days, die Vorgruppe bei Portishead war.

Can, ihr habt die Band 2012 gegründet. Seitdem ist viel passiert: Gezi, Flüchtlingskrise, Erdogans Wahl zum Staatspräsidenten. Seid ihr als Band politischer geworden?
Can: Nein. Wir reden zwar oft in den Medien über Politik. Aber ich schreibe keine Protestsongs, sondern über Beziehungen. Ich fühle mich nicht dafür zuständig, über Gezi zu singen.

Aber ihr habt während der Geziproteste einen offenen Brief verfasst: „Istanbul braucht eure Hilfe“, heißt es darin.
Can: Ich weiß gar nicht, ob unsere Facebook-Seite der richtige Kanal für solch einen Aufruf war. In dem Moment war es mir auch egal. Wir waren einfach nur stinksauer.

17.05 Uhr. Es wird voll. Erdem Dilbaz begrüßt die Band, sie sind mal zusammen in einer Bar abgestürzt. Erdem ist Start-up-Unternehmer und baut Lichtinstallationen für Bühnenshows. Vor Kurzem beschloss er, sein Unternehmen nach Prag zu verlegen, weil er der türkischen Wirtschaft nicht mehr vertraut. Die Filmemacherin Dilek Aydin und die Journalistin Gülsin Harman kommen zeitgleich. Gülsin hat als einzige Journalistin zugesagt. Viele hatten wohl Sorge, offen mit uns zu sprechen, manche antworteten nicht. Gülsin arbeitet für das International Press Institute in Istanbul, das sich für Pressefreiheit in der Türkei einsetzt. Dileks Facebook-Profil zeigt zwei Frauen mit gereckten Fäusten, ein an die schwarze Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre angelehntes Foto US-amerikanischer Feministinnen.

»Die wirklich vernünftigen Menschen wollen Istanbul verlassen. Hier kann man nicht mehr leben.«


Erdem Dilbaz, 35,
Start­up­Unternehmer. Er baut Lichtinstallationen für Bühnenshows. Seine Firma hat er vor Kurzem nach Prag verlegt.

Dilek, warst du auch im Gezipark?
Dilek: Klar, ich habe jeden Tag im Camp geschlafen. Ich war aufgeregt und dachte: Jetzt schaffen wir es, etwas zu verändern. Dann fiel mir auf, wie wenige wir waren. Zehnmal mehr Leute wählen AKP und haben eine total andere Agenda. Die halten uns für verwöhnte Kinder.

Gülsin: Es ging nicht nur um die AKP , die Proteste richteten sich auch gegen die Opposition, die es nicht schaffte, sich zu organisieren.

Was hat sich seitdem verändert?
Erdem: Ehrlich gesagt: nicht viel. Wir Türken wissen nicht, wie man richtig protestiert. Das war nur Selbstverteidigung. Natürlich rebellieren Leute, wenn sie sich durch Tränengasnebel nach Hause kämpfen müssen, so ging es mir auch. Aber das ist nichts Nachhaltiges.

Dilek: Die Hoffnung hatte sich schon während Gezi zerschlagen. Plötzlich wollten viele Europäer ihre Filme oder Dokumentationen über unsere Freiheit drehen. Dabei wurde mir klar: Wir sind nur Statisten in unserer eigenen Kulisse, haben aber keine Förderung, um eigene türkische Filme zu machen. Was sich geändert hat: Damals dachte ich nicht daran, die Türkei zu verlassen. Jetzt will ich nur noch weg. Ich habe mich in London und Berlin für Gender Studies beworben. Ich bin in der Türkei verwurzelt. Aber ich möchte auch ein gutes Leben führen – und das funktioniert hier nicht mehr.

Was ist denn für euch ein gutes Leben?
Dilek: Ich will mir keine Sorgen um meine Sicherheit oder meine Zukunft machen. Ich lebe auf der Istiklal. 500 Meter von meinem Haus explodierte eine Bombe …

Can: Da würde ich mir auch Sorgen machen.

Dilek: Ich bekomme viel weniger Jobs. Die Wirtschaft boomt nicht mehr.

Wer von euch will die Türkei verlassen?
Alle heben die Hand. Nur die Journalistin Gülsin nicht.

Gülsin: Ich bleibe. Ich empfinde es als berufliche Pflicht, weiterzuarbeiten. Oder anders gesagt: Noch bleibe ich.

Erdem: Eigentlich ist es einfach: Die wirklich vernünftigen Menschen wollen Istanbul und die Türkei verlassen. Hier kann man nicht mehr leben.

Dilek: Erdem hat Recht. Ich finde es tragisch, dass so viele wegwollen. Vielleicht sind wir einfach eine Generation von Egoisten …

Can: Ich finde nicht, dass du egoistisch bist. Wir haben nur dieses eine Leben. Als wir vor drei Jahren das erste Mal außerhalb der Türkei waren, auf Tour in den USA und Europa, haben wir uns das erste Mal frei gefühlt.

Dilek: Ich lebe alleine, verdiene mein eigenes Geld. Aber selbst in den meisten Stadtteilen Istanbuls kannst du nicht als alleinstehende Frau leben. Es wird immer konservativer hier, ich fühle mich eingeschränkt. Ich lebe kein verrücktes Partyleben, es geht lediglich um ein ruhiges, friedliches Dasein. Doch nicht einmal das wird in Zukunft mehr klappen. Istanbul raubt dir Energie.

»Ich finde es traurig, dass alle die Türkei verlassen wollen. Vielleicht sind wir einfach eine Generation von Egoisten.«


Dilek Aydin, 31,
arbeitet als Regisseurin in Istanbul. Ihr Hauptthema: Frauenrechte in der Türkei.

In Paris töteten Terroristen 89 Menschen im Konzertsaal. Can, habt ihr euch je unsicher gefühlt, bevor ihr die Bühne betreten habt?
Can: Vor einer unserer Shows in Ankara gab es Sicherheitswarnungen. Ich weiß nicht mehr genau, welche terroristische Vereinigung das war.

Dilek: Vielleicht TAK, die PKK-Splitterguppe?

Can: Kann sein. Sie hatten Anschläge auf verschiedene Shows geplant.

Und?
Can: Nichts. Es gab mehr Security. Wir haben uns einfach gewünscht, das nichts passiert, und sind auf die Bühne gegangen und haben gespielt.

Gülsin: Fatalismus ist in der türkischen Kultur ziemlich ausgeprägt.

Can: Wie kann man schöner sterben als auf der Bühne?

Alle lachen über Cans Rockstarattitüde.

Kann man unpolitisch sein, wenn man in Istanbul lebt?
Erdem: Ich denke nicht. Woanders kann man einfach so leben. In Istanbul muss man selbst etwas verändern, um das Leben lebbar zu machen. Jeden Tag führst du Diskussionen mit Bekannten, Kollegen, Touristen und Taxifahrern. Politik ist überall in Istanbul.

Can: Sehe ich auch so. Es ist unmöglich! Es ist ja normal, dass Leute sich über die Politik aufregen. Aber in der Türkei fehlen die grundlegenden Rechte. Es geht ja um Menschenrechte. Die hat man in dieser Stadt nicht.

Gülsin, du wertest Onlineangriffe auf Journalisten aus. Welche Anfeindungen hattest du heute schon im Postfach?
Gülsin: Es geht oft um Beschimpfungen. Sobald Journalistinnen, egal ob mit Kopftuch oder ohne, ob konservativ oder nicht, Kommentare über die Innenpolitik schreiben, werden sie als Schlampen und Huren beschimpft. Frauen werden viel häufiger persönlich beleidigt als Männer.

Du hast zuvor im Auslandsressort der „Milliyet“ gearbeitet, einer der größten Tageszeitungen der Türkei. Warum hast du gekündigt?
Gülsin: Das war kein kritischer Journalismus mehr, sondern regimetreue Berichterstattung. Über die Gezi-Proteste durften wir noch kritisch berichten. Danach war Schluss. Viele von uns wurden gefeuert. Ich war mir sicher, dass mir auch gekündigt wird – allen war meine Meinung bekannt, ich habe bei Gezi protestiert. Aber ich saß am Nachrichtendesk fürs Ausland. Ich war wohl geschützter.

Der bekannte „Milliyet“-Kolumnist Can Dündar wurde im Mai zu fast sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Warum wird Dündar verurteilt und viele andere Journalisten nicht?
Gülsin: Das hängt immer vom Publikum ab. Ein unbekannter Schüler kann in der Regel unbehelligter kritisieren als jemand wie Dündar, der drei Millionen Twitter-Follower hat.

Can, ihr habt schon damals in eurem Gezi-Aufruf kritisiert, dass die türkischen Medien nicht mehr frei berichten können. Wie informiert ihr euch?
Can: Das ist schwierig: Eine der besten Zeitungen, „Radikal“ , musste gerade schließen. Ich informiere mich über Twitter oder über meine Freunde darüber, was wirklich passiert.

Dilek: Ich nutze Twitter, auch wenn ich nicht selbst tweete. Seit Gezi habe ich kaum Mainstreammedien mehr gelesen.

Habt ihr die Diskussion um das Schmähgedicht von Jan Böhmermann verfolgt?
Erdem: Der komische deutsche Typ?

Gülsin: Wir haben im Büro lange darüber diskutiert. Erdogan hat dieses Video sehr schlau genutzt. Nicht jeder hat die Möglichkeit, es sich selbst in voller Länge anzuschauen.

Wir zeigen der Runde das Video auf Youtube mit türkischen Untertiteln. Can, Erdem und Dilek sehen es zum ersten Mal.

»Visafreiheit im Tausch gegen Flüchtlinge? Das ist dreckiger Ablasshandel mit der EU. Wir sollten sowieso schon längst Visafreiheit haben.«


Gülsin Harman, 31,
Journalistin beim International Press Institute. Sie setzt sich für Pressefreiheit ein.

Erdem, du hattest vorhin gesagt, wie wichtig Provokation sei. Was sagst du zu dem Gedicht?
Erdem: Erst wenn Leute sich provoziert fühlen, sagen sie frei, was ihnen auf der Seele liegt. Ich finde das Video gut.

Gülsin: Ich finde, der Beitrag beleidigt alle Türken. Was bringt uns das? Nichts. Böhmermann hat Erdogan ermöglicht, sich zu profilieren, zu zeigen, dass die deutsche Regierung vor ihm eingeknickt ist. Erdogan will beleidigt werden und anschließend die Leute zum Schweigen bringen. In den vergangenen zwei Jahren gab es fast 2000 Verfahren wegen Amtsbeleidigung.

Wann diskutiert ihr mit AKP-Anhängern?
Dilek: Selten. Alle meine Freunde denken ähnlich. Die einzige Pro-AKPlerin ist meine Putzfrau, und sie redet selten über Politik. Diese Nichtkommunikation spaltet unsere Gesellschaft. Wir müssten eigentlich mit Konservativen, mit AKP-Anhängern reden, um sie zu verstehen. Der Bruch geht mitten durch die Viertel. Ich war vor ein paar Jahren oft in Tophane, früher ein durchmischter Stadtteil. Heute wohnen dort nur Superhipster. Alle schmoren in ihrem eigenen Saft.

Wie bewertet ihr den europäisch-türkischen Flüchtlingsdeal?
Gülsin: Das EU-Thema frustriert mich. Europa war für mich immer ein Anker, die politische Kraft, welche die Türkei an ihre völkerrechtlichen Pflichten erinnert. In den 90er Jahren dachte ich, dass wir der EU beitreten. Und jetzt? Visafreiheit im Tausch gegen Flüchtlinge? Das ist dreckiger Ablasshandel. Ich fühle mich für dumm verkauft. Wenn man das Völkerrecht anschaut, sollten wir Türken schon längst die Visafreiheit haben.

Erdem: Viele Leute ohne Geld werden nach Europa kommen wollen.

Gülsin: Glaube ich nicht. Die Türken werden nicht in Scharen in die EU ziehen, es gibt ja jetzt schon viele, die frei reisen können. Aber am Ende wird es eh nur ein Reisevisum sein, mit vielen Einschränkungen, wo und wie man leben und arbeiten kann.

Fühlt ihr euch europäisch?
Gülsin: Ja!

Dilek: Warum sollte ich? Ich bin in der Türkei geboren und aufgewachsen. Ich finde nicht, dass alle modern sein oder sich europäisch fühlen müssen. Wir müssen uns nur alle respektieren.

Gülsin: Ich würde Konservative auch respektieren. Aber sie respektieren mich und meine Lebensweise nicht.

18.15 Uhr. Die Band und Erdem müssen los: Erdem organisiert eine Fuck-up-Night, bei der Menschen erzählen, wie sie beruflich gescheitert sind. Die Musiker müssen zum Soundcheck in einen Club. Wir setzen uns mit Gülsin, der Journalistin, und Dilek, der Filmemacherin, auf die Dachterrasse.

Gülsin, eine Kollegin von dir schrieb, dass vor allem junge urbane Frauen unter Erdogan leiden.
Gülsin: Es liegt nicht nur an Erdogan, sondern an unserer Gesellschaft. Es ist reine Glückssache, wenn man als türkische Frau nicht sexuell missbraucht oder vergewaltigt wird – egal aus welcher Schicht man ist und welche Bildung man hat. Wenn eine Frau nachts alleine nach Hause läuft, denken Männer, sie sei eine Hure und sie hätten das Recht, sich zu verhalten, wie es ihnen gefällt.

Verhalten sich eure männlichen Freunde auch so?
Dilek: Nein. Aber viele türkische Männer finden Feminismus albern. Meine Freunde sagen zum Beispiel: „Eine Frau sollte nicht so viel trinken. “ Wenn ich frage: „Warum nicht?“ , sagen sie: „Weil sie dann ihre Würde verliert, weil sie unsexy aussieht. “ What the fuck?!

Gülsin: Das denken aber auch die meisten Frauen. Ich bin 31 und ledig. Heiraten ist nicht mein Lebensziel. Wenn ich mit Freundinnen darüber spreche, merke ich, dass sie denken: „Ach, sie lügt! Wer könnte sich nicht wünschen, zu heiraten?“ Im Sommer ist Hochzeitssaison. Manchmal habe ich das Gefühl, es ist egal, wen man heiratet. Hauptsache, man hat einen Mann.

Dilek: In den oberen Schichten gibt es auch eine Art Konformismus. Man muss Geld verdienen und Kinder haben. Der Rest interessiert nicht.

Tragen Freundinnen von euch Kopftuch?
Dilek: Nein. Ich habe nicht einmal Freundinnen, die sich als Muslima bezeichnen. Schade eigentlich. Ich habe schon mit vielen Frauen mit Kopftuch zusammengearbeitet, die sich als Feministinnen sehen. Um sich mit wichtigen Frauenthemen zu beschäftigen, muss man nicht sein Haar zeigen.

Gülsin: Für mich schließt sich das aus.

19 Uhr. Mohammad Zaza kommt mit seiner Frau Agata. Der Künstler malt abstrakte Ölbilder. Mohammad sieht sich als Reisenden, nicht als Geflohenen. Bis zum Ausbruch des Krieges in Syrien hat er in Aleppo gelebt. Dann floh er in den Libanon, zog danach weiter nach Ägypten. Seit zwei Jahren lebt er in Istanbul. Hier hat er die Schweizerin Agata kennengelernt. Vor vier Wochen haben sie geheiratet.

»Viele wollen Ausstellungen mit Syrern machen. Nicht weil sie unsere Kunst so toll finden, sondern weil wir Flüchtlinge sind.«


Mohammad Zaza, 29, syrischer Künstler, und seine Schweizer Frau Agata, 27.
Er malt abstrakte Ölbilder und sieht sich als Reisenden, nicht als Geflohenen.

Glückwunsch zur Hochzeit! Wie habt ihr sie gefeiert?
Agata: Wir haben am Bosporus, unten im Stadtteil Beyoglu, eine Party gegeben.

Sind eure Familien gekommen?
Mohammad: Agatas Familie aus der Schweiz. Meine nicht, die Türkei vergibt keine Visa an Syrer.

Warum wollen viele Syrer aus der Türkei in die EU? Steht ihnen die türkische Kultur nicht näher?
Mohammad: Wenn Menschen weiterleben wollen wie bisher, dann ist es einfacher in der Türkei. Viele Syrer leben hier gar nicht so schlecht. Mentalität und Kultur der Türken und Syrer ähneln sich. Aber gebildete Leute wollen weiterziehen. Ich selbst habe versucht, mir in Istanbul mit Agata ein Leben aufzubauen. Aber ich kann hier nicht richtig arbeiten. Ich will keine Blumenbilder für Regierungsfestivals malen. Meine Bilder sollen in einer normalen Galerie hängen, ich möchte mit meiner Kunst Geld verdienen. Ich habe es zwei Jahre versucht. Jetzt müssen wir weiterziehen.

Syrien stand früher für eine reiche Kultur im Nahen Osten. Nun verbinden viele das Land zuerst mit Flucht und Krieg. Wie spürst du das?
Mohammad: Viele wollen zwar Ausstellungen mit Syrern machen, aber nicht weil sie unsere Kunst so toll finden, sondern weil wir Flüchtlinge sind.

19.30 Uhr. Die Erasmus-Studentin Irene Allerborn kommt. Eigentlich studiert Irene in Bochum Kulturwissenschaften. Vor einigen Wochen reiste sie ins griechische Flüchtlingslager Idomeni, um vor Ort zu helfen.

»Ich habe meiner Mutter gesagt: ‚Hätte ich Erasmus in Paris gemacht, hättest du dir keine Sorgen gemacht. Zu Unrecht. Da waren größere Anschläge‘.«


Irene Allerborn, 24,
Kulturwissenschaftlerin aus Bochum, Erasmus-Studentin in Istanbul.

Du hast gerade an der Uni eine Prüfung geschrieben. Was war das Thema?
Irene: Die europäisch-türkischen Beziehungen – zwischen 1950 und 2000. Um die aktuelle Situation, den Flüchtlingsdeal mit der Türkei, ging es gar nicht. Auch nicht in den Vorlesungen.

Spürst du etwas von der Angst vor dem Terror in der Stadt und im Hörsaal?
Irene: Ich empfinde die Lage in der Stadt als beklemmend. Neulich waren wir bei der Eröffnung des neuen Besiktas-Stadions. Es gab Tumulte, die Polizei hat vor dem Stadion Tränengas verschossen. Das Gas verletzte zahlreiche Menschen. So etwas ist ganz normal hier. Zudem ist das Leben für viele politisch aktive Menschen riskant und schwierig. Über die Terrorattacken in der Stadt sprechen wir natürlich viel an der Uni. Auch viele unserer Eltern machen sich Sorgen. Meine wollten nicht, dass ich überhaupt nach Istanbul gehe.

Wie beschwichtigst du deine Eltern?
Irene: Ich habe meiner Mutter gesagt: Wäre ich nach Paris gegangen, hättest du dir keine Sorgen gemacht. Dort gab es im November viel schlimmere Anschläge. Aber klar, die Türkei ist näher an Syrien, am Krieg.

Wie seht ihr die Situation der Flüchtlinge in der Türkei?
Irene: Ziemlich kritisch. Wir wohnen in Balat, einem einfachen, konservativen Stadtteil am Goldenen Horn. Eine Flüchtlingsfamilie aus der Nachbarschaft hat uns mal zum Essen eingeladen. Eine Familie mit sechzehn Leuten, drei Generationen in einem Zimmer.

Mohammad: Ich glaube nicht, dass die türkische Regierung es für problematisch erachtet, wenn drei Generationen in einem Zimmer wohnen. Das ist nur aus europäischer Sicht schlimm. Für Türken ist das eher normal. Das Problem ist vielmehr: Eine ganze Generation wächst hier ohne Bildung auf.

Agata: Wenn wir Türken treffen, sagen sie „Mashallah“ , sie freuen sich, Mohammad zu sehen. Sie fühlen sich nicht verängstigt, obwohl wirklich viele Syrer in Istanbul leben. Doch die Politik unterstützt die Flüchtlinge nicht genug dabei, voranzukommen. Es gibt zwar kostenlose Türkischkurse von der Regierung …

Mohammad:… aber die sind überfüllt.

Irene: In Fatih – einem Stadtteil Istanbuls, in dem viele Araber leben – haben sich viele ältere Männer bei uns über die Syrer beschwert: „Die nehmen uns unsere Arbeit weg!“ Oder: „Es gibt hier zu viele syrische Läden und Restaurants!“

Mohammad: Die wissen wohl nicht, wie gut das syrische Essen ist.

Alle lachen.

Nächster Morgen, 10.30 Uhr. Wir starten die zweite Runde. Frühstück. Tee, Oliven, Schafskäse und Sesamkringel. Unser erster Gast: Emre Akal, Autor und Regisseur. Am Abend zuvor hat er die letzte Vorstellung seines Stücks „Homeland Istanbul“ gefeiert. Die Intendantin des Maxim Gorki Theaters hatte sich das Stück angesehen, wahrscheinlich wird es auch bald in Berlin aufgeführt werden. Emre ist Deutschtürke, in München aufgewachsen und vor zwei Jahren nach Istanbul gezogen.

»Istanbul ist wie ein expressionistisches Bild von einem richtig guten Maler. Du hasst die Stadt jeden Tag, aber du liebst sie auch jeden Tag.«


Emre Akal, 34,
Dramaturg und Theaterregisseur. Er zog vor zwei Jahren von München nach Istanbul.

Gestern saßen acht junge Istanbuler hier am Tisch. Fast alle sagten: „Wir möchten die Türkei verlassen.“ Du bist vor zwei Jahren hierhergekommen. Warum?
Emre: Das fragen mich sehr viele. Sie sind sogar schockiert darüber, dass jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist, sich in Istanbul wohlfühlt. Aber den Wunsch, nach Istanbul zu gehen, hast du als Deutschtürke automatisch, du bist beladen mit Sehnsüchten und Erinnerungen der Eltern.

Welche Geschichten wurden dir zu Hause erzählt?

Emre: Die Mutter meiner Mutter ist Alevitin, ihr Vater ein strenggläubiger Sunnit. Als meine Mutter vierzehn war, trug sie einen extrem kurzen Rock und fragte ihren Vater: „Stört dich das?“ Da meinte er: „Es hat mich nicht zu stören. Du musst nicht darauf achten, was du anziehst, sondern wie du dich verhältst, was für ein Mensch du bist. Gott sieht auch durch deinen langen Rock. “ Religion ist in der Türkei, vor allem aber in Istanbul, komplizierter, als man denkt: Die Gleichung „Kopftuch gleich gläubig“ und „nicht Kopftuch gleich säkular“ stimmt so nicht. Manche tragen aus Modegründen Kopftuch, manche aus Gewohnheit, manche aus Zwang, manche aus religiöser Überzeugung.

11 Uhr. Ogulcan Yildirancan kommt. Er ist Tätowierer in Besiktas, dem St. Pauli Istanbuls.

Ogulcan: Guten Morgen! Eins will ich gleich sagen: Hier zu leben, ist sehr viel härter geworden – zumindest für Nicht-AKP-Unterstützer.

Wie äußert sich das?
Ogulcan: Ich kann zwar tätowiert auf dem Taksim-Platz abhängen. Aber an vielen Orten werde ich als Schwuchtel beschimpft, weil ich tätowiert bin. Ich bin nicht schwul, ich fühle mich nicht beleidigt, aber ich weiß, dass sie es so meinen. In den vergangenen Monaten ist mir das in der Metro immer häufiger passiert.

Wenn Erdogan dich bitten würde, ihm ein Tattoo zu stechen, egal welches, was würdest du ihm wohin tätowieren?
Ogulcan: Hm. Wahrscheinlich die klassische Atatürk-Unterschrift, die viele oppositionelle Türken auf der Haut tragen. In Izmir bekommt man das oft gratis. Die Vorstellung, Atatürks Unterschrift auf Erdogans Rücken zu sehen, finde ich witzig.

Inwiefern reflektieren die Tattoowünsche deiner Kunden die politische Lage der Türkei, die Stimmung in der Stadt?
Ogulcan: Seit ein paar Monaten steche ich nur noch schwarz. Vielleicht deprimiert uns die Stadt so. Nach den Gezi-Protesten habe ich viele Gasmasken tätowiert. Doch wenn ich die Proteste heute beurteile, bedaure ich sie. Klar, den Park gibt es noch, aber sonst? Die Demokratie funktioniert nicht, Leute fürchten sich vor ihrer Regierung, können ihre Meinung nicht frei äußern. Menschen sind gestorben. Sogar Kinder. War es das wert? Ich glaube nicht.

»Nach den Gezi-Protesten habe ich viele Gasmasken tätowiert. Seit ein paar Monaten steche ich nur noch schwarz. Vielleicht deprimiert uns die Stadt so.«


Ogulcan Yildirancan, 23,
Tätowierer und Student. Seine Arbeit findet man bei Instagram unter @ogulcanyildirancan.

Emre, du hast für dein Theaterstück „Doyclender“ mit AKP-Anhängern gesprochen. Finden Manche von ihnen Erdogan zu autokratisch?
Emre: Selbst wenn sie es denken würden – sie würden es mir nicht erzählen. Man steht bedingungslos hinter Erdogan, auch wenn man manches, was er tut, kritisch sieht. Das ist typisch für die Türkei. Egal welcher Seite man angehört, man steht hinter den eigenen Leuten. Auch du, Ogulcan, sagst: „Sie schauen auf mich, sie lassen mich nicht so leben, wie ich gern möchte. “

Ogulcan: Genau. Ich sage „sie“ .

Emre: Aber wer sind „sie“ denn? Auch die AKP-Leute reden häufig von „den anderen“ , sie haben die gleichen Sorgen und Ängste anderen gegenüber.

Gestern haben wir kaum positives über Istanbul erfahren. Fällt euch etwas ein?
Emre: Hier ist nichts langweilig. Für mich als Künstler stellt sich beim Anblick des Bosporus ein großer Frieden ein. Istanbul ist wie ein expressionistisches Bild von einem richtig guten Maler. Du hasst diese Stadt jeden Tag, aber du liebst sie auch jeden Tag.

Wie seht ihr diese unruhigen Zeiten?
Emre: Die ganze Welt spricht gerade über Istanbul. Es ist eine Zeit des Umbruchs – und wir sind ein Teil davon, egal ob hier gerade Gutes oder Schlechtes passiert. Außerdem: Das Risiko, von einem Auto überfahren zu werden, ist tausendmal höher, als von einer Bombe erwischt zu werden.

Ogulcan: Ich muss Emre widersprechen. Mein Mitbewohner wurde im vergangenen Herbst beim Bombenanschlag auf die Friedensdemo in Ankara schwer verletzt. Er wurde mehrmals operiert, lag im künstlichen Koma. Er hat jetzt einen künstlichen Darmausgang. Im Nachhinein berichtete eine Zeitung, dass die Polizei schon im Vorfeld vertrauliche Informationen über den Anschlag hatte. Ich glaube: Wenn der Anschlag in einem AKP-Viertel geplant worden wäre, hätte die Polizei vorher eingegriffen. Die Regierung schützt die Menschen nicht, die gegen sie sind.

Bewegst du dich nun anders durch Istanbul?
Ogulcan: Nein, denn meist sind die Anschläge dort, wo sich viele Touristen aufhalten. Der IS will euch erwischen, ihr solltet eher vorsichtig sein.

Ogulcan, willst du hierbleiben?
Ogulcan: Nein. Auch ich will weg. Entweder nach Europa oder nach Australien. Ich war gerade in Hamburg, eine gute Stadt. Über Istanbul kann ich nichts Positives erzählen. Die Schönheit der Stadt ist reine Fassade.

Macht einen das heutige Istanbul zum Pessimisten?
Ogulcan: Ich denke schon, ja. Es ist uns nicht gelungen, dieses Land zu verändern: Gezi wurde zurückgedrängt, Zeitungen geschlossen, Redaktionen von Polizisten durchkämmt. Wir leben in keinem modernen Land. Inzwischen beschweren sich viele nur noch im Kreis ihrer Freunde. Wenn ich ehrlich bin, ich schrecke ja sogar davor zurück, mich auf Facebook oder Twitter kritisch zu äußern. Würden wir unsere Kritik öffentlich machen, könnten wir Probleme bekommen.

Aber du sprichst doch trotzdem gerade mit uns. Der Paragraf 299 könnte dir nun Probleme bereiten.
Ogulcan: Ja, das stimmt. Aber ich will dieses Land sowieso verlassen. Wir können uns deshalb gerade nur beschweren. Oder eben gehen.

Gehen – das ist das Wort, das übrig bleibt nach 24 Stunden Istanbul. Ein großer Teil der jungen Türken bereitet sich darauf vor, die Stadt zu verlassen. Einerseits weil sie das Gefühl haben, dass die Regierung immer autoritärer auftritt, andererseits weil ihr Wunsch, selbst das politische System zu reformieren, für sie gescheitert ist. Nach unserem Besuch in Istanbul spitzte sich die Situation in der Stadt weiter zu: Es gab weitere schwere Terrorattacken, die jährliche schwul-lesbische Gay-Pride-Parade über die Istiklal wurde von der Polizei mithilfe von Tränengas, Wasserwerfern und Gummigeschossen brutal beendet, Islamisten stürmten einen Plattenladen. Zudem hat Erdogan angekündigt, den Gezi-Park wieder zu bebauen. Nicht wenige Beobachter glauben, dass Erdogan eine Wiederholung der damaligen Auseinandersetzungen provozieren will, um Gegner aus dem Weg zu räumen. Deswegen wirkt die Offenheit unserer Gesprächsteilnehmer umso mutiger. Das Fazit: Von dem Gezi-Protest, dem großen Aufbegehren einer jungen Generation, ist nichts geblieben – außer dem Wunsch nach einer Zukunft in Freiheit. Nur diesmal nicht innerhalb türkischer Grenzen, sondern im Ausland.


Dieser Text ist in der Ausgabe 08/2016 von NEON erschienen. Wie vier der acht Gesprächspartner den versuchten Militärputsch vom 15. auf den 16. Juli 2016 erlebten, was sie darüber und über den Ausnahmezustand in der Türkei denken, lest ihr in Leben in der Türkei: Die Woche danach.

Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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