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Fotoessay: Die ersten Stunden in Deutschland

Unsere Autorin Heike Kottmann und Fotograf Enno Kapitza begleiteten Flücht­linge von ­Italien bis Rosenheim, wo sie von Polizisten regis­­triert werden. ­Eine Ankunft in Bildern.

Fotos: Enno Kapitza

„Grenzkontrolle! Ihren Ausweis, bitte!“

Eigentlich sollte dieser Zug nach München weiterfahren, aber kaum hält er am Rosenheimer Bahnhof, steigen die Beamten der Bundespolizei ein: „Do you have papers?“, fragen sie und ein paar deutsche Rentner strecken ihre Persos in die Höhe. Ein Junge mit Felljacke kauert in seinem Sitz. Die Polizistin Theresa S. fragt ihn: „Do you come from Eritrea?“ Der Junge sieht ängstlich aus, aber er nickt. Dann wird er aus dem Zug geleitet.

„Bitte alle aussteigen!“

Für die Polizisten ist es zunächst eine normale Grenzkontrolle, aber schnell wird klar: In diesem Meridian-Zug aus Italien sitzen fast 80 Menschen ohne Einreiseerlaubnis. Nicht alle Flüchtlinge wollen freiweillig aussteigen; vielen ist nicht klar, dass sie bald schon weiterreisen dürfen, zunächst müssen sie aber registriert werden. Theresa S. arbeitet wie alle ihre Kollegen in 12-Stunden Schichten, Tag und Nacht. Die täglichen Zugkontrollen empfinden viele als belastende Routinearbeit.

Die Verwandlung eines Bahnhofs

Wo sonst Touristen mit Rollkoffern über die Stufen steigen, betreten in diesen Wochen bis zu 300 Flüchtlinge täglich zum ersten Mal in ihrem Leben deutschen Boden. Rosenheim ist der erste große Bahnhof nach der Grenze. Hier laufen gleich zwei Flucht-Routen zusammen: Die „Brenner-Route“, die vom Mittelmeer nach Italien und Österreich führt, und die „Balkan-Route“, die auf dem Landweg vom Osten aus in die EU läuft. Allein in den letzten sechs Wochen sind in Rosenheim mehr als 10.000 Flüchtlinge angekommen.

Der erste Schritt zur Identität

Die meisten Flüchtlinge an diesem heißen Sommertag stammen aus Eritrea. Sie werden noch am Bahnhof registriert: Name, Herkunftsland, Alter. Kaum einer hat einen Pass dabei. Jeder bekommt ein weißes Bändchen fürs Handgelenk – der erste Schritt zurück zur Identität. Das Desinfektionsmittel auf dem Tisch benutzen die Bundespolitisten nach jedem direkten Körperkontakt. Auch an diesem Tag gibt es unter den Flüchtlingen Verdachtsfälle von Gelbfieber.

Busfahrt ins Ungewisse

Dennis S., Bundespolizist, achtet darauf, dass alle Flüchtlinge nach der Registrierung am Bahnhof in den Bus einsteigen. Manche bitten um Wasser, andere kauern enttäuscht an den Fensterscheiben. Noch weiß fast keiner von ihnen, wo es eigentlich hingeht. Die Männer und Frauen werden mit dem Bus ein paar Kilometer entfernt in eine Kaserne gefahren, wo die Registrierung weitergeht.

Familien bleiben zusammen

Die Bundespolizisten verladen das Gepäck aus dem Bus. An diesem Tag hat es 35 Grad im Schatten, trotzdem tragen viele der Flüchtlinge lange Kleidung, die Familien bleiben zusammen. Nicht alle haben Gepäck dabei, auffällig ist aber, dass die meisten Menschen neue Klamotten tragen. Was zunächst irritiert, lässt sich leicht erklären: Die afrikanischen Flüchtlinge sind übers Mittelmeer in Italien gestrandet und wurden dort zunächst mit neuen Kleidern bei der Erstversorgung durch die Hilfsdienste eingedeckt. Über ihr trauriges Schicksal sagt das natürlich nicht viel aus.

„Salam Alaikum!“

Ein erleichtertes Raunen geht durch die Menge, als die Übersetzerin die Flüchtlinge am Eingang der Kaserne begrügt. „Salam Alaikum!“, sagt sie und man sieht es den Menschen deutlich an, wie froh sie sind, endlich ihre Sprache zu hören. Leider mangelt es überall an Übersetzern. Dabei würde es die Registrierung der Flüchtlinge schneller und effektiver machen, wenn die Menschen verstehen könnten, was eigentlich gerade von ihnen verlangt wird.

Ausruhen und Warten

Zum ersten Mal können sich die Flüchtlinge in der Kaserne ausruhen, die Notfallbetten dienen als Übergangsort zwischen den Registrierungen. Eigentlich sollte jeder Flüchtling nach rund 40 Minuten mit der Registrierung fertig sein, aber es kommt zu Verzögerungen und unendlich langen Wartezeiten für die erschöpften Menschen. Vorsorglich hat die Bundespolizei bereits Extra-Betten in der Kaserne aufgestellt, der Flüchtlingsstrom wird schließlich jeden Tag größer.

Kein Lächeln fürs Foto

In der so genannten „Bearbeitungsstrasse“ wird zunächst ein Foto von jedem Flüchtling aufgenommen, kaum einer lächelt dabei. Viele Bundespolizisten mögen das Wort „Bearbeitungsstrasse“ nicht besonders gern, weil es nach schlichter Abfertigung klingt. Dabei geben sich die Beamten sehr viel Mühe, höfllich und würdevoll mit den Flüchtlingen umzugehen, Die junge Afrikanerin im Bild wartet geduldig, während der Computer ihre Gesichtszüge einliest.

Besondere Merkmale prüfen

Von jedem Flüchtling werden die Fingerabdrücke genommen, um möglicherweise abzugleichen, ob jemand bereits zum zweiten Mal in Deutschland einreist – oder per internationalem Haftbefehl gesucht wird.

Durch die Hitze verschmieren an diesem Tag die Scanner und müssen alle paar Minuten mit Alkohol gereinigt werden, auch das verzögert die Registrierung wieder enorm. Die Flüchtlinge lassen alles stoisch über sich ergehen, viele sehen erschöpft aus, die Beamten sind freundlich, aber bestimmt.

Auch auf die Schuhgröße kommt es an

Weil es die Registrierung in den letzten Wochen erschwert hat, wird die Schuhgröße der Flüchtlinge nicht mehr barfuss erfasst. Die Beamten ziehen stattdessen einfach eine Größe ab. Die neuen Turnschuhe auf dem Messgerät verdecken Verletzungen und offene Wunden, die viele Flüchtlinge nach ihrer erschwerlichen Reise vor allem an den Beinen aufweisen. Auch deshalb verzichten die Polizisten bei den Untersuchungen nie auf die blauen Einweghandschuhe.

Absperrband im Wartezimmer

Während die Flüchtlinge wieder warten, spricht fast keiner von ihnen ein Wort. Sowieso ist die Stille in der Kaserne angesichts der vielen hundert Menschen gleichzeitig erstaunlich und traurig. Es scheint, als hätte sich hier jeder seinem Schicksal ergeben und während die jungen Afrikaner die gleichaltrigen Beamten beobachten, streikt mal wieder der Fingerabdruck-Scanner.

Eine Gruppe Freunde

Die Jungen aus Eritrea saßen schon im Zug nebeneinander, ein paar sind sogar noch minderjährig, jetzt stehen sie für einen kurzzeitigen Schlafplatz in der Kasernen-Turnhalle an. Sie alle hatten Bargeld dabei, das die Beamten ihnen bei den ersten Durchsuchungen abgenommen haben, um es zu registrieren. Auch Handys und Gürtel wurden eingezogen und ordentlich beschriftet. Jeder Flüchtling bekommt nach einigen Stunden seine Habe zurück und darf weiterreisen – mit einem Identifikationsschein im Gepäck.

Der Traum von einer besseren Welt

Bald schon dürfen die Flüchtlinge weiterreisen, viele wollen nach München, ein paar aber auch in die skandinavischen Länder. Wenn die Männer und Frauen dort ankommen, werden sie in Notunterkünfte gebracht und später, während des Asylverfahrens, in die Kommunen weitergeleitet. Eines vereint die Flüchtlinge alle: Sie träumen von einer besseren Welt und es bleibt nur zu hoffen, dass Deutschland ihnen diesen Traum erfüllen können wird.


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