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Instagram-Leaks

Was essen wir? Wie leben wir? Wen lieben wir? Analysiert 
man die Milliarden Fotos, die die ­Instagram-App gespeichert hat, ­bekommt man Antworten auf die ganz großen Fragen.

Text & Konzept: Tin Fischer | Code: David Goldwich |
Infografiken: Ole Häntzschel / Manuel Kostrzynski

Instagram ist nur eine Foto-App. Eigentlich. Instagram ist aber auch ein Netz aus Millionen von Kameras, die aus nächster Nähe überall draufhalten, wo das Leben gerade tobt. Wie ein Pa­parazzo ist ­Instagram dabei, wenn man #feiern geht oder #betrunken wird. Insta­gram speichert die Reiseerinnerungen der #backpacker und dokumentiert, wie der #babybauch heranwächst und der #biceps im Fitness­studio anschwillt. Instagram weiß auch, wann man #krank im Bett liegt.

Instagram-Nutzer verwenden die Foto-App, um mit wenigen Handgriffen ihr Leben zu inszenieren: Tap, look, click, schnell noch den ­Filter »Earlybird« auswählen, die beteiligten Personen und den Ort angeben, ein paar Hashtags in die Bildunterschrift schreiben, schließlich »Teilen« anklicken – auf Herzen warten.

Man erfährt auf Instagram auch, welche Tattoomotive in sind.

Instagram wuchs innerhalb von fünf Jahren von einer Hipster-App zu einem globalen Netzwerk mit 300 Millionen Nutzern. Es gibt unzählige Social-Media-Dienste, aber in kaum einem anderen Netzwerk machen die Menschen so viele private Informationen öffentlich. Auf Instagram zeigen sie, wie sie essen, einkaufen, reisen und leben. Nicht so zurückhaltend wie auf Facebook (wo Eltern und Kollegen mitlesen), nicht so verklausuliert wie auf Twitter (140 Zeichen sind doch recht ­wenig). Sondern direkt, unmittelbar, mit Foto und GPS-Information. Wer diese Generation verstehen will, wer wissen will, wie sich junge Menschen heute sehen, wie sie gesehen werden wollen, sollte die Milliarden Bilder, die auf Instagram zu sehen sind, analysieren.

Ein Instagram-Blockbuster ist das Babybauchbild, das die Mutter zusammen mit einem Emoji postet. Diese haben wir hier nach Häufigkeit geordnet – gemischte Gefühle?

Das Erfolgsrezept der Foto-App ist einfach: Durch das quadratische Format und die große Auswahl an Retrofiltern sieht jedes noch so banale Alltagsdetail irgendwie gut aus. Deshalb zeigt man auf Instagram so gerne sein Leben. Damit es nicht nur die direkten Freunde mitbekommen, sondern die ganze Welt, markiert man die Fotos mit möglichst vielen Hashtags: #party, #swag, #läuftbeimir. Die Instagram-Nutzer wollen gesehen werden. Und wir haben ganz genau hingeschaut.

Ein NEON-Team, bestehend aus einem Journalisten und einem Informatiker, hat in den vergangenen Monaten ein Programm entwickelt, mit dem es möglich ist, sämtliche Daten zu einem öffentlich zugäng­lichen Foto, das unter einem Hashtag auf Instagram gespeichert ist, ­herunterzuladen. Unsere Software dockt an der Programmierschnittstelle (API) von Instagram an, einer Art Lieferanteneingang. Eine API kann jeder nutzen, der über Programmierkenntnisse verfügt.

Die Social-Media-Revolution, die schon Regime zum Wanken gebracht hat, fällt auf Instagram aus. Die Frisur ist den Nutzern gut 200-mal wichtiger als der Protest.

In den vergangenen Monaten haben wir also ganz legal Hunderte Datenbanken angelegt und etliche Gigabyte an Material von Instagram heruntergeladen und analysiert. Weil wohl die wenigsten Nutzer ihr ­Profil auf »privat« stellen oder auf Hashtags verzichten, sind sehr ­viele Insta­gram-Daten öffentlich zugänglich. Meist haben wir nicht die Fotos selbst heruntergeladen, sondern nur die Metadaten, also Informationen wie: Benutzername, Bildunterschrift, Zeit, Ort und Kommentare. Mithilfe von Linguistik- und Kartografiesoftware konnten wir dann feststellen, welche Wörter am häufigsten verwendet werden oder wo sich die ­Leute aufhalten, die ein Foto mit einem bestimmten Hashtag markieren.

Erkenntnis 1: Instagram weiß viel über unsere Welt. So können wir zum Beispiel zeigen, wann die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, ei­nen Regenbogen zu sehen. Und wir wissen jetzt, welchen Schnaps die Instagram-Nutzer zu welcher Uhrzeit bevorzugen.

Erkenntnis 2: Instagram ist aber auch eine Art Disneyland. Alle sind schön. Alle sind fröhlich. Nur wenn man explizit nach Hashtags wie #depression oder #cutting sucht, stößt man auf Magersüchtige und ­Bor­derliner, die hier – abgeschirmt hinter einer Warnmeldung – ihre blutenden Wunden und abgemagerten Körper zeigen.

Wenn Nutzer ein neues Foto posten, verraten sie der Welt, wie es ihnen gerade geht. Der quantitative Vergleich der Hashtags #happy und #depressed zeigt, dass man sich auf Instagram meist fröhlich präsentiert. In der Grafik zeigen wir, welche Gefühle und Krankheiten am häufigsten gemeinsam mit #depression getaggt werden. Es gibt auch eine dunkle Seite auf Instagram.

Für die positive Atmosphäre sorgen nicht nur die Instagram-Nutzer, sondern auch die Architektur und Geschäftspraxis der App. Algorithmen bestimmen, dass man in eine fröhlich-bunte Bilderwelt eintaucht. Moderatoren und Filter stellen sicher, dass nackte Körper und böse Wörter (#fuck) nicht vorkommen. Vor einiger Zeit entfernten Moderatoren das Selfie einer übergewichtigen jungen Frau, die sich in Unterwäsche fotografiert hatte. Mit den #bikini-Bildern schlanker Frauen haben sie kein Problem (nach einem Proteststurm entschuldigte sich Ins­tagram und ließ das Bild doch zu). Instagram bildet die Welt nicht eins zu eins ab, prägt aber unsere Vorstellung vom guten Leben und vor allem vom idealen Körper. Obwohl es eigentlich nur eine Foto-App ist.

Auch die Essenszeiten sind auf Instagram sichtbar: Süddeutsche Nutzer (gelb) machen früher #mittagspause als Leute im Norden (pink).

WWW.BLOG.NEON.DE/INSTARAMA Wie unser Datenjournalismusteam vorging – das Making-of.

Dieser Text ist in der Ausgabe 06/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

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