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Ruhe. Pause. Keine Empörung mehr.

„Haltet alle Uhren an, laßt das Telefon abstellen”

Der Albtraum ist wahr geworden: Trump wird Präsident. Was sollen wir bloß tun, sagen, denken? Der Versuch einer Antwort, nach einer Nacht voll CNN und ohne Schlaf.

Foto: Gage Skidmore

, die erste Zeile eines Gedichts von W.H. Auden, sie war es, die mir heute morgen im Kopf klang. Zwischen CNN und Twitter, zwischen “Welcome the next President of the United States: Donald Trump” und Aufregung auf allen Kanälen. Haltet alle Uhren an und Telefone, haltet die Tweets an, die Facebook-Posts und Kommentare, die traurig-süßen Memebildchen, mit denen wir uns selbst bedauern. Stellt die empörten WhatsApp-Nachrichten ab, die Schuldzuweisungen, die Lamentos und die Streitereien, die geistreichen Gifs, halten wir die alle an, bitte. Und auch den Eskapismus – nein, wir können jetzt nicht einfach “vorspulen bitte”, wie jemand bei Twitter schrieb, bis in vier Jahren Michelle Obama Präsidentin wird. Versuchen wir alles anzuhalten, wenigstens für zehn Minuten.

Trump ist der nächste Präsident der USA. Und das ist eine Bedrohung, für uns alle. Warum, das muss man uns nach anderthalb Jahren Wahlkampf nicht mehr erklären. Uns – uns Jungen, und uns allen, die wir an die offene Gesellschaft glauben. Wir alle, egal, ob wir im politischen Islam eine größere oder kleine Bedrohung sehen, ob uns der Feminismus manchmal nervt oder nicht. Ein Demagoge wie Trump bedroht uns alle. Uns alle, die wir nur die offene Gesellschaft kennen, die wir nur in einer offenen Gesellschaft leben wollen und können. Weil sein Sieg zeigt, was möglich ist, nicht nur in Amerika, sondern überall im Westen.

Deswegen: Halten wir die Tweets und Posts an, wenigstens für fünf Minuten, damit wir sehen, was heute Nacht passiert ist.
Wir haben verloren.

Wenn Politiker eine Wahl verlieren und dann in den Talk-Shows sitzen und die Niederlage nicht eingestehen wollen, kritisieren wir sie so gern dafür. Wir dürfen jetzt nicht den gleichen Fehler machen wie sie. Wir haben verloren. Und wir müssen uns das als erstes: eingestehen. Und dann fragen: warum.

Deshalb lasst uns die Tweets und Posts anhalten, in deren Empörung wir uns selbst verheddert haben. Wir konnten es im US-Wahlkampf sehen, wir können es in Deutschland sehen: Monate lang haben wir, die Freunde der offenen Gesellschaft, herumgetwittert, herumgeschrieen: Das ist rassistisch, was Trump sagt! Das ist sexistisch, was Trump tut! Wirhaben alle unsere, nennen wir es in Ermangelung eines besseren Wortes so, politische Korrektheit in die Waagschale geworfen.

Es hat nicht geholfen. Keinen Deut. Kein bisschen.

Nicht dass unsere politisch korrekte Empörung falsch gewesen wäre. Sie war völlig richtig. Wie soll man einen ekligen Sexisten wie Trump anders nennen als: ekligen Sexisten. Aber nach dieser Nacht müssen wir uns von unserer Erwartung verabschieden, damit etwas ändern, aufhalten, abbremsen zu können. Unser Anti-Rassismus, unser Anti-Sexismus, unser Anti-Irgendwas, er reicht einfach nicht mehr. So wunderbar moralisch gerechtfertigt er ist, als strategisches Mittel ist keinen Cent wert. Niemand außer uns interessiert sich dafür. Wir müssen ihn nicht aufgeben, aber wir müssen aufgeben, uns nur auf ihn, auf die Empörung zu verlassen.

Lasst uns kurz eine Pause machen von den Schimpftiraden: dass Clinton nur verloren hat, weil sie eine Frau ist. Dass weiße Männer Trump gewählt haben und die Welt ruinieren. Ruhe. Pause. Keine Empörung mehr. Wir können das am besten, klar. Aber sich jetzt zu empören, das ist nur noch mehr von dem, was nicht funktioniert hat. Und wenn wir jetzt noch mehr und mehr draufkippen, warum sollte es dann plötzlich etwas helfen? Wir mit unseren empörten Tweets und Posts, wir sind wie Gäste, die an einer Tür klingeln, wahnsinnig wütend, aufgeregt, immer schneller klingeln, fester drücken. Nur ist einfach keiner da, der uns hören oder aufmachen könnte.

Vor knapp einem Jahr hat Slavoj Žižek, jener Philosoph, der vor ein paar Tagen sagte, er würde tatsächlich lieber für Trump stimmen als für Hillary Clinton, der NEON ein Interview gegeben. Er hat darin gesagt, was er seit Jahren sagt: Die Linke (oder in dem Fall: wir alle, die Freunde der offenen Gesellschaft) begnüge sich “leider mit politischer
Korrektheit und Moralisieren”. “Über die ökonomischen Fragen denkt dann keiner mehr nach. Das ist die wahre Tragödie.”

Das ist die Tragödie dieser Nacht, die Tragödie von Michigan und Wisconsin und Pennsylvania. Trumps Wähler, die ihm dort die Präsidentschaft geschenkt haben, die Fabrikarbeiter und Monteure aus dem Rust Belt, sie interessieren sich nicht so sehr dafür, ob einer ein Sexist ist. Nicht einmal ihre Frauen interessieren sich sehr dafür. Sie interessieren sich für andere Fragen, für ökonomische. Und das einzige, was uns darauf als Antwort einfiel, war: noch lauter zu brüllen, “Aber er ist ein Sexist!”. Sich noch ein schärferes Gif dafür auszudenken.

Alle unsere Werkzeuge sind stumpf: die Empörung, der Feminismus, die politische Korrektheit. Sie helfen uns nicht weiter. Selbst die “Fakten”, die wir so stolz auf unserer Seite wissen gegen die Post-Faktischen, sie haben uns nichts geholfen. Das müssen wir einsehen, nach CNN und Rust Belt und nur zwei Stunden Schlaf und Welcome the next President of the United States, Donald Trump.

Und auch wenn “Rust Belt” weit, weit weg klingt, was heute Nacht passiert ist, das ist auch unsere Niederlage. Es wird unsere Niederlage sein, wenn wir nicht die Uhren anhalten und die Telefone abstellen und uns etwas Neues überlegen.

Ich weiß nicht, was das Neue sein soll. Aber wir brauchen etwas, denn sonst haben wir nichts in der Hand, wenn irgendwann hierzulande ein Demagoge Mehrheiten versammeln sollte, die noch schlimmer sein werden als die für Trump, weil das hier nicht von jeher das land of the free ist, sondern das Land des Nochschlimmeren.

Was könnte das Neue sein? Vielleicht dass wir endlich wieder über Ökonomie sprechen. Und vielleicht noch wichtiger: dass wir sehen, dass selbst Ökonomie nicht alles erklärt, was gerade passiert. Dass da gerade etwas Größeres im Gange ist, dass der Arbeiter aus Michigan nicht nur seinen alten Job in der alten Fabrik zurück haben will. Sondern dass er auch genug hat davon, in einer globalisierten Welt zur Freiheit verdammt zu sein. Das müssen wir verstehen, auch wenn wir es in unseren Filterblasen und Kreisen nicht so empfinden. Und dann müssen wir alle zusammen uns ein Gegenangebot ausdenken, eine Alternative zu all jenen, die als Antwort bloß die Freiheit, die offene Gesellschaft
zurücknehmen wollen.

Heute Nacht ist Donald J. Trump zum Präsidenten der USA gewählt worden. Halten wir also die Tweets an und die Meinungen und die Gifs. Lasst uns nur auf das eine Video klicken, das uns noch Trost spendet – die Botschaft Barack Obamas an die Wähler in den USA, aber insgeheim an uns alle. „Was auch immer passiert“, sagt er da, „die Sonne wird auch morgen wieder aufgehen.“ Und fragen wir uns dann: Was müssen wir jetzt anders machen, damit wir eine Antwort haben, wenn sie wieder aufgeht?

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