HOME

Should we stay or should we go?

Großbritannien stimmt am 23. Juni ab, ob es in der Europäischen Union bleibt oder nicht. Warum wird die EU gerade dort so intensiv gehasst?

Bilder: Dan Witz

Der Unterschied zwischen Großbritannien und Resteuropa zeigt sich schon beim Teekochen: Kontinentaleuropäer – so nennen Briten die Menschen jenseits des Ärmelkanals – glauben, dass sich die Brühzeit sekundengenau bemessen lässt. Die meisten der 64 Millionen Briten tunken Einzelbeutel ins heiße Wasser, rühren um, schütten Milch dazu und werfen den Beutel in die Spüle. Der perfekte Tee basiert auf Bauchgefühl. Genau wie die Haltung zur Europäischen Union. Am 23. Juni will laut Hochrechnungen etwa die Hälfte der Briten dafür stimmen, die EU zu verlassen.

Man braucht keinen VWL-Master, um zu wissen, dass ein Land einzeln wirtschaftlich schlechter dasteht, als wenn es Teil der größten Weltwirtschaft ist. Als die „Financial Times“ über hundert Wirtschaftsexperten fragte, ob durch den Brexit die Wirtschaft wachsen würde, verneinten alle. „Das Bruttoinlandsprodukt wird im Falle eines Brexit wahrscheinlich um sechs bis neun Prozent einbrechen“, sagt Swati Dhingra, Professorin an der London School of Economics. Das sei vergleichbar mit der Finanzkrise. Das Pfund verliert schon jetzt an Wert. Brexit-Befürworter halten dagegen, dass Großbritannien ja neue Handelsbeziehungen aufbauen könne. Das allerdings wird dauern: auf EU-Ebene durchschnittlich sieben Jahre. „So zu tun, als würde ein Brexit keine negativen wirtschaftlichen Auswirkungen haben, ist falsch“, sagt Dhingra.

Viele Briten treibt das diffuse Gefühl um, dass Brüssel über ihre Köpfe hinweg entscheidet. Europa – das ist für sie keine Union, deren Grundidee einmal darin bestand, nie wieder Krieg zwischen Nachbarn zu führen, keine kulturelle, transnationale Einheit, sondern ein notwendiges Übel, Mittel zum Zweck. Selbst Befürworter sehen das so, europäisch fühlen sich nur fünfzehn Prozent. In der Schule lernen Jugendliche mehr über das Britische Empire als über den Europarat. Die EU gilt als ein zwischen Pommes, Waffeln und Molenbeek-Terroristen angesiedeltes Bürokratiemonstrum, das nur existiert, um den Menschen durch Richtlinien das Leben schwer zu machen (viereckige Erdbeeren! Krumme Gurken!). Klingt übertrieben? Boris Johnson, Londons Exbürgermeister und prominenter Brexit-Befürworter, fuhr für die „Vote Leave“-Kampagne in einem Doppeldeckerbus mit der Aufschrift: „Wir schicken jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU.“ Je nach Kalkulation sind es mindestens 150 Millionen Pfund weniger. Im Mai verglich er die EU indirekt mit Hitler, danach mit schlecht sitzender Unterwäsche. Das ist der Debattenton.

An sich ist es gut, die Bevölkerung zu fragen, wie sie sich die Zukunft ihres Landes vorstellt. Beim letzten britischen EU-Referendum, vor 41 Jahren, stimmten 67 Prozent dafür, in der EWG zu bleiben. Seitdem hat sich die einstige Wirtschaftsgemeinschaft immer mehr in eine politische Union verwandelt: Die Länder entscheiden gemeinsam, wie man mit Flüchtlingen auf dem Mittelmeer umgeht, außerhalb Englands zahlt man von Dublin bis Athen mit derselben Währung, im Binnenmarkt können EU-Bürger arbeiten und reisen, wohin sie wollen. Großbritannien hatte schon immer eine Lightversion der EU-Mitgliedschaft: kein Euro, nicht Teil des Schengen-Raums, und in der Flüchtlingsfrage hat Premier David Cameron angekündigt, bis 2020 nur 20 000 Syrer aufzunehmen.

Das Problem am Referendum ist die versteckte Agenda: Cameron kämpft jetzt zwar für einen Verbleib in der EU, wollte mit der Volksabstimmung ursprünglich aber konservative Hinterbänkler beschwichtigen. Sein Parteikollege Boris Johnson spekuliert darauf, den Posten als Premier zu übernehmen. Die euroskeptische Partei Ukip möchte weniger Migranten im Land. Die schrille „Make Britain great again“-Rhetorik ignoriert, dass kein Land in Europa vollkommen unabhängig Entscheidungen treffen kann. Sollte Großbritannien für einen Austritt stimmen, wird am 24. Juni nicht die Welt untergehen. Zwei Jahre müsste man sich noch an EU-Recht halten. Die Prognosen für die Folgen eines Brexit sind so vage, als würde man sie aus Teeblättern lesen: Internationale Firmen könnten den Finanzstandort London aufgeben. Aktien britischer Firmen könnten fallen. Der Export dürfte zurückgehen. Sicher ist: Europas Solidarität wird weiter ausfransen. Davon sind alle in Europa betroffen.
Was sind die Gründe, aus der EU austreten oder drinbleiben zu wollen? Wir haben vier junge Briten gefragt, wie und warum sie am 23. Juni wählen gehen.

YES
„Wenn eine Regierung ihren Job schlecht macht, kann das Volk sie abwählen. Im europäischen Parlament ist das nicht so direkt möglich. Menschen wie der Kommissionspräsident wurden nie direkt gewählt und üben trotzdem unheimlich viel Macht aus. Dieses demokratische Defizit der EU stört mich. Meine Mutter hat 1975 für den Verbleib in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gestimmt. Heute fühlt sie sich betrogen: Die EU hat mehr Macht. Noch einmal gefragt wurde sie nicht. Bis jetzt. Die Hälfte meiner Freunde argumentiert gegen den Brexit. Sie werfen mir vor, die Vergangenheit zu verherrlichen. Ich sehe es genau andersrum: Mit einem Austritt hat unser Land eine Zukunft. Genau wie sie betrachte ich mich auch als Europäer, ich mag deutsche Serien wie ,Deutschland 83‘. Aber die Institution EU ist für mich ein ökonomisches Konzept aus den 50ern, das nichts mit den heutigen Technologien und der Globalisierung zu tun hat. Durch mein Studium weiß ich natürlich, dass ein Brexit der britischen Wirtschaft schaden könnte. Aber in fünf Jahren werden wir sagen: ‚Die Strapazen haben sich gelohnt.‘ Wir müssen über Migration, die Gesetzeslage und die Freihandelszone verhandeln. Ich habe bereits ein Jobangebot in Schweden bei einer Handelsbank. Ich bin mir sicher, dass ein Brexit daran nichts ändern wird. Großbritannien ist der zweitgrößte Markt der Handelsbanken – und die zerstören sich ja nicht selbst. Wenn die Verhandlungen einmal abgeschlossen sind, kann Großbritannien endlich mit wichtigeren Ländern auf der ganzen Welt verhandeln.“
Jack G., 20, Finanz- und Rechnungswesenstudent, Durham

NO
„In meinem Alltag spüre ich die EU nur indirekt: Beim Autofahren, beim Arbeiten, beim Reisen. Die A9, die Autobahn in meine Heimatstadt Braemar in den Highlands, wurde mit EU-Geldern gefördert. Ich habe gute Arbeitnehmerrechte. Wenn ich meine Freunde besuchen will, brauche ich kein Visum. Als Europäerin habe ich mich noch nie bezeichnet, ich bin Schottin. Dieses Gefühl einer europäischen Solidarität hatte ich auch nur einmal bei einer Konferenz in Valencia. Dort trafen Studenten aus der ganzen EU zusammen, wir sprachen über ihre Heimatländer und deren politische Systeme. Wir haben uns danach gegenseitig besucht: Von Brüssel bin ich nach Rotterdam gefahren, ohne meinen Pass zeigen zu müssen. Es wirkt für mich bizarr, aus der EU aussteigen zu wollen. Es klingt alles nach einem sehr schlechten Deal. Großbritannien würde sich als ein rückwärtsgerichtetes Land präsentieren. Mir fällt auch aus meinem Umfeld keiner ein, der für einen Brexit stimmen würde. Für die Abgeordnetenwahlen im Mai 2015 habe ich den Wahlkampf der schottischen Partei SNP unterstützt, habe an sehr vielen Haustüren in Glasgow geklingelt und mit Bürgern gesprochen. Selbst dort hat keiner gesagt: ‚Ich bin pro Brexit.‘ Manche waren skeptisch, was ‚die da in Brüssel machen‘. Aber Schottland ist viel europafreundlicher eingestellt. Als ich vergangenes Jahr durch einen Vorort von Leeds fuhr, klebten überall Sticker der Anti-EU-Partei Ukip in den Fenstern. Falls Großbritannien für den Brexit stimmt, würde ich dafür kämpfen, dass Schottland in der EU bleibt.“
Kirsty M., 30, NGO-Mitarbeiterin, Glasgow

Dan Witz, 58, ist ein US-amerikanischer Künstler.
In seiner Reihe „Mosh Pits“ malt er Szenen von Punkrockkonzerten in Öl, im Stil alter Porträtmaler. Witz ist in der Punkszene New Yorks verwurzelt. Bekannt wurde er mit Street Art. In den 70er Jahren malte er in New York Kolibris an die Wände. In London findet man rund um King’s Cross und Clerkenwell einige seiner Street-Art-Werke.

YES
„Meine Freunde leben in den USA oder in Australien. Für sie ist es schwieriger und auch kostspieliger, in Großbritannien zu studieren, als für jeden europäischen Studenten. Für die wird der Teppich ausgerollt. Das finde ich falsch. Vier der zehn besten Universitäten der Welt sind in Großbritannien. Die anderen liegen außerhalb der EU. Lange war den meisten jungen Briten die EU egal. Studenten langweilte das Thema. In der Schule merkte ich: Je mehr ich über die EU weiß, umso mehr lehne ich sie ab. Dass wir anderen Ländern Geld bezahlen – okay. Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass die Institutionen so viel Geld verschwenden. Ich würde mir wünschen, dass wir, wenn wir schon in der EU sind, die Flagge und den EU-Präsidenten abschaffen und jegliche Diskussion rund um ein EU-Militär beenden. Die Mitgliedsländer haben ihre eigene Nationalität und Identität. Ich bezeichne mich als Brite und Kosmopolit, nicht als Europäer. Ich bin dafür, die EU allein auf Handelsabkommen zurückzuschrauben und die politischen Entscheidungen den einzelnen Ländern zu überlassen. Ich bin Vorsitzender einer Studentenorganisation, die sich für den Ausstieg einsetzt. Es gibt uns seit 2013, aber damals haben sich noch nicht so viele dafür interessiert. Ich habe das Gefühl, wirklich etwas verändern zu können, ich habe mit vielen Studenten gesprochen und sie für die Kampagne mobilisieren können. Irgendwann wurde mir klar: Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass wir ohne die EU nichts sind. Jeder Brexit-Gegner ist in meinen Augen ein Pessimist, der zu wenig an unser Land glaubt. Wir waren 2007 die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, sprechen eine Weltsprache. Mit einem Brexit hätte meine Generation endlich die Chance, mitzuentscheiden, wie wir leben wollen.“
Tom H., 19, studiert Politikwissenschaft in Durham. Vorsitzender der Pro-Brexit-Initiative „Students for Britain“

NO
„Das Pro-Brexit-Lager hat mehr Leidenschaft als die anderen. Deswegen würde ich mich gegen den Brexit auch auf die Straße stellen. Das habe ich das letzte Mal bei den Protesten gegen Studiengebühren in London gemacht. Ich habe auch wieder angefangen, Artikel über den Brexit auf Facebook zu teilen. Es muss ein Gegengewicht geben. Ich habe gar nichts gegen das Referendum an sich. Ein Bekannter von mir will für den Austritt stimmen – ihm geht es um das demokratische Defizit. Die EU infrage zu stellen und zu diskutieren, was es bedeutet, Entscheidungsmacht abzugeben, ist das einzige Argument, wo ich die Befürworter verstehen kann. Die Falschinformationen finde ich am schlimmsten. Ich sehe keinen Plan, wie es in Großbritannien danach tatsächlich sein wird. Wir haben noch keine Marine Le Pen. Aber dieser steigende Nationalismus, dieses ,Make Britain great again‘ stört mich – und das wird bleiben, egal wie das Referendum ausgeht. Ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit und könnte auch Geld von der EU bekommen. Eine gute Sache hat das Referendum – ich will mehr durch Europa reisen, habe angefangen, Französisch zu lernen. Während meines Studiums habe ich das verpasst, weil ich Russisch studiert und die vergangenen drei Jahre in Sri Lanka gelebt habe. Wenn Großbritannien tatsächlich aus der EU austritt, würde ich auch überlegen, von hier wegzuziehen. Ich werde den irischen Pass beantragen, für alle Fälle.Das geht, weil ich irische Großeltern habe. Ich möchte nicht plötzlich mit einer Masse anderer Briten Visa beantragen.“
Dominic E., 31, Doktorand, London


Dieser Text ist in der Ausgabe 07/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

Neon-Logo Das könnte Sie auch interessieren

  • Fiona Weber-Steinhaus