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Warum es uns allen besser ginge, wenn wir später aufstehen würden

Spätaufsteher gelten in Deutschland immer noch als faul und leistungsscheu – völlig zu Unrecht. Unsere Autorin glaubt: Es ginge uns allen besser, wenn wir endlich später aufstehen würden.

Text: Judith Liere | Illustation: Frank Höhne

Heute war ich schon um 9.50 Uhr im Büro. "So what?", könnte man jetzt sagen, aber nur, wenn man nicht ich ist oder mich nicht kennt. Um 9.50 Uhr im Büro sein, das heißt, um 8.30 Uhr aufstehen zu müssen. "Was’n das Problem?", murmeln nun sicher einige, aber 8.30 Uhr bedeutet für mich: Der Handywecker reißt mich mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf, in den folgenden zehn Minuten werde ich dreimal von der Snooze-Funktion aus dem gerade wieder ein setzenden Dämmerschlaf herausgerissen, und in den Wachphasen denke ich darüber nach, ob ich nicht spontan Urlaub einreichen oder mich krankmelden könnte oder ob es eigentlich sehr unvernünftig wäre, einfach zu kündigen und mein Leben als Langzeitarbeitslose auf Kosten des Sozialstaats zu verbringen. Morgens um 8.30 Uhr erscheint mir das als verlockende Zukunftsperspektive, denn es würde bedeuten, dass ich immer ausschlafen könnte. Traumhaft.

Immer müde? Eine Illustration von Frank Höhne

Morgens immer müde? Spätaufsteher haben keinen Grund, sich zu schämen, findet unsere Autorin.

Die Diktatur der Frühaufsteher

Ginge es nach mir, dann würde ich gegen 11.30 Uhr im Büro eintrudeln, aber das ist selbst bei meinen ziemlich liberalen Monatsmagazinredakteursarbeitszeiten nicht möglich. Der Alltag deutscher Angestellter wird von der Diktatur der Frühaufsteher beherrscht. Ab sieben Uhr wollen Ärzte, dass man zum Blutabnehmen auf der Pritsche liegt, und Bauarbeiter dürfen vor dem Schlafzimmerfenster den Presslufthammer anwerfen.

Ab acht Uhr sitzen Behördenmitarbeiter brav hinter ihren Schreibtischen und Schüler müssen Mathe lernen. Wer sich darüber beschwert, weil er um diese Uhrzeit einfach noch nicht wach genug ist, um den Tag zu beginnen, wird kritisiert und verachtet. Denn in hält sich das folgende Vorurteil hartnäckig: Wer spät aufsteht, ist faul, ein Taugenichts, kein produktives Mitglied der Gesellschaft. Schließlich weiß schon jedes Kind: Der frühe Vogel fängt den Wurm und Morgenstund hat Gold im Mund. Manager und Politiker brüsten sich gerne in Interviews damit, wie früh sie aufstehen (4.30 Uhr finden viele Alphatiere prima), um damit ihre Leistungsfähigkeit zu demonstrieren.

Es ist absurd, dass wir einem Tagesrhythmus folgen, der aus einer längst vergangenen Epoche stammt. Deren Lebensgewohnheiten haben aber nicht mehr viel mit unserem heutigen Alltag gemein. In der vorindustriellen Zeit musste man mit den Hühnern aufstehen, um das Tageslicht für die Feldarbeit zu nutzen. Und als es noch keine elektrische Straßenbeleuchtung gab, machten sich Leute, die im Dunkeln unterwegs waren, schnell verdächtig. Lichtscheues Gesindel.

Du bist morgens immer müde? Das hat seinen Grund

Dass die deutsche Frühaufstehermentalität bis heute existiert, ist unnötig. Immer wieder weisen Wissenschaftler darauf hin, dass der extrem frühe Arbeits- und vor allem Schulbeginn mit der inneren Uhr der meisten Menschen kollidiert und damit gesundheitsschädlich ist. Ein durchschnittlicher Bürger schläft von 0.15 Uhr bis 8.15 Uhr, wenn er nicht irgendwelchen Verpflichtungen nachgehen muss, hat der Chronobiologe Till Roenneberg, Professor am Institut für medizinische Psychologie an der Universität München, festgestellt.

In der Realität geht der Durchschnittsdeutsche aber um 23.04 Uhr ins Bett und schon um 6.18 Uhr wieder raus, wie Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum in Regensburg herausgefunden hat. Ein großer Teil der Menschen wird also dazu gezwungen, an jedem Arbeitstag gegen den eigenen, genetisch bedingten Körperrhythmus zu kämpfen. Am härtesten trifft es Teenager, denn während der Pubertät verschiebt sich die innere Uhr noch weiter nach hinten.

Wir brauchen mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Spätaufsteher. Ein erster Schritt wäre: mehr Toleranz. Ich möchte nicht als faul gelten, weil ich gern spät aufstehe. Ich gehe ja auch spät ins Bett und bin oft bis 20 Uhr im Büro. Spätaufsteher sind nicht automatisch Langschläfer und Wenigleister. Und: Schluss mit der Häme, wenn ich sage, dass ich um elf Uhr morgens noch schlafe, wenn ich darf. Ich lache ja auch niemanden aus, der schon um 23 Uhr ins Bett geht. Diese preußische Spießigkeit ist nicht mehr zeitgemäß. Was bringt es, wenn wir uns damit brüsten, das "Land der Frühaufsteher" zu sein (wie es Sachsen-Anhalt mal in einer Imagekampagne tat), wenn uns die Early-Bird-Kultur in Wirklichkeit zu Schnarchnasen macht. Stattdessen sollten wir darauf setzen, richtig aufgeweckte Typen zu sein. Aber bitte nicht vor elf.

Judith Liere, 36, gilt mit ihren Schlafvorlieben als "moderater Spättyp", wie 2,5 Prozent der Bevölkerung. Unter bit.ly/langschläfer kann man sich einordnen lassen.


Dieser Text ist in der Ausgabe 03/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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