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Verfluchte Karibik

Im Sommer trafen sich drei Dutzend Milliardäre, Bitcoin-Hacker und Investmentbanker auf einer luxuriösen Privatinsel vor Jamaika, um die neue Weltordnung zu planen – unser Autor war dabei.

Schauplatz des Summits: Necker Island, die Insel des britischen Milliardärs Richard Branson.

Text und Fotos: Hannes Grassegger

Am Steg winkt eine junge Frau. Die Brise legt ihr den kurzen Hosenanzug an den Körper. Sie winkt mit der Rechten, mit der anderen Hand hält sie ihren Sonnenhut. Der Kapitän des Speedboots dreht bei, der Motor pluckert, ich springe an Land. »Welcome on Necker Island«, haucht die Frau. »Ich bin Kezzia.« Sie dreht sich um. »Komm mit.«
Die Luft hat jene perfekte Temperatur irgendwo in den oberen Zwanzigern, bei der man das Gefühl hat, mit der Welt zu verschmelzen, weil man seinen Körper nicht mehr spürt. Das klare Karibikwasser ist ein erfrischendes bisschen kühler. »Smart casual« lautet der Dresscode der Gastgeber. Also trage ich ein Hemd zur Badehose.

Kezzia führt mich zu einem Golfcart, der im Sand parkt. Ich muss an ein Youtube-Video über diesen Ort denken, in dem die Buchhalterin von Necker Island fröhlich berichtet, wie sie nach dem Bürotag mal als Essensunterlage bei einem Nackt-Sushi-Dinner aushalf. Und der Besitzer der Insel, der britische Milliardär Richard Branson, erzählte in einem Interview mal lachend, ein neuer Haushälter habe auf der Insel die Regel einführen wollen, dass Angestellte keine amourösen Verhältnisse mit den Besuchern eingehen dürften: »Das hielt genau zwei Tage.« Branson selber hat sich für ungestörte Momente die Nachbarinsel Mosquito Island gekauft. Sein Kitesurfkumpel Larry Page, der GoogleChef, kaufte sich kürzlich die Nachbarinsel Eustatia Island. Eine ganz besondere Art von WG.

36 Stunden dauerte die Reise nach Necker Island, einem kleinen Fleck am östlichen Rand der Britischen Jungferninseln, zwei Flugstunden östlich von Jamaika. Anlass ist eine Zusammenkunft von drei Dutzend Silicon-Valley-Unternehmern mit Anarchokapitalisten der »Bitcoin«Digitalgeldbewegung. Nur wenige Auserwählte haben eine Einladung zu dem Gipfeltreffen erhalten. Die Teilnahmegebühr beträgt mehrere Tausend Dollar am Tag. Worum es genau geht, ist mir noch nicht ganz klar. »Wir freuen uns, Dich bald im Paradies willkommen zu heißen«, stand in der Einladung.

Am Flughafen von Miami wird unser Autor von einem Roboter-Genzbeamten empfangen: »Bitte lächeln!«

Auf dem Weg hierher habe ich bereits einige Teilnehmer kennengelernt. Als ich auf eine Fähre wartete, traf ich an einem Strandkiosk Michael Zeldin, 64, den führenden US-Anti-Geldwäsche-Experten, früher vertrat er die US-Regierung bei G7-Gipfeln, heute ist er »spezieller Berater« einer Kanzlei, die zehn der größten US-Banken repräsentiert. Neben ihm, in Badehose und mit einem Carib-Bier in der Hand, der bubenhafte Brock Pierce, der angibt, den Begriff »nutzergenerierte Inhalte« erfunden zu haben und nach einer Karriere als Kinderstar mit siebzehn Jahren zum millionenschweren New-Economy-Tycoon aufstieg, bevor er wegen eines Sexskandals mit minderjährigen Knaben abtauchte. Vom Exil in Spanien aus baute er ein Onlinegame-Imperium auf, verkaufte virtuelle Waffen in Computerspielen – und wurde so zu einem der wichtigsten Digitalwährungsunternehmer, »mit Investments in 34 Firmen«. Wie ich haben auch Pierce und Zeldin eine Einladung zum »Block Chain Summit Final Dinner«, einem Networking-Event auf Bransons Insel mit »Cocktailempfang und Lemurenfütterung« erhalten. Der »Block Chain Summit« soll, so die Ankündigung, »die besten Köpfe der digitalen Erneuerung« zusammenbringen, um »gemeinsam die Zukunft zu definieren«. Im Kern handelt es sich um eine Konferenz, bei der hier, mitten in der Karibik, auf der Privatinsel eines Milliardärs, eine ganze Menge Macht und Geld zusammenkommen, um irgendetwas auszuhecken.

Der Golfcart rollt über eine schmale, von Steinen begrenzte Sandpiste und bald halten wir vor einem zweistöckigen Holzhaus. »Die anderen sind schon oben beim Lunch«, sagt Kezzia. »Ich würde vorschlagen, du nimmst dir einen Drink, schaust dich ein bisschen um und stößt danach zu uns?« – »Brauche ich Geld?«, frage ich. Sie schüttelt lachend den Kopf und summt davon.

Aus dem zweiten Stock höre ich das Gemurmel der Gäste. Das nach allen Seiten offene Erdgeschoss des Strandhauses ist eine Art tropischer Beach-Pub. Auf einem großen Flachbildschirm läuft ein Tennismatch, rechts steht ein riesiger Billardtisch. Aus versteckten Lautsprechern blubbert Reggae. In der Mitte des Raumes: eine u-förmige Bar, auf der ein braunes Wesen mit Hundegesicht sitzt und an einem stehen gebliebenen Drink nuckelt. Das ist also einer jener erwähnten Lemuren, Halbaffen, die Branson aus Madagaskar holte, um sie vor dem Aussterben zu retten. Branson brüstet sich damit, dass er Hunderte Arten auf die Insel gebracht habe, um sie zu schützen. Eine »Best of Nature«-Arche. Der Lemur schaut mich kurz an, dann wendet er sich wieder seinem Drink zu.

Der Lemur am Tresen.

Ich folge dem Pfad an einem Tennisplatz vorbei durch den Dschungel. Ich suche das Hauptgebäude, das oben auf dem Hügel liegen muss. Der Geruch der Insel könnte ein Parfüm sein – Tropenholz mit einer Spur Menthol und etwas Strandbrise. Beim Errichten seines persönlichen Inselparadieses hatte Branson offenbar vor allem zwei Sachen im Kopf: Drinks und Sex. Auf dem Dachgiebel der Villa thront dann auch ein »Hot Tub«, eine hölzerne Badewanne mit warmem Wasser. Von hier lässt sich das ganze Eiland überblicken, das Strandhaus, Infinity-Pool, Tennisplatz, die zwei Teiche, eine Handvoll verstreuter Liebesnester. Unten am Strand sehe ich Solaranlagen, die die Insel mit Strom versorgen. An einem versteckten Pier entladen Arbeiter eins der Boote, die die Insel laufend mit allen möglichen Gütern beliefern müssen, mit Sonnencreme mit Bananengeschmack etwa oder dem Energydrink »Pussy«.

Vom Dach der Villa gelange ich in einen Saal, der so hoch ist, dass ausgewachsene Palmen hineinpassen und in dem offenbar die Events stattfinden. Von der Decke hängt eine Discokugel. In einer kuschligen Couchlandschaft liegen ein paar Bücher herum mit Titeln wie »Eine optimistische Reise in die Zukunft«. Wir erleben, sagen uns die Zeitdiagnostiker, eine neue industrielle Revolution, vergleichbar jener am Ende des 19. Jahrhunderts, als Eisenbahn und Telefon alles veränderten und ungeahnte Reichtümer hervorbrachten. Wie damals explodiert heute die Zahl der Superreichen. Was früher Rockefeller war, sind heute Zuckerberg, Page, Gates und, als einer der Ersten, Richard Branson. Etwa 1800 Dollarmilliardäre gibt es derzeit. Ihre Vermögen sind in den vergangenen Jahren so massiv gewachsen, dass sie sich fragen: Wohin mit dem Geld? Gleichzeitig gibt es in der Nähe San Franciscos ein Tal voll mit Technologieunternehmern, die für ihre Geschäftsvorhaben Geld brauchen, viel Geld. Und deren Ziel stets ist, bestehende Branchen mit neuer Technologie überflüssig zu machen, ein Monopol zu errichten und die Profite einzufahren. Wie Airbnb bei Hotels oder Uber bei Taxis. Je größer die attackierte Branche, desto besser. Google hat ein Geheimlabor, um »Moon shots« auszutesten: Ideen, so größenwahnsinnig, dass sie schlichtweg unmöglich zu realisieren wären – wenn man nicht ein paar Milliarden in der Tasche hat.

Die Trauminsel, die dafür steht, dass man gegen den Staat gewinnen kann.

Die Abgeschiedenheit von Necker Island hat Richard Branson immer wieder genutzt, um ultraambitionierte Treffen zu veranstalten. Vor Jahren brachte er Politiker und Unternehmer – unter anderem Tony Blair und Larry Page – zusammen, um das Weltklima zu retten. Jetzt geht es wieder ums Ganze. Zum Auftakt des »Block Chain Summit« hatte Branson seine Gäste aufgefordert, ihre Businesspläne an der »Größe des Effekts auf die Gesellschaft« zu messen. In dem Veranstaltungssaal stehen Reihen von Korbstühlen, die auf einen Flatscreen ausgerichtet sind. Darauf der Schriftzug: »Block Chain Summit – The Vision«. Ich verstehe, dass sich hier Leute versammeln, deren Zeit knapp und teuer ist. Solche Leute treffen sich nicht zum Spaß, aber auch.

Richard Branson hat seinen Wohnort natürlich nicht zufällig gewählt. Die Britischen Jungferninseln sind schließlich einer der beliebtesten Standorte für Firmengründungen, deren Zweck die Steuervermeidung ist. Mit komplizierten Geflechten von Firmen auf den Inseln ist es Branson gelungen, die englischen Behörden so zu verwirren, dass er zu Hause fast keine Steuern mehr zahlt. Necker Island kennt in England jedes Kind: eine Trauminsel, die dafür steht, dass man gegen den Staat gewinnen kann.

Die Gäste des »Block Chain Summit« treffen sich nicht zum Spaß, aber auch.

Für die Moderation des »Block Chain Summit« hat Branson den »Wall Street Journal«-Kolumnisten Michael J. Casey gebucht, der gerade ein Buch über Digitalwährungen wie Bitcoin und deren Programmiergrundlage, die »Blockchain«, veröffentlicht hat. Die Blockchain, erklärt Casey darin, sei ein Register, ein gewaltiges Kontobuch, das jede einzelne Überweisung auf der Welt verzeichne. Im Gegensatz zum gängigen Geldsystem, in dem die Bank ein zentrales Register führt, um zu überprüfen, ob die bewegten Geldmengen korrekt sind, erledige die Blockchain diese Überprüfung dezentral auf jedem angeschlossenen Rechner. Die Blockchain lässt jeden Bitcoin-Nutzer auch Bankaufgaben übernehmen. Ganz nebenbei. Dadurch sei nicht nur fälschungssicheres digitales Geld möglich geworden. Im Prinzip, prophezeit Casey, könne diese Technik sogar Firmen und Behörden ersetzen, die sich um Verwaltungsaufgaben kümmern.

Am Strand unter einem Sonnendach treffe ich auf mehrere Männer in den Dreißigern. Alle in Shorts, ziemlich ungebräunt, mit Bauchansatz. Ein vollbärtiger Hüne namens Oliver Luckett spielt HipHop auf einer kleinen portablen Box und erzählt, dass er kürzlich für ein virales Video des eben gehörten Rappers einen Rolls-Royce mit Flammenwerfern abgefackelt habe. Oliver Luckett wird von Musiklabels und anderen Firmen dafür bezahlt, dass er Leute und Produkte im Web viralisiert. Seine Firma The Audience hat eine Weile die Social-Media-Kampagne für Barack Obama organisiert. Davor hatte er für Disney gearbeitet. Im digitalen Reich ist er eine Art Propagandaminister.

Ich gelange in eine Hütte voller Surfbretter, Schnorchel und anderer Sportgeräte, die man kostenlos verwenden kann. An der Wand ein Foto von Branson, breit in die Kamera grinsend er steht auf einem Kiteboard, auf seinem Rücken ein nacktes Model, ihn umschlingend. Ein etwa 50-jähriger Holländer, er stellt sich als Marc vor, will Standup-Paddeln probieren. Ich schließe mich ihm an. Marc investiert in Startups. Er ist aus Vancouver angeflogen. »Warum bist du hergekommen?«, frage ich. Ein Personal Trainer legt uns die Bretter aufs flache Wasser. »Bitcoin ist allmählich ernst zu nehmen«, sagt Marc und versucht, sich auf das wacklige Brett zu stellen. »Sieh dir an, wer hier ist. Ein Präsident von Samsung, der Strategiechef von Ernst & Young. Hast du mitbekommen, dass Obamas Lieblingsökonom Larry Summers in eine Bitcoin-Bank eingestiegen ist? Und der Visa-Gründer?«

Unser Autor (rechts) trifft den Fnanzexperten Michael J. Casey auf dem Balkon einer Suite.

Im Tropenpub treffe ich später auf Michael J. Casey vom »Wall Street Journal«. Wir bestellen Painkiller, einen exzellenten Kokos-Cocktail, und kommen ins Gespräch. »Seit der Krise 2008«, sagt Casey, »ist das Geldsystem kaputt. Man versucht das zu übertünchen, indem man mehr Dollars druckt. Geld ist ein Produkt, und jetzt gibt es ein Überangebot. Schau, was in Europa passiert. Negativzinsen. Man zahlt dafür, jemandem Geld zu geben. Klar, dass die Menschen in andere Werte flüchten, Häuser oder so. Aber was sollen sie als Währung nutzen?« Casey schüttelt den Kopf. »Das Kernproblem der Finanzkrise war, dass alles zu stark zusammenhing – die Zentralisierung. Irrerweise ist jetzt alles noch extremer. Mittlerweile beruht die ganze Weltwirtschaft auf zwei Zentralbanken. Soll das stabil sein? Bitcoin ist die Alternative zu diesem kaputten, zentralisierten Geldsystem.«

Später stehen wir gemeinsam auf einem Balkon, Casey filmt mit seinem Smartphone den Sonnenuntergang. »Diese Zeit ist so aufregend«, sagt er. »Stell dir vor, du könntest die Geburt des Internets miterleben. Ungefähr so groß ist das hier.« Wir gehen rüber in den Salon, um einen Sundowner zu nehmen. Casey lässt sich dort auf ein Sofa fallen, direkt neben einem dicklichen Kahlkopf im weinroten Poloshirt. Der erzählt gerade, wie er einst die Verfassung von Peru schrieb. Dabei bewegt er seine kräftigen, haarigen Unterarme wie Krebszangen. Es ist Hernando de Soto, der Regierungen weltweit in Wirtschaftsfragen berät. Wenn de Soto eine Frage zu Russland habe, so stellt Casey ihn mir vor, dann rufe »Hernando« Putin an und der nehme den Hörer ab. Bill Clinton hat de Soto einmal als »den größten lebenden Ökonomen« bezeichnet. Damit Hernando de Soto rechtzeitig zum Treffen kommen konnte, hat ihm der Premier der Jungferninseln persönlich ein Visum zugefaxt.

Am Morgen hat der Peruaner die Teilnehmer mit flammenden Worten auf ihre Mission vorbereitet: den Kapitalismus zum Leben zu erwecken. Denn dieser existiere noch gar nicht richtig.

Im großen Veranstaltungssaal von Bransons Villa präsentieren die Teilnehmer des Summits ihre Thesen.

Armut, so die Theorie, die de Soto bekannt gemacht hat, sei nicht Ausbeutung, sondern Ausschluss – also dass Menschen nicht am Kapitalismus teilnehmen können, weil sie nichts zu handeln haben. Wie jene Slumbewohner, die eine Hütte bauen, die ihnen aber nicht gehöre, weil sie die Hütte nirgends registrieren können. Hätten sie ein offizielles Papier dafür, einen verbrieften Eigentumsanspruch, dann wäre die Hütte etwas wert. Weil man sie verkaufen könne. Um die Menschen aus der Armut zu holen, so de Soto, müsse man ihre Wertgegenstände an ihre Person koppeln: Eigentumsrechte. Das sei in den meisten Ländern aber fast unmöglich. Bei dem Vortrag fächerte de Soto einen Papierstapel auf: drei Dutzend Anträge, die in Peru notwendig sind zur Registrierung einer Firma. Eine physische Blockchain nannte er das, deren Bearbeitung Hunderte von Tagen erforderte. Würden solche Umstände beseitigt, die Armut in der Welt wäre beendet, und der Kapitalismus würde erblühen. Die Teilnehmer des Gipfeltreffens waren begeistert.

Hunderte kreischender Flamingos empfangen uns bei der Dinnerparty. Ein Feuer brennt, Köche stehen am Büfett, eine lange weiße Tafel ist aufgebaut. Bis auf die Angestellten hat sich fast niemand an die Kleiderordnung »Evening in White« gehalten. Die meisten sind in Shorts gekommen. Anzüge sind offenbar ein zu enges zivilisatorisches Korsett für diese Leute. Plötzlich taucht im Meer hinter dem Büfett eine Haiflosse auf. Einer der Gäste wirft kichernd einen Hühnchenschlegel ins Wasser. »Save Water, Drink Champagne« steht auf seinem Shirt.

Vorquerdenker: Der peruanische Ökonom Hernando De Soto ruft eine neue kapitalistische Revolution aus.

Ich sitze gegenüber von Paul Brody, einem schlanken Manager aus San Francisco mit kurzem, grau meliertem Haar, der ein kleiner Star im Silicon Valley ist. Bei IBM hatte er 6000 Leute unter sich. Jetzt ist er »Americas Strategy Leader« für die Beratungsfirma Ernst & Young. Sein Ehemann hat den Verkauf von Instagram an Facebook verhandelt. Gut gelaunt erzählt er mit quäkendem Westküstenakzent, wie er morgens um sieben von Branson vom Tennisplatz gefegt wurde. »Beeindruckend für seine 65!« Irgendwie kommen wir aufs Fahrradfahren. »Ich liebe es! Ich bin viel Rad gefahren«, erzählt Brody, »bis mich jemand umfuhr. Ich hab mir geschworen, so lange nicht aufs Fahrrad zu steigen, bis es nur noch selbst fahrende Autos gibt.« Ein Tischnachbar nickt begeistert: »Menschen sind zu fehlerhaft. Wir müssen sie aus der Gleichung nehmen.«

Neben Brody sitzt Jeff Garzik, ein Bitcoin-Chefentwickler. Er versucht derzeit, Investoren zu finden, um Minisatelliten in den Orbit zu schießen, die ein eigenes Bitcoin-Netz errichten sollen. »Kein Staat der Welt könnte Bitcoin dann noch kontrollieren«, sagt er.

Am nächsten Morgen gegen neun Uhr am Frühstücksbüfett: Speck, Eier, Tomaten, Croissants, Gemüsesäfte mit Grünkohl zum Entgiften. Fair-Trade-Müsliriegel und Champagner mit goldenem Etikett: »Sir Richard Branson’s Private Island«. Beim Birchermüsli stehe ich plötzlich vor Richard Branson. »Hi!«, sagt er mit nettem Lächeln. Er hat eine Surfermähne in Löwengold, was gut zu seinem großen Mund mit dem riesigen Gebiss passt, umrahmt von einem dunklen Kinnbart. Branson ist braun gebrannt und trägt ein graues Nike-T-Shirt und eine Badehose. Er schnappt sich einen Fruchtsaft und läuft nach oben. Ich folge ihm auf eine Veranda, auf der ein langer Holztisch steht.

Das Leben eines Milliardärs, zeigt sich da, ist eine permanente Castingshow. Rund um Branson sitzen sie: de Soto, Casey, Luckett und andere. Jeder versucht, ihm in wenigen Sätzen ein Vorhaben schmackhaft zu machen. »Elevator Pitch« nennt man das, wenn man einem Investor in den neunzig Sekunden, die man zufällig mit ihm im selben Aufzug verbringt, ein Projekt vorstellt, das die Welt verändern soll. Branson, geschätzte fünf Milliarden Dollar schwer und bekannt für die wildesten Firmenkonzepte, ist für Menschen mit Ideen eine Riesenchance.

Oliver Luckett (rechts) hat mal die Social-Media-Strategie für Barack Obama entworfen. Im Hintergrund: Richard Branson.

Branson hört ruhig zu, löffelt Müsli und nippt am Kaffee. Manchmal fragt er nach, mit sanfter Stimme. Sein markantes Stottern hat er gut im Griff. Als er irgendwann weitergeht, wird er alle zwei Meter aufgehalten. Er soll sich Ideen anhören oder für gemeinsame Bilder posieren, die dann sofort online gepostet werden. Was den Marktwert derer steigert, die mit ihm auf den Fotos zu sehen sind.

Um zehn Uhr beginnt das Hauptprogramm des Gipfeltreffens. Die 35 Anwesenden, darunter fünf Frauen und ein Schwarzer, versammeln sich um den Flatscreen im großen Saal. Manche haben kurze Präsentationen vorbereitet. Brody, der Starmanager, erklärt, dass in naher Zukunft fast alle Gegenstände online gehen. »Jeder Toaster wird einen Chip in sich tragen wie diesen hier«, sagt er und hält sein Ladegerät hoch, »das Gerät ist netzfähig. Und was passiert mit Sachen, die online sind? Wir erfassen ihre Nutzung, messen ihre Auslastung und versuchen, diese zu steigern. Wie Wohnungen, die wir auf Airbnb untervermieten, wenn wir weg sind. Wie Autos, die man mieten kann, während sie ungenutzt rumstehen.« Überall sieht Brody ungenutzte Potenziale. Gäbe es nun eine Methode, um diese Potenziale zu registrieren und mit ihnen zu handeln, würde »ein gewaltiger, ein unglaublicher Markt« entstehen. Die Blockchain sei das geeignete Tool zur Verwaltung eines »Internets der Werte«, in dem »alles« handelbar werde. De Soto strahlt.

Die Blockchain könnte den Kapitalismus tatsächlich ins Netz einziehen lassen. Durch die umfassende Kontoführung über Datenverläufe mittels Blockchain könnte zum Beispiel künftig die Kopierbarkeit eines Songs komplett eliminiert werden. Denn es würde nachweisbar, wer wann welche digitale Kopie bei sich hat. Ein digitales Magazin wäre ein Einzelstück. Man könnte es kaufen und verkaufen wie eine gedruckte Ausgabe, einen physischen Gegenstand. Ein langhaariger Informatiker namens Patrick Deegan demonstriert die Umsetzung solcher Ideen. Er hat mittels Blockchain digitale Pässe erstellt, um Besitztümer auf Personen zu registrieren. Deegan erzählt von »smart contracts«, digitalen Verträgen, die sich automatisch ausführen. Geleaste Autos zum Beispiel, die gar nicht erst anspringen, wenn man die Rate nicht gezahlt hat. Das Personal, das man bisher für die Organisation derartiger Prozesse brauchte, wäre überflüssig. Deegan ist optimistisch. Die Blockchain, scheint es, ist ein Instrument zur Automatisierung der Bürokratie. Sie könnte die Arbeit von unzähligen Angestellten ersetzen. Es geht um Millionen Arbeitsplätze. Milliarden Dollar. Ein »Moonshot«.

In einer kurzen Pause versammeln sich die Teilnehmer zu einem 3D-Gruppenbild. Als die Kameradrohne auf uns zuschießt, reißen alle die Arme hoch und jubeln der Maschine zu.

Gruppenbild mit Drohne: Auch die digitale Avantgarde rastet aus, wenn ein Kameraroboter am Himmel erscheint.

Die Stimmung beim Lunch ist euphorisch. Das Mittagessen wird im unteren Pool gereicht. Ich sinke ins Wasser, ein Mädchen schiebt ein kleines Boot mit Getränken heran. »Sake-Cocktail?« Dann treibt ein blütengeschmückter Kajak voller Sushi vorbei. Der französische Sternekoch serviert in Badehose. An der palmblattbedeckten Poolbar läuft Elektropop von Ratatat: »Cream on Chrome«. Über den Pool ist ein Balancierseil gespannt. Der sehnige Hongkonger Investor und Summit-Mitorganisator Bill Tai versucht es, fällt nach zwei Schritten, versucht es gleich noch mal.

Bei einem Kokossaft an der Bar rede ich mit einem Investmentbanker, der sich die blonden Locken zurückgegelt hat. Er ist richtig high. »Fantastisch, Mann! Mein Business ist vor allem, Geld aus China rauszuschaffen. Saukompliziert, lauter Vorschriften und Limits. Ganz viel Kontrollaufwand. Ich sehe riesige Effizienzsteigerungen.« – »Und wie?« – »Wenn bald alles via Blockchain geht … Ich könnte mein halbes Team entlassen«, strahlt er, »Juristen, Notare, Banker, die machen nur das, was die Blockchain automatisch erledigt.« Dann lenkt ihn eine Frau im engen schwarzen Kleid mit einem riesigen Schlapphut ab.

Mittagspause in der Karibik: Die Teilnehmer genießen Sake-Drinks und Sushi im Pool mit Meerblick.

Ich schnappe mir ein Sushiröllchen, frischen Fisch, der von weit her eingeflogen wurde, da an diesem Ende der Welt die Fische wegen eines seltsamen Virus ungenießbar sind. Neben mir planscht ein dunkelhaariger Mann Mitte dreißig im Wasser, der mit Bitcoins dealt und zwischen London und Frankreich pendelt. Seine Augen leuchten: »Große Teile des Staates machen nichts anderes, als Werte zu verwalten und Verträge auszuführen. Nicht nur die Zentralbank, auch Passbüros, Meldestellenämter, Grundbuchämter für Immobilien. All das wird unnötig.« Verschwörerisch raunt er mir zu: »C’est une révolution.« Wir steigen aus dem Pool, und vor mir steht ein dünner junger Araber, das Bärtchen mehr Flaum als Bart. »Salaam«, sagt er mit einem wohlwollenden Lächeln. »Der ist aus den Emiraten«, klärt mich mein neuer Freund auf, während wir zum Strand laufen. »Könnte der erste große Blockchain-Investor aus dem arabischen Raum werden. Vielleicht ist er reicher als Branson.«

Am Strand greife ich mir einen Schnorchel. Überall sind hier komische, große Fische. Einmal schwimme ich am Meeresgrund an einem kugelartigen Wesen vorbei, einen halben Meter groß, und es pulsiert.

Öffentliches Verkehrssystem: Auf Necker Island führt eine »Zipline« von den Wohnquartieren hinunter zum Strand.

Es ist kurz nach sieben. Gleich beginnt das »Final Dinner«. Ich treffe Tina Hui, die einen Social-Media-Kanal über Bitcoin betreibt und die eine der wenigen anwesenden Frauen ist. Darunter eine Astrophysikerin, die für Bransons Raumfahrtfirma tätig ist, eine Starjuristin sowie Elizabeth Rossiello, die ein Bitcoin-Sozialprojekt verfolgt. In Afrika. So was ist super für den Ruf von Bitcoin, das niemals von der breiten Masse verwendet werden wird, solange es als Geld für Internetgangster gilt. Daher hatte am Morgen auch ein unauffälliger Herr mit strengem Seitenscheitel und apricotfarbenem Leinenhemd, der früher für das US-amerikanische Justizministerium arbeitete, eine Kooperation der Geld-Hacker mit »staatlichen Stellen« vorgeschlagen. Einen strategischen Waffenstillstand, sozusagen.

Gerade noch rechtzeitig schaffen wir es ins Tropenpub. Das Essen hat der Koch im marokkanischen Stil zubereitet, vielleicht zu Ehren des jungen Scheichs. Mittlerweile befinden sich etwa siebzig Gäste auf der Insel. Ich treffe Brock Pierce und Michael Zeldin und einige Damen in Kleidern. Fackeln stecken im Sandboden. Neuseeländischer Rosé wird eingeschenkt. Celloklänge der Starmusikerin Zoë Keating vibrieren im Raum. Branson thront auf einem Sofa, zu seiner Linken der Scheich. Einen kurzen Moment ist Branson allein. »Sir«, sage ich zu ihm, er beugt sich nach vorne, »Sie haben doch damals die Sex Pistols auf Platte rausgebracht.« Er nickt, fletscht die Zähne zu einem Lächeln. Mit einem Boot war er damals zum Silbernen Thronjubiläum der Queen auf die Themse gefahren, von wo aus die Punks sich über die Königin lustig machten. Natürlich kam die Polizei. Der Skandal brachte die Single in die Charts und Branson eine Menge Geld.

Es gibt zwei Sorten Milliardäre. Die einen verdienen am System. Branson verdient an dessen Umsturz. »Geht es eigentlich immer noch um dasselbe wie damals?«, frage ich. »Gegen Staat und Banken?« Richard Branson grinst mich an. Er hebt seine Hand zum High Five. »Sicher, Mann. You got it.« Zoë Keating beendet ihr kurzes Konzert. Es folgt der große Auftritt von de Soto. »Kapital!«, ruft er. De Soto ballt die Faust, sein Blick kontrolliert die Runde. »Das kommt vom Kopf des römischen Kaisers auf der Münze, von ›caput‹, Kopf.« Seine Stimme ist fest, sogar die Cellistin hört zu. »Dieser Kopf, das ist die Kraft«, Hernando de Soto hebt die geballte Faust. »Und der Kopf seid ihr.« Branson schaut wie ein Junge, der zum ersten Mal sein selbst gebautes Modellflugzeug in den Himmel aufsteigen sieht. De Soto zeigt mit dem Finger auf die Zuschauer. »Ihr seid dabei, ein neues Kapital zu erschaffen.« Kurz ist es still. »Yes!«, sagt Branson von seinem Diwan aus. »Yes!«, und er beginnt zu klatschen, und dann fallen die anderen ein, und der Applaus erfüllt die Insel.
Die abschließende Beach-Party war ein Flop.

Dieser Text ist in der Ausgabe 10/15von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte der NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

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