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Keusch bis zur Ehe - und wenn das Verlangen kommt, hilft der Vater

Jedes achte Mädchen in den USA will als Jungfrau in die Ehe gehen, selbst Küssen ist vorher tabu. Auf pompösen Purity-Bällen schwören die jungen Frauen vor Gott ihre Enthaltsamkeit - und bauen dabei auf die Hilfe ihrer Väter.

Beachump Powers zusammen mit seiner Tochter Hannah

Beachump Powers wacht über seine Tochter Hannah

Beauchamp Powers steht vor dem Standspiegel im Wohnzimmer seines Hauses in Bossier City, Louisiana. Die Strahlen der Morgensonne fallen auf den Spiegel, Beauchamp nestelt mit gerecktem Kinn an seinem Krawattenknoten. Das Licht blendet, mit zusammengekniffenen Augen blickt er abwechselnd auf den roten Seidenstoff und dann wieder auf das Abbild seiner Tochter Hannah, die hinter ihm an ihrem weißen Ballkleid zupft. Mutter und Geschwister schwirren um sie herum wie Kolibris. Sie lachen, umarmen sich, machen einander Komplimente. Reinste Familienidylle. In diesem Augenblick, sagt Beauchamp später, habe er beschlossen, auf dem Ball am Abend gegen seine Tränen anzukämpfen. Hannah zuliebe.

Beauchamp ist 44 Jahre alt, Highschool-Lehrer, tiefgläubiger Christ. Ein Mann des Südens, der normalerweise Jeans und Boots trägt und die Worte lang zieht, „Yes, Sir“, „No, Ma’am“. Sein Rauschebart lässt ihn alttestamentarisch wirken. Beauchamp ist ein Vater, der bald loslassen muss. Und er weiß es. Seine Hannah ist jetzt 17, und sie wird gehen Richtung College, in eine andere Stadt, weit weg von der Familie. Und vor allem weit weg von ihm. 

Beauchamp fällt es schwer, sie ziehen zu lassen. Die Verbindung zwischen Vätern und Töchtern, sagt er, sei eine ganz besondere.
Als sein Sohn vor zwei Jahren aufs College ging, sagte er nur: „Jetzt stehst du auf eigenen Füßen.“ Bei Hannah ist das anders. „Ein Vater“, sagt Beauchamp, „weiß, wie zerbrechlich seine Tochter ist. Jungs schütteln sich einfach den Staub von der Hose, wenn sie gefallen sind.“ Ihr traut er das offenbar nicht zu. „Eine Tochter willst du beschützen. Aber es wird nicht für immer gehen. Das ist bitter für einen Vater.“ Der Ball an diesem Abend ist ein großes Ereignis für die Tochter, und für den Vater. Dort wird Hannah einen Schwur ablegen, der sie beschützen soll. Sie wird versprechen, eine zu bleiben, bis sie heiratet. So lange will sie ein Leben führen ohne Knutschen, ohne Rummachen, ohne Sex. Enthaltsam und rein will sie sein. Nicht nur für ihren Körper, sondern auch für Seele und Geist. Das werde auch ihm helfen, sagt Beauchamp.

Purity-Ball in der USA: Ein Fest für die Keuschheit
Hannah lässt sich von einer Stylistin herrichten

Hannah lässt sich von einer Stylistin herrichten. Vor der Gemeinde will sie am Abend ihre Keuschheit schwören.

„Purity Balls“, Bälle der Reinheit so heißen in den die pompösen Veranstaltungen, auf denen Mädchen Keuschheitsgelübde ablegen. Im Gegenzug versprechen die Väter ihren Töchtern, sie auf diesem Weg zu unterstützen. Wenn eine Frau schließlich den Mann gefunden hat, den Gott für sie bestimmt hat, entscheidet der Vater, ob er seinen Segen gibt, und führt die Tochter zum Altar. Bis dahin bleibt er der einzige Mann in ihrem Leben. Beauchamp wünscht sich, dass der Tag, an dem er seine Tochter einem anderen anvertrauen muss, noch weit in der Zukunft liegt.

Heute Abend wollen sie Spaß haben. „Aber auch das Heilige, das Ernste in Ehren halten“, sagt Beauchamp. Und wenn er schon nicht verhindern kann, dass seine Tochter erwachsen wird, soll der Ball zumindest helfen, sie vor dem Schlechten dieser neuen Welt zu bewahren. Man müsse sich ja nur umschauen: Ob Bandenkämpfe, Aids oder Porno, überall lauere Verrat und Betrug.
Hannah kann den Abend kaum erwarten. Schon vor Jahren habe sie beschlossen: „Ich warte, bis der Richtige kommt.“ Zwar hatte sie schon mal einen Freund, doch mehr als ein Küsschen auf die Wange war nicht drin. Und als er nicht aufhörte, mehr zu wollen, trennte sie sich von ihm. In aller Freundschaft.

Heute, auf dem Ball, wird sie ihre Entscheidung zur Enthaltsamkeit feiern. In der Öffentlichkeit. Für sich. Für Gott. Und für ihren Vater. „Seit ich weiß, was Purity bedeutet, will ich selbst rein sein. Wenn Gott sagt, dass ich vor der keinen Sex haben soll, dann halte ich mich daran.“ Dabei ist es für sie völlig normal, jemanden zu begehren. „So ist die menschliche Natur. Aber man darf dem Verlangen eben nicht nachgeben.“ Sie verurteile niemanden für einen anderen Lebensstil, sagt Hannah, das fromm erzogene Mädchen. Eher empfinde sie Mitgefühl mit denjenigen, die unrein leben und sich ihren Schwächen wie Trinken, Rauchen oder Sex hingeben. „Ich respektiere die Wahl der anderen. Aber so ein Leben ist nichts für mich.“ Wenn sie so spricht, meint man, ihre Eltern zu hören.

Die meisten Mädchen sind 13 oder 14 Jahre alt

Ihr Vater und ihre Mutter setzen Hannah nicht einfach Regeln, sie bringen sie dazu, diese selbst festzulegen: Sie trifft sich nie allein mit einem Jungen in ihrem Zimmer, nur im Wohnzimmer oder gleich in der Öffentlichkeit. Falls sie doch einmal „diese Gedanken“ bekommt, hilft ihr ein Trick: Sie betet. „Dafür, dass Gott mir hilft, diese Gedanken wieder loszuwerden.“ Hannah streicht noch einmal über ihr Kleid und lächelt zufrieden. Gleich wird ein Stylist sie schminken, ihr Korkenzieherlocken drehen und sie in einer Wolke aus Haarspray glitzern lassen. Die stille Schülerin mit Brille, Jeans und Pullover, das Mädchen von nebenan, sie verwandelt sich für einen Abend in eine Dame.

Der große Aufwand für Hannahs Zeremonie erinnert an eine Mischung aus Tanzschule und Abi-Ball und soll, so die Veranstalter, einen „entscheidenden Einschnitt“ im Leben der Mädchen markieren. Hannah wird auf dem Ball die Älteste sein, die anderen Mädchen sind 13, 14 Jahre alt.

Es wäre leicht, die Keuschheitsgelübde als skurrile Vorliebe einiger weniger Jesus-Freaks abzutun: Die evangelikale Kirche, Abtreibungsgegner und konservative Politiker sponsern die Purity-Bälle. Auch Familie Powers ist strenggläubig. Praktisch an jeder Wand, an jedem Regal des Hauses hängen Kreuze und Tafeln mit frommen Sprüchen. „Family is everything“, heißt es darauf, „We will serve the Lord“ oder „Jesus loves you“. Selbst für den Familienhund spricht Beauchamp vor dem Fressnapf ein Gebet.

Purity-Bewegung findet immer mehr Zuspruch

Die Bälle finden jedoch nicht nur bei den tiefgläubigen Südstaatlern statt, sondern überall in den USA. Und ihre Zahl steigt von Jahr zu Jahr. In 48 der 50 US-Bundesstaaten schwören jedes Jahr Mädchen ihren Vätern die Enthaltsamkeit. Mittlerweile will jedes achte Mädchen zwischen acht und 18 Jahren nicht nur auf Sex vor der Ehe verzichten, sondern gleich allen Versuchungen der Lust widerstehen. Das sind etwa drei Millionen.

Inzwischen hat sich ein richtiger Jungfrauen-Lifestyle entwickelt, die Purity-Bälle sind dessen feierlicher Höhepunkt: Es gibt Purity-Kinderbücher, in denen die Reinheit der Heldin gefeiert wird, die älteren Mädchen gehen auf Purity-Konzerte, machen Ferien in Purity-Zeltlagern oder tragen Purity-Silberringe mit der Gravur „Worth the Wait“. Auch in Deutschland versucht die Bewegung Fuß zu fassen, allerdings ist der Zulauf zum Verein "Wahre Liebe wartet" bei Weitem nicht so groß wie in den USA.

Der Purity-Ball für Beauchamp und Hannah findet in der Nachbarstadt Shreveport statt. Der Ball nennt sich Arc-La-Tex, weil Jungfrauen aus Arkansas, und Texas eingeladen sind. Im blank polierten schwarzen Pick-up fährt die Familie wenige Minuten über breite Highways und erreicht den Parkplatz des mondänen East Ridge Country Clubs. Es riecht nach Kiefern, Eichhörnchen huschen durch die Baumkronen. Neben den Tenniscourts erstreckt sich ein Golfplatz, ein Säulengang führt zum Eingang des Festsaals, ausgestattet mit poliertem Parkett, Kronleuchtern und festlich dekorierten Tischen. Kellner servieren drei Gänge, dazu natürlich nur unbedenkliche Getränke, Wasser und Eistee.

Überzeugungsarbeit auf dem Ball

Der Eintritt kostet 100 Dollar, die evangelikale Kirche Shreveports beteiligt sich an den Kosten. Die einmalige Entscheidung der Mädchen verdiene es schließlich, würdevoll gefeiert zu werden. Viele der Mädchen besuchen zum ersten Mal eine derart edle Veranstaltung, und sie wirken stolz, dass dieser Aufwand allein ihnen gilt. In ihren weißen Kleidern aus Tüll und Seide erinnern sie, ausgerechnet, an junge Bräute. Auch Beauchamp ist beeindruckt. „Es fühlt sich komisch an. Ich bin fast so aufgeregt wie bei meiner eigenen Hochzeit.“ Hannah betritt den Saal am Arm ihres Vaters. Sie ganz in Weiß, er im schwarzen Anzug. Wie ein skurriles Brautpaar durchschreiten sie einen Bogen aus weiß angesprühten Zweigen, an dem Lichter funkeln, der Saal ist in warmes Licht getaucht. 30 Prinzessinnen, mit Zahnspangen und letztem Babyspeck, lassen sich von ihren Begleitern zu den Tischen führen.

Die Redner des Balls, Veranstalter, Pfarrer, sprechen vom „Wert der Entscheidung“, von der „Verpflichtung Gott gegenüber“, davon, wie „wertvoll, schön, selbstbewusst und stark“ diese Mädchen sind, die rein leben. Sie seien „die vorderste Reihe Gottes, die Prinzessinnen des Königs“. Für all die Unsicherheiten, die ein Mädchen in der Pubertät so anfällig und verletzlich machen, biete der Ball die einfache und richtige Lösung: Enthaltsamkeit.

Obwohl die Mädchen sich längst entschieden haben, leisten die Veranstalter weiter Überzeugungsarbeit, nicht nur mit göttlichen Versprechen, sondern auch mit Abschreckung. Alicia Forrest war auf dem falschen Weg und wurde bekehrt. Sie ist 29, veranstaltet den Ball mit und arbeitet für das Crisis Pregnancy Center, ein christliches Zentrum gegen Abtreibung. Sie spricht zu den Mädchen über Geschlechtskrankheiten und Teenagerschwangerschaften. Um all das zu vermeiden, sollten die Mädchen „auf Party und Fun verzichten“.

Zur Abschreckung eine Stripperin

Tatsächlich ist die Zahl von schwangeren Teenagern in Shreveport wie in ganz Louisiana auffallend hoch, auch Krankheiten wie Syphilis und Tripper sind in der Region laut dem Center for Disease Control and Prevention besonders weit verbreitet. Schwangerschaften und Krankheiten könnte man zwar vermeiden, indem man über Verhütung aufklärt. Aber selbst im Sexualunterricht in der Schule wird gelehrt, Enthaltsamkeit sei die einzig wahre Verhütungsmethode.

Alicia führt sich in ihrer Argumentation selbst als schlechtes Beispiel an. Sie entschied sich erst mit 22 Jahren, nach einer „schlimmen Erfahrung mit meinem damaligen Freund“, enthaltsam zu leben. Jungfrau sei sie nicht mehr und könne genau deshalb anderen zur Vorsicht raten, meint sie. Sex vergleicht sie mit Feuer: „Er zieht einen an, er kann wärmen, aber auch sehr gefährlich werden.“ Debbie, eine weitere Veranstalterin der Purity-Bälle, erzählt freimütig von ihrem früheren Job als Stripperin. „Mit allem, was dazugehört.“ Ihr verschwörerisches Nicken soll sagen, dass man das besser nicht nachmacht.

Beauchamp ist für Hannah ein Vorbild. Er ging rein und jungfräulich in die Ehe, seit 22 Jahren ist er verheiratet. Damit ist er an dem Abend allerdings eine Ausnahme. Andere Väter erzählen mal grinsend, mal verstohlen von ihrer bierseligen Zeit in der Armee, von viel zu frühen Hochzeiten und ebenso frühen Scheidungen, von Drogenerfahrungen und vor allem davon, dass sie „einfach zu jung und zu dumm waren“. Erst danach fanden sie zu Gott, wurden von Jesus gerettet, und fromm zu leben heißt in der Gegend des „Bible Belt“ für Unverheiratete eben auch, enthaltsam zu leben.

Der Weg der Enthaltsamkeit

Die Lebenswege der Väter werden so zum Maßstab für die Mädchen, die heute ihren Schwur ablegen. Nicht aus Heuchelei. Sondern weil die Väter sie wirklich vor den Erfahrungen schützen wollen, die sie gemacht haben und vielleicht auch vor solchen Typen, die sie selbst damals waren.

Die Mädchen beginnen, sich mit ihren Vätern aufzureihen, begleitet von einer Akustikgitarre und einer Sängerin, die in hohen Tönen immer wieder die Zeile „Sei Teil dieser Geschichte“ singt. Im Gleichschritt nähern sich Beauchamp und Hannah dem Rednerpult, das mit weißen Blüten und türkisfarbenen Bändern geschmückt ist, daneben flackern Kerzen. Beauchamp bekommt ein silbernes Diadem überreicht, das er Hannah auf die Stirn setzt, eine weiße Rose wird in ihre Hand gelegt, dann gehen beide zurück zu ihrem Tisch. Ein kurzer Weg, doch Hannah schaut gerührt zu ihrem Vater auf und wischt sich Tränen aus den Augen. Es ist ein emotionaler Akt.

Am Tisch spricht Hannah den vorgelesenen Schwur nach. Sie wolle „enthaltsam für ihren Ehemann bleiben“, und wenn das Verlangen auftauche, dann werde sie ihren Vater nach Anleitung fragen, tatsächlich den Vater, so will es das Gelübde. Beauchamp lehnt mit geschlossenen Augen seine Stirn an ihre und legt seine Hand schützend um sie, ein inniger Moment. Beauchamp schafft es, die Tränen zurückzuhalten.

Dieser Text ist in der Ausgabe 03/17 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-AppAuf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.


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Patrick Witte