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Interview

US-Lehrerin verführt Schüler: "Bei Jungen wird sexueller Missbrauch oft lapidarisiert"

Kürzlich machte ein Fall Schlagzeilen, bei dem eine 25-jährige Mathe-Lehrerin in den USA gleich drei minderjährige Schüler verführte. Wir sprachen mit dem Kinder- und Jugend-Psychiater Dr. Andreas Krüger über mögliche Ursachen und Folgen.

Interview von David Weinard

Lehrerin mit Schülern

Zwischen Lehrer und Schüler besteht immer ein Abhängigkeitsverhältnis. Wenn Lehrer dieses Verhältnis ausnutzen, kann das zu schweren emotionalen Schäden führen. 

Erin McAuliffe sitzt derzeit in Untersuchungshaft im Bezirksgefängnis von Carteret, im US-Bundesstaat North Carolina. In vier Fällen wurde Anklage gegen sie erhoben. Drei mal wegen Sex mit Schülern, sowie einmal wegen Verführung Minderjähriger. Bei einer Verurteilung drohen der Lehrerin bis zu 20 Jahre Haft. Die Opfer sind drei Jungen im Alter von 16-17 Jahren.

Herr , gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern als Sexualstraftäter? 

Dr. Krüger: Ich würde sagen "Jein". In der Regel neigt der männliche Täter eher zur Anwendung körperlicher Gewalt. Allerdings können die emotionalen Folgen eines sexuellen  auch ohne körperliche Gewalt verheerend sein. 

Wie sieht es bei den Opfern aus, leiden Jungen und Mädchen hier unterschiedlich? 

Es gibt bei Mädchen eine andere körpermedizinische Dimension der Gewalt, durch Penetration können beispielsweise andere innere Verletzungen und Organschäden auftreten. Weibliche Opfer stehen auch generell mehr im der öffentlichen Wahrnehmung. Männliche Opfer werden dagegen weitaus seltener erkannt, man geht davon aus, dass die Dunkelziffer hier größer ist als bei weiblichen Opfern. Beide leiden im Einzelfall gleichermaßen.

Gesellschaftlich wird das Thema Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Jungen ab der Pubertät oft ein wenig belächelt. Nehmen wir Jungen als Opfer nicht ernst genug?

Auf jeden Fall. Das männliche Geschlecht wird allgemein mit Attributen wie Stärke und Durchsetzungskraft assoziiert. Dabei vergessen wir oft, dass die emotionale Abhängigkeit zwischen jugendlichem Opfer und einer erwachsenen Täterin genauso großen emotionalen Schaden anrichten kann. In der Regel hat der Jugendliche nicht die Reife, solch eine Erfahrung ohne Schaden zu verarbeiten.

Was bewegt eine junge Lehrerin dazu, ihre minderjährigen Schüler zu verführen? Gerade in den scheinen sich diese Fälle in den letzten Jahren zu häufen. Kann die Machtdynamik zwischen Lehrer und Schüler hier eventuell eine Rolle spielen?

Macht ist ohne Zweifel eine wichtige Dimension beim sexuellen Missbrauch, oft geht es darum zu dominieren und das Gegenüber zu erniedrigen. Jemand, der den sexuellen Kontakt mit Minderjährigen sucht, erhofft sich ja keine sexuell reife Beziehung. Hier stehen meist andere Motive im Vordergrund. 

Sind vielleicht Menschen, die in der Jugend weniger begehrt oder attraktiv waren, anfälliger dafür, die Attraktivität durch ihre Position zu missbrauchen?

Die Forschung zeigt uns, dass die meisten Täter früher selbst Opfer von sexueller Gewalt oder Missbrauch geworden sind. Man geht davon aus, dass ca. 3/4 aller Sexualstraftäter in der Kindheit selbst Opfer von Gewalt oder Missbrauch wurden. Der Missbrauch der Macht ist also oft eine Kompensation der eigenen erlebten Ohnmacht.

Dadurch wird auch die anhaltende Häufung von Sexualstraftaten erklärbar, es ist quasi ein Teufelskreis, der nur dadurch unterbrochen werden kann, dass man den Opfern angemessene Zuwendung zukommen lässt: im privaten Bereich, professionell und gesellschaftlich. 

In Berichten über diesen Fall stehen meist die aufreizenden Fotos der attraktiven Lehrerin im Fokus. Verzeihen wir hübschen Menschen leichter?

Sie zeigen ein generelles Problem auf: Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass diese Person zu solch einer Tat in der Lage ist. Das beobachten wir auch bei prominenten mutmaßlichen Tätern. Besonders hart trifft es Partner und Partnerinnen von Tätern: Der geliebte Mensch ist zu solch einer Tat in der Lage. Verleugnungsprozesse beginnen, meist zu Lasten des Opfers. "Es ist nicht, was nicht sein darf".

Man sieht einem Menschen nicht an, ob er bereit ist zu sexueller Gewalt. Das schockiert mitunter die Außenstehenden, auch und gerade, wenn von ihnen im allgemeinen eine gewisse Attraktivität ausgeht. Dieser Sachverhalt begünstigt u. a., dem Täter oder der Täterin die Tat eher nachzusehen. Dies geht soweit, dass es zum Phänomen der Täter-Opfer-Umkehr kommt, dem "Victim Blaming".

Was wird auf die drei Jungen noch zukommen in Form von Traumabewältigung?

Im Fall eines 16 oder 17-jährigen Jungen muss im Einzelfall analysiert werden, in welcher Form diese Erfahrung traumatisierend wirkt. Manche entwickeln schon recht früh eine sexuelle Selbstbestimmung, die aber als fragil gelten muss. Andere zeigen mit 16 oder 17 extrem zurückhaltendes, ängstliches Verhalten im Bezug auf sexuelle Handlungen. Nicht umsonst hat der Gesetzgeber bei uns ganz bewusst im Sinne des Kindeswohls das Schutzalter von 16 Jahren definiert. Durch die Lehrer-Schüler-Situation ist hier jedoch eine Abhängigkeitsbeziehung gegeben, die missbraucht wurde. Dadurch ist das Risiko einer emotionalen Schädigung als hoch einzuschätzen.

Sie benutzten einmal den Begriff "Löwenzahn-Prinzip", als Metapher für die Durchsetzungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Können Sie den Begriff näher erläutern?

Ich habe in meiner Arbeit mit seelisch schwerst verletzten Kindern zu tun, die Leid erlitten haben, das unvorstellbar ist. Es ist erschreckend zu sehen, wie brutal Erwachsene durch tätliche und emotionale Gewalt die Seelen von Kindern und Jugendlichen zerschmettern können. 

Und die Kinder und Jugendlichen trotzen diesen Umständen?

Genau. In solch einer Situation mit Hilfe eines Hilfe-Netzwerks und gemeinsam mit dem Kind Traumafolgestörungen zu erkennen und schlussendlich auch zu überwinden, erfordert von den Kindern und Jugendlichen eine emotionale Stärke, die mir immer wieder imponiert. Diese Kraft aufzubringen, gegen widrigste Verhältnisse und durch all den Schmutz trotzdem zu wachsen und zu erblühen, hat mich sehr stark an den Löwenzahn erinnert. 

Als  anerkannter Kinderpsychiater und Trauma-Spezialist, sind Ihnen aus Ihrer Laufbahn ähnliche Fälle aus Deutschland oder eigener Erfahrung bekannt?

Ja, sind sie. Daher rührt auch meine Erkenntnis, dass vor allem die emotionale Dimension des Missbrauchs nicht zu unterschätzen ist. Gerade bei Jungen wird sexueller Missbrauch oft lapidarisiert, "er soll sich doch über die Erfahrung freuen". Das Gegenteil ist der Fall, in diesen Fällen wird immer Vertrauen missbraucht, die Fähigkeit zu vertrauen beschädigt, das Wertesystem demontiert und das Selbstwertgefühl auf lange Sicht beschädigt.

Welche konkreten Folgen kann das haben?

Männliche Kinder und vor allem Jugendliche haben fast immer einen Nachteil in der Anerkennung des Leids. In vielen Fällen ist es oft eine Art Zufallsbefund, den man beiläufig mitbekommt. Es wird vergessen, dass durch solche Erfahrungen das innere Arbeitsmodell von gesunden Beziehungen für sehr lange Zeit Schaden nimmt. Betroffene können dadurch im späten Erwachsenenalter noch leiden, da sie oftmals keine tragfähige, zufriedenstellende Beziehung führen können.

Sie sind Initiator des über Spenden finanzierten Projektes "Ankerland" in Hamburg, das sich um traumatisierte Kinder und Jugendliche kümmert. Sehen Sie denn mittlerweile Fortschritte darin, wie wir als Gesellschaft mit Missbrauchsopfern umgehen? Wo können wir uns noch verbessern?

Es sind auf jeden Fall Verbesserungen zu bemerken, auch wenn es noch Luft nach oben gibt. Als ich vor ca. 15 Jahren begonnen habe, mich dem Thema intensiv zu widmen, war der Kinderschutz in Deutschland noch nicht wie heute aufgestellt.

Wodurch hat sich das geändert?

Fälle wie der Missbrauch an der Odenwaldschule haben langsam ein gesellschaftliches Bewusstsein für das Ausmaß des Problems geschaffen. Seitdem ist zumindest die Tendenz zu erkennen, das Kindeswohl als wertvolles Rechtsgut anzuerkennen. Allerdings lassen auch der Fall Edathy und andere tief blicken, gerade im Bereich organisierter sexueller und anderer Gewalt gegen Kinder gibt es noch viel zu tun.

Durch meine Arbeit mit Ankerland merke ich immer wieder, dass wir in Deutschland auch in puncto Finanzierung von spezifischen Behandlungsmöglichkeiten erheblichen Verbesserungsbedarf haben. Gerade in puncto nachhaltiger Traumatherapie für Kinder und Jugendliche, die langfristig Opfer sexueller Gewalt wurden, muss deutlich nachgebessert werden. Ohne Spenden wäre unsere Arbeit z.B., trotz allem Lob durch die Öffentlichkeit, nicht möglich. 

Vielen Dank für das Interview.

Dr. Andreas Krüger ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamburg. 2008 gründete er den Verein Ankerland e.V. - ein Netzwerk zur Behandlung traumatisierter Kinder und Jugendlicher. Er veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Traumaverarbeitung, u.a. "Powerbook - Erste Hilfe für die Seele", erschienen beim "Elbe & Krueger" Verlag.

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