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Warum die Frage "Noel oder Liam Gallagher?" mehr als eine Sympathiefrage ist

Noel oder Liam Gallagher? Darüber diskutierte unser Autor minutenlang mit seinem Kollegen – und das hat seine Gründe, sagt ein Professor für Sozialpsychologe. Denn es geht bei dieser Frage nicht nur darum, wer recht hat, sondern um Identität.

Die beiden Brüder Noel und Liam Gallagher auf einem Bild.

Seit 2009 gehen Noel (l.) und Liam Gallagher getrennte Wege. Seither hoffen die Oasis-Fans tagtäglich auf eine Reunion. 

Neulich saß ich mit einem Freund auf ein Bier in einer Bar. Natürlich blieb es nicht dabei. Und mit jedem weiteren wurden unsere Gesprächsthemen tiefgründiger. Dabei ging es nur um die einfache Frage: "Team Noel" oder "Team Liam" Gallagher? Minutenlang redeten wir uns die Köpfe heiß. Er sagte, dass Noel der Grund für den Erfolg von Oasis sei. Schließlich hätte er die Texte geschrieben und sei für den Sound verantwortlich gewesen. Ich entgegnete, dass ohne Liam Oasis nur halb so unterhaltsam wäre. Er sei der letzte Rock-'n'-Roll-Star unserer Zeit. So wirklich lässt sich die Frage wohl nicht beantworten, es ist letzten Endes eine Glaubensfrage. Und davon gibt es jede Menge: Stones oder Beatles?, "Star Wars" oder "Star Trek"?, Lebron James oder Michael Jordan?, Rock oder Hip-Hop? Pepsi oder Coca-Cola? Messi oder Ronaldo?

Bestimmt hattet ihr schon ähnliche Diskussionen – doch eigentlich sind solche Gespräche sinnlos. Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht, aber dahinter steckt mehr, sagt Ulrich Wagner. Er ist Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität in Marburg: "Wir wollen uns mit etwas identifizieren. Es hat mit unserer Selbstdefinition zu tun: Gruppenzugehörigkeiten definieren uns." Mit anderen Worten: Wir wollen klar machen, wer wir sind. Das habe zweierlei Konsequenzen, so Wagner: "Wir setzen uns zum einen von anderen ab. Ich bin eben "Team Noel" und nicht "Team Liam". Und zum anderen rechnen wir uns gerne Gruppen zu, die besser sind als andere."

Sehnsucht nach Aufwertung

Darin stecke das Bedürfnis, die eigene Gruppe aufzuwerten, um gleichzeitig auch die eigene Person aufzuwerten. Das trifft leider zu: Ich erinnere mich gut an meine Schulzeit. Da gab es in der Parallelklasse diesen Typen, der ständig die neuesten Marken-Klamotten hatte – und sich deswegen für etwas Besseres hielt. Leute, die nicht so cool waren wie er, wurden ausgegrenzt beziehungsweise manchmal sogar gemobbt. Die hellste Kerze auf der Torte war er nicht, aber er war cool. Also wollte jeder mit ihm zusammen und dadurchebenfalls cool sein.

"Jemand, der nach gesellschaftlichen Leistungskriterien nicht vorankommt, greift dann auf die Kategorien zurück, die ihm nicht zu nehmen sind", begründet Ulrich Wagner das Verhalten. Als Beispiel nennt er das allgegenwärtige Flüchtlingsthema: "Wenn ich in meinem Job nicht weiterkomme, privat läuft es auch nicht, aber ich bin Deutscher. Damit kann ich mich von anderen abgrenzen." Ein Deutscher mit geringem Bildungsstand und niedrigem Einkommen ist dementsprechend anfälliger für patriotische Gedanken? "Ja", so Wagner, "allerdings kann natürlich auch jemand, der privat und beruflich gefestigt sei, ein starkes Nationalbewusstsein haben. Das hängt immer auch mit den sozialen und politischen Prozessen zusammen."

Gruppenzugehörigkeiten sind für unsere Kommunikation wichtig

Als ich in der Bar mit meinem Kollegen darüber diskutiert habe, ging es also im Grunde um Identifikation. Aber wieso muss ich dabei immer auf einer Seite, kann ich nicht einfach die Schweiz sein: neutral? Das funktioniere leider nicht, sagt Wagner: "Wir nutzen Gruppenzugehörigkeiten, um unsere Kommunikation zu vereinfachen. Deswegen kategorisieren wir: In Mann, Frau, Alter, Beruf, ethnische Herkunft …"

Wichtig sei es, dass man solche Kategorien nicht "überbetont", die Unterschiede also nicht über die verbindenden Elemente stellt. Zudem gehöre man nicht nur einer Gruppe an, sondern mehreren. Das sei im Rückblick auf die Bundestagswahl ein strategischer Fehler gewesen, so Wagner: "Allein ein Thema, das Thema Flucht, so stark und so emotional in den Vordergrund zu rücken, hat die Menschen sehr polarisiert und davon abgelenkt, dass es auch noch andere Themen gibt, in denen sie eigentlich übereinstimmen."

Das heißt, meine alkoholgeschwängerte Tresendiskussion war eine Identitätsfrage. Zum Glück konnten wir uns am Ende auf "Team Oasis" einigen.


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