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»Burnout ist zum Sehnsuchtsfeld geworden«

Superanspruchsvoll sind wir auf dem Arbeitsmarkt, heißt es: Wir, die Generation Y, suchen in unseren Jobs nach dem ganz großen Sinn – und wollen gleichzeitig geregelte Arbeitszeiten und viel Freizeit. Für den Berliner Autor und Ökonom Holm Friebe ist das ein gefährlicher Widerspruch, in dem wir uns verheddern, wenn wir nicht aufpassen.

Sinnhaftigkeit, Bedeutsamkeit, Selbstverwirklichung – das erwartet unsere junge Generation von ihrem Job, heißt es immer wieder. Sie haben schon vor fast zehn Jahren zusammen mit Sascha Lobo „Wir nennen es Arbeit“ geschrieben, ein Plädoyer dafür, den Sinn jenseits der Festanstellung zu suchen. Aber statt Selbstständigkeit wollen wir gleichzeitig immer noch Sicherheit, Work-Life-Balance und Sabbatical. Lässt sich das alles im Dasein als Angestellter miteinander vereinen?
Ich bin da sehr skeptisch. Ich glaube nicht, dass sich der Wunsch nach Sinn im Job verträgt mit der klassischen Arbeit in den Bündeln, wie sie als Festanstellung immer noch angeboten wird. Ab einer gewissen Unternehmensgröße hat alles, was Arbeit toxisch macht, einen zu großen Anteil: die Politik, das strategische Wohlverhalten, der Bullshit, der mit wachsender Zahl der Hierarchiestufen zunimmt. Für Sinnsucher ist die beste Strategie in der Lebensglück-Lotterie: sein eigener Herr werden und nicht weisungsgebunden arbeiten, also freiberuflich. Und die Zahl der atypischen Selbständigen, die nicht Rechtsanwälte und Zahnärzte sind, nimmt ja auch zu. Der Investor Paul Graham hat Arbeit, wie wir sie heute wollen, einmal so definiert: einen sinnvollen Beitrag zur Welt zu leisten und dabei nicht verhungern. So eine Arbeit ist leichter zu finden, wenn man sich die Inhalte selbst vorgibt.

Aber ist in der Selbstständigkeit die Gefahr nicht groß, zu verhungern – um mal in Grahams Bild zu bleiben?
Natürlich hat das Nachteile, niemanden da draußen wartet auf einen, wenn man sich selbstständig macht. Aber diejenigen, die es schaffen, ihre Segel in den Wind zu drehen, sind nach fünf bis zehn Jahren nicht nur zufriedener sind mit ihrer Arbeit, sondern verdienen im Schnitt auch mehr als gleich qualifizierte Festangestellte, wie das DIW herausgefunden hat. Bei größerer Spreizung natürlich. Die sich etabliert haben, entwickeln auch ein stärkeres Sicherheitsgefühl, weil sie Durststrecken kennen und über ein robustes Portfolio von Auftraggebern verfügen.

Wie ist es denn gekommen, dass wir jetzt alle so wild sind auf Work-Life-Balance, auf Sabbatical, auf geregelte Arbeitszeiten – dem, was man als Selbstständiger eher nicht hat?
Diese ganze Work-Life-Debatte ist Schadensbegrenzung des Ancien Regime, wo der Überbau längst nicht mehr zur Basis passt. Der klassische Deal für den Angestellten war ja: Loyalität gegen Sicherheit. Mittlerweile reicht aber Loyalität alleine nicht mehr, der gute alte Angestellte, der sich sein gesamtes Arbeitsleben in der Indifferenzzone aufhält – „Ist mir egal, ich mach was ich soll und dafür kriege ich Lohn und Zukunftssicherheit“ – ist den Unternehmen nicht mehr genug. Jetzt werden die Enthusiasmus-Potenziale mobilisiert und angezapft: Du musst dich mit Haut und Haaren für den Zweck der Firma engagieren.

Ist das nicht einfach der Preis für einen Job, mit dem man sich identifiziert?
Die Gleichung geht aber nicht auf, weil sie zu einseitig gekürzt wurde. Die Rhetorik der Manager ist zwar: Wir wollen jetzt auch, dass alle kreativ sind und dass in unserem großen Versicherungskonzern ein Hauch von bohemianistischen Lebensgefühl einzieht. Wenn der Arbeitnehmer diesen Scheck aber einlösen will und ernsthaft Freiräume der Selbstverwirklichung fordert, dann geht das auf einmal doch nicht. Jeder Personalchef, der sagt „Wir suchen unangepasste Querköpfe“, lügt entweder oder ist demnächst seinen Job los. Es wird ja nicht mal das Axiom der Präsenzkultur gelockert. Du musst also da sein, dein Gesicht in die Firma halten, acht Stunden – und dann nach Feierabend auch noch deinen Enthusiasmus der Firma zur Verfügung stellen. Da versucht man als Arbeitnehmer Schadensbegrenzung zu betreiben und zurück ins alte System zu kommen.

Im Zweifelsfall dann lieber wieder stupide zum Nine-to-Five, wenn das mit dem Sinn nicht klappt?
Ja, Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, nach fünf gehört Papi mir, alle diese Arrangements des alten bundesrepublikanischen, rheinischen Kapitalismus. Es gibt diese Unternehmen ja auch noch und auch in der Politik gibt es dieses Bild ebenfalls noch: Wir müssen die Arbeitnehmer vor sich selbst schützen und deswegen machen wir jetzt ein Gesetz, dass nach fünf keine Emails mehr verschickt werden dürfen oder der Chef nicht mehr auf dem Handy anrufen darf – das ist Paternalismus, der die Angestellten infantilisiert.

Solche Forderungen sind auch die Reaktion auf die vielen Diskussionen um Burn-Out und Überarbeitung.
Das Interessante an diesen Debatten ist: Burnout ist nicht nur zum Fluchtpunkt geworden, sondern zu einem Sehnsuchtsfeld – als einzige Form, diese überfordernden Widersprüche aufzulösen, dass man gleichzeitig nach den Regeln des Ancien Regime zu arbeiten hat und trotzdem mit Feuereifer bei der Sache sein soll. Der Psychologe Stephan Grünewald hat das mal „Erschöpfungsstolz“ genannt. Früher hatte man am Ende des Tages ein Werkstück, auf das man stolz sein konnte, heute fällt das weg, in diesen diffusen arbeitsteilig zergliederten Prozessen. Das einzige, worauf man stolz verweisen kann, was man mit nach Hause bringt, ist die Erschöpfung. Und da hat es dann etwas Heroisches, wenn man seinen Burnout wie eine Monstranz vor sich herträgt und sagt: Jetzt hole ich mir meine Freiheit als Freizeit zurück.

Was wäre denn die Alternative?
Es gibt zu wenige Arbeitgeber, die ernst machen mit der Autonomie und tatsächlich sagen: Es uns egal, wo und wann ihr arbeitet, Hauptsache die Arbeit wird erledigt. Diese Experimente sind auch subversiv, denn sie bedrohen die mittleren und oberen Management-Ebenen in ihrem Rollenverständnis. Deswegen wird es nicht gern gemacht. Aus eigener Anschauung weiß ich: Selbst in Werbeagenturen und Theaterhäusern – denen man ja unterstellt, sie seien Labore für den Lebensstil der Zukunft – gibt es es Präsenzregime, autoritäre Sonnenkönige und Hackordnungen, die aus dem 19. Jahrhundert stammen könnten.

Und was müssten wir als junge Arbeitnehmer anders machen?
Keine Illusionen darüber hegen, was im Angebot ist, und sich die Widersprüchlichkeiten vergegenwärtigen: Man kann nicht die Sicherheit eines Konzerns haben, die Aufstiegschancen und das 13. Jahresgehalt und trotzdem die volle Selbstverwirklichung. Und umgekehrt: Wenn man auf Selbstverwirklichung aus ist, kann man keinen Rosengarten erwarten. Es ist nicht alles Pommes und Disco wie an der Uni. Man muss auch Kompromisse eingehen: Standbein und Spielbein, Graubrot-Jobs, um das eigene Projekt in der Anlaufphase querzusubventionieren. Wenn man sich von den Zwängen des Angestelltendaseins freistrampeln will, braucht es solche Strategien, Geduld und Beharrlichkeit. Man sollte nur nicht den Fehler machen, sich mit den Kompromissen zu arrangieren und das, was einmal als Sprungbrett gedacht war, mit dem Lebenszweck verwechseln.

Holm Friebe ist Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin, Publizist und Dozent für Designtheorie an Kunsthochschulen. Er arbeitet als Marken- und Strategieberater und ist Autor mehrerer best- und longselling Sachbücher.


Die Titelgeschichte »Der halbe Traumberuf« lest ihr in der Ausgabe 05/15 von NEON und im E-Mag. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

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