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Hochgeschlafen

Am Samstag hat Joko Winterscheidt bei »Joko gegen Klaas – Duell um die Welt« versucht, eine Nacht in den Bergen zu verbringen. Auf einem Feldbett. An einer Felswand. In Hunderten Metern Höhe. Es hat nicht ganz geklappt, es flossen sogar Tränen. Unser Autorin Ann-Kathrin Eckardt hatte stärkere Nerven. Ihre Reportage aus dem Oktober 2011 lest ihr hier.

Was zur Hölle mache ich hier? Es gibt keinen Freund, der mich überredet hat, keine Freunde, die mir einen Action-Gutschein geschenkt haben, keinen Chef, der mich dazu zwingt. Nein, ich bin aus freien Stücken hier. Freiwillig. Weil ich schon immer wissen wollte, wie es sich anfühlt, eine Nacht himmelhoch über dem Erdboden zu verbringe.

Von wollen kann jetzt keine Rede mehr sein. Mit dem Puls eines Hundertmetersprinters hänge ich am Seil. Mein Mund ist staubtrocken. Ich habe mir fest vorgenommen, nicht nach unten zu sehen. Jetzt schau ich doch. Unter mir achtzig Meter senkrechte Felswand, ein paar Tannen, noch mal 300 Meter Abhang. Irgendwo dazwischen: mein Bett.

Begonnen hat die Operation Wandübernachtung vor ein paar Stunden im Waldseilgarten in Pfronten im Allgäu. In einem Klettercrashkurs hat mir Thomas Osterried die wichtigsten Handgriffe gezeigt. Der 46-Jährige ist Berg- und Skiführer und heute der Mann, mit dem ich das Bett teilen werde. Zuerst lerne ich, mich abzuseilen. Hüftgurt anziehen, Seil in ein kleines Sicherungsgerät, das Grigri, einfädeln und dieses am Hüftgurt befestigen. Dann den Hebel des Grigris nach links ziehen, mit der anderen Hand das hängende Seilende festhalten (Thomas: »Bloß nie loslassen, das ist lebensgefährlich!«) – und ab geht’s.

Das Aufsteigen ist da schon etwas schwieriger. Thomas drückt mir eine Steigklemme in die Hand. Ich soll sie erst am Seil nach oben schieben und mich dann mit Hilfe einer Trittschlinge daran nach oben ziehen. Schieben, ziehen, schieben, ziehen, schieben, ziehen. Nach wenigen Minuten bin ich schweißgebadet. Aber es klappt. Einziges Problem: Der Himmel über Pfronten ist mausgrau. Doch es ist erst fünf Uhr, ab acht Uhr abends kündigt die Vorhersage Sonne an. Mit Schlafsäcken, Isomatten, Brotzeit und zweihundert Metern Seil im Rucksack fahren wir hinauf zum Falkenstein. Auf dem 1267 Meter hohen Berg bei Pfronten steht die höchstgelegene Burgruine Deutschlands. König Ludwig II. wollte hier einst ein zweites Schloss Neuschwanstein bauen. Verständlich, denn der 360-Grad-Blick über das leicht gewellte, sattgrüne Allgäu, den Forggensee, Schloss Neuschwanstein, die Zugspitze und die Tannheimer Berge ist wirklich atemberaubend. Doch dann ertrank der »Kini«, und Schloss Falkenstein blieb für immer ein Traum.

Von der Burgruine gehen wir eine steile Wiese hinab bis zur Felswand. Zwischen zwei Bäumen spannt Thomas ein Seil, an dem wir uns sichern können. Aus dem Sack, den er vor mir ausleert, fallen fünf Aluminiumstangen, ein Tuch mit Spanngurten, eine Stützstrebe und jede Menge Schnüre. Nach fünf Minuten ist unser Bett fertig. 1,20 auf zwei Meter. Stabil sieht anders aus.

Mit dem Portaledge am Karabinerhaken lässt sich Thomas gekonnt die Wand hinab. Anders als ein Biwak, das auf einem Felsvorsprung aufgebaut wird, hängt ein Portaledge frei in der Luft – aufgehängt an einem einzigen Felshaken. Extremkletterer benötigen es beim Durch-steigen sogenannter Big Walls, also besonders hoher Wände, etwa in Alaska.

Dann geht es auch für mich bergab. Den Rücken zum Abhang lege ich den Hebel des Grigris um. Die ersten fünf Meter kann ich noch mit den Füßen mitlaufen, dann kommt die Kante. Mein Leben (und das von Thomas) hängt jetzt an einer windschiefen Kiefer, die ein paar Meter über mir kurz vor dem Abgrund auf einem Felsen steht. Ich stelle mir vor, wie die Fichte unter unserer Last aus dem Steinboden bricht. Ich denke an meinen Freund, an meine Eltern und daran, wie sie die Hiobsbotschaft erhalten. Ich denke an die Schlagzeile: »Todesdrama am Falkenstein«. Ich denke an Thomas’ Worte: nur ja nie das Seil loslassen.

Fotos: Kathrin Spirk

Mein Magen verkrampft, ich spüre Angstschweiß

Nach gefühlt hundert Metern (in echt sind es etwa sieben) erreiche ich das Portaledge. Auf einmal ist es ziemlich windig. »Setz dich«, sagt Thomas, als er merkt, dass ich zögere. Ich lasse mich ab, Po voraus, aber verfehle die Mitte. Durch die einseitige Belastung verrutscht unser Bett. Nur ganz leicht, nur ein paar Zentimeter, aber es fühlt sich furchtbar an. Mein Magen verkrampft. Ich spüre Angstschweiß. Was zur Hölle mache ich hier?

Es dauert eine Weile, bis ich meine Augen weg von meiner doppelten Sicherung an Seil und Felshaken und stattdessen auf meine Umgebung lenken kann: Links spiegelt sich die Sonne im Forggensee. Rechts kämpfen sich dicke Wolken über die Berge. Direkt gegenüber kratzt die Zugspitze an den Wolken. Unter mir im Tal rauscht die Vils, jede Stunde passiert ein roter Bummelzug die deutsch-österreichische Grenze. Vor jedem unbeschrankten Bahnübergang muss er hupen. Modelleisenbahnidylle pur. Ein wenig beruhigt sie mich.

Zum Erholen bleibt jedoch keine Zeit, denn das war nur der Übungslauf. Zentimeter für Zentimeter arbeite ich mich mit der Steigklemme nach oben. Wie hat Thomas damit eine Tausendmeterwand im Yosemitepark erklommen? Auf einer Bank vor der Burgruine bereitet Thomas das Abendmahl: Brötchen, Bergkäse, Hartwurst, Paprika, saure Gurken. Hinter uns brechen die Sonnenstrahlen durch die dunkle Wolkendecke. Ein fantastischer Anblick – nur nicht gerade das ideale Wetter, um in einer Steilwand zu übernachten. Inzwischen ist es acht Uhr. Wir brechen trotzdem auf.

Über der Zugspitze sieht es gefährlich dunkel aus

Noch ein letzter Klogang, dann lassen wir uns hinab. Auf dem Portaledge angelangt, drückt mir Thomas ein Urbayrisch Dunkel in die Hand. Ich trinke drei Schlucke, mehr nicht. Frühestens in zehn Stunden kann ich wieder auf die Toilette. Ich versuche mich auf die Berge zu konzentrieren, die mir Thomas zeigt: Säuling, Zugspitze, Aggenstein, Gimpel und ganz rechts der Breitenberg. »Dort ist mein Vater in einer Lawine verunglückt«, erzählt er. Er selbst war damals vier, sein Vater 28. Angst vor den Bergen hat Thomas trotzdem nie gekannt. Mit dreizehn begann er zu klettern, mit sechzehn durchstieg er seine erste 500-Meter-Wand. Die bekannten Nordwände hat er alle erklommen. Eiger, Grandes Jorasses, Matterhorn. Die Touren haben feine Spuren in seinem gebräunten Gesicht hinterlassen.

Über der Zugspitze sieht es inzwischen gefährlich dunkel aus. Thomas ruft seine Frau an. »Schau mal beim Schweizer Wetterdienst, was sich da zusammenbraut.« Noch während er telefoniert, fallen die ersten Tropfen. Der Wind frischt auf. Mit dem allerletzten Tageslicht flüchten wir die Wand hinauf. Unser Bett lassen wir zurück. Oben angekommen, weicht die Angst der totalen Enttäuschung. Als hätten wir gerade kurz vor dem Gipfel des Mount Everest kehrtgemacht. Schweigend trinken wir unser Bier. Es donnert. Dann fahren wir zu Thomas. Meine erste Nacht in der Wand endet in bügelfreier Bettwäsche im Gästezimmer.

Am nächsten Tag strahlt die Sonne, doch für den Nachmittag sind Gewitter angekündigt. Im Minutentakt aktualisieren wir Wetterseiten. Als ob man die Sonne herbeiklicken könnte. Das quälende Warten auf besseres Wetter – wie alle Bergsteiger kennt es auch Thomas gut. Um den Walkerpfeiler in den französisch-italienischen Alpen zu bezwingen, musste er drei Mal anreisen. In Patagonien wartete er vier Wochen auf besseres Wetter. Im Zelt. Vergeblich.

Am Mittag herrscht am Himmel völliges Chaos. Auf der einen Seite der Berge scheint die Sonne, über dem Forggensee zucken Blitze. Tausend Wolkenschichten ziehen mal hierhin, mal dorthin. Wenigstens liege ich nicht im eingeschneiten Zelt. Mit Kathrin, der Fotografin, wandere ich auf den Breitenberg.

»Oh, da hat sich ja eine Stange gelöst.«

Um acht Uhr starten wir den zweiten Versuch. Als wir zur Falkensteinruine fahren, tröpfelt es, aber in der Nacht soll es trocken bleiben. Um neun Uhr sitze ich wieder auf unserem Bett. Ich habe gerade die Schuhe ausgezogen, als Thomas einen Satz sagt, den man als Felswandschläfer nicht hören will: »Oh, da hat sich ja eine Stange gelöst.« Erst beim fünften Versuch rastet die Querstrebe endlich wieder ein. Thomas klettert zu mir ins Bett. Wir rollen die Schlafsäcke aus und legen uns, ganz vorsichtig, damit das Portaledge ja nicht verrutscht, mit Hüftgurt hinein. Die ganze Nacht über sind wir ins Seil eingebunden und so am Fels gesichert.

Auf dem Breitenberg gehen in der Gipfelhütte die Lichter an. Wie schön wäre jetzt so ein Hüttenbett. Dafür haben wir die Sterne über uns. Milliarden Sterne, denn der Wind hat die Wolken weggeblasen. Doch zur Sicherheit bereitet Thomas trotzdem noch ein Hundertmeterseil vor, mit dem er mich im Gewitternotfall schnell abseilen kann. Wir ziehen das Überzelt herunter. Sofort fühle ich mich ein wenig sicherer. Wie ein Ufo leuchtet unser Zelt in der Nacht. In der Ferne rauscht die Vils. Das Klingen der Kuhglocken dringt leise nach oben. Gegen Mitternacht legen wir die Helme ab und schalten unsere Stirnlampen aus.

Ich spüre jede kleinste Bewegung von Thomas. Außerdem zieht es. Irgendwann – ich kann meine Uhr in der Dunkelheit nicht lesen – zerrt der Wind so stark an der Zeltplane, dass ich sie festhalten muss. Ob doch ein Gewitter naht? Ich stelle mir vor, wie Thomas mich jetzt abseilt, in der Dunkelheit, hinunter in den Abgrund. Unten, hat er gesagt, soll ich bei einem Baum auf ihn warten. Dann endlich, als ich zum zwanzigsten Mal auf die Uhr schaue, kann ich sie plötzlich lesen. Es ist vier Uhr. Mit der Helligkeit kommt auch der Schlaf – wenigstens für eine halbe Stunde.

Als ich wieder aufwache, ragen die Berge gestochen scharf in den rötlichen Morgenhimmel. Wie graue Hünen stehen sie um das Tal. Es riecht nach Morgentau. Die Vögel zwitschern. Punkt 5.20 Uhr geht die Sonne auf. Mit einem Mal ist meine Angst wie weggeblasen. Ich könnte noch ewig hier sitzen. Aber leider muss ich dringend aufs Klo.

Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom Oktober 2011 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es außerdem auch digital in der NEON-App.

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