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Schwenke probiert: Alkohol einatmen

Gin Tonic inhalieren statt trinken: klingt nach Komasaufen, ist aber ein Londoner Kunstprojekt. Unser Kolumnist zieht sich einen Plastikponcho über und taucht ab in den Schnapsnebel.

Foto: Maximiliano Braun / Reportage by Getty Images

Ein Bürgersteig in London, Freitagnachmittag. Vor einer Kellerbar wartet eine akkurat aufgereihte Menschenschlange. Die Leute tragen Vorfreude auf das Wochenende in den Gesichtern. Denn: Gleich können sie sich alle richtig abschießen! Türen auf. Aus dem Keller stapfen uns drei Dutzend Menschen entgegen, denen die Haare am Kopf kleben. Die haben das Programm schon hinter sich. Da unten in der Bar wird Alkohol nicht getrunken, sondern eingeatmet. Fein zerstäubt hängt er in der Luft, um sich so ­schneller ins Blut zu schmuggeln. Nicht über den nervigen Umweg über Magen und ­Leber, sondern via Lunge und ­Schleimhäute gleich in die Blutbahn, von da ins Gehirn und dann – Party!

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Dieser Ehrgeiz, möglichst schnell betrunken zu werden, klingt nach Hightech-Komasaufen, tatsächlich handelt es sich um Kunst: »Alcoholic Architecture« heißt dieses Projekt, mit dem, so die Macher, die Kathedrale, die über dem Keller liegt, gewürdigt werden solle – außerdem wolle man, »nun ja, auch gemeinsam beten«.

Zunächst muss ich ein Wegwerf-Regencape ­anziehen, dann trete ich durch einen dicken Plastikvorhang in den nächsten Raum ein. Ein Gin-Tonic-Nebel klatscht mir ins Gesicht. So schwer und dicht, dass er selbst in einem überambitionierten Vampirfilm unrealistisch wirken würde. Streckt man die Hand aus, kann man die Fingerspitzen kaum erkennen. Die Luft schmeckt, als würde man Zitronen­eis ­einatmen. Keine Ahnung, wie groß der Raum ist. Großraumdiscogroß? Abstellkammerklein? Man sieht ja nix. Die anderen Gäste sind nur ­feuchte Schatten im Discolicht. Das mit den Schutzponchos ergibt plötzlich Sinn, und für fünf ­Minuten ist es ganz lustig.

Und dann? Wenn man normalerweise in eine Bar geht, verbringt man die ersten Getränke mit den mitgebrachten Freunden, um die Unterhaltung dann langsam zu umstehenden Unbekannten überkochen zu lassen. Hier allerdings sind die Umstehenden in der Schnapswolke ja nicht zu erkennen, und außerdem muss man nach sechzig Minuten wieder gehen. Sonst wird man angeblich zu blau. Ein entspannter Barabend sieht anders aus. Überhaupt scheint das ex­trem effiziente Sichbetrinken hier im ­Nebel ein Zukunftsversprechen zu sein, das mit genauso vielen Haken daherkommt wie, zum Beispiel, das Versprechen, dass ­Einkaufen im Internet grundsätzlich einfacher ist. Obwohl man da ja selbst bei der Bestellung eines Bleistifts immer seine Kreditkartendaten rausfummeln muss und das Paket dann kommt, wenn man nicht da ist, weshalb es anschließend bei der Post liegt, die nur aufhat, wenn man ­gerade ­arbeitet … Ähnlich praktisch ist es in etwa, sich einen Poncho anzuziehen, um Gin Tonic zu atmen, statt zu trinken.

Nach einer Stunde werden wir rausgekehrt. Richtig abgeschossen bin ich nicht, aber immerhin das, was Engländer »tipsy« nennen. Auf dem Klo föhnt ein Typ seine klatschnassen Gin-Tonic-Haare unter dem Handtrockner.

Preis: ab 10 Pfund
Kontakt: alcoholicarchitecture.com

Vorschläge für Schwenkes nächsten Auftrag an: ausprobieren@neon.de


Dieser Text ist in der Ausgabe 11/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen. Eine Übersicht der »Kaufen«-Kolumne findet ihr hier.

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