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Dieser Mann spielt mit einer Klobürste Klavier – und alle wollen es hören

Nils Frahm streichelt Flügel, schlägt mit Klobürsten auf Saiten ein und Tausende kommen, um das zu erleben. Kann man Liebe hören?

von Martina Kix

Nils Frahm: Klobürste und Klavier

Nils Frahm streichelt Flügel, schlägt mit Klobürsten auf Saiten ein und Tausende kommen, um das zu erleben. Kann man Liebe hören?

Man könnte Nils Frahm fast übersehen, so viele Instrumente und Geräte hat er um sich herum aufgebaut: ein Klavier, Mikrofone, Boxen, Regler, Synthesizer, einen Flügel und eine selbst gebaute Orgel. An einem der heißesten Tage des vergangenen Sommers gibt er ein Konzert, hier im Berliner Funkhaus Nalepastraße, einem der besten Tonstudios weltweit.

Es wirkt, als würde Nils Frahm mit dem Klavier verschmelzen

Als Nils Frahm zu spielen beginnt, strahlen die Scheinwerfer auf ihn. Er trägt schwarzes Shirt zu schwarzer Jeans und hämmert auf die Tasten des Flügels ein. Die Luft glüht, Schweiß tropft von seiner Stirn. Frahm hämmert lauter und schwitzt mehr, zu einem Sound, der mal nach Klassik, mal nach Electro klingt, umgeben von Hunderten Hipstern, die nach einer Weile mit entrücktem Lächeln dasitzen.

Es wirkt, als würde Frahm mit dem verschmelzen. Als wäre das hier mehr als Musik. Liebe vielleicht?

Für viele gilt Nils Frahms noch als Geheimtipp, andere feiern ihn seit Jahren als Genie, weil er so anders klingt: Frahm arbeitet sich, anders als die meisten Pianisten, nicht daran ab, Brahms oder Strawinsky immer besser nachzuspielen. Er komponiert eigene Stücke und schafft neue Klänge durch seinen unorthodoxen Umgang mit dem Klavier, schlägt zum Beispiel auch mal mit Toilettenbürsten auf Flügelsaiten ein.

Seine Klangwelt ist ein Mashup aus Clubmusik und Kammerorchester. Und genau damit hat Frahm der klassischen, manchmal so verstaubt wirkenden Klaviermusik ein zeitgemäßes Update verpasst. Dass das funktioniert, zeigt sich an seinen Konzerten, die oft binnen Stunden ausverkauft sind und zu denen eben nicht vor allem Rentner, sondern junge Menschen pilgern.


Neuer Sound dank Pflastern, Filz und Tesafilm

Monate vor dem Konzert im Funkhaus hat Frahm in seine Wohnung geladen. Im Treppenhaus renovieren Handwerker, erste Zeichen der Gentrifizierung im Berliner Stadtteil , wo der Kaffee beim Bäcker noch einen Euro kostet. Frahm wohnt schon seit etwa zehn Jahren hier. In dieser Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung hat er 2006 "My First EP“ , sein erstes Mini-Album, aufgenommen und vor vier Jahren das Album "Spaces“ , für das ihn Fans auf der ganzen Welt feierten. Nils Frahm öffnet die Tür, zerzaustes Haar, Drei-Tage-Bart.

Als kleiner Junge hörte Frahm seinem Vater, einem Autodidakten, dabei zu, wie er Klavier spielte. Es war der Beginn einer Leidenschaft. Frahm lernte als Jugendlicher, nach Noten zu spielen, wollte aber lieber improvisieren, vielleicht, weil man so inniger mit dem Klavier verschmelzen kann. Heute, mit 34 Jahren, macht Nils Frahm Musik, die aus dieser lebenslangen Beziehung zu seinen Instrumenten, vor allem dem Klavier, entstanden ist. Seine Konzerte wirken wie ein Naturschauspiel, so natürlich und faszinierend zugleich, als würde man heißen Quellen in beim Blubbern zuschauen.

Im Vergleich zu Cloud-Rappern wie LGoony oder hitradiotauglichen Popstars wie Felix Jaehn, deren Songs wirken, als seien sie in kürzester Zeit am Computer zusammengeschoben worden, ist Frahms Hingabe zum Klavier und seiner Musik auf angenehme Weise aus der Zeit gefallen. "Ich schaue oft nach hinten“ , sagt er, "weil ich viel Musik von heute einfach nicht hören kann. Vieles davon ist einfach Dreck.“


Sein Studio wirkt wie ein Museum

Am Ende des Flurs liegt Frahms Studio. In der Mitte steht ein Flügel, an den Wänden hängen Kabel, Mikrofone und Schalldämpfer aus Holz; unter die Decke ist ein Hochbett montiert. Durch den hinteren Teil des Raums spannt sich eine selbst gebastelte Girlande mit schwarz-weißen Tasten, darauf steht "Piano Day“ . Den Tag hat Frahm ins Leben gerufen, damit Musiker und alle anderen einmal im Jahr das Klavier feiern.

Sein Studio wirkt wie ein Museum: Die meisten Instrumente hier sind alt, haben eine Geschichte. Das Harmonium hat Frahm in einem Kreuzberger Buchladen für wenige Hundert Euro gekauft, obwohl es restauriert viel mehr wert ist. Zugleich ist das Studio eine Zauberkiste: Die meisten Instrumente hat Frahm in irgendeiner Form modifiziert, ein bisschen wie John Cage, einer der einflussreichsten Komponisten des vergangenen Jahrhunderts, der Klaviersaiten zum Beispiel mit Essensgabeln präparierte. Das Klavier bearbeitete Frahm mit Accessoires, die den Sound verändern: mit Pflastern, Filz und Tesafilm. "Ich wollte einzigartig klingen“ , sagt Frahm.

Das ist ihm gelungen; es zeigt sich daran, dass es schwerfällt, Frahms Musik in Worte zu fassen. Vielleicht so: Seine Kompositionen klingen nicht so poppig wie die Klavierstücke des kanadischen Entertainers Chilly Gonzales, und doch sind sie eingängig. Sie erinnern entfernt an Minimal-House, sind dann aber nicht so elektronisch wie die Tracks des Berliner Techno-Ensembles Brandt Brauer Frick. Frahms Songs sind auch weniger melancholisch als die des Isländers Ólafur Arnalds, sie sind tanzbarer, getriebener.

Vor zwei Jahren landete eine E-Mail in Frahms Posteingang. David Klavins, ein Klavierbauer aus Balingen, fragte, ob Frahm nicht mal auf dem größten Klavier der Welt spielen wolle, dem "M 370“ . Frahm zögerte nicht. "Ich war so aufgeregt“ , erinnert er sich jetzt in seinem Studio. "Ich musste kichern wie ein Kind. “

Auf dem "M 370“ nahm er schließlich ganze Alben auf, "Solo“ und "Solo Remains“ . Gemeinsam mit Klavins oder, wie Frahm ihn auch nennt, "Daniel Düsentrieb“ , entstand dann die Idee, ein noch größeres Klavier zu bauen; ein noch monumentaleres Denkmal für dieses Instrument, zu dem Frahm eine so innige Beziehung hat.

Zu dieser Beziehung gehören, wie zu jeder, Rituale: Fast jeden Abend, wenn ein Teil Berlins schlafen und der andere feiern geht, zündet Frahm sich eine Kerze an und beginnt zu spielen. Drei Stunden lang. Jede dieser Sessions zeichnet er auf, sucht die besten Passagen raus und fügt sie später zusammen. "Das ist für mich wie ein Gottesdienst“ , sagt Frahm.


Rette ein Klavier!

Als Frahm vor über zehn Jahren damit begann, eigene Stücke zu schreiben und aufzunehmen, nahm er sich eine Sache vor: Er wollte mit den Freunden, die er am Anfang seiner Karriere hatte, noch in zehn Jahren befreundet sein.

Das hat er geschafft, mit seinen Freunden aus Teenagerzeiten spielt Frahm heute noch in der experimentellen Band Nonkeen. Andere Freunde kümmern sich um sein Booking, entwerfen seine Plattencover oder seine Website, zu der sein Vater die Fotos beigesteuert hat. Frahm ist, trotz der Angebote großer Plattenfirmen, bis heute bei dem Indie-Label Erased Tapes Records unter Vertrag, das ein Dutzend Mitarbeiter in London beschäftigt. Von seinen Alben verkauft er Hunderttausende, 2015 gewann er für den Soundtrack zu "Victoria“ den Deutschen Filmpreis für die beste Filmmusik.

Frahm geht es, trotz seiner Erfolge, nicht um den Personenkult eines Popstars, sondern um eine Feier des Innigen, des Wahren, der Schönheit im Detail; Zentrum dieses Kults ist nicht Frahm selbst, es sind seine Klänge, erzeugt von seinen Instrumenten, allen voran: dem Klavier.

Ein Klavier sollte dort stehen, wo es gebraucht wird. Nicht als Deko in einer Hotellobby. Nicht als Zeitschriftenablage in einem Wohnzimmer. Sonst verkümmert es. Deshalb hat Frahm "Give a Piano“ ins Leben gerufen, ein Projekt, bei dem er darum bittet, alte Klaviere, die nicht mehr benutzt werden, zu spenden oder zu verleihen. "Das Schlimmste ist für mich, wenn auf einem Instrument niemand spielt“ , sagt Frahm.

Er hat zum Beispiel den Besitzer des Berliner Ladens "Klavieretage“ davon überzeugt, ein altes Instrument zu stiften. Frahm zahlte selbst dafür, es restaurieren zu lassen. Nun ist es fertig, und zwei Möbelpacker holen es ab. Sie fahren es, zusammen mit Frahm, in ein Jugendzentrum. Dort wird das Klavier nicht nur herumstehen, dort wird es gebraucht: Jugendliche und Flüchtlinge wollen darauf spielen. Vielleicht entdecken einige von ihnen ja ihre Liebe zur Musik darauf; so wie einst Nils Frahm.

Die Möbelpacker rollen das Klavier durch den Saal des Jugendzentrums, mitten auf die kleine Bühne. Frahm streicht über den polierten schwarzen Lack, ein bisschen, als wolle er das Klavier streicheln. Dann macht er das, was er immer macht, bevor er zu spielen beginnt: Er nimmt die Holzverkleidung über der Tastatur ab, sodass man die Klaviersaiten, Hammerköpfe und Dämpfer sehen kann. "Ich befreie das Klavier“ , so nennt er das. "Es klingt ohne Bretter viel lauter. “

An jenem Tag spielt Frahm nur ein Stück, "Four Hands“ heißt es, und ja, manchmal klingt es wirklich so, als spielten gerade mehr als bloß zwei Hände. Nur die Möbelpacker und die Jugendbetreuer hören Frahm zu. Er spielt, erst schnell und kurz, dann getrieben und schwer. Die Klänge schweben durch den Raum, der mit roten Wänden und Skateboards auf dem Boden eher den Charme einer Schulturnhalle hat als den eines Konzertsaals. Doch jetzt ist das egal, für ein paar Minuten ist alles auf der Welt egal, nur die Musik, die dieser Mensch und sein Klavier erzeugen, spielt eine Rolle.


Musik für die, die nicht in den drögen Klassikbetrieb passen

Man könnte denken, das "Give a Piano“-Projekt sei eine gelungene PR-Maßnahme für Frahm, ein guter Weg, seine Alben zu promoten und sich selbst noch ein bisschen bekannter zu machen. Frahm scheint aber eher das Gegenteil zu wollen: Er will seine Bekanntheit dazu nutzen, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was ihm so sehr am Herzen liegt das Klavier.

So sieht Nils Frahm auch den Piano Day, den er sich vor drei Jahren mit Freunden ausgedacht hat. An dem Tag will er Menschen zusammenbringen, Klavierliebhaber wie ihn, die nicht so recht in den oft drögen Klassikbetrieb passen. "Der Piano Day ist für mich ein Joker“ , sagt Frahm. "Ein Tag, an dem wir machen können, was wir wollen. “

Der letzte Piano Day wurde an mehr als 20 Orten weltweit gefeiert, in Berlin-Friedrichshain mit einem 24-stündigen Konzert, bei dem sich mehrere Pianisten abwechselten. Hunderte Fans posteten an dem Tag die Fotos ihrer Klaviere auf Instagram, Facebook oder Twitter.

Um Aufmerksamkeit für den Piano Day zu bekommen, hat Frahm sein Album "Solo“ zum kostenlosen Download im Netz veröffentlicht. Er will nicht, dass die Leute für aufgenommene Musik bezahlen müssen. Wer ihm etwas zurückgeben mag, kann spenden: für das "M 450“ , das bald größte Klavier der Welt, an dem Frahm gerade mit dem Klavierbauer Klavins baut und das sie noch in diesem Jahr fertig stellen wollen.

Am 29. März war wieder Piano Day. In London, New York oder Tokio feierten Hunderte Menschen, luden zu Hauskonzerten ein oder zu Kuchen mit einer Zuckerglasur essen, die wie weiße und schwarze Tasten aussieht. Frahm gab auch ein Konzert geben, wieder im Berliner Funkhaus aber das nur am Rande, denn: Der Piano Day sollte eben nicht Nils-Frahm-Tag sein, sondern ein Tag für die Liebe zum Klavier.


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