Ärzte erwarten mehr Unregelmäßigkeiten bei Organspenden

2. Januar 2013, 15:38 Uhr

Nach den Manipulationsvorwürfen im Zusammenhang mit Organtransplantationen am Uniklinikum Leipzig rechnet die Bundesärztekammer mit weiteren Verdachtsfällen.

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Nach den Manipulationsvorwürfen im Zusammenhang mit Organtransplantationen am Uniklinikum Leipzig rechnet die Bundesärztekammer mit weiteren Verdachtsfällen. Die Fälle in Leipzig seien ein Beleg dafür, dass die nach dem Organspende-Skandal 2012 eingeführten Kontrollen funktionieren, sagte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery dem "Tagesspiegel". Die Staatsanwaltschaft prüft, ob es Anhaltspunkte für eine Straftat gibt.

Am Leipziger Transplantationszentrum waren Unregelmäßigkeiten bei der Organspende aufgedeckt worden. Laut Uniklinik sollen Patienten fälschlich als Dialysepatienten ausgegeben und damit kränker gemacht worden sein, um deren Chancen auf eine Spenderleber zu erhöhen. Nach Angaben des Medizinischen Vorstands der Universitätsklinik, Wolfgang Fleig, waren 37 Patienten in den Jahren 2010 und 2011 und ein Patient im Jahr 2012 betroffen. Der verantwortliche Direktor der Klinik sowie zwei Oberärzte wurden beurlaubt.

Die Unregelmäßigkeiten waren Mitte Dezember von der Prüf- und Überwachungskommission von Bundesärztekammer (BÄK), Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG) und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) entdeckt worden. In den an Eurotransplant übermittelten Unterlagen seien die Patienten als Dialysepatienten ausgegeben worden, obwohl dies nicht stimmte, sagte Fleig vor Journalisten. Durch die Falschangaben wurden die Patienten auf der Warteliste der für die Zuteilung von Spenderorganen zuständigen Stiftung Eurotransplant besser positioniert.

Die betreffenden Ärzte könnten sich die Vorwürfe "derzeit nicht erklären", sagte Fleig. Es gebe bislang keine Hinweise, dass die Mediziner in Absicht gehandelt hätten oder dass Geld geflossen sei. Die Leipziger Staatsanwaltschaft leitete ein Vorermittlungsverfahren ein. Es werde geprüft, ob und inwieweit es Anhaltspunkte für einen möglichen Anfangsverdacht einer Straftat gebe, sagte ein Sprecher.

Im vergangenen Sommer war ein Organspende-Skandal an der Uniklinik in Göttingen aufgeflogen. Dort sowie auch in Regensburg sollen durch die Manipulation von Krankenakten bestimmte Patienten bei der Organspende bevorzugt worden sein. Die Prüf- und Überwachungskommission kontrolliert seit September 2012 deshalb alle rund 140 Transplantationsprogramme an den 47 deutschen Transplantationszentren.

Montgomery sagte der "Bild"-Zeitung, er rechne mit noch weiteren Verdachtsfällen. Gleichwohl war die Transplantationsmedizin in Deutschland "wahrscheinlich noch nie so sicher und vor Schummeleien geschützt wie derzeit, sagte er dem "Tagesspiegel". Dennoch sei der Schaden beträchtlich. Jede dieser Affären lasse die Organspendenbereitschaft weiter sinken, weshalb Menschen auf der Warteliste sterben müssten.

Das Bundesgesundheitsministerium sieht durch die Vorwürfe keinen neuen Handlungsbedarf. Es handele sich um "Einzelfälle", sagte eine Sprecherin in Berlin. Zudem gebe es ein funktionierendes Kontrollsystem.

Die Linkspartei forderte eine öffentliche Kontrolle des Transplantationssystems. "Richtlinienkompetenz, Koordination und Überwachung gehören in öffentliche Hände", erklärte Kathrin Vogler, stellvertretende Vorsitzende im Gesundheitsausschuss des Bundestags. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte die Schaffung einer bundesweiten Schwerpunktstaatsanwaltschaft.

AFP