Afghanistan übernimmt Sicherheitsverantwortung selbst

18. Juni 2013, 19:43 Uhr

Zäsur für Afghanistan: Mit der landesweiten Übernahme der Sicherheitsverantwortung durch einheimische Polizei- und Armeekräfte ist der geplante NATO-Abzug vom Hindukusch ein Stück näher gerückt.

0 Bewertungen

Zäsur für Afghanistan: Mit der landesweiten Übernahme der Sicherheitsverantwortung durch einheimische Polizei- und Armeekräfte ist der geplante NATO-Abzug vom Hindukusch ein Stück näher gerückt. Hoffnungen auf ein Ende der zwölfjährigen blutigen Auseinandersetzungen weckte auch die Eröffnung eines Verbindungsbüros der Taliban in Katars Hauptstadt Doha, mit dessen Hilfe die Radikalislamisten nach eigenem Bekunden "eine politische und friedliche Lösung" des Dauerkonflikts anstreben.

"Unsere Sicherheits- und Verteidigungskräfte übernehmen nun die Führung", verkündete Afghanistans Präsident Hamid Karsai bei der Übergabezeremonie in einer Militärakademie nahe Kabul. "Wenn die Menschen sehen, dass die Sicherheit an Afghanen übergeben wurde, werden sie die Armee und die Polizei mehr unterstützen als zuvor." Verzichteten die internationalen Luftstreitkräfte zudem auf Angriffe "in unseren Dörfern und bewohnten Gegenden", würden auch weniger Unschuldige getötet. Der NATO-geführten Afghanistantruppe ISAF wird immer wieder vorgeworfen, bei Luftangriffen auf die Taliban afghanische Zivilisten zu töten.

Die ISAF-Kampftruppen sollen bis Ende 2014 aus Afghanistan abziehen und übergaben den heimischen Sicherheitskräften nun feierlich die Restverantwortung für die 95 unter ihrem Kommando verbliebenen Bezirke im unruhigen Süden und Osten des Landes, wo die Taliban besonders stark sind. Fortan sollen die rund 100.000 NATO-Soldaten nur noch eine unterstützende Rolle haben. Es bleiben jedoch Zweifel, ob die etwa 350.000 afghanischen Polizisten und Soldaten der Bedrohungslage vollauf gewachsen sind.

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sprach bei einem Besuch in Kabul dennoch von einem "stolzen Tag für alle Afghanen und die 50 am ISAF-Einsatz beteiligten Staaten". Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) erklärte die Übergabe "trotz aller Rückschläge und Probleme" zu einem "wichtigen Schritt auf dem Weg hin zur vollen Souveränität und Eigenverantwortung Afghanistans". Der NATO-Abzug liege "damit weiter im Plan".

Ein Hoffnungsschimmer ist auch die Eröffnung des Taliban-Verbindungsbüros in Doha, von dem sich die Islamisten laut einem Sprecher "den Beginn des Dialogs zwischen den Taliban und der Welt" erhoffen. Die politische Vertretung des "Islamischen Emirats Afghanistan" solle auch als Anlaufstelle für Landsleute sowie zur Kontaktaufnahme mit den Vereinten Nationen und Medien dienen.

Karsai kündigte in seiner Rede an, dass schon bald eine Delegation des Hohen Friedensrats zu Gesprächen mit den Aufständischen in das Golf-Emirat Katar entsandt werde. Und auch aus Kreisen der US-Regierung wurde die Büroöffnung als "Beginn eines sehr schwierigen Weges" begrüßt: Schon "in wenigen Tagen" würden Vertreter Washingtons zu direkten Verhandlungen anreisen.

Die Taliban selbst stellten einen "baldigen Gesprächsbeginn mit den Amerikanern" und "unter Umständen" auch mit der afghanischen Regierung in Aussicht. Thematisiert werde dabei auch die Lage eigener Gefangener im US-Militärlager Guantanamo auf Kuba. Seit ihrem Sturz Ende 2001 durch eine US-geführte Invasion kämpfen die Taliban gegen die Regierung in Kabul und ausländische Truppen in Afghanistan.

Überschattet wurden die politischen Fortschritte indes von einem Bombenanschlag in Kabul, bei dem kurz vor Karsais Rede mindestens drei Zivilisten getötet und mehr als 20 weitere verletzt wurden.

AFP