In Griechenland demonstrieren zehntausende Bürger gegen ihre Regierung - und gegen Berlin.
In Griechenland demonstrieren zehntausende Bürger gegen ihre Regierung - und gegen Berlin. Viele empfinden die immer schmerzhafteren Sparpakete, deren letztes in der Nacht zum Montag im Athener Parlament beschlossen wurde, als demütigendes Diktat der deutschen Regierung. Der Ingenieur Andréas Margoudakis gibt bei den Protesten in Athen die Stimmung wider, wenn er sagt: "Es ist nicht leicht, unter solchen Bedingungen zu leben. Bis 2020 werden wir die Sklaven der Deutschen sein."
An die Fassade der griechischen Zentralbank hat jemand vor einigen Tagen "Bank of Berlin" geschmiert, während bei dem Generalstreik vergangene Woche mehrere deutsche Fahnen verbrannt wurden. "Wir haben unsere Würde, und wir verlieren sie vollkommen", klagt der Klempner Nikos. "Die internationale Gemeinschaft erpresst uns", sagt auch die Bauingenieurin Anastasia Papadaki. "Das Problem ist, dass die Maßnahmen das Problem nicht lösen, da sie das Wachstum nicht wieder in Gang bringen."
Mit ihrer Ablehnung der rigorosen Sparpolitik sind die Griechen nicht allein, auch unter Experten und Beobachtern mehren sich die Zweifler an dem eingeschlagenen Weg. Der Grünen-Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit sieht darin eine "Strategie der Bestrafung" und fordert stattdessen Investitionen, um der griechischen Wirtschaft auf die Beine zu helfen. "Ich denke, das muss jetzt beschlossen werden und nicht einfach nur Sparprogramme", sagte Cohn-Bendit der Nachrichtenagentur AFP.
Der Chefökonom des Europäischen Gewerkschaftsinstituts, Andreas Botsch, kritisiert, durch die Sparpolitik habe das Land in den vergangenen drei Jahren 18 Prozent seiner Wirtschaftskraft verloren. Der Wirtschaftsexperte fordert im Deutschlandradio ein Konzept mit einem "Zeithorizont von einer oder zwei Generationen, damit das Land genesen kann und zu neuen Strukturen und neuen Impulsen kommen kann". Die aktuellen Schulden Griechenlands müssten von der Europäischen Union insgesamt übernommen werden.
Dies wäre in Deutschland und anderen Euro-Ländern jedoch politisch nicht durchzusetzen. Auch für die EU-Kommission führt an Einschnitten kein Weg vorbei. "Ich verstehe, dass die Maßnahmen sehr hart sind", räumt ein ranghoher Kommissionsvertreter ein. Aber die Alternative - ein Austritt aus der Eurozone - wäre "vollkommen fürchterlich". Dabei bleibt jedoch die Frage ungeklärt, ob die Griechen Ermahnungen, Sparauflagen und Kritik aus dem Ausland noch sehr viel länger ertragen werden.
"In Griechenland ist eine höchst entzündliche Mischung aus wirtschaftlichem Kollaps, politischer Korruption, sozialer Unzufriedenheit und menschlichem Leid entstanden", warnt Sony Kapoor vom Brüsseler Institut Re-Define. Nirgendwo ist dies deutlicher als auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament, wo am Sonntag die Wut rasch in Gewalt umschlägt. Maskierte Männer brechen Steine von den Fassaden, um sie auf die Polizei zu werfen. Als diese mit Tränengas reagiert, fliehen die Demonstranten vom Platz.
Der Komponist Mikis Theodorakis, der sich den Protesten angeschlossen hat, wird ebenfalls vom Tränengas erwischt. Der 87-Jährige, der sich in den 1970er Jahren gegen die Militärjunta engagiert hatte, sagt, er fürchte, dass die Sparmaßnahmen Griechenland "den Tod" bringen werden. Er ist sich aber sicher, dass das Volk nicht nachgeben wird. "Voran, lasst euch nicht einschüchtern", ruft ein Mann mit einem Megafon auf dem Syntagma-Platz. "Heute abend, schicken wir der Welt ein Bild der Würde des griechischen Volkes!"
Während auf dem Platz Polizei und Demonstranten hin und herfluten, brechen in den angrenzenden Straßen mehrere Brände aus. Die Randalierer setzen neben Molotow-Cocktails auch Brandbomben ein. Am Ende brennen 45 Gebäude ganz oder teilweise aus, unter ihnen das historische Kino Attikon.
Auch die frühere deutsche Kommandantur, die heute eine Gedenkstätte für den Widerstand gegen die Besatzung der Nazis ist, wird nicht verschont. Neben der zerschlagenen Eingangstür ruft am Tag nach den Randalen ein rotes Graffiti zum Aufstand auf.