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News am 31.05.2012
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1. Februar 2012, 18:38 Uhr

ANALYSE: Deutsche Börse ohne großen Bruder im Big Apple

Der erhoffte Börsengigant, der Deutschlands Finanzmetropole Frankfurt am Main eng mit dem Branchenmekka New York verbunden hätte, ist gescheitert.

Der erhoffte Börsengigant, der Deutschlands Finanzmetropole Frankfurt am Main eng mit dem Branchenmekka New York verbunden hätte, ist gescheitert. Die EU-Kommission hat die Notbremse gezogen und eines ihrer seltenen Vetos gegen die Fusion von Deutscher Börse und NYSE Euronext eingelegt. Die Wettbewerbshüter fürchteten die Dominanz des neuen Konzerns auf dem Markt für eine bestimmte Sorte Finanzpapiere, die sogenannten Derivate. Nach Ansicht von Fachleuten müssen die Deutschen über das Scheitern aber nicht nur traurig sein - weil sonst womöglich New York Frankfurt dominiert hätte.

"Wir haben versucht, eine Lösung zu finden", erklärte Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia in Brüssel und stellte sich so als grundsätzlich kompromissbereit dar. Aber eben nur grundsätzlich. Der Spanier ist einer der mächtigsten der 27 EU-Kommissare und hat letztlich mit seiner Federführung in dem Fall die Elefantenhochzeit gestoppt, auch wenn die Entscheidung formal im gesamten Kollegium fiel.

Almunias Einschätzung: Der geplante Zusammenschluss hätte beim "weltweiten Börsenhandel mit europäischen Finanzderivaten zu einer monopolartigen Stellung geführt". Derivate sind oft hochkomplizierte Papiere, die beim Auslösen der weltweiten Finanzkrise 2008 eine Schlüsselrolle spielten. Bis jetzt konkurrierten die Deutsche Börse und die NYSE Euronext in diesem Geschäft "auf Augenhöhe", analysierte die Kommission. Wären sie Partner geworden, hätte das "diesen globalen Wettbewerb ausgeschaltet".

Womöglich hätte die Fusion aber nicht nur den Wettbewerb ausgeschaltet, sondern auch die Macht der Deutschen in ihrem eigenen Haus erheblich geschmälert - und zwar über das für eine Fusion normale Maß hinaus. Das befürchteten Experten wie Martin Peter: "Die Gefahr, dass auf mittlere Sicht die Amerikaner dominiert hätten, war hoch", sagt der Analyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Zwar wurden den Deutschen in dem neuen Unternehmen bestimmte Spitzenposten vertraglich zugesichert - aber nur auf einige Jahre.

Eher schlecht sei es zum Beispiel den Franzosen ergangen, zieht Peter eine Parallele. Die Pariser Börse ging 2007 in der NYSE Euronext auf. Zwischen dem, was die Amerikaner den Franzosen in Aussicht gestellt hätten, und was daraus wurde, gab es laut Peter eine Kluft - sodass zum Beispiel einiges vom Geschäft sich irgendwann nicht mehr an der Seine, sondern an der Londoner Themse wiederfand.

Aus gut informierten Kreisen verlautete zudem, dass die NYSE Euronext und nicht die Deutsche Börse bei den mit der EU-Kommission geführten Verhandlungen über die Fusion quasi die Hosen anhatte. Und die Deutsche Börse hätte zwar am neuen Unternehmen 60 Prozent gehalten - nach Ansicht des LBBW-Analysten Peter aber eigentlich 65 Prozent verdient. Der offizielle Sitz des Giganten wäre weder in New York noch Frankfurt gewesen, sondern in den Niederlanden.

Hans Jürgen Meyer-Lindemann, Kartellrechtsexperte und Anwalt der US-Börse NASDAQ, meint, dass die Deutsche Börse auch ohne Fusion "ihren Weg finden wird, vielleicht ist es sogar ein Vorteil." Warum? "Die Gefahr war da, dass das Ganze letztendlich von der amerikanischen Seite dominiert wird."

An die lichte Zukunft ohne einen großen Bruder im Big Apple will natürlich auch die Deutsche Börse selbst glauben. "Die Deutsche Börse ist gut gerüstet und hat genügend Kraft, um auch ohne die Fusion weiter zu wachsen und erfolgreich zu sein", erklärte Vorstandschef Reto Francioni in Frankfurt. Seine ehemaligen zukünftigen Partner in New York taten es ihm gleich und kündigten an, ihr Wachstum als "führender globaler Betreiber von Finanzmärkten" weiter zu verfolgen. Das hört sich ganz nach dem an, was Brüssel unter gesundem Wettbewerb versteht.

AFP