Dutzende Tote am "Freitag der Wut" in Ägypten

16. August 2013, 22:03 Uhr

Am "Freitag der Wut" sind bei neuen Zusammenstößen zwischen ägyptischen Sicherheitskräften und Islamisten dutzende Menschen getötet worden.

Am "Freitag der Wut" sind bei neuen Zusammenstößen zwischen ägyptischen Sicherheitskräften und Islamisten dutzende Menschen getötet worden. In der Hauptstadt Kairo war nach den Freitagsgebeten an mehreren Stellen Maschinengewehrfeuer zu hören. Reporter und Augenzeugen zählten wie schon am Mittwoch an verschiedenen Stellen zahlreiche Leichen.

Trotz der Anweisung, dass die Sicherheitskräfte auf Bürger im Fall von Gewaltanwendung schießen dürfen, gingen erneut tausende Anhänger des gestürzten Staatschef Mohammed Mursi auf die Straße. Ein Zusammenschluss ägyptischer Islamisten forderte zudem die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi auf, ab sofort täglich zu demonstrieren.

Die Übergangsregierung erklärte, sie müsse einen "terroristischen Komplott der Muslimbrüder" niederschlagen. Mehrere Stadtviertel von Kairo erinnerten an Schlachtfelder. Allein in der Nähe des Ramses-Platzes wurden in Moscheen mindestens 39 Leichen gezählt, außerhalb von Kairo waren es nach Angaben von Seiten der Sicherheitskräfte bis zum Abend mindestens 31 Tote.

Das Fernsehen übertrug Aufnahmen von Männern, die in Kairo aus Kalaschnikows feuerten - es war jedoch nicht zu erkennen, ob die Schützen Polizisten in Zivil oder Demonstranten waren. In der Stadt Tanta im Nildelta setzten die Sicherheitskräfte den Angaben zufolge Tränengas und Schrotgeschosse gegen Mursi-Anhänger ein, die auf ein Regierungsgebäude zustürmten. Gewalttätige Auseinandersetzungen wurden aus mehreren Städten gemeldet.

Am Mittwoch waren bei der Räumung zweier Protestlager in Kairo und Unruhen im ganzen Land nach offiziellen Angaben mindestens 578 Menschen getötet worden. Zudem gab es mindestens 3000 Verletzte. Die ägyptischen Muslimbrüder gaben die Zahl der Toten allein für Kairo mit mehr als 2200 an.

Angesichts der blutigen Konfrontation in Ägypten vollzieht sich im internationalen Tourismus eine Notbremsung: Aufgrund der "Unvorhersehbarkeit der Entwicklungen" werde von Reisen in das ganze Land "derzeit abgeraten", erklärte das Auswärtige Amt in Berlin. Große Teile der deutschen Tourismusbranche sagten sämtliche Reisen nach Ägypten bis Mitte September ab. Die Unternehmen hätten damit auf die aktualisierten Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts reagiert, teilte der Deutsche ReiseVerband (DRV) mit. Kunden von Reisebüros und -veranstaltern könnten ihre Urlaube umbuchen oder stornieren. Neben Deutschland sprachen auch Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien und Russland Hinweise für Urlauber aus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Staatschef François Hollande forderten ein Ende der blutigen Gewalt in Ägypten und mahnten angesichts der Krise eine enge Abstimmung der EU-Staaten. Die Gewalt müsse "sofort" enden, erklärten Merkel und Hollande im Anschluss an ein Telefongespräch nach Angaben des Elysée-Palasts in Paris. Die Ägypter müssten wieder einen "Dialog" aufnehmen und "so schnell wie möglich auf den Weg der Demokratie zurückkehren".

Zudem müsse mit Blick auf die Gewalt "dringend" eine gemeinsame Haltung der EU-Staaten gefunden werden, erklärten Merkel und Hollande. Die EU-Außenminister sollten sich kommende Woche treffen, um über die "Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und Ägypten" zu beraten und "gemeinsame Antworten" zu finden. Für kommenden Montag ist in Brüssel bereits ein Treffen der 28 EU-Botschafter angesetzt. Die USA forderten ihre Bürger auf, Ägypten zu verlassen und geplante Reisen in das Land zu verschieben. US-Präsident Barack Obama sagte eine gemeinsame Militärübung mit Ägypten im September ab.

Der saudiarabische König Abdullah stellte sich in einer Fernsehansprache auf die Seite der Armeeführung in Kairo. Saudi-Arabien halte den Kampf gegen "Terrorismus, Kriminalität und Aufruhr" für gerechtfertigt, sagte der Monarch. Auch Jordanien unterstützte die ägyptische Regierung, die "den Rechtsstaat wiederherstellt" sowie "den Terrorismus bekämpft". Der Iran forderte ein Eingreifen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit.

In mehreren Staaten der arabischen Welt gab es Demonstrationen gegen das ägyptische Militär. In der türkischen Hauptstadt Ankara versammelten sich etwa 3000 Menschen vor einer Moschee, zelebrierten ein Totengedenken und zogen anschließend zu den Botschaften Ägyptens sowie der USA.

 
 
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