Beschneidungsdebatte: Gauck sieht "Vulgärrationalismus"

2. Dezember 2012, 17:43 Uhr

Bundespräsident Joachim Gauck hat antisemitische und antimuslimische Auswüchse in der öffentlichen Debatte nach dem Kölner Beschneidungsurteil kritisiert.

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Bundespräsident Joachim Gauck hat antisemitische und antimuslimische Auswüchse in der öffentlichen Debatte nach dem Kölner Beschneidungsurteil kritisiert. Er wisse, "dass in den letzten Monaten wieder Sorgen und Ängste aufgekommen sind, ob denn jüdisches Leben in Deutschland noch möglich sei", sagte Gauck laut Redetext bei der Einweihung der Neuen Synagoge in Ulm. Anlass dafür seien Angriffe auf jüdische Bürger gewesen, "aber auch die Beschneidungsdebatte, die sich an einem rechtsstaatlichen Urteil entzündete, aber sehr schnell Töne bekam, die auch mich erschreckt haben".

"Da haben sich echte, aufgeklärte Sorge um Kindeswohl und körperliche Unversehrtheit bei einigen gelegentlich mit einem Vulgärrationalismus gemischt, in dem auch antisemitische und antimuslimische Einstellungen sichtbar wurden", betonte das Staatsoberhaupt. "Das ist schlimm."

Gauck unterstrich, eine säkulare Gesellschaft müsse Debatten über den Platz der Religion, über Religionsfreiheit und über religiöse Bräuche führen. Dies sei "nötig und richtig". "Seit der Aufklärung haben wir Schritt für Schritt gelernt: Auch der religiöse Glaube muss sich der Kritik der Vernunft stellen."

Der Bundespräsident fügte hinzu: "Wir vergessen aber auch nicht, welches Unrecht, welche Verbrechen begangen worden sind, wenn dem Glauben seine Existenzberechtigung abgesprochen wurde, wenn antireligiöse Bewegungen Macht über Millionen Menschen bekamen." Eine säkulare Gesellschaft könne nur dann eine humane Gesellschaft sein, "wenn religiöse Tradition, religiöse Sprache, religiöse Erfahrung ein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Zusammenlebens haben".

Das Kölner Landgericht hatte im Mai Beschneidungen von Jungen aus rein religiösen Gründen als strafbare Körperverletzung gewertet. Als Reaktion auf das Urteil brachte die Bundesregierung einen Gesetzentwurf auf den Weg, der Beschneidungen von Jungen unter bestimmten Auflagen für zulässig erklärt. Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten legte hingegen einen Gesetzentwurf vor, der Beschneidungen von Jungen verbietet, solange diese nicht selbst darüber entscheiden können.

AFP