Im Asbest-Prozess in Italien sind ein früherer Eigentümer und ein Ex-Manager von Eternit-Fabriken zu jeweils 16 Jahren Gefängnis verurteilt worden.
Im Asbest-Prozess in Italien sind ein früherer Eigentümer und ein Ex-Manager von Eternit-Fabriken zu jeweils 16 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Gericht in Turin befand den Schweizer Milliardär Stephan Schmidheiny und den früheren belgischen Eternit-Manager Jean-Louis Marie Ghislain de Cartier de Marchienne in Abwesenheit für schuldig, für den Tod von etwa 3000 Menschen in Italien verantwortlich zu sein.
Nach Überzeugung des Gerichts verursachten die beiden Angeklagten eine Umweltkatastrophe und missachteten Sicherheitsregeln in den seinerzeit vier italienischen Eternit-Fabriken; damit seien sie für den Tod von etwa 3000 Menschen in Italien verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft hatte 20 Jahre Gefängnis gefordert.
Überdies müssen Schmidheiny und Cartier de Marchienne Entschädigungen in Millionenhöhe an zahlreiche Kläger zahlen. Angehörige von Opfern bekommen demnach 30.000 Euro, Erkrankte sollen 35.000 Euro erhalten. Rund 1500 Opfer, Überlebende und Unterstützer verfolgten die Urteilsverkündung.
"Das ist ein faires Urteil, das ihre Verantwortlichkeit anerkennt", sagte der Anwalt Sergio Bonetto der Nachrichtenagentur AFP. Offen sei, ob die Verurteilten sich ihrer Strafe stellen würden. Schmidheiny und Cartier de Marchienne könnten Berufung einlegen. Dadurch könnte sich ein abschließendes Urteil noch um Jahre hinauszögern. Der Belgier Cartier de Marchienne ist bereits 90 Jahre alt, Schmidheiny 65.
In italienischen Eternit-Fabriken und umliegenden Ortschaften starben oder erkrankten tausende Arbeiter und Einwohner. Rund 6000 frühere Angestellte, Anwohner und Angehörige von Opfern klagten auf Schadenersatz. Die Fabriken befanden sich in den Orten Casale Monferrato, Cavagnolo und Rubiera im Norden sowie in Bagnoli im Süden des Landes.
Auf drei Großbildschirmen verfolgten Opfer, Angehörige und Unterstützer die Urteilsverkündung, die sie mit Jubel und Klatschen begrüßten. Piero Ferraris, Sohn eines 1988 an Lungenkrebs gestorbenen Arbeiters der Firma Eternit, schilderte, damals habe es keine vorbeugenden Maßnahmen gegeben. "Die Menschen haben in den Fabriken ohne jeglichen Schutz gearbeitet", sagte er.
Italiens Gesundheitsminister Renato Balduzzi bezeichnete das Urteil als "historisch", doch der Kampf gegen Asbest ende damit nicht. Vielmehr sei es ein nationaler, ein weltweiter Kampf, in dem Italien nun einen Beitrag geleistet habe.
Asbest wurde aufgrund seiner Hitze- und Feuerbeständigkeit einige Zeit vor allem im Bauwesen eingesetzt. Das Einatmen von Partikeln kann Lungenkrebs auslösen und die Symptome können noch nach 20 Jahren auftreten. 2005 wurde es in Europa verboten, doch in Entwicklungsländern findet es weiterhin Verwendung.
Der Prozess in Turin hatte nach mehr als fünfjährigen Ermittlungen im Dezember 2009 begonnen, die beiden Angeklagten waren an keinem der Prozesstage anwesend. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft handelt es sich um den größten Prozess, der jemals wegen des einst als Wunderfaser angesehenen Asbest geführt wurde. Die italienische Niederlassung von Eternit ging 1986 Pleite - sechs Jahre, bevor Asbest in Italien verboten wurde.