Mutmaßlicher Boston-Attentäter nach Großfahndung gefasst

20. April 2013, 12:28 Uhr

Nach einer dramatischen Großfahndung hat die Polizei den flüchtigen mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston lebend gefasst.

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Nach einer dramatischen Großfahndung hat die Polizei den flüchtigen mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston lebend gefasst. Die Einsatzkräfte nahmen Dschochar Zarnajew am Freitagabend (Ortszeit) im Vorort Watertown in Gewahrsam. "Wir sind so dankbar, in diesem Fall für Gerechtigkeit gesorgt zu haben", sagte der Polizechef von Massachusetts, Timothy Alben, auf einer Pressekonferenz.

Nach Polizeiangaben hatte sich der 19-jährige Verdächtige in einem Boot im Garten eines Hauses verschanzt, nachdem er in der Nacht zuvor bei einer Schießerei mit der Polizei verwundet worden sei. Sein älterer Bruder Tamerlan war nach dem Schusswechsel in einem Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen.

Die beiden aus einer tschetschenischen Familie stammenden Männer sollen am Montag einen Anschlag auf den Bostoner Marathon verübt haben. Im Zielbereich der Laufstrecke waren binnen weniger Sekunden zwei Bomben detoniert, die drei Menschen töteten und etwa 180 weitere verletzten.

Die Suche nach Dschochar Zarnajew hatte sich seit dem späten Donnerstagabend auf Watertown konzentriert. Nachdem die Polizei das Gebiet stundenlang ohne Ergebnis durchkämmt hatte, wurde die für Boston geltende Ausgangssperre am späten Freitagnachmittag wieder aufgehoben.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse: In Watertown waren Schüsse zu hören, Polizeiautos und Krankenwagen eilten heran, Hubschrauber kreisten über der Gegend. Der Polizei zufolge kamen die Ermittler dem Versteck in dem Boot durch den Hinweis eines Anwohners auf due Spur. Nach einem fast zwei Stunden dauernden Nervenspiel überredeten die Einsatzkräfte Zarnajew zur Aufgabe.

"GEFASST!!! Die Jagd ist vorbei. Der Terror ist vorbei", erklärte die Bostoner Polizei über den Online-Kurzbotschaftendienst Twitter. Den Angaben zufolge wurde Dschochar Zarnajew mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, sein Gesundheitszustand sei "ernst".

US-Präsident Barack Obama lobte die Polizei für die Festnahme. Mit "Professionalität und Mut" sei den Ermittlern ein Fahndungserfolg gelungen, sagte Obama in Washington. Dank der Bemühungen sei nun ein "wichtiges Kapitel" in dem Fall abgeschlossen. Obama pries auch die Einwohner der Stadt Boston, die mit "Entschlossenheit" auf die "bösartige Attacke" reagiert hätten.

Obama versprach, die Hintergründe der Tat vollständig aufzuklären. "Warum haben junge Männer, die hier aufgewachsen sind und studierte haben, zu einer derartigen Gewalt gegriffen?", fragte er. "Wie haben sie die Attacken geplant und ausgeführt? Und haben sie dabei Hilfe bekommen?" Die Familien der Getöteten und die Verwundeten verdienten Antworten, sagte der Präsident. "Ich habe das FBI, das Heimatschutzministerium und unsere Geheimdienste angewiesen, weiterhin alle notwendigen Mittel einzusetzen, um die Ermittlungen zu unterstützen."

Die Menschen in Boston feierten die Festnahme des mutmaßlichen Attentäters. In Watertown applaudierten die Einwohner den Polizisten und schwenkten voller Enthusiasmus US-Flaggen. Die Menge skandierte "USA, USA" und "Auf geht's, Boston!"

Mit der Festnahme endete eine mehr als 24-stündige Großfahndung, die Boston zwischenzeitlich in eine Geisterstadt verwandelte und die Menschen in den USA in Atem hielt. Die Bundespolizei FBI war am Donnerstag mit Fahndungsbildern an die Öffentlichkeit gegangen, auf denen zwei verdächtige junge Männer mit Rucksäcken in der Nähe des Anschlagsorts zu sehen waren.

Auf ihrer Flucht versuchten die beiden mutmaßlichen Bombenleger in der Nacht zum Freitag, im nahe Boston gelegenen Cambridge ein Geschäft auszurauben. Dann fuhren sie nach Polizeiangaben zum ebenfalls in Cambridge gelegenen Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo ein Polizist durch Schüsse verletzt wurde und schließlich starb.

Anschließend überfiel das Duo offenbar den Fahrer eines Wagens und flüchtete mit der Geisel, die später entkommen konnte. Eine Verfolgungsjagd mit der Polizei in Watertown endete mit einem wilden Schusswechsel, US-Medien zufolge warfen die Brüder auch Sprengsätze aus dem Auto. Tamerlan Zarnajew wurde den Angaben zufolge dabei verletzt. Der Mann sei an mehreren Schusswunden und den Folgen einer Explosion schließlich gestorben, sagte ein Arzt aus der Klinik, in die der Verdächtige eingeliefert worden war. Sein jüngerer Bruder konnte der Polizei zunächst entkommen.

Die mutmaßlichen Bombenleger stammen aus einer tschetschenischen Familie, die in den 1990er Jahren aus der zu Russland gehörenden Kaukasus-Republik geflüchtet sein soll. Nach einem Aufenthalt in Zentralasien soll die Familie dann vor einigen Jahren in die USA gezogen sein. Ein im Bundesstaat Maryland lebender Onkel der Verdächtigen bestätigte die Herkunft.

Die Mutter der beiden mutmaßlichen Bombenleger von Boston verteidigte in einem Telefoninterview mit dem Nachrichtensender CNN ihre Söhne. "Es ist unmöglich für beide von ihnen, derartige Dinge zu tun", sagte Zubeidat Zarnajewa. Ihre Söhne würden ihr so etwas nie verheimlichen. "Wenn es irgendjemand gibt, der das wissen würde, dann wäre ich das", sagte sie. Ihre Söhne Tamerlan und Dschochar seien in eine Falle gelockt worden. Ähnlich hatte sich bereits der Vater der Verdächtigen geäußert.

AFP