Eine neue Nato will Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen aus der Taufe heben. Am Freitag kamen die Staats- und Regierungschefs der 28 Mitgliedsländer in Lissabon zusammen, um ihre neue Strategie für das Militärbündnis zu besiegeln.
Mit der neuen NATO-Strategie ist Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen ein "Gesellenstück" gelungen. Das Lob der Bundesregierung für den 57-jährigen Dänen stößt im Bündnis auf breite Zustimmung. Nach gut 15 Monaten im Amt hat der mit Hindernissen gestartete Rasmussen seine erste Feuerprobe bestanden.
Die Staats- und Regierungschefs der NATO wollten Rasmussens strategisches Konzept am Freitagabend auf ihrem Gipfel in Lissabon beschließen. Das bis zuletzt als Verschlusssache gehandelte Dokument erfülle alle Wünsche der Bundesregierung, heißt es in Berlin: "kurz und verständlich, kohärent, präzise". So viel Begeisterung für einen Generalsekretär gab es in der Bundeshauptstadt seit Manfred Wörner nicht mehr, der 1994 starb.
Rasmussen ist es gelungen, die völlig unterschiedlichen Positionen der 28 Mitgliedstaaten zu einer gemeinsamen Marschroute für die kommenden zehn Jahre zu bündeln. So hat er etwa in der Frage der atomaren Bewaffnung einen Kompromiss zwischen Deutschland und Frankreich herbeigeführt. Zwar setzt das Bündnis auch künftig wie von Paris gefordert auf atomare Abschreckung; aber die NATO öffnet sich auf Drängen Berlins erstmals für eine Abrüstungsdebatte.
Zugleich hat sich der frühere dänische Regierungschef als politischer Kopf der NATO etabliert. Anders als seine elf Vorgänger an der Spitze der nordatlantischen Allianz versteht sich der frühere dänische Regierungschef nicht als "Diener" der 28 Mitgliedstaaten, sondern als "erster Ministerpräsident der Allianz". Schließlich wurde er auf dem NATO-Gipfel in Straßburg 2009 als Gleicher unter Gleichen gekürt, während seine Vorgänger höchstens Ministerrang hatten.
So scheut sich der Bauernsohn aus Jütland auch nicht, politische Ideen ohne Rücksprache mit den Hauptstädten auszusprechen. So etwa, als er im Frühjahr erstmals für einen NATO-eigenen Raketenschirm unter Einbindung Russlands warb. Und er setzt Entscheidungen durch, die bei den Generälen der Allianz nicht auf unverhohlene Begeisterung stoßen, wie einen weitgehenden Abzug aus Afghanistan bis 2014 oder schmerzhafte Einschnitte in der Kommandostruktur.
Auch im NATO-Hauptquartier in Brüssel stößt der Däne mit seinem selbstbewussten Auftreten nicht nur auf Zustimmung. Missmutig hat so mancher Bündnis-Botschafter zur Kenntnis genommen, dass Rasmussen zu den wöchentlichen Treffen des NATO-Rats einen Stellvertreter schickt. Zugleich nutzt er seine politischen Kontakte, um direkt mit den Hauptstädten zu verhandeln.
Dass er die NATO zu einem Bündnis für das 21. Jahrhundert machen will, demonstriert Rasmussen auch im Internet. Er verbreitet regelmäßig Video-Botschaften auf der NATO-Webseite und über den Kurznachrichtendienst Twitter. Auf seiner Facebook-Seite zählt Rasmussen knapp 60.000 Anhänger, mehr als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Rasmussen-Fans können sich Videos anschauen, wie sich der Däne auf den "wichtigsten Gipfel der NATO-Geschichte in Lissabon" mit Joggingtouren vorbereitet.
All das ist ungewöhnlich für ein Bündnis, das bisher strenger Geheimhaltung verschrieben war und auf dessen Fluren immer noch Warnschilder hängen, vertrauliche Gespräche nur in abhörsicheren Räumen zu führen. Und es ist ein klarer Bruch mit dem Stil von Rasmussens Vorgänger Jaap De Hoop Scheffer, der bei öffentlichen Auftritten die Hände tief in den Taschen vergrub.
Sorgen, der als "Muslim-Schreck" ("Die Zeit") gestartete Rasmussen könne bei Besuchen in arabischen Ländern Eklats erzeugen, haben sich nicht bewahrheitet. Auch das NATO-Mitglied Türkei, welches den Dänen im Streit um die Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeitungen zunächst an der Spitze der NATO verhindern wollte, steht inzwischen hinter Rasmussen.