Die Kälte stellt den Energietransport in Deutschland vor eine harte Probe. Wegen gedrosselter Gas-Lieferungen aus Russland unterbrechen Pipeline-Betreiber hierzulande ihre Zufuhr an bestimmte Kunden, darunter Kraftwerke, wie der Betreiber Open Grid Europe bestätigte. Das wiederum bringt die Übertragungsnetze für Strom an ihre Grenzen, weil nun über sie mehr Strom über weitere Strecken fließen muss.
Seit gut einer Woche liefert der russische Energiekonzern Gazprom weniger Gas in die Europäische Union. Davon betroffen ist auch Deutschland, wo beispielsweise am Übertragungspunkt Waidhaus an der deutsch-tschechischen Grenze zuletzt bis zu 30 Prozent weniger Gas ankam, wie ein Sprecher von Open Grid Europe sagte. Gleichzeitig stieg bei den kalten Temperaturen die Nachfrage nach Gas an.
Erste Stadtwerke im südwestdeutschen Raum riefen deshalb dazu auf, den Gasverbrauch zu drosseln. "Wir müssen unsere Kunden bitten, trotz der extremen Kälte die Raumtemperatur etwas abzusenken", hatte unter der Woche der Geschäftsführer der Stadtwerke Schramberg, Peter Kälble, erklärt. Die Lieferanten des Grundversorgers stießen an ihre Kapazitätsgrenzen. "Wenn weniger Gas da ist, kann man weniger transportieren", brachte der Open-Grid-Europe-Sprecher das Problem auf den Punkt.
Um Ausfall und Mehrverbrauch besser zu kompensieren und zu kanalisieren, habe der Pipeline-Betreiber zuletzt die Belieferung ausgesuchter, sogenannter unterbrechbarer Kunden ausgesetzt. Dazu gehören auch Kraftwerke. Beispielsweise ist seit mehreren Tagen das Gaskraftwerk RDK 4 in Karlsruhe komplett vom Netz. Das wiederum birgt Probleme für die Stromversorgung.
Seitdem im Zuge der Energiewende allein in Süddeutschland drei Atomkraftwerke vom Netz gingen, ist der Stromtransport vom Norden in den Süden der Republik stark angestiegen. Gehen - wie nun geschehen - weitere Kraftwerke vom Netz, verschärft sich die Situation weiter. "Wir haben einen sehr hohen Transfer vom Norden in Richtung Baden-Württemberg", sagte ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers Amprion. "Wir sind dort mit unseren Transportleistungen an der Kapazitätsgrenze." Es dürfe kein weiteres Kraftwerk im Süden ausfallen.
Die Übertragungsnetzbetreiber Tennet und EnBW Transportnetze griffen, um die Stabilität der Netze zu wahren, zuletzt auf die Kaltreserve zurück. Dabei handelt es sich um Kraftwerke, die im Allgemeinen nicht in Betrieb sind, bei Bedarf aber schnell hochgefahren werden. Erstmals machte Tennet an zwei Tagen im Dezember Gebrauch von einem Reservekraftwerk. Seit Mittwoch laufen erneut Not-Kraftwerke, vier in Österreich und eines in Mannheim. Laut dem Übertragungsnetzbetreiber lieferten sie zuletzt eine Leistung von insgesamt rund 700 Megawatt.
"Die Lage ist weiterhin angespannt, aber beherrschbar", sagte eine Tennet-Sprecherin. Die vier Reservekraftwerke sollten noch den gesamten Freitag am Netz bleiben. Weil für das Wochenende eine geringere Last erwartet werde, sollten in der Nacht zu Samstag zwei Kraftwerke in Österreich abgeschaltet werden. Die beiden verbleibenden Reserve-Kraftwerke sollen dann am Samstagmorgen vom Netz gehen.
In der kommenden Woche soll die Kälte in Deutschland etwas nachlassen. Das könnte dann auch die angespannte Lage beim Gas- und Stromtransport entspannen.